Nur Liebende bleiben am Leben – Funnel Of Love

Von Friedhelm Denkeler,

1960 (2) – Wanda Jackson: »Funnel Of Love«. Fritz Rau hatte den Blues … und brachte die Rockmusik nach Deutschland.

Nur Menschen mit einer großen Liebe zu Musik und Büchern bleiben am Leben – so könnte man Jim Jarmuschs Film »Only Lovers Left Alive« auch beschreiben, denn er lebt zu großen Teilen von der Musik und den Leidenschaften eines Rock-Nerds namens Adam (Tom Hiddleston) und seiner Bücher verschlingenden und überaus gebildeten Gattin Eve (Tilda Swinton). Haben wir nun einen vampiristischen Musikfilm oder einen musikalischen Vampirfilm für Bildungsbürger gesehen? Hier soll es um die Musik im Film gehen, die auch inhaltlich einen Schwerpunkt bildet. Mit den klassischen Vampir-Filmen und den neumodischen Teenie-Soaps desselben Themas hat Jarmuschs Film jedenfalls nichts gemein.

»Adams Haus«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Adams Haus«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Musik spielte in den Filmen von Jim Jarmusch immer schon eine große Rolle (John Lurie, Tom Waits, Iggy Pop). Diesmal hören wir einen wunderbaren Soundtrack, der herrlich stimmig auf Bilder und Handlung Bezug nimmt; eine wilde Mischung aus Country, Sixties Soul, Rock, Garage Punk und Paganinis Geigen. Die moderne Rockmusik, die Adam im Film spielt, stammt von Jarmuschs eigener Band »Sqürl«. Der Film beginnt aber mit einem Track aus dem Jahr 1960 von Wanda Jackson. Die Kamera kreist traumhaft über Adam und Eve, überblendet durch einen Plattenspieler, auf dem sich eine Single dreht: Wanda Jackson mit »Funnel Of Love«.

Die Rockabilly- und Country-Sängerin Wanda Jackson (*1937, Oklahoma) war die erste Frau, die ›wilde‹ Musik in den 1960er Jahren machte (wenn nicht noch schlimmere Ausdrücke damals verwendet wurden) und sie ging mit Elvis Presley auf Tournee. Ihre rauhe Männerstimme kam bei den prüden US-Amerikanern nicht gut an; sie hatte ihre größten Erfolge im Ausland. In Deutschland war der Schlager »Santo Domingo« (1965) ihr stärkster Triumph. Mein Lieblingssong von ihr aber ist »Let’s Have A Party« (1958). Anfang der Sechziger war er auf jeder Party ein Muss. Kein Wunder, es war hochkarätiger Rock ’n’ Roll, denn begleitet wurde Jackson durch die Musiker von Gene Vincent.

Sein erstes Jazz-Konzert veranstaltete Fritz Rau 1955 mit Albert Mangelsdorff. Seit 1963 arbeitete er mit Horst Lippmann in der Konzertagentur »Lippmann & Rau« zusammen. Die Tourneen der Rolling Stones organisierte er ab 1970 und zum Dank erhielt Rau von ihnen ein silbernes Tablett mit der Inschrift »To Fritz with Thanks from the Rolling Stones«. Sein Lieblingslied war und blieb natürlich ein Bluessong aus dem Jahr 1960 von dem er sagte, den »könnt ihr einem Marsmenschen vorspielen, und sofort würde der begreifen, was Blues ist«, es ist »Five Long Years« von Muddy Waters.

Die Großen des Jazz und Blues, wie Ella Fitzgerald, Nat King Cole, Duke Ellington, Muddy Waters, Miles Davis, Janis Joplin und später die Heroen des Rock und Pop, wie The Doors, Frank Zappa, Jimi Hendrix, Bob Dylan, The Who, Queen, Tina Turner, Madonna, Bruce Springsteen und viele andere holte Fritz Rau nach Deutschland. Aber genau so engagiert setzte er sich auch für die deutsche Rock- und Popmusik, wie Udo Lindenberg und Peter Maffay, ein. Wahrscheinlich wusste Rau selber nicht, wie viele Konzerte er veranstaltet hat; an die 6000 sollen es gewesen sein. 2004 zog sich Fritz Rau dann aus dem aktiven Geschäft zurück; im August 2013 ist er im Alter von 83 Jahren im Taunus gestorben.

