Der verschmähte Liebhaber

Von Friedhelm Denkeler,

Siurells – auch Joan Miró liebte die magischen Tonfiguren. Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website LICHTBILDER

Was kann man typischerweise von einem Aufenthalt auf Mallorca als Souvenir mitbringen? Natürlich die berühmten Siurells. Sie bestehen aus einzelnen aus Ton geformten Teilen, einschließlich einer Pfeife, die miteinander verbunden werden. Sie werden getrocknet, gebrannt und erhalten in einem Kalkbad ihre weiße Farbe. Beim Färben werden sie an der Pfeife aufgehängt, dadurch behält dieser Teil der Figur sein natürliches Aussehen. Anschließend werden die Tonpfeifen mit grünen und roten Pinselstrichen verziert.

Der Ursprung und die Bedeutung der Siurells sind unbekannt, aber es gibt verschiedene Annahmen: Es könnte sich um eine Pfeife für Hirten handeln, auch als Spielzeug für Kinder wären sie einsetzbar. Vor Jahrhunderten sollten die Siurells mit ihrem Pfeifton verheerende Stürme auf der Insel bezwingen. Den Touristen wird auch gerne die Story vom verschmähten Liebhaber erzählt: Wenn er seiner Angebeteten die Tonfigur überreicht und sie diese fallen lässt, so hat er sicherlich keine Chance, andernfalls würde sie die Pfeife benutzen.

Die Siurells kommen hauptsächlich aus einer der traditionellen Töpfereien in Sa Cabaneta. Traditionell stellen die Figuren Männer mit Stierköpfen, Frauen mit langem Rock und rundem Hut, Reiter, Teufel oder Hunde dar. Ein begeisterter Sammler und Liebhaber der Siurells war der katalanische Maler und Bildhauer Joan Miró, der jahrzehntelang auf Mallorca lebte und arbeitete. Man vermutet, dass die Siurells auch eine Vorlage für seine Skulpturen waren. Seinem Kollegen Pablo Picasso soll er immer wieder diese Tonfiguren geschenkt haben.

Die vorliegenden Fotografien entstanden im März/ April 1993 im Ort Cala Ratjada, auf der Baleareninsel Mallorca. Die gesamte Serie besteht aus 121 Photographien auf Fotopapier im Format 30×45 cm, davon sind 102 zu Bildpaaren im Passepartout 50×60 zusammengestellt. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 136 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2017).

Erstmalig war die Serie »Eine Mallorquinische Nacht« in der Ausstellung »Begrenzte Grenzenlosigkeit» in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie »Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison«.

Die Keks-Kamera

Von Friedhelm Denkeler,

»Die Welt der Fotografie«, Café der Fotopioniere, Frankfurter Allee, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
»Die Welt der Fotografie«, Café der Fotopioniere, Frankfurter Allee, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Sonnenschein. Oder: Fighting in a concrete Jungle

Von Friedhelm Denkeler,

Christian Schulz mit Fotografien aus den 1980er Jahren in der Collection Regard

Dagmar Stenschke (1947 – 2011), in den einschlägigen Kreuzberger Kneipen nur »Sunshine« genannt, soll ihre Anrede auf den Namen ihres Lieblings-LSD bezogen haben. Jetzt ist sie großformatig auf einer Fotografie von Christian Schulz in der Galerie »Collection Regard« von Marc Barbey in der Steinstraße 12 in der Ausstellung »Christian Schulz – Fotografien. West-Berlin 1981–1989«, noch bis zum 25. Mai 2017 zu sehen. Schulz (*1961) kam 1981 aus Nord-Deutschland nach West-Berlin, in die Halbstadt, die viele junge Leute wegen ihres besonderen Status als Freiraum begriffen und gestalteten. Schulz fotografierte für die tageszeitung (TAZ), Zitty, später auch für die Berliner Zeitung“ und arbeitet als Standfotograf u.a. bei den Filmen von Christian Petzold.

Christian Schulz mit der Arbeit »Dagmar Stenschke, genannt Sunshine« 1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Christian Schulz mit der Arbeit »Dagmar Stenschke, genannt Sunshine« 1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Es war die Zeit der Demonstrationen, CSD-Paraden, der besetzten Häuser in Kreuzberg und Schöneberg, die Zeit der Konzerte von Ton, Steine, Scherben mit Rio Reiser, den Bands Malaria oder IDEAL an den inzwischen legendären Orten wie dem SO36, der Brauerei Zehlendorf oder dem Tempodrom. Christian Schulz war immer mit der Kamera dabei. Seine ehrlichen und persönlichen Porträts von Penelope Cruz, Michelangelo Antonioni, Emmanuelle Béart, Maria Schrader, Johnny Depp, Jane Birkin oder Wim Wenders, die während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin entstehen, lichten die Porträtierten nicht als unnahbare Stars, sondern als uns berührende Menschen ab.

