Suchergebnisse Kategorie: Filmbesprechung

Unter dieser Kategorie diskutiere ich die selbst gesehenen aktuellen Kino-Filme, hin und wieder auch einmal einen Klassiker. Um eventuelle Copyright-Ansprüche zu umgehen, sind in der Regel alle Beiträge mit eigenen Fotos versehen.

Im richtigen Kino waren wir nie im falschen Film

Von Friedhelm Denkeler,

Nach einem Jahr der Corona-Pandemie wieder im Kino: Ein Rückblick auf die fünfzehn Filme im zweiten Halbjahr 2021

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« nach dem Roman von Erich Kästner von Dominik Graf mit Tom Schilling und Meret Becker, Foto © Friedhelm Denkeler 2021
»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« nach dem Roman von Erich Kästner von Dominik Graf mit Tom Schilling und Meret Becker, Foto © Friedhelm Denkeler 2021

Bedingt durch die Corona-Pandemie gab es hier im Blog in der Kategorie »Filme« fast zwei Jahre keine Besprechungen von neuen Filmen mehr. Und die 15 Filme, die wir im zweiten Halbjahr 2021 nach der Wiedereröffnung der Kinos sahen, habe ich auch vernachlässigt. Aber zum Jahresende will ich sie in Kurzform doch einmal erwähnen. Alle Filme sahen wir in den Berliner Yorck-Kinos. Deren Motto »Im richtigen Kino bist du nie im falschen Film« hat sich bewahrheitet: Alle Filme waren sehenswert.

  • »Der Rausch« von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen. Die Sozialsatire handelt von vier befreundeten Lehrern, die aus Frustration gemeinsam ein ›Trinkexperiment‹ starten, um wieder motiviert vor ihre Schüler treten zu können.
  • »Ich bin dein Mensch« von Maria Schrader. Die melancholische Komödie handelt von der Begegnung zwischen einer Frau und einem humanoiden Roboter.
  • »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« nach dem Roman von Erich Kästner von Dominik Graf mit Tom Schilling und Meret Becker.
  • »Nebenan« von Daniel Brühl mit Peter Kurth. Daniel trifft auf Bruno. Der ältere Nachbar aus Ost-Berlin hat nur auf diesen Moment gewartet. Bruno selbst sieht sich als Verlierer der Wiedervereinigung, Opfer der Gentrifizierung und will sich an Daniel rächen.
  • »French Exit« Michelle Pfeiffer. Einst war Frances Price sehr reich und in New York sehr bekannt. Nach dem Tod ihres Mannes und der Insolvenz beschließt die Witwe, mit ihrem Sohn Malcolm nach Paris in die leerstehende Wohnung ihrer Freundin zu ziehen. Sie nehmen auch ihre Katze mit; bei dieser handelt es sich um ihren wiedergeborenen Ehemann.
  • »Schachnovelle« von Philipp Stölzl mit Oliver Masucci und Birgit Minichmayr. Der Notar Josef Bartok lebt in Wien. Er wird verhaftet und kommt in Einzelhaft. Er soll die Zugangscodes zu den Reichtümern von Klöstern im Ausland preisgeben, die seine Kanzlei verwaltet. Um der psychischen Folter der Gestapo standzuhalten, lässt er sich auf eine Partie Schach mit dem Gestapo-Mann Franz-Josef Böhm ein.
  • »Dune«. Im Jahr 10191 werden die Harkonnen auf Befehl des Imperators Shaddam vom Wüstenplaneten Arrakis abgezogen, wo sie die letzten 80 Jahre die Spice-Produktion überwacht haben. Bei dem Spice, welches nur dort zu finden ist, handelt es sich wertvollste Substanz im ganzen Universum.
  • »Keine Zeit zu sterben (No Time to Die)« mit Daniel Craig, Christoph Waltz und Léa Seydoux. Der letzte James Bond-Film mit Daniel Craig und er endete mit seinem Tod.
  • »The French Dispatch» von Wes Anderson mit Tilda Swintonm, Bill Murray und Léa Seydoux. Der Chefredakteur von The French Dispatch verfügt in seinem Testament, dass die Zeitschrift nach seinem Tod nicht mehr veröffentlicht werden soll.
  • »Contra« von Sönke Wortmann. Ein Professor droht von seiner Universität zu fliegen, nachdem er eine Jura-Studentin beleidigt hat. Er erhält eine letzte Chance: Wenn es dem rhetorisch begnadeten Professor gelingt, die Erstsemestlerin für einen Debattier-Wettbewerb fitzumachen, wären seine Chancen vor dem Disziplinarausschuss damit wesentlich besser.
  • »Bergmann Island«. Das semi-autobiografische Drama handelt von einem Filmemacher-Paar, das sich zur Arbeit auf die schwedische Insel Fårö zurückzieht, wo einst der gefeierte Filmregisseur Ingmar Bergman  lebte und arbeitete.
  • »Helden der Wahrscheinlichkeit« von Anders Thomas Jensen mit Mads Mikkelsen. Ein Statistiker beschäftigt sich mit Wahrscheinlichkeitsberechnungen. In der S-Bahn bietet der Mathematiker einer Frau seinen Sitzplatz an. Kurz darauf entgleist der Zug und die Frau und viele andere kommen ums Leben. Er ist davon überzeugt, dass es kein Unfall war.
  • »House of Gucci« von Ridley Scott mit Al Pacino, Jeremy Irons und Salma Hayek. Lady Gaga übernahme die Rolle der Patrizia Reggiani, die ihren Ex-Ehemann Maurizio Gucci und damaligen Chef des gleichnamigen Modehauses, gespielt von Adam Driver, ermorden ließ.
  • »Don‘ Look Up« von Adam McKay mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Ariana Grande und Meryl Streep. Ein komödiantisches What-if-Weltuntergangsszenario.
  • »Annette« von Leos Carax mit Adam Driver und Marion Cotillard. Die Geburt ihres ersten Kindes, Annette, stellt das Leben des Stand-up-Comedian Henry und die Opernsängerin Ann auf den Kopf. Das kleine Mädchen hat ein geheimnisvolles Talent und erwartet ein außergewöhnliches Schicksal.
»Der Rausch« von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen, Foto © Friedhelm Denkeler 2021
»Der Rausch« von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen, Foto © Friedhelm Denkeler 2021