Songtext – Wanda Jackson: »Funnel Of Love«

Here I go,
Falling down, down, down,
My mind is a blank,
My head is spinning around and around,
As I go deep into the funnel of love.

It's such a crazy, crazy feeling,
I get weak in the knees,
My poor old head is a reelin',
As I go deep into the funnel of love.

I tried and I tried, to run and hide,
I even tried to run away,
You just can't run from the funnel of love,
It's gonna get you someday.
It's such a crazy, crazy feeling,
I get weak in the knees,
My poor old head is a reelin',
As I go deep into the funnel of love.

I tried and I tried, to run and hide,
I even tried to run away,
You just can't run from the funnel of love,
It's gonna get you someday.

Here I go, falling down, down, down,
My mind is a blank,
My head is spinning around and around,
As I go deep into the funnel of love,
Deep into the funnel of love.  

Anmerkung zur Kategorie »Siebzig Jahre – Siebzig Songs»

Hier finden Sie Beiträge zu Songs und ihren Interpreten aus 70 Jahren Rock- und Pop-Geschichte 1946 bis 2016. Alle im Text erwähnten Songs sind als Video oder Audio auf den bekannten Musik-Portalen wie YouTube, Vimeo, etc. zu finden. Jeder Artikel ist ein Auszug aus meinem geplanten Künstlerbuch »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«.

Die letzten Beiträge zu »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«

Den Frauen auf St. Pauli gewidmet …

Von Friedhelm Denkeler,

Bildband und Ausstellung: Enno Kaufhold: »St. Pauli Fotografien 1975 – 1985«

Bildband: Enno Kaufhold: »St. Pauli Fotografien 1975 – 1985«, Foto: Junius-Verlag
Bildband: Enno Kaufhold: »St. Pauli Fotografien 1975 – 1985«, Foto: Junius-Verlag

Nach vier Jahrzehnten Wartezeit wurden die Aufnahmen des Berliner Fotografen und Fotohistorikers Enno Kaufhold  von der Hamburger Reeperbahn jetzt mit einer Ausstellung und der Herausgabe eines Bildbandes erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Kaufhold stand und steht der damals so genannten neueren sozialkritischen Fotografie nahe. Der Stadtteil St. Pauli mit seiner Durchmischung aus alltäglichen Wohn- und Lebenssituationen und dem Rotlichtmilieu drängte sich nahezu auf.

Es sollten möglichst authentische Bilder entstehen, deshalb setzte Kaufhold seine Kamera versteckt und ausschließlich bei Tageslicht ein. Von Beginn an stand für ihn fest, dass er seine Fotografien erst lange Zeit später veröffentlichen würde können. Kaufholds Bilderschatz ist eine unvergleichliche Hommage an das St. Pauli der 1970er und 1980er Jahre und ein Zeitdokument sondergleichen. Enno Kaufhold hat seine Bilder den Menschen, insbesondere den Frauen, von St. Pauli gewidmet.

Die Schlagwörter Kontakthof, Eros-Center, Peep-Show, Zum Goldenen Handschuh, Zur Ritze, Davidswache, Reeperbahn, Große Freiheit, Herbertstraße, Millerntorplatz, Hans-Albers-Platz, Café Keese, Café Lehmitz, um nur einige zu nennen, stehen auch noch heute für St. Pauli und die Reeperbahn. Kaufhold zeigt Bilder von Menschen und Etablissements, die den legendären Ruf des Kiezes in den späten 1970er-Jahren ausmachten: ungeschminkt, wild, ehrlich, sinnlich und authentisch.