Die Schwarz-Weiß-Fotografien von Christian Schulz sind fesselnde Erzählungen. Die Bilder sind informell und en passant aufgenommen, nichtdestotrotz gelingt es Schulz, die Essenz des Moments, der Bewegung und des Geschehens erzählerisch einzufangen. Die Bilder ermöglichen uns, in diese festgehaltenen Momente einzutauchen, sie wahrhaftig zu erleben und einzelnen Menschen zu begegnen. Ob mitten in einer Demonstration, im Konzertsaal oder im Privaten eines besetzten Hauses, erlauben uns die Bilder mit seltener, erfrischender Leichtigkeit und Respekt nah dran zu sein. Die eingefangene Welt wird lebendig und bringt uns zum Staunen, zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken oder zum Erschrecken. [Marc Barbey].

Die Ausstellung wird durch die Publikation aus dem Lehmstedt Verlag »Christian Schulz – Die wilden Achtziger. Fotografien aus West-Berlin« begleitet. www.collectionregard.de

Vom Winde verweht …

Von Friedhelm Denkeler,

»Vom Winde verweht …«, Brandenburgische Straße, Potsdam, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
»Vom Winde verweht …«, Brandenburgische Straße, Potsdam, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Warum kann eine Hummel fliegen?

Von Friedhelm Denkeler,

»Die Hummel …«, Grafik © Friedhelm Denkeler 2014
»Die Hummel …«, Grafik © Friedhelm Denkeler 2014
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Eine Mallorquinische Nacht

Von Friedhelm Denkeler,

Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison. Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website LICHTBILDER

Es fällt mir schwer zu schreiben; mein Denken ist optisch [Rodtschenko]

Mit dem Beginn des massenhaften Reisens entstand zwangsläufig die Reisefotografie. Das verwundert nicht, denn der Fotografie wird ihre vermeintliche Fähigkeit der authentischen Wiedergabe der Wirklichkeit nachgesagt. Genau das habe ich während eines Aufenthalts auf Mallorca zur Osterzeit, in der sogenannten Vorsaison, versucht. Entgegen aller Vermutungen war das Leben in Cala Ratjada (Rochenbucht) noch verschlossen, bzw. es erwachte erst langsam und stellte sich auf die zu erwartenden Osterbesucher ein.

Nicht die allseits bekannten Mallorca-Impressionen des deutschen Urlaubsparadieses, sondern die zahlreichen, noch geschlossenen Geschäfte, Cafés und Hotels und die ruhenden Baumaßnahmen prägten sich nunmehr als typisch ein. Unter diesem Einfluss entstanden die scheinbar unwirklichen, zu Bildpaaren arrangierten, Tag- und Nachtaufnahmen auf den täglichen und nächtlichen Spaziergängen. Der Titel der Serie lehnt sich an die Amerikanische Nacht an, bei der im Film mit entsprechenden Techniken, Nachtaufnahmen auch am Tage produziert werden.

In den 1930er-Jahren wurde Cala Ratjada in der Gemeinde Capdepera durch eine Kolonie von antifaschistischen deutschsprachigen Exilanten bekannt; die Schriftsteller Karl Otten, Franz Blei und Herbert Schlüter, der Maler Rudolf Levy, der Philosoph Walter Benjamin und der Dadaist Raoul Hausmann sind zu nennen. Nach dem Franco-Putsch im Juli 1936 gelang es den meisten, die Insel wieder zu verlassen.

Die vorliegenden Fotografien entstanden im März/ April 1993 im Ort Cala Ratjada, auf der Baleareninsel Mallorca. Die gesamte Serie besteht aus 121 Photographien auf Fotopapier im Format 30×45 cm, davon sind 102 zu Bildpaaren im Passepartout 50×60 zusammengestellt. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 136 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2017).

Erstmalig war die Serie »Eine Mallorquinische Nacht« in der Ausstellung »Begrenzte Grenzenlosigkeit« in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison.

Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit. [Susan Sontag]

Die Zeit der Kapuzen, Kreuze und Fackeln

Von Friedhelm Denkeler,

Unter Büßern – die Karfreitagsprozession in Artà

»Karfreitagsprozession in Artá«, Foto © Friedhelm Denkeler 1993, aus der Serie Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison
»Karfreitagsprozession in Artá«, Foto © Friedhelm Denkeler 1993, aus der Serie Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison

In der gesamten Semana Santa, der heiligen Osterwoche, finden auf Mallorca diverse religiöse Feste statt. In der Nähe von Cala Ratjada, in Artà, konnten wir am Karfreitag, den 9. April 1993 die Kreuzabnahme Christi auf dem Burggelände des Klosters Sant Salvador verfolgen. Die Beleuchtung der Festungsmauern durch Pechfackeln, die als römische Soldaten verkleideten Bewohner, die Teilnahme zahlreicher Zenturien, die langsam getragene Marschmusik der Kapellen und das Bühnenbild machten das Ganze zu einem spektakulären Ereignis.

