Muss die Geschichte der Fotografie umgeschrieben werden?

Von Friedhelm Denkeler,

Pressestimmen zu den drei Ausstellungen zur Geschichte der »Werkstatt für Photographie« (1976-1986) in Berlin, Essen und Hannover

Weser Kurier: Fotografie als Kunstform – wer heute große Ausstellungen von Cindy Sherman, Candida Höfer, Andreas Gursky, Thomas Struth oder Helmut Newton besucht, mag kaum glauben, dass es vor 40 Jahren für solche Arbeiten kein museales Forum gab. Selbst die heute als Klassiker der Fotokunst empfundenen Persönlichkeiten wie Man Ray, August Sander, Karl Blossfeldt oder Walker Evans fristeten ein Schattendasein. Eine Institution, die ab 1976 eine Neubewertung des Mediums Fotografie maßgeblich vorantrieb, steht jetzt im Zentrum einer gemeinsamen Ausstellung des Sprengel-Museums Hannover, des Museums Folkwang Essen und des C/O Berlin im dortigen Amerika-Haus: die Werkstatt für Photographie in Berlin.

Märkische Oderzeitung: Mitten im Kalten Krieg schafften es die Kreuzberger außerdem, Fotos aus den USA in die West-Berliner Enklave zu holen. Amerikanische Fotografen stellten in der Werkstatt am Checkpoint Charlie nicht nur ihre Bilder aus, sondern gaben auch Workshops. Gefördert wurden die künstlerischen Kontakte durch das amerikanische Kulturzentrum im Amerika-Haus am Zoo, heute Sitz des C/O Berlin. Die Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ zeigt einerseits Serien bekannter amerikanischer Fotografen, die damals in Kreuzberg ausgestellt wurden, und andererseits Werke von Angehörigen der Werkstatt – Fotografen, Dozenten und Gäste.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Paul Caponigro", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: »Paul Caponigro«, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Zitty: Als Volkshochschule Bild-Avantgarde war: Das C/O Berlin erinnert an die Werkstatt für Photographie – zusammen mit Sprengel Museum Hannover und Folkwang Museum Essen, die das Aufkommen regionaler Autorenfotografie beleuchten. … Die Zeit war reif. In den zehn Jahren ihres Bestehens sollte sich die Anerkennung der Fotografie als künstlerisches Ausdrucks-medium in Deutschland vollziehen. Die Werkstatt ist maßgeblich daran beteiligt. …

Die Tatsache, dass die seriöse Fotografie an einer Volkshochschule (VHS) begann, sagt einiges. Noch bis in die 70er-Jahre existiert so gut wie keine Institution, die sich mit der Fotografie als künstlerischem Medium befasst. Bis 1979, als Janos Frecot an der Berlinischen Galerie eine Fotografische Sammlung aufzubauen beginnt, gibt es in Berlin keinen Anlaufpunkt für die Fotoszene – bis auf die VHS in Kreuzberg

RuhrNachrichten: Mit Geschichte und Wirkung der einflussreichen Berliner “Werkstatt für Photographie” befassen sich von diesem Wochenende an drei Foto-Ausstellungen in Essen, Hannover und Berlin. Anlass ist die Gründung dieser Institution der Volkshochschule Berlin-Kreuzberg vor 40 Jahren. Sie bestand zehn Jahre lang. Laut Sprengel Museum wurde sie zu einer der folgenreichsten Schaltstellen des Austausches zwischen deutscher und US-amerikanischer Fotografie. Das Museum Folkwang nennt die Werkstatt »eine künstlerische ‘Luftbrücke’ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben«.

Art Kunstmagazin: Ein vergessenes Kapitel der deutschen Fotografie-Geschichte kommt ans Licht: In der Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg wurde ab 1976 eine direkte, subjektive und schonungslose Bildsprache entwickelt. … Es ging um die Haltung des Fotografen, nicht um perfekte Technik. … Die Akteure der Werkstatt waren keine Lehrer, aber sie unterrichteten. … Man spürt, dass hier junge Fotografen mutig genug waren, ihren Weltausschnitt selbst zu wählen. Es war eine Rebellion der Subjektivität, gegen die Idee der objektiven Darstellung von Wirklichkeit. Diese Selbstermächtigung der Fotografie fand an einem denkbar unscheinbaren Ort statt: An der Volkshochschule in Berlin-Kreuzberg.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Vor dreißig Jahren aber, als die Fotokunst gerade erst dabei war, sich in Museen und auf dem Kunstmarkt zu etablieren, war die Vormachtstellung der Düsseldorfer Schule alles andere als ausgemacht. Deutsche Fotografie trat mit rebellischer Härte auf, betonte den subjektiven Blick, warf sich hitzig ins Geschehen, wählte den Ausschnitt statt des Überblicks und provozierte mit exzentrischer Körperlichkeit. Drastisch gesagt: Sie hatte “etwas von der fiebrigen, halluzinatorischen Vehemenz eines Schwerkranken”, wie die Washington Times 1984 anlässlich der Ausstellung Fotografie aus Berlin bei Castelli Graphics in New York befand.

Der Tagesspiegel: Die »Subjektive Fotografie« der Nachkriegszeit, bei der die Form stets wichtiger gewesen war als der Inhalt, ließen Schmidt und seine Schüler hinter sich, auch mit dem stärker akademischen Ansatz der Düsseldorfer Fotoschule wussten sie nur wenig anzufangen. Sie wollten das echte Leben in all seiner Pracht und Hässlichkeit zeigen. Vorbilder waren die radikal subjektiven Meister der amerikanischen Straßen- und Porträtfotografie. Einige Idole wie William Egglestone, Stephen Shore und Robert Frank kamen für Ausstellungen und Seminare nach Berlin.

