Der Schatten des Photographen – Oder: Die Erfindung der Malerei

Von Friedhelm Denkeler,

Ein neues Portfolio auf meiner Website LICHTBILDER: »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«.

»Einbein-Schatten«, aus der Serie »Schatten und Spiegel«, Foto © F'riedhelm Denkeler 1979
»Einbein-Schatten«, aus der Serie »Schatten und Spiegel«, Foto © F’riedhelm Denkeler 1979

Der römische Gelehrte und Geschichtsschreiber Plinius der Ältere (*23 n. Chr., †79 n. Chr.) erzählt in seinem bekanntesten Werk Naturalis historia die Geschichte der Tochter des korinthischen Töpfers Dibutates. Ihr Geliebter ging auf eine lange Reise und sie suchte verzweifelt nach einer bleibenden Erinnerung. Heutzutage hätte sie schnell mit ihrem Smartphone ein Foto gemacht, das gibt es bekannterweise aber erst seit 2000 n. Chr. Da sah sie plötzlich den durch eine Lampe verursachten Schatten ihres Geliebten auf der Wand und sie hatte eine Idee.

Die Tochter zeichnete die Umrisse vom Schatten ihres Geliebten im Profil auf der Wand nach. Und wie das in Künstlerfamilien nun einmal ist, hatte ihr Vater noch eine weitere Idee: Er machte anhand des Schattenrisses ein Relief aus gebrannter Tonerde. Der Tochter blieb so die Erinnerung an ihren Geliebten gewahrt. Für Plinius war dies die Geburtsstunde aller Malerei und Plastik.

Eduard Daege: "Erfindung der Malerei" (1832), Foto © Friedhelm Denkeler 2008
Eduard Daege: „Erfindung der Malerei“, 1832 (Ausschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Den deutschen Maler Eduard Daege (*1805, †1883) kennt nicht unbedingt jeder; seine Malerei kann man als akademisch bezeichnen, aber die Nationalgalerie Berlin besitzt sein bekanntestes Werk: Die Erfindung der Malerei aus dem Jahr 1832. Hier hat sich Daege die Erzählung von Plinius zum Vorbild genommen. Der Jüngling scheint kurz davor zu sein, in einen Krieg zu ziehen. Darauf deutet der bereitgelegte Helm am unteren Bildrand hin und seine Scham wird von einem Schwert bedeckt, ansonsten ist der Grieche wie immer nackt und seine Geliebte zumindest halbnackt.

Die deutschen Maler des Klassizismus liebten die Plinius-Geschichte, denn auch sie waren der Meinung, dass sich die Malerei von der scharfen Linie der Zeichnung und nicht von der Farbe herleitete. Man könnte das Bild von Daege aber auch die Erfindung des Modells nennen, denn mit der linken Hand richtet die Dibutates-Tochter den Kopf ihres Modells so aus, das sie ihn im Profil zeichnen kann. Zusammengefasst lässt sich sagen: vom Schattenwurf ausgehend kam es zur Zeichnung, dann zum Gemälde und, wenn man so will, zur Photographie, die es nun auch schon seit fast 200 Jahren gibt.

Und die Moral von der Geschicht‘: Erst kommt die Malerei, dann die Photographie [FD]

Anmerkungen zum Portfolio »Schatten und Spiegel«

Die Bilder des Portfolios habe ich während des letzten halben Jahrhunderts produziert. Sie waren ursprünglich nicht als Projekt Selbstbildnisse geplant, sondern kristallisierten sich im Laufe der Jahre 1976 bis 2020 zu einem eigenständigen Portfolio aus.

Fotografen wird empfohlen, ein nach Norden gelegenes Atelier zu wählen, um so störende Schatten zu vermeiden; in meinen Bildern spielen sie aber die Hauptrolle. Anders als ein Schlagschatten, der flach auf dem Boden liegt, ragt das Spiegelbild in den fiktiven Spiegelraum hinein. Die Bilder stellen eine Art bildliches Tagebuch dar.

Das Portfolio besteht aus 190 Photographien 30 x 45 cm. Die Bilder sind auch als Künstlerbuch mit 196 Seiten im Format 27 x 20,5 cm erschienen. (2021). Weitere Informationen zu den Original-Prints und zum Künstlerbuch finden Sie auf meiner Website LICHTBILDER. (direkter Link zum Portfolio)

Liegt die Realität der Welt in ihrem Bild?

Von Friedhelm Denkeler,

Betrachtungen zum photographischen Bild

Photographieren heißt sich das photographierte Objekt aneignen [Susan Sontag]

Aufgrund der Massen von photographischen Bildern, die uns heutzutage umgeben, könnte man meinen, wir halten uns noch immer in »Platons Höhle« [Susan Sontag] auf und erfreuen uns an den Abbildern der Welt. Was hat sich durch die Erfindung der Photographie an der Betrachtung der Bilder und am Umgang mit ihnen, gegenüber Zeichnungen und Gemälden, verändert? Ein wesentlicher Unterschied ist, bedingt durch die Industrialisierung des photographischen Prozesses, die Demokratisierung der Bilderwelt.