Die anschließende Karfreitagsprozession im Fackelschein, unter dem Geläut der Kirchenglocken und unter den dumpfen Trommelschlägen durch die mittelalterliche Stadt, war durch die Costaleros, die Heiligenbilder trugen, nicht weniger eindrucksvoll. Die teilnehmenden Cofraríes, die Bruderschaften, die lange, weiße Büßergewänder und hohe spitze Kapuzen trugen, die nur die Augen freiließen, komplettierten die mysteriöse Ausstattung dieser Vereinigungen, die zum Teil seit mehreren Hundert Jahren bestehen.

"Karfreitagsprozession in Artá", Foto © Friedhelm Denkeler 1993
»Karfreitagsprozession in Artá«, Foto © Friedhelm Denkeler 1993, aus der Serie Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison

Blaues Fenster – Vom Sturm verweht

Von Friedhelm Denkeler,

Das Felsentor »Azure Window« auf Malta ist eingestürzt

»Azur Window (Blaues Fenster)«, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001
»Azur Window (Blaues Fenster)«, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

Heute vor 16 Jahren, am 6. April 2001, bin ich noch ›todesmutig‹ über das Felsentor Azure Window auf Gozo, der Nebeninsel von Malta an der Küste vor der Ortschaft San Lawrenz, gegangen. Im April 2012 war ein größerer Teil der Decke bereits weggebrochen und das Betreten der Brücke wurde verboten. Während eines Sturms am 8. März 2017 stürzte die 100 Meter lange und 20 Meter hohe Naturattraktion nun komplett ein. Eines der wichtigsten Wahrzeichen von Malta ist dadurch unwiederbringlich verloren gegangen. Die Felsenformation entstand hier vor Millionen Jahren und der Torbogen bildete sich durch das Einstürzen einer Höhle. Der gesamte Komplex der Steilküste war bis vor ungefähr 13.000 Jahren ein Teil der ehemaligen Landbrücke zwischen Europa und Afrika.

»Am Azur Window«, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001
»Am Azur Window«, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

Kleine Geschichte der Werkstatt für Photographie (5): Werkstattorganisation und Werkstattziele

Von Friedhelm Denkeler,

1976 bis 1986 – 10 Jahre, die die Photographie veränderten

1976 wurde die Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg gegründet und deren Ende erfolgte zehn Jahre später (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photographien unter dem Titel »Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976–1986« zusammengestellt. Eine Auswahl von 35 Bildern und alle bisher erschienenen Artikel finden Sie zusammengefasst auf meiner Website LICHTBILDER.

1 Prolog, 2 Gründung, 3 Bildbesprechungen, 4 Ausstellungen, 5 Workshops, 6 Zusammenarbeit, 7 Werkstattorganisation, 8 Werkstattziele, 9 Die Werkstatt im Kontext ihrer Zeit, 10 Orte der Photographie, 11 Ortswechsel – Exkursionen nach West-Deutschland, 12 Fotografen und ihre Bücher, 13 Zeitschriften, 14 Schnackenburg, 15 New Topographics, 16 Autorenfotografie, 17 Michael Schmidt, 18 Epilog.

7 Werkstattorganisation

Die Werkstatt war in ihrer Organisation während der zehn Jahre ihres Bestehens (1976-1986) ein einzigartiges Gebilde mit Räumen unter dem Dach der Volkshochschule (VHS), völlig unabhängig vom üblichen Betrieb einer VHS (dafür aber mit eigenem Programm), eine Ausbildungsstätte ohne staatlich bestellte Dozenten, ohne staatlichen Abschluss und doch keine Privatschule. Sie ließ sich ohne Aufnahmeprüfung besuchen; die Werkstatt-Dozenten erhielten das übliche Honorar der VHS, für den jeweiligen Leiter der Werkstatt hatte man sich eine Planstelle erhofft, aber entsprechende Mittel wurden nie bewilligt.

Eine Besonderheit waren zusätzliche 6.000 DM pro Jahr, die für Ausstellungen zur Verfügung standen. Das reichte natürlich vorne und hinten nicht. So wurde am 6. Februar 1980 der Verein der Freunde der Werkstatt für Photographie unter der Leitung von Jürgen Bienert gegründet. Dadurch gab es zumindest ein paar finanzielle Mittel mehr. Für Einzelprojekte konnten in Ausnahmefällen auch Fremdgelder eingeworben werden. So wurde mein Katalog für die Ausstellung im November 1981 mit einem Drittel Eigenanteil, einem Drittel durch den Verein und einem Drittel durch die VHS/den Senat realisiert.

Ein großer Idealismus und viele ehrenamtliche Tätigkeiten von Hörern und Dozenten waren die eigentlichen Träger der Werkstatt. Vielleicht war dies, zumindest damals und vorrübergehend die Voraussetzung dafür, dass sich so eine wegweisende Stätte entwickeln konnte, die erfolgreiche Arbeit leistete und sich über West-Berlin und West-Deutschland hinaus weltweite Anerkennung verdiente – aber diese rein ehrenamtliche Tätigkeit konnte natürlich nicht unbegrenzt weitergehen.