Berliner Morgenpost: Die Fotografen der Werkstatt standen in engem Austausch mit amerikanischen Kollegen. Beide Seiten inspirierten sich gegenseitig und beeinflussten mit ihrem dokumentarischen Ansatz die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. … Später experimentieren Schmidt und die junge Fotografenszene mit neuen Formen des Dokumentarischen, die die subjektive Sicht des Autors betonen. “Das ist eines der Paradoxe der Werkstatt für Photographie. Beim dokumentarischen Ansatz nimmt sich der Fotograf zurück und bildet die Realität ab. Wenn man die Fotos in Serie betrachtet, wird jedoch eine künstlerische Handschrift sichtbar”, sagt Weski. »Der Begriff des Autorenfotografen entstand im Umfeld der Werkstatt und beschreibt die Herangehensweise der Beteiligten gut.«

Perlentaucher.de: Das hier ist ›arme Kunst‹. Und viele dieser Künstler sind wahrscheinlich bis heute arm. Nichts würde hier deplatzierter wirken als die überwältigenden Großformate der Becher-Schüler, die neben Nauman und Richter und in den Foyers der UBS hängen wollen, nicht in Fotoausstellungen. Dass es diese Spannung bis heute gibt, zeigt, dass Fotografie nach wie vor keine reine Kunst ist. Ich frage mich, ob nicht zumindest für Schmidt, aber vielleicht auch für einige der anderen Fotografen, das Buch die eigentliche Form ist, seine Fotografie zu denken. Was mir an dem grandiosen Katalog – der eine ganze Periode der deutschen Fotogeschichte revidiert und eine ganze Generation endlich ins Licht stellt – darum fehlt, ist eine Bibliografie ihrer Bücher.

tip Berlin: Dieses Stück Fotografie-Geschichte konnte sich so nur im West-Berlin des kalten Krieges zutragen. Nur im Schatten des historischen Meteoriteneinschlags Mauerfall in Vergessenheit geraten. Um nun, 30 Jahre nach dem Ende, mit gleich drei zusammenhängenden Ausstellungen wiederentdeckt zu werden. Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die deutsche Fotografie-Geschichte jetzt nicht nur ergänzt, sondern eigentlich umgeschrieben werden muss. … Michael Schmidt, 2014 verstorben, gehört zu den ganz großen unter den deutschen Fotografen. Doch Leute wie Gosbert Adler, Ulrich Görlich, Uschi Blume, Hildegard Ochse, Friedhelm Denkeler und Ursula Kelm sind zu entdecken.

PHOTONEWS: Aber worin besteht die besondere Leistung der Werkstatt? Thomas Weski unterstreicht, dass sie ein Ort der Selbstermächtigung gewesen sei, Inka Schube spricht vom vorbildhaften Emanzipationsprozess. Hier fotografierte man, analysierte seine Arbeit in der Gruppe, setzte sich mit anderen Positionen auseinander, kuratierte Ausstellungen mit den Bildern von Schülern, Dozenten und amerikanischen Gästen, veröffentlichte Kataloge und knüpfte gemeinsam neue Kontakte, so auch zu Fotoszenen in Ost-Berlin.

TAZ: Mit ihrer Mischung aus hochkarätigen Ausstellungen und Workshops, Vorträgen und der künstlerisch orientierten Ausbildung gelang es, Volksbildung auf höchstem Niveau zu betreiben. … Die Liste der Ausstellungen liest sich heute wie ein Who’s who der Fotografie-Geschichte. Selbst so berühmte Fotografen wie Robert Frank, Diane Arbus, Stephen Shore oder Ralph Gibson fanden den Weg in die Kreuzberger Schule, bzw. wurden dort erstmals gezeigt.

DIE ZEIT: Auch William Eggleston, Larry Fink, Lee Friedlander und Robert Frank, all die angesagten Vertreter der Autorenfotografie, kamen in den Jahren bis zum Ende der Werkstatt 1986 nach Kreuzberg, um Vorträge zu halten und zu lehren. Die Fotos dieser Vorbilder aus den USA sind jetzt wieder in Berlin zu sehen, die Entdeckung der drei parallelen Museumsausstellungen in Hannover, Berlin und Essen sind allerdings die Mitstreiter Michael Schmidts, die heute weitaus weniger bekannt sind. … Diese künstlerisch-dokumentarische Fotografie ist es, die heutige Kollegen neu fasziniert.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Larry Clark", 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Larry Clark“, 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Hannoversche Allgemeine (Interview mit Thomas Weski): Damals wurden die großen Traditionslinien der Avantgarde wieder freigelegt, die es vor der Nazizeit gab, und die Wahrnehmung von Fotografie als Kunstform wurde durch weitere Faktoren begünstigt – die ersten Fotogalerien eröffneten, es gab internationale Zeitschriften wie Aperture, Creative Camera oder Camera, die freies, ungebundenes Fotografieren thematisierten. Und damals begannen auch bildende Künstler, sich für Fotografie als Ausdrucksform zu interessieren, wie 1977 die Documenta 6 in Kassel zeigte. …

Und durchweg ging es außer um Rückbesinnung auch um Selbstvergewisserung der Fotografie als Kunstform, um eine Selbstermächtigung ihrer Akteure. Die haben dabei überdies vom Beispiel von US-Fotografen profitiert. Denn deren Alltag war damals viel selbstbestimmter und souveräner als etwa der deutscher Fotografen, die in der Regel im Auftrag arbeiteten. Autorschaft wurde, in Anlehnung an den Autorenfilm, für diese Fotografen zum zentralen Begriff.