Wir sehen nur das, was wir sehen wollen

Von Friedhelm Denkeler,

»Blow Up« – Antonionis Filmklassiker und die Fotografie

Antonionis Film endet, wie sonst Krimis anfangen, weil er diese Beunruhigung mitteilen möchte, weil hinter der Frage, ob auf den Photos nun ein Mord zu sehen war oder ob Thomas nur geträumt hat, die wichtigere Frage wartet, ob dies nicht vielleicht gleichgültig ist. Diese Frage wird von Antonioni beantwortet, denn nicht eine geheimnisvolle Mordgeschichte ist das Sujet seines Filmes, sondern Thomas und seine Arbeit [DIE ZEIT]

Wenn man 1968 vom Land in die Stadt kommt, gibt es erst mal einen großen Nachholbedarf an sehenswerten Filmen. Deshalb beginnt meine Auswahl der gesehenen Filme der ersten West-Berliner Jahre bereits 1966. Aus meinen Tagebuchnotizen 1968 bis 1972 habe ich 14 Filme herausgefiltert, die auch heute noch alle Bestand haben. Die Filme liefen damals nicht im »Kino im Märkischen Viertel« (das gibt es schon lange nicht mehr), sondern in den Berliner Programm-Kinos, wie Lupe 1 und 2, Filmkunst 66, Arsenal, Kant-Kino, Delphi, Kurbel, Filmbühne am Steinplatz, Schlüter-Kino, um nur einige rund um den Kurfürstendamm zu nennen. Das Schlüter-Kino von Bruno Dunst war eines der ältesten Programmkinos Deutschlands und musste 1996 leider schließen.

»Kino im Märkischen Viertel"«, »Ausbruch der Verdammten« mit Gene Hackmann und Jim Brown, Foto © Friedhelm Denkeler 1968
»Kino im Märkischen Viertel«, »Ausbruch der Verdammten« mit Gene Hackmann und Jim Brown, Foto © Friedhelm Denkeler 1968
  • »Blow Up« von Michelangelo Antonioni (1966) mit David Hemmings, Vanessa Redgrave, Jane Birkin, Veruschka Gräfin von Lehndorff und der Musik von Herbie Hancock, The Yardbirds
  • »The Wild Angels« von Roger Corman (1966) mit Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern und den Songs von Davie Allen and The Arrows
  • »Belle de Jour« von Luis Buñuel (1967) mit Catharine Deneuve, Michel Piccoli
  • »Bonnie und Clyde“ von Arthur Penn (1967) mit Warren Beatty, Faye Dunaway, Gene Hackman
  • »Die Reifeprüfung« von Mike Nichols (1968) mit Anne Bancroft, Dustin Hoffman, Katharine Ross mit dem von Simon & Garfunkel eingespielten Soundtrack.
  • »Rosemary’s Baby« von Roman Polański (1968) mit Mia Farrow, John Cassavetes
  • »Easy Rider« von Dennis Hopper (1969) mit Peter Fonda, Dennis Hopper, Jack Nicholson und der Musik von Steppenwolf, The Byrds, The Band, The Jimi Hendrix Experience, u.a.
  • »Spiel mir das Lied vom Tod« von Sergio Leone (1969) mit Henry Fonda, Claudia Cardinale, Charles Bronson, Jason Robards und der Musik von Ennio Morricone
  • »Zabriskie Point« von Michelangelo Antonioni (1970) mit der Musik von Pink Floyd, Patti Page, Grateful Dead, Rolling Stones, u.a.
  • »Decameron« von Pier Paolo Pasolini (1970) mit Franco Citti, Ninetto Davoli und der Musik von Ennio Morricone
  • »The Last Picture Show« von Peter Bogdanovich (1971) mit Jeff Bridges und der Musik von Hank Williams
  • »A Clockwork Orange« von Stanley Kubrick (1971) mit Malcolm McDowell, Patrick Magee
  • »Aguirre, der Zorn Gottes« von Werner Herzog (1972) mit Klaus Kinski
  • »Der diskrete Charme der Bourgeoisie« von Luis Buñuel (1972) mit Fernando Rey, Delphine Seyrig, Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Bulle Ogier.
"Filmplakat Blow Up", Foto © Friedhelm Denkeler 2015
»Plakat zum Film »Blow Up«, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Zum Film »Blow-Up«

Auf dem Höhepunkt der Swinging Sixties bewegt sich der Mode- und Sozialfotograf Thomas (David Hemmings) in London durch die Popkultur der 1960er Jahre. Er gerät auf seinen Streifzügen in ein Konzert der Yardbirds mit Jeff Beck und Jimmy Page, dem späteren Gründer von Led Zeppelin. Während die Band den Titel »Stroll On« spielt, zertrümmert Jeff Beck seine Gitarre und wirft die Einzelteile in das tosende Publikum. Ausgerechnet Thomas, der mit der Trophäe nichts anfangen kann, ergattert sie und wirft sie später weg.

Ursprünglich hatte Antonioni The Who für diese Szene vorgesehen; die lehnten den kurzen Auftritt aber ab. So ließ er die Yardbirds einfach The Who imitieren, einschließlich der Zerstörung von Verstärkern und Gitarren.

Eigentlich besteht Blow Up aus einzelnen Episoden. Für eine Recherche verbringt der Protagonist eine Nacht im Obdachlosenasyl. Später zeigt er die Porträts einem Verleger. Die Fotos, die wir im Film sehen, sind aber in Wirklichkeit von Don McCullin aufgenommen worden. In einer Ausstellung bei C/O-Berlin waren sie 2015 im Original zusehen.

Auch die bildende Kunst der 1960er Jahre in Großbritannien zeigt Antonioni in einer Episode. Thomas besucht seinen Nachbarn, den Maler Bill. Sie diskutieren über seine abstrakte Kunst. Das interessiert natürlich Thomas, denn seine (zu stark) vergrößerten Prints sind gleichermaßen abstrakt. Die Filmfigur Bill basiert auf dem britischen Künstler Ian Stephenson, dessen Gemälde die Ausstellung ebenfalls zeigt.