»Szenen aus der Werkstatt für Photographie«: «Robert Frank signiert ›The Americans‹« (Workshop mit Robert Frank, Werkstatt für Photographie,  01.06.1985), Foto © Friedhelm Denkeler 1985
»Szenen aus der Werkstatt für Photographie«: «Robert Frank signiert ›The Americans‹« (Workshop mit Robert Frank, Werkstatt für Photographie, 01.06.1985), Foto © Friedhelm Denkeler 1985

8 Werkstattziele

»Die Photographie ist für mich das adäquate Mittel, unsere Zeit als Dokument glaubwürdig darzustellen. Glaubwürdig deshalb, weil der Mensch zunächst visuell erlebt und dann erst gedanklich antwortet« schreibt Michael Schmidt in der von Allan Porter herausgegebenen Schweizer Zeitschrift »camera« (März 1979). Hier legt Schmidt die Grundlage für seine Dokumentar-Photographie dar. Gleichzeitig enthält der Satz auch den »Widerspruch«, erst kommt der Mensch, also doch auch gleichzeitig subjektive Photographie. Das zeigt sich dann auch in den folgenden Jahren an den beiden Arbeiten »Waffenruhe« (1988) und »EIN-HEIT« (1991) noch deutlicher. Diese Gedanken bestimmten denn auch die weitere Entwicklung der Werkstatt.

Unsere Diskussionen über die Photographie erstreckten sich von den europäischen Klassikern bis hin zur modernen US-amerikanischen Avantgarde. Die Amateur-Fotografie mit ihren süßlichen Bildern und der reine Bildjournalismus war nicht das Ziel der Lehrenden. »Wir bemühen uns, dem Schüler zu helfen, seine Persönlichkeit zu erkennen beziehungsweise zu finden, wobei zwangsläufig die Photographie hinsichtlich ihrer kommerziellen Verwertbarkeit unerheblich wird« (Schmidt ebd.). Die Selbsterkenntnis war der Schwerpunkt der Arbeit, ohne dabei in Gruppentherapie abzugleiten. Das hätten die Dozenten auch nicht leisten können oder wollen. »Jede hervorragende Arbeit ist intuitiv entstanden, jedoch nur in dem Sinne, dass gefühlsmäßig den eigenen Gedanken nachgegangen ist« (Schmidt ebd.).

Übersicht der Artikel der Kategorie »Texte zur Photographie«

Warum sollten wir lesen?

Von Friedhelm Denkeler,

»Lesen heißt, mit fremden Kopf statt dem Eigenen denken«, Schopenhauer, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Lesen heißt, mit fremden Kopf statt dem Eigenen denken«, Schopenhauer, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
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Intimes hinter Gittern

Von Friedhelm Denkeler,

»Intimschuck bei Rodalquilar«, Schlüterstraße, Berlin, West-City, Foto © Friedhelm Denkeler
»Intimschuck bei Rodalquilar«, Schlüterstraße, Berlin, West-City, Foto © Friedhelm Denkeler

Wenn der Hase Haken schlägt …

Von Friedhelm Denkeler,

»Beuys« – Ein Dokumentarfilm von Andres Veiel. Dokumentarfilme sind in Zeiten der Klickraten wichtiger denn je.

Immer, wenn Beuys vermeintlich in die Enge getrieben wird, schlägt er plötzlich einen Haken, lacht, entspannt die Situation. [Andres Veiel]

Andres Veiel hat aus teilweise unbekanntem Archivmaterial einen Dokumentarfilm über die künstlerischen und politischen Ideen des Künstlers Joseph Beuys (1921-1986) gedreht. Der Film lief im Wettbewerb der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin; damit ist Veiel (*1959) der erste Deutsche, der es mit einer Dokumentation in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat.

»Beuys oder nicht Beuys – Das ist hier die Frage«, Foto © Friedhelm Denkeler 2008
»Beuys oder nicht Beuys – Das ist hier die Frage«, Foto © Friedhelm Denkeler 2008

»Wir leben in Zeiten schneller Schlagzeilen, in der ein ungeheurer Produktionsdruck herrscht. Für Klickraten ist es nicht mehr wichtig, ob eine Nachricht wahr ist. Sie kann auch einfach nur ein Weltbild möglichst polarisierend in die Öffentlichkeit drücken. Darin liegt aber eine gigantische Chance für den Dokumentarfilm, denn er tut genau das Gegenteil. Er hat das Privileg, sich über einen langen Recherchezeitraum mit einem komplexen Thema zu beschäftigen. Das Ergebnis ist ein Kondensat von präzise erzählter Wirklichkeit.« [Andres Veiel]

Beuys hat in den 1960er- und 1970er-Jahren die richtige Frage gestellt: Sind wir dazu befähigt, die Zukunft und die Gesellschaft zu gestalten? Seine Antwort war, jeder Mensch ist ein Künstler, also hat jeder die Fähigkeit die Gesellschaft zu gestalten und sollte es auch tun. Ein neues Geld- und Wirtschaftssystem forderte er; diesem Wunsch kann man gut folgen, doch selbst mit 30 Jahren Abstand weiß man nicht, welches System er nun eigentlich meinte und wie es zu erreichen wäre. Was könnten wir heute besser machen? Ohne letztgültigen Interpretationsanspruch kreist die Dokumentation um den Aktionskünstler, der die alte Bundesrepublik herausforderte.