Berliner Zeitung: Auch war die Fotografie als eigene Kunstform noch nicht vollständig etabliert. Das brachte Freiheit. »Der Mensch als Persönlichkeit ist für mich das Wesentliche, durch ihn erst kann Fotografie entstehen und niemals umgekehrt«, ist in einem Schreibmaschinenmanuskript zu lesen, einem Text, den Schmidt über die Werkstatt geschrieben hat. »Deshalb ist Selbsterkenntnis ein Schwerpunkt unserer Arbeit, ohne dabei in gruppentherapeutisches ‚Psychologisieren‘ abzugleiten.«

Ruhr.speak – Blog für Fotografie:  Da lebt man im Ruhrgebiet und beschäftigt sich mit Fotografie, erntet Missachtung von denen, die mit anderer Kunst (und vor allem ohne Kunst) unterwegs sind, freut sich über kleine Erfolge und plötzlich fühlt man sich im Mittelpunkt einer Bewegung, die weit über die Region, über Deutschland und Europa hinausgeht. Gut, in einem Elfenbeinturm, aber an der Spitze einer Bewegung (heute würde man wohl eher Netzwerk sagen) in der es um nichts anderes ging, als um die Wahrnehmung der Welt, mit eigenen Augen und eigenem Verstand sowie um deren eigenständige Darstellung. So mein Gefühl zur aktuellen Ausstellung im Folkwang – einem Muss für jeden Fotografie-Interessierten im Ruhrgebiet und anderswo.

Radioeins: Die Werkstatt für Photographie erlangt mit engagierter Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops und Kurse internationales Niveau und etabliert sich zu einem wichtigen Ort des transatlantischen fotografischen Dialogs zwischen Kreuzberg, Deutschland und Amerika. Eine einzigartige Pionierleistung!

Kuratorenführung »Werkstatt für Photographie 1976-1986«

Von Friedhelm Denkeler,

Am Freitag, den 13. Januar 2017 um 16 Uhr, findet eine Kuratorenführung durch die aktuelle Ausstellung »Werkstatt für Photographie 1976–1986: Kreuzberg–Amerika« bei C/O Berlin mit Thomas Weski und Felix Hoffmann, zusammen mit Christa Meyer, Eva Maria Ocherbauer und Friedhelm Denkeler, statt. (weitere Informationen bei www.co-berlin.org).

Zur Ausstellung »Werkstatt für Photograhie 1976-1986» bei C/O Berlin: Anzeige im »Art-magazin« 12/2016
Zur Ausstellung »Werkstatt für Photograhie 1976-1986» bei C/O Berlin: Anzeige im »Art-magazin« 12/2016

Bürger, schützt Eure Anlagen!

Von Friedhelm Denkeler,

»Diese Anlage wird dem Schutze des Publikums anempfohlen«, gefunden in Bern, Foto © Friedhelm Denkeler 2010
»Diese Anlage wird dem Schutze des Publikums anempfohlen«, gefunden in Bern, Foto © Friedhelm Denkeler 2010
Anmerkung zur Kategorie »«

In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.

Eine Übersicht über alle Artikel der Kategorie finden Sie unter »«.

Silvester 2016 – Neujahr 2017: Die Mitte der Rauhnächte

Von Friedhelm Denkeler,

»Zwischen den Jahren. Oder: Die Mitte der Rauhnächte«, Foto © Friedhelm Denkeler 1981
»Zwischen den Jahren. Oder: Die Mitte der Rauhnächte«, Foto © Friedhelm Denkeler 1981

Die Rauhnächte sind einige Nächte um den Jahreswechsel, denen im europäischen Brauchtum oft besondere Bedeutung zugemessen wird. Meist handelt es sich um die zwölf Weihnachtstage vom Weihnachtstag (25. Dezember) bis zum Fest der Erscheinung des Herrn (6. Januar), aber auch andere Zeiträume, beispielsweise zwischen dem Thomastag und Neujahr, kommen in Frage.

Den zwölf Tagen oder Nächten wird im europäischen Brauchtum oft besondere Bedeutung zugemessen. Nach dem Volksglauben zogen sich die stürmischen Mächte der Mittwinterzeit in der Nacht auf den 6. Januar wieder zurück, »die Wilde Jagd« begab sich am Ende der Rauhnächte zur Ruhe. Zwischen den Jahren beschreibt als Redewendung heute in der Regel die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester/Neujahr. [Quelle: Wikipedia]

Der Weihnachtsmann auf der Fensterbank … ratlos

Von Friedhelm Denkeler,

"Der Weihnachtsmann auf der Fensterbank … ratlos", Foto © Friedhelm Denkeler 2008
»Der Weihnachtsmann auf der Fensterbank … ratlos«, Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Angesichts der Ereignisse in diesem Jahr ist selbst der Weihnachtsmann ratlos: Der Welt geht es nicht so gut – Erdogan, Putin, Trump, Brexit, Aleppo, Nizza und jetzt Berlin. So kann ich nur allen Besuchern meiner Website persönlich alles Gute wünschen.

Friedhelm Denkeler

Wenn die Götter auf die Erde kommen …

Von Friedhelm Denkeler,

Leander Haußmanns »Der gute Mensch von Sezuan« am Berliner Ensemble

Erst hieß es, das Stück »Der gute Mensch von Sezuan« von Bertolt Brecht dauert an die vier Stunden, aber ganz so hart war es dann doch nicht: nur dreieinhalb Stunden (mit Pause). Die nie langweilig werdenden Bühneninstallationen des bildenden Künstlers Via Levandowski wurden zu einer wahren Performance: Das gesamte Bühnengeschehen wurde stets von den drei Erleuchteten Göttern und den sich bewegenden (!) drei Peitschenlampen beobachtet. Waren diese Straßenlampen nicht schon im Film »Sonnenallee« zu sehen?

Worum geht es in dem Stück? Die drei höchsten Götter erscheinen auf der Erde und greifen, entgegen ihrer Bestimmung, in das Erdengeschehen ein. Sie suchen einen Menschen, der trotz der unmenschlichen, wirtschaftlichen Verhältnisse, moralisch einwandfrei ist. Wang, der Wasserverkäufer, erkennt die Götter und sucht für sie verzweifelt eine Unterkunft.