Seine Chronik stellt unverfälschte Alltagsszenen der Bewohner, Zuhälter, Prostituierten und Lebenskünstler einer längst vergangenen Zeit dar. Einen Tag nach der Vernissage führte Enno Kaufhold  wiederum bei Tageslicht eine kleine Gruppe Interessierter durch den Kiez (dasselbe geschah auch für Sat1). Die Orte ließen sich wiedererkennen bzw. rekonstruieren; es fehlten aber die Menschen von damals.

Das perfekt gestaltete und gedruckte, bildgewaltige Buch (31×23 cm) mit 220 ganz- und doppelseitigen Bildern in schwarzweiß aus dem Junius-Verlag lässt sich im Schnelldurchgang auf YouTube ansehen. Es hat das Potential zum Fotobuchklassiker und ist deshalb ein Muss in jeder Sammlung künstlerischer Fotobücher. Noch bis zum 20. Januar 2022 werden die Bilder in der Freelens-Galerie, am Alten Steinweg 15 in 20459 Hamburg, ausgestellt.

Ausstellungseröffnung in der Freelens-Galerie, Hamburg, 25. November 2021, Foto © Friedhelm Denkeler 2021
Ausstellungseröffnung in der Freelens-Galerie, Hamburg, 25. November 2021, Foto © Friedhelm Denkeler 2021

Der Kaiser hat neue Kleider, hat aber nichts an!

Von Friedhelm Denkeler,

Zwiespältig – Kunst oder Agitprop? Zanele Muholi im Berliner Gropius Bau.

»Was!« dachte der Kaiser. »Ich sehe gar nichts! Das ist ja schrecklich. Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte!« — »Oh, es ist sehr hübsch!« sagte er.

Einst lebte – und lebt noch heute – ein Fotograf im südlichen Afrika. Er machte schöne Bilder von schönen Menschen aus seiner Community. Und wie jeder Künstler fotografierte er sich gerne selber. Die Fotos waren perfekt und absolut professionell. Eines Tages reichte ihm das nicht mehr, er fing an, ein ganzes Konvolut von Wörtern und Sätzen um die Bilder herum zu schaffen.

Das kam in der Community und weltweit gut an, da diese Vorgehensweise dem Trend der Zeit, unter dem Motto »Wir wollen Kunst neu denken», entsprach. Seine Bilder wurden in Kapstadt, Johannisburg, Venedig, London, Wien, Eindhoven, Kassel und in Berlin ausgestellt. Alle Kritiker waren voll des Lobes. Wie wir alle wissen, ging die Geschichte »Des Kaisers neue Kleider« gut aus; ein kleines Mädchen sagte dazu: »Aber er hat ja nichts an!«

Geschäftshaus, Köln. An der Fassade befinden sich Skulpturen, die Szenen aus der Märchen »Des Kaisers neue Kleide«  darstellen. Quelle: Wikipedia
Skulptur mit einer Szene aus »Des Kaisers neue Kleider« an der Fassade eines Geschäftshauses in Köln, © Raimond Spekking, Wikimedia/CC BY 4.0. Bilder von Zanele Muholi finden Sie im Netz z.B. mit ECOSIA

So ähnlich erging es mir beim Besuch der Überblicksausstellung von Werken von Zanele Muholi im Martin-Gropius-Bau in Berlin (noch bis zum 13. März 2022). Zanele Muholi bezeichnet sich selbst als »visuelle*r Aktivist*in« und dokumentiert seit den frühen 2000er Jahren das Leben der Schwarzen »LGBTQIA+«-Community in ihrer Heimat in Südafrika. In ihren Texten (Bildlegenden, begleitender Text in der Ausstellung) ist viel über Sexualpolitik, rassistische Gewalt und gemeinschaftlichen Widerstandshandlungen die Rede.

Das ist in den Fotografien allerdings nicht zu sehen; insbesondere zeigen die Porträts Menschen!! Muholis Fotografie ist keine dokumentarische, soziale Fotografie, sondern der künstlerischen Fotografie zuzurechnen. Aber aufgrund der überstülpenden Texte, verließ ich die klassische Kunstausstellung mit zwiespältigen Gefühlen.