Das endgültige Porträt oder: Selbst 2+3, Giacometti 3+1

Von Friedhelm Denkeler,

»Final Portrait« von Stanley Tucci mit Geoffrey Rush

Erfolg ist der Nährboden des Zweifels [Giacometti im Film »Final Portrait«]

»Es gibt wenige Künstler, deren Werk so geschätzt wird wie Alberto Giacometti (1901 – 1966) mit seinen hageren Skulpturen. Der gebürtige Schweizer wird als wichtigster Bildhauer des 20. Jahrhunderts angesehen und wurde bereits zu Lebzeiten kultisch verehrt. Wo immer seine schmalen, geisterhaften Plastiken zu sehen waren, drängelten sich die Besucher.

"Selbst 2+3 mit Giacometti 3+1" (Berggruen-Museum, Berlin), aus "Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Selbst 2+3 mit Giacometti 3+1«, Berggruen-Museum, Berlin, aus »Schatten und Spiegel«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Zugleich gab es wohl wenige Künstler, die so mit sich und ihrer Kunst gehadert haben, wie Giacometti. Er war ein Grübler, ein introvertierter Grantler, ein Suchender, niemals zufrieden. Dass dieser zerstörerische Hang zum Selbstzweifel durchaus komische Züge haben kann, wenn er auf ehrliche Bewunderung und eine nüchterne Betrachtung der Dinge trifft, ist die Ausgangssituation von Stanley Tuccis Final Porträt«. [rbb]

Für ein paar Stunden nur möchte Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) den amerikanischen Schriftsteller und Kunstliebhaber James Lord (Armie Hammer) in seinem Pariser Hinterhaus-Atelier porträtieren. Doch die Sitzungen arten aus, werden unterbrochen durch Wutausbrüche; das bereits fertig gestellte Porträt wird immer wieder verworfen und übermalt. Gefühlte zwanzigmal muss James Lord seinen Heimflug verschieben bis er mit einem Trick das Bild für eine Ausstellung in New York mitnehmen kann.

Unterbrochen werden die Sitzungen durch eheliche Streitigkeiten, Schäferstündchen mit der Dauergeliebten, den Appetit auf hartgekochte Eier im Bistro um die Ecke und Spaziergänge über den Friedhof Père Lachaise. Die Rolle Giacomettis ist Rush auf den Leib geschrieben, man glaubt den Künstler leibhaftig vor sich zu haben. Der Film spielt 1964, zwei Jahre vor Giacometti Tod in herrlichen Farben und Pariser Lokalkolorit und es war tatsächlich sein letztes Porträt.

SAVAGES – SUVAGES – SUVKEES – FUVKERS

Von Friedhelm Denkeler,

»The Dinner« von Oren Moverman mit Richard Gere

»In The Dinner geht es um ein Abendessen, das den Blick auf das poröse Innenleben einer US-Familie freilegt. Zwei Brüder treffen sich mit ihren Frauen (Laura Linney, Rebecca Hall) im Luxusrestaurant zur Aussprache. Der eine, Paul (Steve Coogan), ist Geschichtslehrer; der andere, Stan (Richard Gere), ein Politiker, der als Gouverneur kandidiert. Der Film will die Protagonisten ihrer moralischen Defizite überführen: Sei es in Rückblenden, die szenenhaft Ursachen für Misstrauen und Wut umreißen, sei es über das Verbrechen zweier Söhne, das aus dem Hintergrund langsam ins Zentrum des Films rückt.« [Der Standard]. The Dinner liefert gut gemachte Film-Hausmannskost.

jehnny Beth, Savages (Ausschnitt aus dem Video «Fuckers«), Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Jehnny Beth von Savages, Ausschnitt aus dem Video «Fuckers«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eine Neuentdeckung ist für mich die tolle Musik einer britischen Frauen-Band aus London. Man kann die Musik von Jehnny Beth (Sängerin; eigentlicher Name Camille Berthomier), Gemma Thompson (Gitarre), Ayse Hassan (Bass) und Fay Milton (Schlagzeug) als Post-Punk bezeichnen. Im Abspann des Films »The Dinner« lief der Song »Fuckers« von »Savages« Er stammt von ihrer 2014 erschienen gleichnamigen Maxi-Single. Das Stück dauert 10 Minuten.