Don McCullin »Thomas' Blow-ups aus dem Park», 1966, Foto © Friedhelm Denkeler 2015
Don McCullin »Thomas‘ Blow-up aus dem Park», 1966, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

London war in den 1960er Jahren das Zentrum der Modefotografie mit drei bekannten Modefotografen, Black Trinity genannt, David Bailey (der als Vorbild für den Protagonisten dient), Terence Donovan und Brian Duffy. Diese nahmen ihre Models an ungewöhnlichen Orten außerhalb des Studios auf. Die dabei entstandene dynamische Bildsprache war hauptsächlich mit Kleinbildkameras zu realisieren und der Reportage-Fotografie entlehnt.

Natürlich sehen wir Thomas auch bei der Arbeit mit den Models, wie Veruschka von Lehndorff, Jill Kennington und Peggy Moffitt, in seinem Studio. Dabei verwandelt er die Fotosession mit Veruschka in einen quasi-sexuellen Akt. Der Standfotograf Arthur Evans hielt die in Blow Up mitwirkenden Models darüber hinaus in eigenständigen, ebenfalls in der Ausstellung zu sehenden, Modefotos fest.

Von den Studioaufnahmen und den Models ist Thomas gelangweilt, so zieht er, bewaffnet mit seiner NIKON F in der Abenddämmerung durch den Maryon Park und macht heimlich Aufnahmen von einem Liebespaar (Vanessa Reggrave). Beim Vergrößern der Fotos entdeckt er am Rand des Bildes einen Mann, der eine Pistole mit Schalldämpfer hält.

Don McCullin »Thomas' Blow-ups aus dem Park», 1966, Foto © Friedhelm Denkeler 2015
Don McCullin »Thomas‘ Blow-up aus dem Park», 1966, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Auf einem weiteren Foto, scheint er einen reglosen Mann zu sehen. Hat Thomas einen vermeintlichen Mord versehentlich aufgenommen? Also geht er mitten in der Nacht in den Park zurück und findet tatsächlich eine Leiche. Natürlich ist die Leiche am nächsten Morgen verschwunden. Er untersucht nun akribisch das entsprechende Foto und vergrößert es immer weiter bis die vermeintliche Leiche sich in der Körnung des Films auflöst. Ist das Verbrechen vielleicht pure Einbildung? Die Aufnahmen stammen in Wirklichkeit von McCullin und sind gleichfalls im Original zu sehen.

Zum Ende des Films geht Antonioni noch einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion: Er zeigt Pantomimen bei einem imaginären Tennisspiel, wobei Schläger und Ball, die Grundlagen des Spiels, gleich ganz abwesend sind. Mit einem realen Tennispiel hat die Filmzeit 24 Stunden vorher begonnen. Man kann Blow Up heute auf mehrere Arten rezipieren, einmal als Avantgarde, als Statement über die Wirkung von Bildern und deren Betrachtung und als Zeitdokument der 1960er Jahre. Kurz gesagt, ein inzwischen klassisches Meisterwerk.

In Inszenierung, Fotografie und Darstellung hervorragender Film von Antonioni, der die Faszination des Bildes als Abbild tatsächlicher oder vermeintlicher Wirklichkeit und die Möglichkeiten der Manipulation aufzuzeigen versucht und zugleich ein Porträt der Beat Generation zeichnet [Lexikon des internationalen Films]

Undine, der jungfräuliche Wassergeist

Von Friedhelm Denkeler,

Christian Petzold: »Undine» mit Paula Beer als Undine, Jacob Matschenz als Johannes und Franz Rogowski als Christoph

»Delphi-Filmpalast: coronagerechte Verteilung der Zuschauer«, Foto © Friedhelm Denkeler 2020
»Delphi-Palast: coronagerechte Verteilung der Zuschauer«, Foto © Friedhelm Denkeler 2020

In der Mythologie gehört die Meerjungfrau Undine zu den halbgöttlichen Elementargeistern. Sie lebt gewöhnlich in Waldseen oder Wasserfällen. Sie bekommt erst dann eine Seele, wenn sie sich mit einem Menschen vermählt. Einem untreuen Gatten bringt sie allerdings den Tod und sie selber muss ins Wasser zurückkehren, aus dem sie einst gerufen wurde. Anders als die Sagenfigur wehrt sich im Film Undine gegen den Fluch. Sie verliebt sich in Christoph, einem Industrietaucher (!), der in den Talsperren im Sauerland Unterwasserturbinen repariert. Gibt es zum Schluss einen weiteren Toten oder kehrt Undine ins Wasser zurück? Das sollte der Leser selber herausfinden und auf jeden Fall mal wieder ins Kino gehen, um die brachliegende Kinowirtschaft zu unterstützen und mit »Undine« eine zeitgenössische Verfilmung eines alten Mythos zu erleben.

Delphi-Filmpalast mit »Undine« von Christian Petzold, Foto © Friedhelm Denkeler 2020

Nachdem die Lichtspieltheater nach dem Lockdown Mitte März im Juli wieder öffnen durften, geht unsere Kino- Abstinenz erstmal zu Ende. Aber so einfach ist das nicht mehr, zunächst einmal braucht man eine Yorck-Kino-App, die lief auf meinem ›alten‹ Smartphone nicht; also musste nach fünf Jahren ein neues her. Die App zu installieren ging noch zügig, aber die vorhandenen Daten mit der Jahreskarte vom Yorck-Kino zu übernehmen machte schon mehr Schwierigkeiten. Dann ging alles schnell: zwei nummerierte Lieblingsplätze gebucht, QR-Code enthalten, im Kino vorgezeigt und gemeinsam mit 22 Besuchern in einem Saal mit 784 Plätzen, also in vorbildlichem Abstand verteilt, das Öffnen des roten Vorhangs erwartend.

Welchen Film haben wir nun gesehen? Es war »Undine« von Christian Petzold. Die Uraufführung fand bereits am 23.02.2020 während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin statt, dann aber kam der Lockdown. Das Warten hat sich gelohnt. Wir sahen einen ausgezeichneten Film mit Paula Beer als Undine; die für ihre Rolle auf der Berlinale einen Silbernen Bären erhielt. Undine arbeitet als Stadtführerin in Berlin und lebt in einem kleinen, unpersönlichen Apartment. Hinter ihrem gewöhnlichen Leben verbirgt sich aber ein schwerwiegendes Geheimnis. Als sie von ihrem Freund Johannes wegen einer anderen Frau verlassen wird, holt der Fluch sie ein.