Den »Genossen Trend« kennen wir heute aus der Wirtschaft und Politik und insbesondere von der Film- und Kunstförderung. Um mehr Förderung zu bekommen, muss heutzutage eine bestimmte Anzahl von Frauen, People of Color, LGBTQs, Migranten, Flüchtlinge, Behinderte, Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen, dabei sein, unabhängig von der sozialen Demografie und der künstlerischen Qualität. Damit hat man dann seine Pflicht erfüllt.

Es gibt aber noch eine andere Art von Diversität, die gute Kunst ausmacht, die von persönlichen Erfahrungen. Diese ist oftmals komplexer, kontroverser und auch nicht so ohne weiteres vermittelbar oder beschreibar. In einem qualitativ guten Bild schwingt stets etwas mit, das sich nicht in Worte fassen lässt oder wie Susan Sontag es ausdrückt »Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen«. Viele Worte oder Interpretationen sind dann nicht notwendig. Dieses Qualitätsmerkmal vermisse ich in der Ausstellung von Zanele Muholi.

Im strengsten Sinne sind alle Bewusstseinsinhalte unnennbar. Selbst die einfachste Wahrnehmung ist in ihrer Totalität unbeschreibbar. Jedes Kunstwerk muss daher nicht nur als etwas Dargestelltes verstanden werden, sondern gleichzeitig als ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. In den größten Kunstwerken schwingt stets etwas mit, das sich nicht in Worte fassen lässt, etwas von dem Widerspruch zwischen dem Ausdruck und der Gegenwart des Unausdrückbaren. Stilmittel sind immer auch Methoden der Vermeidung. Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen. [Susan Sontag, in »Against Interpretation«]

Zwei mitternächtliche Kanonenschläge vor 60 Jahren – Adolf Tegtmeier: »Dat is vielleicht ein Dingen!«

Von Friedhelm Denkeler,

Jürgen von Manger als Schwiegermuttermörder und eine Installation zum Jahreswechsel 1961/1962

»Silvester 1961 und zwei Kanonenschläge«, Foto © Friedhelm Denkeler 1961
»Silvester 1961 und zwei Kanonenschläge«, Rahden-Varl, Ost-Westfalen, Foto © Friedhelm Denkeler 1961

Silvester 1961, vor genau 60 Jahren also, hörten wir die erste Sendung von Jürgen von Manger (*1923, † 1994) im Radio – der Norddeutsche Rundfunk brachte den Schwiegermuttermörder im Ruhrgebiets-Dialekt. Die Sprache war mir sehr vertraut, denn meine Eltern stammten aus Dortmund, meine Verwandten wohnten in Castrop-Rauxel und Lüdenscheid. Jürgen von Manger stellte die Sprache der Ruhrgebiet-Bewohner bis ins Komische dar. In den nachfolgenden Jahren bis in die 1980er Jahre habe ich seine Auftritte im Fernsehen als Kultfigur Adolf Tegtmeier immer wieder gerne gesehen. Tegtmeiers Mimik allein war schon sehr eigentümlich und einmalig. Also ääährlich!

1961 also bereitete ich mich auf den Jahreswechsel mit einer Installation vor, bestehend aus zwei mit kleinen Knallern gefüllten Mini-Kanonen. Was genau dann um Mitternacht passierte, ist leider nicht überliefert. Ein zufriedenes und gesundes Jahr 2022 wünscht Friedhelm Denkeler. Jürgen von Manger: Der Schwiegermuttermörder.

Früher war mehr Lametta!

Von Friedhelm Denkeler,

Ein Weihnachtsbaum vor sechs Jahrzehnten – mit Lametta aus Stanniol und echten Kerzen.