So ein geniales Stück von rebellischen Frauen habe ich lange nicht gehört. Es muss unbedingt in einer größeren Lautstärke gehört werden, denn das Stück beginnt sehr leise mit dem fast flüsternden Gesang von Jehnny Beth und steigert sich immer mehr in eine, entsprechend des Bandnamens, große Wildheit.

Die Art von Crescendo finden wir in vielen bekannten Rockballaden: bei Jim Morrison (The Doors) mit »The End«, Deep Purple mit »Child in Time« oder Led Zeppelin mit »Stairway to Heaven«. Sie weisen alle ein Länge von ca. zehn Minuten auf oder sogar, wie bei Iron Butterfly mit »In-A-Gadda-Da-Vida« über 17 Minuten. Als klassisches Vorbild sei der »Boléro« von Maurice Ravel, der auch um die zehn Minuten dauert, genannt.

Die drei Ausstellungen zur Werkstatt für Photographie

Von Friedhelm Denkeler,

Führung mit den Kuratoren durch die Berliner Ausstellung »Kreuzberg – Amerika« bei C/O Berlin am 10. Februar 2017

Die große Ausstellung über die Geschichte der Kreuzberger Werkstatt für Photographie bei C/O Berlin im Amerika-Haus neigt sich dem Ende zu. Am Freitag, den 10. Februar 2017, um 16 Uhr, führen die Kuratoren Inka Schube (Sprengel Museum Hannover), Thomas Weski (Michael-Schmidt-Stiftung) und Felix Hoffmann (C/O Berlin) noch einmal durch die Berliner Ausstellung. Weitere Informationen unter www.co-berlin.org.

Die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen dieser legendären Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteure werden erstmals und zugleich in einer städteübergreifenden Kooperation präsentiert (Berlin, Hannover, Essen). Diese drei Stationen skizzieren die Situation eines Mediums im Aufbruch, welches – ermutigt durch das Selbstbewusstsein der amerikanischen Fotografie – auf die eigenständige, künstlerische Autorenschaft setzt.

 Drei Stationen und eine Publikation

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Diane Arbus", 27.04. bis 22.05.1981
Plakat der Werkstatt für Photographie: »Diane Arbus«, 27.04.1981 bis 22.05.1981

C/O Berlin arbeitet in seinem Beitrag Kreuzberg – Amerika die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. Hier entstand im Rahmen der Erwachsenen-Bildung ein einzigartiges Forum für zeitgenössische Fotografie. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Ausstellungen amerikanischer Fotografen, die in der Werkstatt oft erstmalig gezeigt wurden und eine enorme Auswirkung auf die Entwicklung einer künstlerischen Fotografie in Deutschland hatten.

Die Ausstellung vereint Arbeiten von Dozenten, Hörern und Gästen zu einem transatlantischen Dialog. Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage, Stephen Shore, Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst. [Quelle: Presseerklärung]

Das Museum Folkwang Essen (noch bis zum 19. Februar 2017) entdeckt unter dem Titel Das rebellische Bild in der eigenen Folkwang-Geschichte die Widerspiegelung des allgemeinen Aufbruchs jener Jahre. Nach dem Tod des einflussreichen Fotolehrers Otto Steinert (1978) herrschte eine offene und produktive Situation der Verunsicherung. Nach und nach wurde Essen zu einem Brückenkopf für den Austausch mit Berlin und zum Kristallisationspunkt für die junge zeitgenössische Fotografie in der Bundesrepublik. Neben Michael Schmidt, der in seiner Zeit als Lehrbeauftragter an der GHS Essen provokante Akzente in der Lehre setzte, gehörte Ute Eskildsen als Foto-Kuratorin am Museum Folkwang seit 1979 zu den wichtigen Akteuren. Die junge Essener Fotografie setzte sich mit Urbanität und Jugendkultur auseinander, sie entdeckte die Farbe als künstlerische Ausdrucksweise, stellte Fragen nach neuen Formen des Dokumentarischen, nach authentischen Bildern und Haltungen und stellte der objektivierenden Distanz der Düsseldorfer Schule einen forschenden, subjektiven Blick entgegen. [Quelle: Presseerklärung]

Katalog zur Ausstellung "Werkstatt für Photographie 1976-1986”, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover,   Buchhandlung Walter König, Köln 2016
Katalog zur Ausstellung »Werkstatt für Photographie 1976-1986«, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover

Das Sprengel Museum Hannover (noch bis 19. März 2017) ergänzt beide Ausstellungen um eine Perspektive, in deren Mittelpunkt Publikationen, Institutionen und Ausstellungen stehen, die den transatlantischen Austausch seit Mitte der 1960er Jahre beförderten. Anhand exemplarischer Beispiele erzählt Und plötzlich diese Weite von der Entwicklung jener Infrastrukturen, die die Emanzipation der Fotografie im Kontext des Dokumentarischen vorbereiteten und begleiteten. Das Fotomagazin Camera nimmt dabei eine ebenso zentrale Rolle ein wie die ersten deutschen Fotogaleriegründungen Galerie Wilde in Köln, Lichttropfen in Aachen, Galerie Nagel in Berlin und die Initiative Spectrum Photogalerie in Hannover. Auch der documenta 6, 1977, und den in den ausgehenden 1970er Jahren entstehenden Fotozeitschriften, insbesondere der Camera Austria, sind gesonderte Kapitel gewidmet. [Quelle: Presseerklärung]