»Paula Beer als Undine«, Foto © Friedhelm Denkeler
»Paula Beer als Undine«, Foto © Friedhelm Denkeler

Den Augiasstall ausmisten

Von Friedhelm Denkeler,

Neues Portfolio »Episoden« von Friedhelm Denkeler (4)

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema »Televisionen« stehen. Sie sind alle am Fernsehgerät entstanden. Die vorliegende Arbeit ist in elf Episoden unterteilt, die alle für sich, mehr oder weniger, eine kleine Geschichte erzählen. Diese Geschichten haben nur bedingt etwas mit der Story der zu Grunde liegenden Filme zu tun. Das gesamte Portfolio besteht aus 152 Photographien, unterteilt in elf Episoden. Heute berichte ich über die Episode 3 »Augiasstall« und dem zu Grunde liegenden Film »Der Saustall« und zeige zwei von 14 Photographien aus dieser Episode. Das Vorwort zu den »Episoden« finden Sie in meinem Blog »Journal«. Außerdem wird das Portfolio »Episoden« auf meiner Website LICHTBILDER ausführlicher vorgestellt.

»Augiasstall«, aus «Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1984, Film »Der Saustall« (Coup de torchon/ Clean Slate) von Bertrand Tavernier aus dem Jahr 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 1984
»Augiasstall«, aus «Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1984, Film »Der Saustall« (Coup de torchon/ Clean Slate) von Bertrand Tavernier aus dem Jahr 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Zu Bertrand Taverniers »Der Saustall« (Coup de torchon), 1981

Zu Augias muss ich die griechische Mythologie oder besser gesagt Wikipedia bemühen: Der Sage nach bestand eine der zwölf legendären Aufgaben des Herakles, die er im Auftrag seines Vetters König Eurystheus zu vollbringen hatte, darin, die Rinderställe des Augias auszumisten, in denen die stattliche Anzahl von über 3000 Rindern gehalten worden sein soll. Eurystheus hatte Herakles diese immense Arbeit nicht nur einfach aufgetragen, sondern auch die Bedingung gestellt, dass Herakles damit binnen eines Tages fertig sein musste.

Die Ställe waren schon seit 30 Jahren nicht mehr gereinigt worden und das Ausmisten der Ställe galt deshalb als nicht durchführbar. Augias versprach Herakles dafür den zehnten Teil seiner Rinder, in der Gewissheit, dass niemand die Aufgabe in dieser kurzen Zeit je würde bewältigen können. Herakles erledigte die Aufgabe indem er die Fundamente des Stalls an einer Seite aufbrach und mit Hilfe eines Kanals das Wasser der Flüsse Alpheios und Peneios durch den Stall leitete und somit die Augiasställe säuberte. Augiasstall ist heute hauptsächlich eine sprichwörtliche Bezeichnung für einen unhaltbaren (politischen) Zustand.

Doch jetzt zum Film »Der Saustall«, der kürzlich bei ARTE in der Filmreihe »Ein Abend mit Bertrand Tavernier« zu sehen war. ARTE fasste ihn wie folgt zusammen: Der Kolonialpolizist Lucien Cordier (Philippe Noiret) soll in dem kleinen Ort Bourkassa in Französisch-Westafrika im Jahre 1938 für Ordnung sorgen. In den Augen der anderen Weißen im Ort ist er allerdings nur eine Witzfigur ohne Autorität. Sogar seine Frau Huguette (Stéphane Audran) nennt ihn verächtlich einen Schwächling und betrügt ihn mit Nono (Eddy Mitchell), der sich bei ihr eingenistet hat.

Eines Tages glaubt Cordier, sich bei einem Vorgesetzten Rat holen zu müssen. Dieser Rat fällt recht drastisch aus und ebenso drastisch verfolgt ihn Cordier. Zwei Bordellbesitzer, die ihn lange lächerlich gemacht haben, müssen sich jetzt von ihm erniedrigen lassen. Dann erschießt er sie und wirft ihre Leichen in den Fluss. Mercaillou (Victor Garrivier), dessen Frau Rose Mercaillou (Isabelle Huppert) von Cordier im Bett getröstet wird, ist sein nächstes Opfer.

Und die Liste derer, die noch dran glauben sollen, ist damit keineswegs zu Ende. »Der Saustall« ist eine rabenschwarze Komödie, eine hintergründige Satire auf eine heillose Welt, die nicht als Plädoyer für Selbstjustiz missverstanden werden darf. Es ist vielmehr die vehemente Attacke einer Gesellschaft, in der ein Mensch, der alle Missstände um sich herum beseitigen will, selbst zum Mörder wird. Tavernier hat einen Albtraum inszeniert – schrecklich schön und furchtbar komisch.

Das Portfolio finden Sie als Indexprint mit einem ausführlichen Text auf meiner Website LICHTBILDER (direkter Link zu den »Episoden«). In der nächsten Zeit werde ich zu den einzelnen Episoden und den zu Grunde liegenden Filmen noch weitere Artikel veröffentlichen.

»Augiasstall«, aus «Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1984, Film »Der Saustall« (Coup de torchon/ Clean Slate) von Bertrand Tavernier aus dem Jahr 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 1984
»Augiasstall«, aus «Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1984, Film »Der Saustall« (Coup de torchon/ Clean Slate) von Bertrand Tavernier aus dem Jahr 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Feigen

Von Friedhelm Denkeler,

Neues Portfolio »Episoden« von Friedhelm Denkeler (3)

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema »Televisionen« stehen. Sie sind alle am Fernsehgerät entstanden. Die vorliegende Arbeit ist in elf Episoden unterteilt, die alle für sich, mehr oder weniger, eine kleine Geschichte erzählen. Diese Geschichten haben nur bedingt etwas mit der Story der zu Grunde liegenden Filme zu tun. Das gesamte Portfolio besteht aus 152 Photographien, unterteilt in elf Episoden. Heute berichte ich über die Episode 5 »Feigen« und dem zu Grunde liegenden Film »Das Schweigen« und zeige zwei von 24 Photographien aus dieser Episode. Das Vorwort zu den »Episoden« finden Sie in meinem Blog JOURNAL. Außerdem wird das Portfolio »Episoden« auf meiner Website LICHTBILDER ausführlicher vorgestellt.