Nur die junge Prostituierte Shen Te gewährt ihnen Obdach. Für das Nachtquartier zahlen die Götter ihr ein fürstliches Honorar von Tausend Silberdollar. Shen Te kauft sich für das Geld einen Tabakladen. Sie bietet immer mehr Leuten Unterschlupf, die sie aber nur ausnutzen; zum Schluss hat sie nur noch Schulden. In ihrem »Zweiten Ich« schlüpft sie in die Rolle ihres bösen Vetters Shui Ta und vertreibt die Schmarotzer (Antonia Bill grandios in der Rolle der Shen Te und Shui Ta). Und es geht um vieles mehr.

Das Schluss-Bühnenbild zu »Der Gute Mensch von Sezuan« von Bertold Brecht im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Das Schluss-Bühnenbild zu »Der Gute Mensch von Sezuan« von Bertold Brecht im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Im letzten Bild wird deutlich, dass die Götter ebenso wie die naive, ignorante Gesellschaft, eher wegschauen. Die Götter schweben auf einer rosa Wolke fort. Das Publikum muss sich selbst ein Bild machen. Aber durch die Aufspaltung der Hauptfigur deutet Brecht an, dass es unter dem Kapitalismus einen guten Menschen alleine nicht geben kann; er muss gleichzeitig eine schlechte Seite aufweisen, weil er sonst nicht lebensfähig ist.

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen. Den Vorhang zu und alle Fragen offen [Brecht]

Wir können es uns leider nicht verhehlen: Wir sind bankrott, wenn Sie uns nicht empfehlen! [Brecht, Epilog an das Publikum]

Die lesenden Windhunde von Lübben

Von Friedhelm Denkeler,

Mitten im Biosphärenreservat Spreewald kann man in Lübben vor dem Reha-Zentrum in der Postbautenstraße die Kunst der Münchnerin Nina Hoffmann bewundern. Ihre zwanzig lebensgroßen, gelben Windhunde lesen in dicken Folianten. Im Kunstverein München war das Werk 1990 unter dem Titel »Ideale Kreaturen in idealer Landschaft« ausgestellt, allerdings im Innenraum.

Hoffmanns Arbeiten – Malerei, Skulptur und Performance – drehen sich immer wieder um die Themen Natur- und Kulturzerstörung. Die zwanzigfache Wiederholung soll auf die von Menschen ›erzeugte‹ Natur – hier die Züchtung von Windhunden – hinweisen. Die unnatürliche Farbe Cadmium-Gelb) erinnert an eine Giftwolke.

»Die gelben Windhunde der Nina Hoffmann«, Lübbener Spreewald, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Die gelben Windhunde der Nina Hoffmann«, Lübbener Spreewald, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Bei den geklonten Hunden denkt man unwillkürlich an eine industrielle Serienfertigung; in Wirklichkeit ist aber jeder in Handarbeit hergestellt. Eine spezielle Kaschiertechnik aus kleinen Papierstückchen wurde bei jedem einzelnen Tier angewandt. Für Nina Hoffmann ist diese Herstellung eintönig und gleichzeitig meditativ. Einen Polyesterguss würde sie nicht anfertigen lassen.

Das große Thema in Hoffmanns Arbeiten ist die Natur; sie gehört aber nicht zu den Ökokünstlern. Ihre Vorbilder sind eher Amseln Kiefer (mit seinen Bleibüchern) oder Bruce Naumann (bei dem auch das Hundemotiv auftaucht). Die Tiere lesen in Büchern, die leer sind und der Mensch speichert sein Wissen heute auf externen Trägern.

In letzter Konsequenz – die Kontrolle des Menschen über sich selbst erweist sich als Illusion – hat er sein Wissen delegiert, konserviert und – verloren. [Nina Hoffmann]

"Ein lesender Windhund", Arbeit von Nina Hoffmann, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Ein lesender Windhund«, Arbeit von Nina Hoffmann, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Der menschliche Geist kann sich viel leichter an die Vorstellung gewöhnen ein Informationssystem herzustellen, als darin einen HUND herzustellen. Noch leichter wird das ganze Unternehmen, wenn man endlich die Überzeugung gewonnen hat, dass es in Wahrheit einen HUND in der herkömmlichen Bedeutung des Wortes gar nicht gibt. Für das kommende Zeitalter wird es sehr viel zutreffender sein, einen HUND als ein spezifisches Informationsmuster zu beschreiben, das sich über einen bestimmten Zeitraum entfaltet. Das Leben als Informationsfluss ist die endgültige und restlose Entheiligung der Natur! [aus: Jeremy Rifkin „Genesis zwei. Biotechnik – Schöpfung nach Maß“, zitiert in Katalog „Nina Hoffmann, Kunstverein München]

Kleine Geschichte der Werkstatt für Photographie (4): Workshops und Zusammenarbeit

Von Friedhelm Denkeler,

1976 bis 1986 – 10 Jahre, die die Photographie veränderten

1976 wurde die Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg gegründet und deren Ende erfolgte zehn Jahre später (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photographien unter dem Titel »Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976–1986« zusammengestellt. Eine Auswahl von 35 Bildern und alle bisher erschienenen Artikel finden Sie zusammengefasst auf meiner Website LICHTBILDER.

1 Prolog, 2 Gründung, 3 Bildbesprechungen, 4 Ausstellungen, 5 Workshops, 6 Zusammenarbeit, 7 Werkstattorganisation, 8 Werkstattziele, 9 Die Werkstatt im Kontext ihrer Zeit, 10 Orte der Photographie, 11 Ortswechsel – Exkursionen nach West-Deutschland, 12 Fotografen und ihre Bücher, 13 Zeitschriften, 14 Schnackenburg, 15 New Topographics, 16 Autorenfotografie, 17 Michael Schmidt, 18 Epilog.