Zum gemeinsamen Ausstellungsprojekt erscheint in der Verlagsbuchhandlung Walther König die gemeinsame Publikation »Werkstatt für Photographie 1976–1986« Herausgegeben von: Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube, Thomas Weski. Mit Texten von: Florian Ebner, Ute Eskildsen, Carolin Förster, Christine Frisinghelli, Virginia Heckert, Felix Hoffmann, Klaus Honnef, Jörg Ludwig, Inka Schube und Thomas Weski. Koenig Books, 2016, 392 Seiten, 24 x 27 cm, zahlreiche Abbildungen (S/W und Farbe). Euro 39,80 / ISBN 978-3-96098-042-1 (deutsche Ausgabe), ISBN 978-3-96098-043-8 (englische Ausgabe)

Die Nachtaktiven

Von Friedhelm Denkeler,

Die Geschichte in der Geschichte: »Nocturnal Animals« von Tom Ford mit Amy Adams und Jake Gyllenhaal

Nachts wirken alle Statussymbole seelenlos: In seinem zweiten Film porträtiert Modeschöpfer Tom Ford eine innerlich leere Galeristin, die vom Roman ihres Ex erschüttert wird – erwartbar formvollendet inszeniert und voller vielschichtiger Drastik. [kunst+film]

Schon die Eingangssequenz hinterlässt einen bleibenden Eindruck: Sehr beleibte Damen mit Rubensfiguren springen nackend umher, der Blick weitet sich und wir sehen die ›dünnen‹ Damen der Kunstszene auf einer Vernissage. Doch die Galeristin Susan Morrow (Amy Adams) kann das alles, einschließlich ihres Luxus-Hauses und ihres ›Schönlings‹, nicht genießen. Da schickt Ex-Mann Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) ihr seinen ersten Roman, der Susan gewidmet ist, zu. Der Roman heißt so wie der Film »Nocturnal Animals«. Susan beginnt das Manuskript zu lesen.

"Selbst auf drei Ebenen" (Plakat zum Film "Nocturnal Animals" von Tom Ford),  aus der Serie "Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 2017
»Selbst auf drei Ebenen« (Plakat zum Film «Nocturnal Animals« von Tom Ford), aus der Serie »Schatten und Spiegel«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Und hier beginnt die Geschichte in der Geschichte: Sie handelt von der Geschichte des Familienvaters Tony Hastings (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal). Nachts, während einer Autofahrt, wird er von brutalen Schlägern von der Straße abgedrängt und muss zusehen wie seine Frau und Tochter entführt werden. Tony irrt durch die weite, wüstenähnliche, texanische Landschaft und findet am nächsten Tag Frau und Tochter vergewaltigt und ermordet in der Wüste vor; er schwört Rache. Die Rache bekommt Tony am Ende, aber um welchen Preis. »Das ist verdammt gut gemacht, klug und irgendwie gruselig zugleich.« [kunst+film]

»Von jenem Moment an, an dem Susan das Manuskript aufschlägt, läuft Nocturnal Animals auf drei Handlungsebenen: Die eine ist die der Susan der Gegenwart, die in ihrem einsamen nächtlichen Haus sitzt, liest und zunehmend affiziert und abgestoßen zugleich ist. Auf der zweiten erinnert sie sich, immer dann, wenn sie die Lektüre unterbricht, an ihre Vergangenheit mit Edward, dem Verfasser des Romans. Die dritte, wirkungsmächtigste und imposanteste schließlich ist der Roman selbst, der als Film vor Susans innerem Auge abläuft.« [DIE ZEIT]  [Trailer]

Ganz Hollywood ist ein La La Land

Von Friedhelm Denkeler,

Der mit sieben Golden Globes ausgezeichnete Musicalfilm »La La Land« ist ein schwindelerregender Tagtraum. Unterbrochen wird er nur von den Unvollkommenheiten des Lebens. [DIE ZEIT]

«Allein die Anfangs-Sequenz von La La Land ist schlicht spektakulär: Mitten im größten Verkehrsstau auf einem Autobahnkreuz in Kalifornien inszenierte der Regisseur Damien Chazelle eine aufwändige Musical-Nummer, die den Zuschauer wie im Rausch mitnimmt. Über hundert Tänzer waren dafür im Einsatz. So beginnt die Liebesgeschichte zwischen der aufstrebenden Schauspielerin Mia (Emma Stone) und dem leidenschaftlichen Jazz-Musiker Sebastian (Ryan Gosling) … La La Land wirkt oft surreal, die Bilder erinnern an die großen Studio-Filme der 40er und 50er Jahre mit Leinwand-Helden wie Gene Kelly oder Judy Garland. Es ist diese Nostalgie, die vielleicht gerade jetzt einen Nerv trifft, wo sich die Menschen nach vermeintlich idyllischeren Zeiten zurücksehnen.« [Der Stern]