»Feigen«, aus dem Portfolio »Episoden«, Film »Das Schweigen« (1963) von Ingmar Bergman, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
»Feigen«, aus dem Portfolio »Episoden«, Film »Das Schweigen« (1963) von Ingmar Bergman, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Zu Ingmar Bergmans »Das Schweigen« aus dem Jahr 1963. Moral und Vernunft gegen Unmoral und Sinnlichkeit

Es war mein erster anspruchsvoller Film in meinem Dorf in Ost-Westfalen – Ingmar Bergmans »Das Schweigen«. Damals war mir das allerdings noch nicht klar und ich habe heute erhebliche Zweifel, ob ich den Film überhaupt verstanden habe. Wie ich es geschafft habe in die Vorführung zu gelangen, daran kann ich mich nicht erinnern; der Film war schließlich erst ab 18 Jahren freigegeben. Die Freigabe des Films durch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sorgte für einen Sturm der Entrüstung und massive Proteste. Daraufhin wollte ich neben den zehneinhalb Millionen deutschen Zuschauer den Film natürlich unbedingt sehen.

Bergmanns Film war wegen der für die Entstehungszeit offenen Darstellung sexueller Handlungen einer der größten Filmskandale der 1960er Jahre und löste eine breite Zensurdebatte aus. Nur in Deutschland und Schweden konnte der Film ungekürzt aufgeführt werden. Als anstößig wurden der Liebesakt eines Paares, der Verkehr Annas mit einem Fremden und die Masturbationsszene der älteren Schwester Ester angesehen. In Frankreich wurde er zunächst ganz verboten; in anderen Ländern erhielt »Das Schweigen« Schnittauflagen. Der Skandal führte zur Gründung der »Aktion Saubere Leinwand«.

Ester (Ingrid Thulin), ihre Schwester Anna (Gunnel Lindblom) und deren etwa 10-jähriger Sohn Johan (Jörgen Lindström) müssen auf der Heimreise nach Schweden ihre Fahrt unterbrechen als Ester einen Zusammenbruch wegen ihrer Bronchitis erleidet. Sie übernachten in der ihnen fremden Stadt Timoka, deren Landessprache sie nicht verstehen, in einem bizarren, alten Hotel. In Timoka finden scheinbar Vorbereitungen für einen Krieg statt, Militärfahrzeuge beherrschen das Bild. Johan erforscht die langen Flure mit einer Spielzeugpistole in der Hand. In einem Aufbäumen gegen ihr Leiden raucht, onaniert und betrinkt sich Ester, bis sie zusammenbricht.

Anna dagegen streunt durch die Stadt und lernt einen Kellner kennen, der ihr Liebhaber wird. Sie wird Zeugin, wie ein Paar während der Vorstellung in einem Kino auf den Sitzen kopuliert. Während Anna und der Kellner sich umarmen, können sie sich sprachlich nicht verständigen, weil keiner die Sprache des anderen beherrscht. Im Grunde genommen geht es, wie so oft in Bergman-Filmen um Entfremdung, Einsamkeit und tiefe menschliche Abgründe, die sich im Verlauf des Filmes unverkennbar auftun. Viele Filme setzten sich mit der Vergeblichkeit des Glaubens auseinander. So auch hier – alle Szenen lassen keinen Zweifel daran, dass Gott diese Menschen sich selbst und ihrem Schicksal überlassen hat, ohne Hoffnung auf Erlösung. Deshalb sollte der Film auch ursprünglich »Das Schweigen Gottes« heißen.

Das Portfolio finden Sie als Indexprint mit einem ausführlichen Text auf meiner Website LICHTBILDER (direkter Link zu den »Episoden«). In der nächsten Zeit werde ich zu den einzelnen Episoden und den zu Grunde liegenden Filmen noch weitere Artikel veröffentlichen.

»Feigen«, aus dem Portfolio »Episoden«, Film »Das Schweigen« (1963) von Ingmar Bergman, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
»Feigen«, aus dem Portfolio »Episoden«, Film »Das Schweigen« (1963) von Ingmar Bergman, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Pomme, die Wäscherin

Von Friedhelm Denkeler,

Neues Portfolio »Episoden« von Friedhelm Denkeler (2)

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema »Televisionen« stehen. Sie sind alle am Fernsehgerät entstanden. Die vorliegende Arbeit ist in elf Episoden unterteilt, die alle für sich, mehr oder weniger, eine kleine Geschichte erzählen. Diese Geschichten haben nur bedingt etwas mit der Story der zu Grunde liegenden Filme zu tun. Das gesamte Portfolio besteht aus 152 Photographien, unterteilt in elf Episoden. Heute berichte ich über die Episode 9 »Pomme, die Wäscherin« und dem zu Grunde liegenden Film »Die Spitzenklöpplerin« und zeige zwei von 18 Photographien aus dieser Episode. Das Vorwort zu den »Episoden« finden Sie in meinem Blog JOURNAL. Außerdem wird das Portfolio »Episoden« auf meiner Website LICHTBILDER ausführlicher vorgestellt.

»Pomme, die Wäscherin«, aus »Episoden«, Film »Die Spitzenklöpplerin« (1977), von Claude Goretta mit Isabelle Huppert, Foto © Friedhelm Denkeler 1984
»Pomme, die Wäscherin«, aus »Episoden«, Film »Die Spitzenklöpplerin« (1977), von Claude Goretta mit Isabelle Huppert, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Zu Claude Gorettas »Die Spitzenklöpplerin« aus dem Jahr 1977

Die Liebe der achtzehnjährigen Béatrice (Isabelle Huppert), genannt Pomme, zum Studenten François (Yves Beneyton) aus höheren Kreisen, scheitert trotz aller Anziehung, an seinem Nicht-Verstehen und ihrer Sprachlosigkeit. Eine feine Studie über die Entfremdung zwischen zwei Menschen, bedingt durch Sprach- und Bildungsbarrieren und die bewegende Geschichte eines klaglosen Verstummens. Béatrice arbeitet als Auszubildende in einem Friseursalon in Paris. Sie ist unscheinbar, schüchtern und verschlossen; ihre einzige und ältere Freundin und Kollegin Marylène (Florence Giorgetti) ist dagegen lebenslustig und extrovertiert.