5 Workshops

Regelmäßige Höhepunkte der Werkstatt-Aktivitäten waren die Wochenend-Workshops mit bekannten Photographen aus dem In- und Ausland. Den Auftakt machte im Oktober 1977 Andre Gelpke mit einem ersten Workshop, den er in den nächsten Jahren noch zweimal durchführte. Als weitere Referenten seien Wilhelm Schürmann, Klaus Honnef, Michael Schmidt, Manfred Willmann, Heinz Cibulka und Suzanne Pastor genannt.

Es folgten Seminare mit Lewis Baltz, John Gossage, Robert Cumming, Larry Fink, Robert Heinicken, Larry Clark, Joe Deal, Todd Papageorge, Robert Frank und William Eggleston. In den Wochenend-Seminaren stellten zunächst die Referenten ihre eigenen Arbeiten vor, dann legten und hängten die Teilnehmer ihre Arbeiten aus, die ebenfalls mit allen besprochen wurden. Zu diesen Veranstaltungen wurden weitere interessante Berliner und Westdeutsche Photographen eingeladen, insbesondere aus den Fotoschulen in Essen, Köln, Düsseldorf und Hannover.

»Workshop mit Lewis Baltz in der Werkstatt für Photographie«, 20. bis 21.09.1980 (Winfried Mateyka, Ulla Haug, NN, Lewis Baltz, Christian Schewarde, Hannover, Wolfgang Kanzelbach), Berlin-Kreuzberg, Foto © Friedhelm Denkeler 1980
»Workshop mit Lewis Baltz in der Werkstatt für Photographie«, 20. bis 21.09.1980 (Winfried Mateyka, Ulla Haug, NN, Lewis Baltz, Christian Schewarde, Hannover, Wolfgang Kanzelbach), Berlin-Kreuzberg, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

6 Zusammenarbeit

Neben den eigentlichen Fotokursen und Workshops fand ein reger Austausch der Werkstättler an dem einmal im Monat stattfindenden sonntäglichen Frühshoppen und natürlich auf den Vernissagen der Werkstatt-Ausstellungen statt. Nach den Kursabenden und Workshops gingen die Diskussionen vielfach beim in der Nähe der Friedrichstraße befindlichen ›Griechen‹, ›Italiener‹ (»La Rita«) oder ›Jugoslawen‹ weiter.

Viele Mitglieder der Werkstatt trafen sich auch unregelmäßig im privaten Rahmen, an dem dann auch Nicht-Werkstättler, aber Photographie-Interessierte teilnahmen. Hier wurden über die neuesten Fotobücher, die die Werkstättler im Bookshop der Galerie Nagel entdeckt oder sich antiquarisch erworben hatten, diskutiert.

Im Grunde genommen waren die Werkstättler, sowohl Schüler als auch Dozenten, während der zehn Jahre auch alle Autodidakten, alle lernten von einander; der Zusatz »Autodidakt« in verschiedenen Biografien aus der damaligen Zeit ist hier als Qualitätsmerkmal anzusehen. Während der Werkstatt-Zeit gab es in Berlin keine Möglichkeit, künstlerische Fotografie zu studieren.

Ein Merkmal für die anspruchsvollen und qualitativen Arbeiten der Photographen waren die zahlreichen Ankäufe der Berlinischen Galerie unter der Leitung von Janos Frecot und natürlich auch jene von Westeuropäischen und US-amerikanischen Museen, Galerien und Einrichtungen.

Übersicht der Artikel der Kategorie »Texte zur Photographie«

Herbst im Spreewald

Von Friedhelm Denkeler,

»Am Kranich-Rastplatz Kockrowsberg«, Lübben, Spreewald, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Am Kranich-Rastplatz Kockrowsberg«, Lübben, Spreewald, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Werkstatt für Photographie 1976 – 1986

Von Friedhelm Denkeler,

Einladung zur Ausstellungs-Eröffnung »Kreuzberg – Amerika«, 9. Dezember 2016, 19 Uhr, C/O Berlin

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Stephen Shore", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: »Stephen Shore«, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der »Werkstatt für Photographie« in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986).

Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt »Werkstatt für Photographie 1976 – 1986«.

C/O Berlin arbeitet in der Ausstellung »Kreuzberg – Amerika« die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. In der von Thomas Weski und Felix Hoffmann kuratierten Ausstellung werden ca. 250 Exponate gezeigt.

Zu sehen sind die Arbeiten von international renommierten Fotografen, die in der Werkstatt ausgestellt haben: Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage und Stephen Shore.

Diese Auswahl wird in einen Dialog gesetzt mit Bildern von Fotografen, Dozenten und Gästen der Werkstatt wie Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst.

In meinem Beitrag wird eine Auswahl aus dem Portfolio Die Harmonie eines Augenblicks mit Vintage-Prints aus der damaligen Werkstatt-Zeit zu sehen sein. Die Ausstellung wird am 9. Dezember 2016 bei C/O Berlin im Amerika-Haus in der Hardenbergstraße 22 ab 19 Uhr eröffnet.

Wie lange ist eine Theorie richtig?

Von Friedhelm Denkeler,

»Eine Theorie gilt so lange als richtig, bis sie sich als falsch erwiesen hat«, Sir Karl Popper, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2009
»Eine Theorie gilt so lange als richtig, bis sie sich als falsch erwiesen hat«, Sir Karl Popper, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2009
Anmerkung zur Kategorie »«

In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.

Eine Übersicht über alle Artikel der Kategorie finden Sie unter »«.

Kleine Geschichte der Werkstatt für Photographie (3): Bildbesprechungen und Ausstellungen

Von Friedhelm Denkeler,

1976 bis 1986 – 10 Jahre, die die Photographie veränderten

1976 wurde die Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg gegründet und deren Ende erfolgte zehn Jahre später (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photographien unter dem Titel »Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976–1986« zusammengestellt. Eine Auswahl von 35 Bildern und alle bisher erschienenen Artikel finden Sie zusammengefasst auf meiner Website LICHTBILDER.