»Früher war mehr Lametta! Weihnachten 1961», Foto © Friedhelm Denkeler 1961
»Früher war mehr Lametta! Weihnachten 1961», Rahden-Varl, Ost-Westfalen, Foto © Friedhelm Denkeler 1961

Meine 60 Jahre alte Photographie liefert den Beweis – früher war mehr Lametta und vor allen Dingen war der Baum mit echten Kerzen ausgestattet. Loriot’s Opa Hoppenstedt hat den Spruch zwar doppeldeutig gemeint, aber in dem Sketch Weihnachten bei Hoppenstedts kommt der Baum naturfrisch und umweltfreundlich, also ohne Lametta aus Stanniol, daher und natürlich kippt er beim Schmücken um. Opa will jetzt endlich sein Geschenk haben und Enkel ›Dicki‹ sagt ein Weihnachtsgedicht auf: Zicke Zacke Hühnerkacke. Fröhliche Weihnachten! Siehe auch mein Weihnachtsartikel 2010 David Bowie besucht Bing Crosby zu Hause.

Der Schatten des Photographen

Von Friedhelm Denkeler,

Ein neues Portfolio auf meiner Website LICHTBILDER: »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«.

»Flucht aus dem Paradies« (Nicolas Roeg: »Walkabout«, GB/Australien 1971), Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1989
»Flucht aus dem Paradies« (Nicolas Roeg: »Walkabout«, GB/Australien 1971), Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Meine erste Erinnerung an das Phänomen des Schattens habe ich durch eine Photographie, auf der meine Großmutter zu sehen ist. Das Bild mit Wilhelmine Augusta Meinert, eine in Borchersdorf, Kreis Neidenburg/Ostpreußen am 3. Oktober 1883 geborene Plewka, ist im Jahr 1940 in Ost-Westfalen entstanden. Meine Großeltern wohnten damals in der Ortschaft Varl im Kreis Minden-Lübbecke. Leider ist nicht überliefert, wer die drei kleinen Kinder sind, die meine Großmutter vermutlich im Frühjahr, unter einem mächtigen Baum vor dem Haus Kalkhake, umarmt.

»Wilhelmine Meinert«, Hof Kalkhake, Varl/Ost-Westfalen, 1940, Archiv © Friedhelm Denkeler
»Wilhelmine Meinert«, Hof Kalkhake, Varl/Ost-Westfalen, 1940, Archiv © Friedhelm Denkeler

Wie ich als kleines Kind meinen eigenen Schatten entdeckte und wie dieser meine eigenen Bewegungen nachmachte, kann ich nicht erinnern. Um auf einem Bild wie festgeklebt an den Gegenständen, ein schwarzes Etwas als Schatten zu identifizieren, dürfte nur mit Elternhilfe möglich gewesen sein. So war es dann auch mit dem Bild meiner Großmutter; die Eltern klärten auf, dass es der Schatten des Photographen ist. Und so sind neben meiner fotografischen Tätigkeit im letzten, fast halben Jahrhundert, die vorliegenden 190 Selbstbildnisse als eigene Schatten- und Spiegelbilder entstanden.

Die Bilder habe ich zwischen den Jahren 1976 und 2020 produziert. Sie waren ursprünglich nicht als Projekt geplant, sondern kristallisierten sich im Laufe der Jahre zu einem eigenständigen Portfolio aus. Der Schatten ist oft negativ konnotiert: Der hat wohl einen Schatten. Ist nur ein Schatten seiner selbst. Führt ein Schattendasein. Verschattet! Früher stand auf den Filmpackungen zur Einstellung der Kamera der Hinweis: Die Sonne lacht, Blende 8! Der Nachteil war allerdings der schwere Schlagschatten, den der Film oft nicht verkraftete. Künstlern wird empfohlen, ein nach Norden gelegenes Atelier zu wählen, um so störende Schatten zu vermeiden. In meinen Bildern spielen sie die Hauptrolle. Um das Rätsel des Schattens einzufangen, braucht man aber Licht. Zur Geschichte der Photographie gehört auch die Geschichte des Schattens. Im Alltag ist es oft so, dass man nicht auf den Schatten, seinen eigenen oder den Schatten der Dinge achtet. Und wenn man ihn doch sieht, fragt man sich wie dieses flüchtige Ding wohl zum Abbild seiner selbst werden kann. Davon handelt der nächste Post.