Als die beiden in einem zu dieser Zeit tristen Badeort Cabourg in der Normandie Urlaub machen, findet Marylène rasch Ersatz für ihren bisherigen verheirateten Liebhaber. Sie lässt ihre Freundin im Ferienapartment allein. Da Béatrice keine Lust hat, am Strand zu liegen, isst sie stattdessen in einem Straßencafé gelangweilt ein Eis. Hier wird sie von François höflich und zurückhaltend angesprochen. Die beiden verlieben sich zaghaft ineinander. Zurück in Paris zieht Béatrice, die bisher bei ihrer Mutter lebte, zu ihm in seine Studentenwohnung. François ist Béatrices erster Freund.

François hofft, dass sich Béatrice mit seiner Hilfe weiterentwickelt. Er versucht, ihr klarzumachen, dass ihre Berufstätigkeit unbefriedigend und schlecht bezahlt sei. Sie hört stumm zu, schließt sich seiner Meinung aber nicht an, sie wäre nicht wirklich unzufrieden mit ihrer Situation, was er nicht akzeptieren kann. Schließlich erkennt er, dass sie beide zu verschieden sind, um gemeinsam glücklich bleiben zu können. Seinen Freunden erklärt er, es sei ganz einfach gewesen mit Béatrice über die Trennung zu reden, denn sie habe sich in keiner Weise verteidigt oder gewehrt.

Beatrice wohnt wieder bei ihrer Mutter. Sie zieht sich noch stärker zurück und wird magersüchtig; sie kommt mit der gescheiterten Liebe nicht mehr klar. Als sie eines Tages zusammenbricht, wird sie in ein Krankenhaus eingeliefert und von dort einige Zeit später in eine psychiatrische Klinik überwiesen. Einmal besucht François sie dort nach vielen Monaten, aber sie hört ihm nur teilnahmslos zu. Sie antwortet auf die Frage, wie es ihr geht, dass sie mit ihrem Freund auf Mykonos die weißen Windmühlen besucht hat. Dann nimmt sie ihre Handarbeit wieder auf. An den Wänden in ihrem Zimmer hängen zwei Plakate aus Griechenland, davon eins aus Mykonos.

Er ging an ihrer Seite, ganz dicht an ihrer Seite, aber er hat sie nie gesehen. Sie war eines jener Wesen, die sich nie bemerkbar machen, die man sorgsam ergründen und behüten muss. Früher hätte sich ein Künstler entschlossen, sie als Stimmungsbild zu malen und hätte sie genannt:  die Näherin, die Wasserträgerin oder die Spitzenklöpplerin. [Schlusszitat aus dem Film »Die Spitzenklöpplerin«]

»Pomme, die Wäscherin«, aus »Episoden«, Film »Die Spitzenklöpplerin« (1977), von Claude Goretta mit Isabelle Huppert, Foto © Friedhelm Denkeler 1984
»Pomme, die Wäscherin«, aus »Episoden«, Film »Die Spitzenklöpplerin« (1977), von Claude Goretta mit Isabelle Huppert, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Ein mörderischer Sommer

Von Friedhelm Denkeler,

Lady in Red – Drei Televisionen. Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website LICHTBILDER.

In einem südfranzösischen Dorf taucht eine schöne junge Frau auf: Eliane (Isabelle Adjani). Wo sie auf ihren Stöckelschuhen im dünnen, kurzen Kleid zu sehen ist, bringt sie die Männer um den Verstand. Schließlich heiratet sie den schüchternen Automechaniker Pin-Pon (Alain Souchon), der nicht ahnt, was Eliane wirklich bewegt …

Der Film »Ein mörderischer Sommer« (L’été meutrier) von Jean Becker machte Isabelle Adjani 1983 über Nacht weltberühmt. Ich kenne sie bereits aus dem 1975 entstandenen Film »Die Geschichte der Adèle H.« von François Truffaut, in dem sie die Tochter von Victor Hugo spielt. Ähnlich wie in Roman Polanskis Thriller »Der Mieter« (1976) waren ihre Rollen immer die einer am Rande des Wahnsinns stehenden Frau. Mit dem Film »Ein mörderischer Sommer« hatte sich ihr Image von der Komödiantin zur femme fatale gewandelt.

Aus der Serie "Am Fenster", Foto © Friedhelm Denkeler 1987
Aus der Serie Lady in Red – Drei Televisionen, Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Der Film erzählt die Geschichte von der 19-jährigen Eliane, die versucht, ihre Mutter, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, zu rächen und daran zerbricht. Zunächst fällt sie durch ihr exaltiertes Benehmen und ihre freizügige Kleidung auf.

Die Männer begehren sie und auch Pin-Pon verdreht sie den Kopf. Eines Tages kommt Eliane überraschend in Pin-Pons Werkstatt unter dem Vorwand, ein Fahrrad reparieren zu lassen. Sie verabreden sich.

Was hat das nun mit meiner kleinen Szene »Am Fenster« zu tun? Als Pin-Pon vor ihrem Haus zur verabredeten Zeit erscheint, zeigt sich Eliane am Fenster und macht verschiedene Vorschläge, was sie anziehen soll. Dazu zieht sie im offenen Fenster ihr T-Shirt aus und ein Kleid an.

Nach der Verabredung verbringen sie eine Nacht in der Scheune von Pin-Pons Eltern. Dort entdeckt sie ein ramponiertes elektrisches Klavier mit der Aufschrift M, das sie auf die Spur der Vergewaltiger ihrer Mutter führt. Sie will sich mit einer arglistig eingefädelten Intrige rächen.

Eliane bedrängt immer wieder ihren Stiefvater bis dieser gesteht, die Vergewaltiger schon vor langer Zeit umgebracht zu haben. Die Vorstellung, dass ihr Leben nach der vollzogenen Rache wieder so sein würde, wie in ihrer glücklichen Kindheit, erfüllt sich nicht. Die Verstrickung in ein Verbrechen, dem sie ihr Leben verdankt und die angespannte Beziehung zu ihrer traumatisierten Mutter und die Sinnlosigkeit ihrer eingefädelten Rache bringen Eliane um den Verstand. Sie wird in eine Heilanstalt gebracht.