1 Prolog, 2 Gründung, 3 Bildbesprechungen, 4 Ausstellungen, 5 Workshops, 6 Zusammenarbeit, 7 Werkstattorganisation, 8 Werkstattziele, 9 Die Werkstatt im Kontext ihrer Zeit, 10 Orte der Photographie, 11 Ortswechsel – Exkursionen nach West-Deutschland, 12 Fotografen und ihre Bücher, 13 Zeitschriften, 14 Schnackenburg, 15 New Topographics, 16 Autorenfotografie, 17 Michael Schmidt, 18 Epilog.

3 Bildbesprechungen

Das Arbeiten und Leben an der Werkstatt für Photographie wurde bestimmt durch die verschiedensten Aktivitäten. Am wertvollsten waren die Bildbesprechungen an den Kursabenden. Es lagen immer mehr Arbeiten der Teilnehmer vor, als in den drei Kursstunden des Abends besprochen werden konnten. In älteren Artikeln über die Werkstatt wird vereinzelt der »außerordentliche raue Ton« (Enno Kaufhold in »Photographie hat Sonntag«) oder der »strenge, autoritäre, intolerante Unterricht« (Marlies Mertens in »Fotografie und Erwachsenenbildung«) bei den Bildbesprechungen bemängelt.

So habe ich es in den Kursen nie empfunden. Und wenn, dann war er aber auch oft gerechtfertigt, denn die Werkstatt hatte sich einen hohen künstlerischen Anspruch auferlegt. Wie man in den vorliegenden Katalogen der Werkstatt und anderen Einrichtungen und auch an den heutigen Arbeiten der noch aktiven, ehemaligen Werkstättler sehen kann, war dieser Anspruch auch berechtigt. Klar wies Schmidt einmal auf Otto Steinert hin, der einen Stempel besessen haben soll, mit dem er vereinzelt Photos mit »Sch…« zeichnete, aber vielleicht ist das auch nur eine Anekdote.

Vernissage »Sammlung Tillmann und Vollmer – Meisterwerke der Fotokunst«, Werkstatt für Photographie,  20.09.1985 (Gosbert Adler, Hermann Stamm, Joachim Schmid)
Vernissage »Sammlung Tillmann und Vollmer – Meisterwerke der Fotokunst«, Werkstatt für Photographie, 20.09.1985 (Gosbert Adler, Hermann Stamm, Joachim Schmid)

4 Ausstellungen

In den zehn Jahren der Werkstatt für Photographie gab es an die fünfzig Ausstellungen. Während der Vernissagen, die gleichzeitig auch kleine Feste waren, wurden natürlich die Werke der Ausstellenden diskutiert, ebenso an den einzelnen Kursabenden. Zum Start der Werkstatt gab es eine erste Ausstelllung, in der journalistische Arbeiten der »Stern«-Photographen zu sehen waren und gleich danach folgten »Dokumente des 19. und 20. Jahrhunderts«. Weitere Einzelausstellungen zeigten Arbeiten von Heinrich Riebesehl und Georg A. Tice. Mit Tice begann denn auch, fast bis zum Ende der Werkstatt, eine Serie zeitgenössischer amerikanischer Photographen. Fast jedes Jahr gab es drüber hinaus eine Überblicksausstellung der »Photographien der Hörer und Dozenten«, sowie insgesamt fünf Einzelausstellungen von Werkstättlern in den 10 Jahren.

Nach der Ausstellung von Georg A. Tice folgten weitere US-amerikanische Fotografen. Der Januar 1978 begann mit den fünf amerikanischen »New Topographics« Lewis Baltz, Joe Deal, Stephen Shore und Carl Toth in einer Gruppenausstellung. Es folgten: Ralph Gibson, John R. Gossage, Robert Adams, Stephen Shore, Paul Caponigro, Larry Clark, Larry Fink und William Eggleston. Zu allen Ausstellungen gab es ein Plakat oder einen Katalog, die alle qualitätsvoll und professionell von Gabriele A. Götz graphisch gestaltet wurden. 35 Plakate und neun Kataloge befinden sich in meinem Archiv. Die erfolgreichste Ausstellung mit über 1000 Besuchern war sicherlich jene mit den Photographien von Diane Arbus im Mai 1981.

Indexprint »Plakate der Werkstatt für Photographie«, 1976 bis 1985, Alle Fotos © Friedhelm Denkeler
Indexprint Plakate der Werkstatt für Photographie, 1976 bis 1985, Alle Fotos © Friedhelm Denkeler

Übersicht der Artikel der Kategorie »Texte zur Photographie«

Kleine Geschichte der Werkstatt für Photographie (2): Gründung

Von Friedhelm Denkeler,

1976 bis 1986 – 10 Jahre, die die Photographie veränderten

1976 wurde die Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg gegründet und deren Ende erfolgte zehn Jahre später (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photographien unter dem Titel »Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976–1986« zusammengestellt. Eine Auswahl von 35 Bildern und alle bisher erschienenen Artikel finden Sie zusammengefasst auf meiner Website LICHTBILDER.

1 Prolog, 2 Gründung, 3 Bildbesprechungen, 4 Ausstellungen, 5 Workshops, 6 Zusammenarbeit, 7 Werkstattorganisation, 8 Werkstattziele, 9 Die Werkstatt im Kontext ihrer Zeit, 10 Orte der Photographie, 11 Ortswechsel – Exkursionen nach West-Deutschland, 12 Fotografen und ihre Bücher, 13 Zeitschriften, 14 Schnackenburg, 15 New Topographics, 16 Autorenfotografie, 17 Michael Schmidt, 18 Epilog.