Szene aus »La La Land«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Der Blick für das Ganze

Von Friedhelm Denkeler,

»Die Blinden und der Elefant«, Grafik © Friedhelm Denkeler 1997
»Die Blinden und der Elefant«, Grafik © Friedhelm Denkeler 1997
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Die Harmonie eines Augenblicks

Von Friedhelm Denkeler,

Die »Rheinische Post« 1982 zu meinem Portfolio »Photographien – Die Harmonie eines Augenblicks«

Anlässlich meiner Einzelausstellung in der Galerie Kicken in Köln vom 19. März bis 24. April 1982 schrieb Paul Behrens am 1. April 1982 die folgende Kritik zu meinen Arbeiten »Photographien« in der »Rheinischen Post«:

Das Photo zeigt einige Metallklammern, Bestandteile eines Akkumulators möglicherweise. Symmetrisch angeordnet, wirken sie fast schon wie Kunstobjekte. Der stilisierende Zugriff auf die Arbeitswelt ist typisch für Friedhelm Denkeler; er schafft Distanz und lässt so das bloß Private als Persönliches interessant werden. Dem 35jährigen Berliner Ingenieur bedeutet die Photographie ein Spiegelbild der Reflexion mithin.

Die Kölner Galerie Rudolf Kicken unternimmt mit dieser Ausstellung ein Novum. Sechs Dozenten deutscher Hochschulen haben Gelegenheit, einen jungen Photographen ihrer Wahl vorzustellen. Den Anfang macht Ulrich Görlich, Leiter der Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Kreuzberg, dessen Kurse Friedhelm Denkeler seit 1978 besucht.

»Die Harmonie des Augenblicks«, Ausstellung in der Galerie Kicken, Köln, 19. März bis 24. April 1982 (Einzeklausstellung Friedhelm Denkeler)
»Die Harmonie des Augenblicks«, Ausstellung in der Galerie Kicken, Köln, 19. März bis 24. April 1982 (Einzelausstellung Friedhelm Denkeler)

Beim Betrachten der – ausnahmslos schwarzweißen – Photographien fällt zunächst auf, dass ihnen alles Glatte, Gefällige, Geschönte fehlt. Das Porträt eines jungen Mannes zeigt diesen vor kleinbürgerlichen Hintergrund; man erkennt Kakteen in Plastik-Übertöpfen, Gardinenfransen, eine grell ornamentierte Tapete. Der Gesichtsausdruck des so Portraitierten ist skeptisch, verhärtet, fast mürrisch. Auf einem Bild sieht man den Fotografierten, an einem Baum gelehnt – unrasiert, mit melancholischem Blick. Selbst die Natur, wie sie uns in der Freizeit begegnet und wie sie Denkeler in Photos von Wochenendausflügen festhält, scheint die Verhärtung nicht zu lösen.

Und doch erkennt Denkeler in der Natur am ehesten Gleichmaß und Harmonie. Er deutet darauf, indem er einfach einen Zweig vors Objektiv hält. Oder er fängt die Harmonie eines Augenblicks ein: durch Spiegelung einer halbkreisförmigen Baumgruppe im Wasser entsteht ein dunkles Oval, auf dessen unterem Rand eine Gruppe weißer Gänse die Figur im Kleinen wiederholt.

Solches bedürfnislose In-sich-Ruhen versagt sich Denkeler in der Darstellung menschlicher, zumal erotischer Beziehungen. Dort wird Nähe stets von Distanz durchbrochen. Eine Hand greift nach einem Photo, verdeckt es zum Teil und gibt zugleich, zwischen Daumen und Zeigefinger, den Blick frei auf eine halbentblößte Frau – hinter Maschendraht.

Das schönste Photo zeigt den Unterarm einer Frau, der sich, auf einem Gaststättentisch ruhend, an den Arm eines Mannes anschmiegt; formal verdoppelt wird diese Konstellation, durch einen weiteren Tisch, der rechts, nahezu spiegelbildlich, an den ersten anstößt. Die zärtliche Geste erscheint so als bloß vorrübergehend, kann gleichsam jederzeit zurückgenommen werden – und das Bild wird eines Verlangens nach Nähe, das sich zugleich des Unüberbrückbaren bewusst ist.

Eine Auswahl der Werke aus meinem Portfolio ist zurzeit bei C/O Berlin in der Ausstellung »Kreuzberg – Amerika: Werkstatt für Photographie 1976–1986« zu sehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Februar 2017 (weitere Informationen bei C/O Berlin).