Anmerkungen zum Portfolio »Schatten und Spiegel«

Die Bilder des Portfolios habe ich während des letzten halben Jahrhunderts produziert. Sie waren ursprünglich nicht als Projekt Selbstbildnisse geplant, sondern kristallisierten sich im Laufe der Jahre 1976 bis 2020 zu einem eigenständigen Portfolio aus.

Fotografen wird empfohlen, ein nach Norden gelegenes Atelier zu wählen, um so störende Schatten zu vermeiden; in meinen Bildern spielen sie aber die Hauptrolle. Anders als ein Schlagschatten, der flach auf dem Boden liegt, ragt das Spiegelbild in den fiktiven Spiegelraum hinein. Die Bilder stellen eine Art bildliches Tagebuch dar.

Das Portfolio besteht aus 190 Photographien 30 x 45 cm. Die Bilder sind auch als Künstlerbuch mit 196 Seiten im Format 27 x 20,5 cm erschienen. (2021). Weitere Informationen zu den Original-Prints und zum Künstlerbuch finden Sie auf meiner Website LICHTBILDER. (direkter Link zum Portfolio).

Ausführliche Informationen zum Portfolio »Schatten und Spiegel« finden Sie im Artikel Ein halbes Jahrhundert in eigenen Schatten- und Spiegelbildern auf meiner Website LICHTBILDER.

Künstlerbuch »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«, 30×21 cm, 204 Seiten, Hardcover, Selbstverlag © Friedhelm Denkeler 2021
Künstlerbuch »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«, 30×21 cm, 204 Seiten, Hardcover, Selbstverlag © Friedhelm Denkeler 2021

Una mujer fantástica oder Natural Woman

Von Friedhelm Denkeler,

1960 (1) – The Shirelles: »Will You Love Me Tomorrow?«. Wenn die Trommeln der Apachen rufen …

Während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin im Februar 2017 sahen wir den Film »Una mujer fantástica« von Sebastian Lélio mit Daniela Vega. Der Film ist ein Plädoyer für die sexuelle Selbstbestimmung. Die Trans-Frau Marina (Daniela Vega) ist nach dem Tod ihres Freundes Orlando (Francisco Reyes) dem blanken Hass seiner Familie ausgesetzt. Und wenn schon nicht ihre Umgebung, so ist doch der Film ganz auf ihrer Seite und zeigt die zunehmend ins Abseits gedrängte Protagonistin als starke, lebenskluge, fantastische Frau.

Der RBB urteilte: »Marina sitzt auf ihrem Sofa, die Beine leicht angewinkelt. Sie ist nackt, doch ein Spiegel verdeckt ihre Scham. Die nächste Einstellung zeigt Marina von oben: Man sieht nur ein Stück Beine, etwas Bauch – und mitten im Bild ihr Gesicht im Spiegel zwischen ihren Beinen. Es ist ein eindringliches, berührendes Bild. Gerade in seiner Einfachheit und Wortlosigkeit macht es klar, worum es Lélio geht: Was die geschlechtliche Identität eines Menschen bestimmt, ist nicht zwingend das, was zwischen seinen Beinen ist«.

Passend zum Film hat Lélio als Soundtrack unter anderem Aretha Franklin mit »A Natural Woman« aus dem Jahr 1967 ausgesucht. Der Song wurde 1967 von Carole King und Gerry Goffin geschrieben und 2015 von Aretha Franklin zum Gala-Empfang im Opera House des Kennedy Centers zu Ehren der Preisträgerin Carole King performt. Diese Ehrung umfasste zahlreiche Feierlichkeiten, unter anderem verfolgten die Geehrten die Gala gemeinsam mit dem US-Präsidenten Obama in der Präsidenten-Loge. Ihren ersten Nummer-eins-Hit hatte Carole King als 18jährige mit dem Lied »Will You Love Me Tomorrow?«. Sie schrieb ihn für die Girlgroup »The Shirelles« (1960).