Auf meiner Website finden sie 40 ausgewählte Photographien aus der Serie »Lady in Red«. Die Bilder sind auch als gedrucktes Künstlerbuch mit 52 Seiten im Format 30×30 cm erschienen (2018). Den ersten Artikel zu »Lady in Red – Drei Televisionen« finden Sie hier.

Kein Happy End!

Von Friedhelm Denkeler,

Michael Hanekes aktueller Film »Happy End« – Eine böse Momentaufnahme einer großbürgerlichen Familie

Ein Bagger baggert stumpfsinnig vor sich hin; eine Spundwand stürzt ein; zwei Dixieklos – eines war von einem Arbeiter besetzt – stürzen in die Tiefe; ein Hamster stirbt an einer Überdosis Antidepressiva, gefilmt mit dem Smartphone; eine Frau fällt ins Koma; ein Großvater – der reichste Unternehmer der Stadt – will sich umbringen, aber es klappt nicht; ein Mädchen mischt seiner Mutter Gift ins Essen; die schöne Verlobungsfeier wird durch eine Gruppe afrikanischer Migranten gestört; eine zusammensitzende Familie schweigt sich beim Essen an; ein Sohn will die Firma des Vaters nicht übernehmen; eine Umarmung sieht wie eine Zwangsmaßnahme aus; indirekt sieht man den »Dschungel«, das von Migranten bewohnte Zeltlager in Calais.

»Straße ins Wasser – oder: kein Happy End«, aus dem Portfolio »Harmonie eines Augenblicks«, Foto © Friedhelm Denkeler 1983.
»Straße ins Wasser – oder: kein Happy End«, aus dem Portfolio »Harmonie eines Augenblicks«, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

Diese Szenen geben in Michael Hanekes »Happy End« mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant, nur eine Richtung vor: Es geht abwärts. Alles ist sehr ernst, aber oft auch sehr komisch; eine schwarze Komödie um eine großbürgerliche Familie. Statt einer Familie aus dem Bilderbuch, sehen wir eine aus dem Horrorkabinett. Der Zuschauer bekommt einen Blick hinter die Fassade, die aus Überdruss am Leben und Sex, Mord- und Selbstmordgedanken besteht. Das Finale stellt die Frage: Ist ein Ende mit Schrecken nicht wirklich besser als ein Schrecken ohne Ende?

Man kann dieses sardonische Gesellschaftsporträt auch als ein Statement zur Lage in Europa sehen. Das Private hängt mit dem Öffentlichen und das Persönliche mit dem Politischen zusammen. Als Sinnbild für die feudalen Verhältnisse steht die weiße Oberschicht, die sich afrikanische Bedienstete hält, die man von Sklaven kaum unterscheiden kann. Der Anwalt bietet der Familie des verunglückten Arbeiters 35.000 Euro an, dafür bekommt man nicht mal einen gebrauchten Porsche. Die ersten Wände stürzen ein und die ersten fallen in die selbstgegrabene Grube. Wieder einmal trifft es die Falschen. Happy End ist eine sehenswerte Dystopie, es ist einer der Filme des Jahres 2017.

Das Problem ist, dass das Problem das Problem ist

Von Friedhelm Denkeler,

Matti Geschonneck zeigt »In Zeiten des abnehmenden Lichts« unspektakulär den Verfall der DDR

Als am 1. Oktober 1989 der DDR-Funktionär Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) an seinem 90. Geburtstag einen Empfang gibt, antwortet er auf die Frage, wie er die politische Lage in der DDR einschätzt »das Problem ist, dass das Problem das Problem ist«. Bruno Ganz spielt seine Rolle als starrsinniger Altstalinist ganz hervorragend, aber ebenso lobend hervorzuheben sind Ausstattung und Requisite; so eine perfekt verfallene, so lebendig vollgestopfte, so ›schöne‹ Villa, hat man selten gesehen. Der Film von Matti Geschonneck (»Sommer vorm Balkon«) handelt vom Ende einer Illusion, von der Auflösung eines Staates, vom Verlust der Heimat und von Idealen.

Filmplakat »In Zeiten des abnehmenden Lichts« mit Bruno Ganz, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Filmplakat »In Zeiten des abnehmenden Lichts« mit Bruno Ganz, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

»kunstundfilm« urteilt, der Film »bündelt wie unterm Brennglas die vielschichtigen und widersprüchlichen Biografien und Mentalitäten, welche die Einzigartigkeit der DDR ausmachten. Ihr vermessener Anspruch, das bessere Deutschland zu sein, wird im Augenblick des Dahinscheidens am kenntlichsten: nicht als Polit-Theorie, sondern im Streben und Scheitern ihrer Bewohner – ihre Wünsche und Enttäuschungen wirken bis heute nach. Das ist großes Kino zur Zeitgeschichte, das dem Publikum seine Herkunft nuanciert vor Augen führt. Was hierzulande leider selten vorkommt: Es ist ja viel einfacher, auf tote Nazis einzudreschen.« Am 7. Oktober 1989 wurde in der DDR der 40. Jahrestag ihrer Gründung gefeiert. Es war ihr letzter.

Wenn der Hase Haken schlägt …

Von Friedhelm Denkeler,

»Beuys« – Ein Dokumentarfilm von Andres Veiel. Dokumentarfilme sind in Zeiten der Klickraten wichtiger denn je.

Immer, wenn Beuys vermeintlich in die Enge getrieben wird, schlägt er plötzlich einen Haken, lacht, entspannt die Situation. [Andres Veiel]

Andres Veiel hat aus teilweise unbekanntem Archivmaterial einen Dokumentarfilm über die künstlerischen und politischen Ideen des Künstlers Joseph Beuys (1921-1986) gedreht. Der Film lief im Wettbewerb der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin; damit ist Veiel (*1959) der erste Deutsche, der es mit einer Dokumentation in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat.