2 Gründung

Michael Schmidt war der Initiator und Gründer der Werkstatt für Photographie. Am 13. September 1976, also vor vierzig Jahren, nahm die Werkstatt in der Friedrichstraße 210, Ecke Kochstraße, im III. Stock, ihre Arbeit auf. Die Volkshochschule (VHS) Kreuzberg, unter der damaligen Verantwortung des Direktors Dietrich Masteit, hatte die Räumlichkeiten, zwei Galerieräume, die auch für den Unterricht genutzt wurden, ein Labor und ein Büro, zur Verfügung gestellt.

Ein gewisses Interesse der Medien lag vor, so dass der Andrang auf die Anfängerkurse sehr groß war; es mussten lange Wartelisten angelegt werden. Die Kurse mit Michael Schmidt und Ulrich Görlich, ein Schüler von Schmidt aus der Vor-Werkstatt-Zeit, begannen mit ungefähr 200 Teilnehmern, die in fünfzehn Grund-, Aufbau- und Hauptkurse aufgeteilt waren. Michael Schmidt wurde die Leitung der Werkstatt informell übertragen.

»Michael Schmidt in Schnackenburg«, 1980
»Michael Schmidt in Schnackenburg«, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Glücklicherweise konnte man, wenn man entsprechende Arbeiten beim Dozenten vorlegte, auch in die fortgeschrittenen Kurse direkt einsteigen. So ›landete‹ ich dann am 21. September 1977 im Kurs von Michael Schmidt. Bereits ein Jahr später zog sich Schmidt aus dem Kurssystem der Werkstatt für Photographie zurück, um sich ausführlicher seiner eigenen Arbeit widmen zu können.

Einige Jahre profitierte ich, neben weiteren Werkstättlern, noch als Privatschüler von Michael Schmidt in einer kleinen Gruppe. Ulrich Görlich übernahm die Leitung der Werkstatt. Neben ihm waren als Dozenten noch die Schmidt-Schüler Klaus-Peter Voutta und Wilmar Koenig tätig. Schmidt blieb aber als ›Berater‹, Gesprächspartner und Leiter von Wochenendkursen der Werkstatt weiter verbunden.

Übersicht der Artikel der Kategorie »Texte zur Photographie«

Kleine Geschichte der Werkstatt für Photographie (1): Prolog

Von Friedhelm Denkeler,

1976 bis 1986 – 10 Jahre, die die Photographie veränderten

1976 wurde die Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg gegründet und deren Ende erfolgte zehn Jahre später (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photographien unter dem Titel »Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976–1986« zusammengestellt. Eine Auswahl von 35 Bildern und alle bisher erschienenen Artikel finden Sie zusammengefasst auf meiner Website LICHTBILDER.

1 Prolog, 2 Gründung, 3 Bildbesprechungen, 4 Ausstellungen, 5 Workshops, 6 Zusammenarbeit, 7 Werkstattorganisation, 8 Werkstattziele, 9 Die Werkstatt im Kontext ihrer Zeit, 10 Orte der Photographie, 11 Ortswechsel – Exkursionen nach West-Deutschland, 12 Fotografen und ihre Bücher, 13 Zeitschriften, 14 Schnackenburg, 15 New Topographics, 16 Autorenfotografie, 17 Michael Schmidt, 18 Epilog.

In den zehn Jahren der Werkstatt für Photographie hat sich die Photographie in West-Berlin und West-Deutschland, sicherlich nicht nur durch die Werkstatt, grundlegend verändert. Dabei waren zwei wichtige Vorbilder die »New Topographics«-Photographen und die »Autoren«-Photographen. Die Geschichte der Werkstatt um Michael Schmidt ist auch gleichzeitig Teil meiner eigenen photographischen Geschichte und diese möchte ich in den folgenden 18 Kapiteln wiedergeben.

»Szenen aus der Werkstatt für Photographie«: »Realist und Romantiker«, Workshop mit Robert Cumming in der Werkstatt für Photographie, 25. bis 26.09.1982 (Robert Cumming), Foto © Friedhelm Denkeler 1982
»Szenen aus der Werkstatt für Photographie«: »Realist und Romantiker«, Workshop mit Robert Cumming in der Werkstatt für Photographie, 25. bis 26.09.1982 (Robert Cumming), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

1 Prolog

Mein Interesse an der Photographie begann in der Jugendzeit mit den ersten 6×9 cm-Aufnahmen aus der Rollfilm-Box meines Vaters, mit der ersten eigenen Kleinbildkamera und mit ersten Erfahrungen in einem Schwarzweiß-Fotolabor im Jugendfreizeitheim in Westfalen. In Berlin kamen dann die Besuche von Fotokursen an der Volkshochschule hinzu und die Einrichtung meines ersten provisorischen Fotolabors.

Eine ernsthafte, künstlerische Auseinandersetzung mit der Photographie startete dann mit der Ausbildung an der Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg bei Michael Schmidt. Im folgenden Text geht es weniger um die Grundkurse, in denen hauptsächlich die Technik, also das Fotografie- und Labor-Handwerk gelehrt wurde, sondern um die Aufbau- und Hauptkurse, in denen die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Photographie und ihrem künstlerischen Anspruch, im Vordergrund stand.

Übersicht der Artikel der Kategorie »Texte zur Photographie«

Also lautet der Beschluß …

Von Friedhelm Denkeler,

»Also lautet der Beschluß, daß der Mensch was lernen muß«, Wilhelm Busch, Max und Moritz, Vierter Streich, Grafik © Friedhelm Denkeler 2006
»Also lautet der Beschluß, daß der Mensch was lernen muß«, Wilhelm Busch, Max und Moritz, Vierter Streich, Grafik © Friedhelm Denkeler 2006
Anmerkung zur Kategorie »«

In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.

Eine Übersicht über alle Artikel der Kategorie finden Sie unter »«.