Cover: Jörgen Ingmann: »Apache« (Single), Foto © Friedhelm Denkeler 2015 (mit Dank an Natascha S.)
Cover: Jörgen Ingmann: »Apache« (Single), Foto © Friedhelm Denkeler 2015 (Dank an Natascha S.)

Bei den Trommeln der Apachen habe ich immer gedacht, der Song stammt von den »Shadows«, der Begleitband von Cliff Richard. Bei der Recherche stellte sich heraus, dass es etwas komplizierter ist, aber der Reihe nach. Die Melodie stammt von dem englischen Komponisten Jerry Lordan. Die Idee zum Titel soll ihm gekommen sein, als er den gleichnamigen Western mit Burt Lancaster und Charles Bronson aus dem Jahr 1954 sah. Es fehlte ihm nur eine Instrumental-Band; die fand er in Bert Weedon. Das Stück wurde 1960 eingespielt, blieb aber zunächst unveröffentlicht, Lordan gefiel diese Fassung nicht.

Dann kam Lordan mit den Shadows in Kontakt, die wiederum fanden, das Instrumental passe zu ihnen. Am Anfang und Ende des Stückes sollten die Trommeln auf die ›Indianermusik‹ hinweisen. Der Erfolg blieb nicht aus: ab dem 21. Juli 1960 stand die Single für fünf Wochen auf dem ersten Platz der britischen Charts. Jetzt wurde schnell die Single von Jerry Lordan veröffentlicht. Sie hatte in Europa aber weniger Erfolg. In den USA punktete dagegen die Fassung des dänischen Jazzgitarristen Jørgen Ingmann. Alle drei machten das Instrumental zu einem internationalen Hit. Mein Favorit bleibt aber für immer »Apache« von den Shadows.

Songtext – The Shirelles: »Will You Love Me Tomorrow?«

Tonight you're mine, completely
You give your love so sweetly
Tonight the light of love is in your eyes
But will you love me tomorrow

Is this a lasting treasure
Or just a moment's pleasure
Can I believe the magic in your sighs
Will you still love me tomorrow
Tonight with words unspoken
You say that I'm the only one
But will my heart be broken
When the night meets the morning sun

I'd like to know that your love
Is a love I can be sure of
So tell me now and I won't ask again
Will you still love me tomorrow

Anmerkung zur Kategorie »Siebzig Jahre – Siebzig Songs»

Hier finden Sie Beiträge zu Songs und ihren Interpreten aus 70 Jahren Rock- und Pop-Geschichte 1946 bis 2016. Alle im Text erwähnten Songs sind als Video oder Audio auf den bekannten Musik-Portalen wie YouTube, Vimeo, etc. zu finden. Jeder Artikel ist ein Auszug aus meinem geplanten Künstlerbuch »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«.

Die letzten Beiträge zu »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«

Zum Nikolaus-Tag

Von Friedhelm Denkeler,

Lustig, lustig trallerallera, bald ist Nikolausabend da …

"Nikolaus am Balkon", © Friedhelm Denkeler 2002
»Nikolaus am Balkon«, © Friedhelm Denkeler 2002

Es war einmal ein junger Mann, der im dritten Jahrhundert in der heutigen Türkei in der Nähe von Antalya in der Stadt Myra lebte, sich um die Armen und Entrechteten kümmerte und schließlich Bischof der Stadt wurde. Als Heiliger Nikolaus wurde er im Mittelalter Schutzpatron der Kinder. Seitdem reist er in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember mit seinem Schlitten zu den Kindern, um ihnen Süßigkeiten und kleine Geschenke zu bringen.

Früher kam er durch den Kamin ins Haus, heute müssen die Kinder am Abend vorher ihre Schuhe auf den Balkon herausstellen, in die der Nikolaus seine Gaben legt. Die heutige rote Kleidung mit dem weißen Pelzbesatz trägt der Weihnachtsmann aber erst seit der großen Werbeaktion im Jahr 1932 durch Coca Cola. So kommt er auch nicht mehr auf dem Schlitten, sondern in einem großen Truck.