»Beuys oder nicht Beuys – Das ist hier die Frage«, Foto © Friedhelm Denkeler 2008
»Beuys oder nicht Beuys – Das ist hier die Frage«, Foto © Friedhelm Denkeler 2008

»Wir leben in Zeiten schneller Schlagzeilen, in der ein ungeheurer Produktionsdruck herrscht. Für Klickraten ist es nicht mehr wichtig, ob eine Nachricht wahr ist. Sie kann auch einfach nur ein Weltbild möglichst polarisierend in die Öffentlichkeit drücken. Darin liegt aber eine gigantische Chance für den Dokumentarfilm, denn er tut genau das Gegenteil. Er hat das Privileg, sich über einen langen Recherchezeitraum mit einem komplexen Thema zu beschäftigen. Das Ergebnis ist ein Kondensat von präzise erzählter Wirklichkeit.« [Andres Veiel]

Beuys hat in den 1960er- und 1970er-Jahren die richtige Frage gestellt: Sind wir dazu befähigt, die Zukunft und die Gesellschaft zu gestalten? Seine Antwort war, jeder Mensch ist ein Künstler, also hat jeder die Fähigkeit die Gesellschaft zu gestalten und sollte es auch tun. Ein neues Geld- und Wirtschaftssystem forderte er; diesem Wunsch kann man gut folgen, doch selbst mit 30 Jahren Abstand weiß man nicht, welches System er nun eigentlich meinte und wie es zu erreichen wäre. Was könnten wir heute besser machen? Ohne letztgültigen Interpretationsanspruch kreist die Dokumentation um den Aktionskünstler, der die alte Bundesrepublik herausforderte.

Das endgültige Porträt oder: Selbst 2+3, Giacometti 3+1

Von Friedhelm Denkeler,

»Final Portrait« von Stanley Tucci mit Geoffrey Rush

Erfolg ist der Nährboden des Zweifels [Giacometti im Film »Final Portrait«]

»Es gibt wenige Künstler, deren Werk so geschätzt wird wie Alberto Giacometti (1901 – 1966) mit seinen hageren Skulpturen. Der gebürtige Schweizer wird als wichtigster Bildhauer des 20. Jahrhunderts angesehen und wurde bereits zu Lebzeiten kultisch verehrt. Wo immer seine schmalen, geisterhaften Plastiken zu sehen waren, drängelten sich die Besucher.

"Selbst 2+3 mit Giacometti 3+1" (Berggruen-Museum, Berlin), aus "Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Selbst 2+3 mit Giacometti 3+1«, Berggruen-Museum, Berlin, aus »Schatten und Spiegel«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Zugleich gab es wohl wenige Künstler, die so mit sich und ihrer Kunst gehadert haben, wie Giacometti. Er war ein Grübler, ein introvertierter Grantler, ein Suchender, niemals zufrieden. Dass dieser zerstörerische Hang zum Selbstzweifel durchaus komische Züge haben kann, wenn er auf ehrliche Bewunderung und eine nüchterne Betrachtung der Dinge trifft, ist die Ausgangssituation von Stanley Tuccis Final Porträt«. [rbb]

Für ein paar Stunden nur möchte Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) den amerikanischen Schriftsteller und Kunstliebhaber James Lord (Armie Hammer) in seinem Pariser Hinterhaus-Atelier porträtieren. Doch die Sitzungen arten aus, werden unterbrochen durch Wutausbrüche; das bereits fertig gestellte Porträt wird immer wieder verworfen und übermalt. Gefühlte zwanzigmal muss James Lord seinen Heimflug verschieben bis er mit einem Trick das Bild für eine Ausstellung in New York mitnehmen kann.

Unterbrochen werden die Sitzungen durch eheliche Streitigkeiten, Schäferstündchen mit der Dauergeliebten, den Appetit auf hartgekochte Eier im Bistro um die Ecke und Spaziergänge über den Friedhof Père Lachaise. Die Rolle Giacomettis ist Rush auf den Leib geschrieben, man glaubt den Künstler leibhaftig vor sich zu haben. Der Film spielt 1964, zwei Jahre vor Giacometti Tod in herrlichen Farben und Pariser Lokalkolorit und es war tatsächlich sein letztes Porträt.

SAVAGES – SUVAGES – SUVKEES – FUVKERS

Von Friedhelm Denkeler,

»The Dinner« von Oren Moverman mit Richard Gere

»In The Dinner geht es um ein Abendessen, das den Blick auf das poröse Innenleben einer US-Familie freilegt. Zwei Brüder treffen sich mit ihren Frauen (Laura Linney, Rebecca Hall) im Luxusrestaurant zur Aussprache. Der eine, Paul (Steve Coogan), ist Geschichtslehrer; der andere, Stan (Richard Gere), ein Politiker, der als Gouverneur kandidiert. Der Film will die Protagonisten ihrer moralischen Defizite überführen: Sei es in Rückblenden, die szenenhaft Ursachen für Misstrauen und Wut umreißen, sei es über das Verbrechen zweier Söhne, das aus dem Hintergrund langsam ins Zentrum des Films rückt.« [Der Standard]. The Dinner liefert gut gemachte Film-Hausmannskost.

jehnny Beth, Savages (Ausschnitt aus dem Video «Fuckers«), Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Jehnny Beth von Savages, Ausschnitt aus dem Video «Fuckers«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eine Neuentdeckung ist für mich die tolle Musik einer britischen Frauen-Band aus London. Man kann die Musik von Jehnny Beth (Sängerin; eigentlicher Name Camille Berthomier), Gemma Thompson (Gitarre), Ayse Hassan (Bass) und Fay Milton (Schlagzeug) als Post-Punk bezeichnen. Im Abspann des Films »The Dinner« lief der Song »Fuckers« von »Savages« Er stammt von ihrer 2014 erschienen gleichnamigen Maxi-Single. Das Stück dauert 10 Minuten.

So ein geniales Stück von rebellischen Frauen habe ich lange nicht gehört. Es muss unbedingt in einer größeren Lautstärke gehört werden, denn das Stück beginnt sehr leise mit dem fast flüsternden Gesang von Jehnny Beth und steigert sich immer mehr in eine, entsprechend des Bandnamens, große Wildheit.

Die Art von Crescendo finden wir in vielen bekannten Rockballaden: bei Jim Morrison (The Doors) mit »The End«, Deep Purple mit »Child in Time« oder Led Zeppelin mit »Stairway to Heaven«. Sie weisen alle ein Länge von ca. zehn Minuten auf oder sogar, wie bei Iron Butterfly mit »In-A-Gadda-Da-Vida« über 17 Minuten. Als klassisches Vorbild sei der »Boléro« von Maurice Ravel, der auch um die zehn Minuten dauert, genannt.