Ewaipanoma

Von Friedhelm Denkeler,

Wenn das Herz am rechten Fleck ist, spielt es keine Rolle, wo der Kopf ist

"Ewaipanoma (Rihanna)", Juan Sebastián Peláez, Hof der Kunstwerke (KW), Berlin, Ausgustsraße, Foto © Friedhelm Denkeler
»Ewaipanoma (Rihanna)«, Juan Sebastián Peláez, Hof der Kunstwerke (KW), Berlin, Auguststraße, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Das Loft war anscheinend nicht hoch genug, deshalb musste die kniende und kopflose Rihanna mit dem Hof der Kunstwerke (KW) in der Auguststraße vorlieb nehmen. Das sechs Meter hohe Werk »Ewaipanoma (Rihanna)« des Kolumbianers Sebastián Peláez zeigte im Rahmen der Berlin-Biennale 2016 eine quasi kopflose Rihanna.

Im August war die 28jährige R&B-Sängerin zu einem Konzert in Berlin; besuchte bei dieser Gelegenheit quasi sich selbst und postete auf Instagram: »Went to visit my boobs the biggest they’ll ever be«.

Die Inspiration stammt laut Peláez von Zeichnungen der Kolonisatoren, wie Walter Raleigh, die diese im 16. Jahrhundert von ihren Reisen mitbrachten und die behaupteten, kopflose Eingeborene (Ewaipanoma) mit Gesichtern auf dem Oberkörper gesehen zu haben.

Nachdem Raleigh wegen Spionage zum Tode verurteilt wurde, sollen seine letzten Worte gewesen sein: »Wenn das Herz am rechten Fleck ist, spielt es keine Rolle, wo der Kopf ist«.

Werkstatt für Photographie 1976 – 1986

Von Friedhelm Denkeler,

Ausstellungs-Vorankündigung »Kreuzberg – Amerika« bei C/O Berlin

Plakat zur Ausstellung "John R. Gossage – Gardens" in der Werkstatt für Photographie, 30.10. bis 01.12.1978
Plakat zur Ausstellung »John R. Gossage – Gardens«, »Werkstatt für Photographie«, Berlin-Kreuzberg, 30.10. bis 01.12.1978.

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der »Werkstatt für Photographie« in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt »Werkstatt für Photographie 1976 – 1986« (siehe auch hier).

C/O Berlin arbeitet in der Ausstellung »Kreuzberg – Amerika« die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. In der von Thomas Weski und Felix Hoffmann kuratierten Ausstellung werden ca. 250 Exponate gezeigt, darunter von international renommierten Fotografen, die in der Werkstatt ausgestellt haben: Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William, Eggleston, Larry Fink, John Gossage und Stephen Shore.

Diese Auswahl wird in einen Dialog gesetzt mit Bildern von Fotografen, Dozenten und Gästen der Werkstatt wie Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst.

Die Ausstellung wird am 9. Dezember 2016 bei C/O Berlin im Amerika-Haus in der Hardenbergstraße 22 ab 19 Uhr eröffnet. Ausstellungsdauer 10. Dezember 2016 bis 12. Februar 2017. www.co-berlin.org

One Big Struggle

Von Friedhelm Denkeler,

»OBS – One Big Struggle« (zwischen S-Bahnhof Feuerbachstraße und Friedenau), Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»OBS – One Big Struggle« (zwischen S-Bahnhof Feuerbachstraße und Friedenau), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Der Traum vom Fliegen

Von Friedhelm Denkeler,

Die Insel der besonderen Kinder

"Der Traum vom Fliegen" (U-Bahnhof Prinzenstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Der Traum vom Fliegen« (U-Bahnhof Prinzenstraße), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Seit einigen Tagen ist sie als Cut-Out in den Straßen von Berlin zu sehen: Eine blonde, schwebende Frau im blauen Kleid, mit einem um die Hüfte geknoteten Seil. Es hat schon schlechtere Stadtverschönerungen gegeben.

Der Hashtag »BleibBesonders« deutet es bereits an: Es handelt sich um Werbung für den Film »Die Insel der besonderen Kinder« (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children) von Tim Burton.

Der Fantasyfilm erzählt von Kindern aus einem Heim, die geheime Superkräfte haben und gemeinsam gegen eine Armee des Bösen kämpfen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Werbung – hier in Form von Guerilla-Marketing – sich der Streetart und der Graffiti bemächtigte.

Ob diese Werbemethode eine einmalige Aktion ist oder ab sofort inflationär in den Städten auftaucht; eine Bereicherung oder Verschandelung ist, wird sich alsbald zeigen.

Die Mühlenhaupt-Zwerge bewachen die Spiellandschaft

Von Friedhelm Denkeler,

»Die Mühlenhaupt-Zwerge bewachen die Spiellandschaft«, Landesgartenschau, Oranienburg 2009, Foto © Friedhelm Denkeler 2009
»Die Mühlenhaupt-Zwerge bewachen die Spiellandschaft«, Landesgartenschau, Oranienburg 2009, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Anmerkungen zum Portfolio/ zur Kategorie »Sonntagsbilder»

Der Versuch einer Definition: Was ist eigentlich ein Sonntagsbild? Ein ›schönes‹ Bild (was auch immer das nun wieder heißen mag; es ist in Farbe; es passt in keine andere Kategorie; es gehört nicht zu einer Serie von Bildern, es ist ein Einzelbild. Aber es ist kein Sonntagsbild im Sinne der Sonntagsmalerei.

Am 26. Februar 2012 erschien in meinem Blog das erste Sonntagsbild. Und jeden Sonntag gab es ein neues – Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Sonntagsbilder stammen aus dem Portfolio »Sonntagsbilder«, das ich 2005 abgeschlossen habe. Aber der Titel Sonntagsbild ist einfach ein zu schöner Titel. Unter dieser Prämisse führe ich die Kategorie »Sonntagsbilder« in meinem Blog bis auf weiteres mit Fotos aus meinem Archiv und mit neuen Aufnahmen weiter.