»Szenen aus der Werkstatt für Photographie«: »Realist und Romantiker«, Workshop mit Robert Cumming in der Werkstatt für Photographie, 25. bis 26.09.1982 (Robert Cumming), Foto © Friedhelm Denkeler 1982
»Realist und Romantiker«, aus dem Portfolio »Szenen aus der Werkstatt für Photographie«, Workshop mit Robert Cumming (siehe Foto) in der Werkstatt für Photographie, 25. bis 26.09.1982, Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Photographieren ist mit dem Aufkommen des Kleinbildfilms und der Digitalisierung (Kamera, Smartphone, Computer) ein Massenphänomen geworden; die meisten Menschen betreiben die Photographie wie alle Massenkunst nicht als Kunst, sondern als Zeitvertreib oder Hobby. Wichtige Ereignisse im Leben wurden und werden von ihnen photographisch festgehalten, das sind insbesondere Familienfeste, Geburt, Hochzeit und Urlaub. So liegt bei den meisten Leuten eine visuelle Lebensgeschichte, oft allerdings mit Lücken und oft unsortiert im ›Schuhkarton‹, vor.

Da ein Photo eine glatte Oberfläche aufweist (im Gegensatz zum Gemälde), kann es gut als Buch oder Zeitschrift vielfach verbreitet werden. Manchmal ist das Photobuch bereits selbst das Medium (Autorenbuch, Künstlerbuch). Sowohl das eigentliche Photo als auch das Photobuch lassen sich sammeln; wenn Photos im Film dargestellt werden, trifft das nur noch eingeschränkt zu.

Die Photographie hat als nachahmendes Medium einen deutlich höheren Bezug zur Realität als zum Beispiel ein Gemälde oder eine Prosaschilderung, die eher eine Interpretation der Wirklichkeit sind. Susan Sontag sieht eine Photographie hingegen »als engbezogenes Spiegelbild« der Realität an, wenn man die Kamera nur als eine Maschine betrachtet. Aber hinter der Kamera steht stets ein Mensch und damit ist auch ein Photo oder eine Serie von Photos im Grunde auch nur seine Interpretation der Wirklichkeit. Das beginnt bereits bei der Wahl des Motivs und endet bei der Auswahl einer bestimmten Anzahl von Photos oder eines Ausschnitts.

»Ein sehenswertes Ereignis«, Foto © Friedhelm Denkeler 2010
»Ein sehenswertes Ereignis«, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Photographiert wird etwas Sehenswertes und etwas Sehenswertes ist ein Ereignis. Auf meinem Photo scheint auch ein Ereignis stattzufinden. Eine Gruppe von Touristen sieht diesem anscheinend zu und mindestens zwei halten es mit der Kamera fest. Das Ereignis ist längst Geschichte, aber durch das Photo wurde es bedeutend und unsterblich. [Literatur: Susan Sontag »Über Fotografie«, hier: «In Platos Höhle«]

Das Photographieren ist dem Wesen nach ein Akt der Nicht-Einmischung [Susan Sontag]

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Kornfeld in Rahden

Von Friedhelm Denkeler,

»Kornfeld in Rahden«, Ost-Westfalen, aus dem Portfolio »Sonntagsbilder«, Foto © Friedhelm Denkeler 2004
»Kornfeld in Rahden«, Ost-Westfalen, aus dem Portfolio »Sonntagsbilder«, Foto © Friedhelm Denkeler 2004

Anmerkungen zum Portfolio »Sonntagsbilder»

Der Versuch einer Definition: Was ist eigentlich ein Sonntagsbild? Ein »schönes« Bild (was auch immer das nun wieder heißen mag; der Autor legt den Titel quasi mit dem Foto fest); es ist in Farbe (jedenfalls bei meinen Sonntagsbildern); es passt in keine andere Kategorie; es gehört nicht zu einer Serie von Bildern und zu keinem Portfolio. Kurz gesagt: Es ist ein Einzelbild. Aber es ist kein Sonntagsbild im Sinne der Sonntagsmalerei.

Am 26. Februar 2012 erschien in meinem Blog das erste Sonntagsbild. Und jeden Sonntag gab es ein neues – Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Sonntagsbilder stammen aus dem Portfolio »Sonntagsbilder«, das ich 2005 abgeschlossen habe. Aber der Titel Sonntagsbild ist einfach ein zu schöner Titel. Unter dieser Prämisse führe ich die Kategorie »Sonntagsbilder« in meinem Blog bis auf weiteres mit Fotos aus meinem Archiv und mit neuen Aufnahmen weiter.

Das Fenster zum Hinterhof

Von Friedhelm Denkeler,

Ein neues Portfolio auf meiner Website LICHTBILDER: »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«.

«Das Fenster zum Hinterhof«, Berlin-Steglitz, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1999
«Das Fenster zum Hinterhof«, Berlin-Steglitz, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Anmerkungen zum Portfolio »Schatten und Spiegel«

Die Bilder des Portfolios habe ich während des letzten halben Jahrhunderts produziert. Sie waren ursprünglich nicht als Projekt Selbstbildnisse geplant, sondern kristallisierten sich im Laufe der Jahre 1976 bis 2020 zu einem eigenständigen Portfolio aus.

Fotografen wird empfohlen, ein nach Norden gelegenes Atelier zu wählen, um so störende Schatten zu vermeiden; in meinen Bildern spielen sie aber die Hauptrolle. Anders als ein Schlagschatten, der flach auf dem Boden liegt, ragt das Spiegelbild in den fiktiven Spiegelraum hinein. Die Bilder stellen eine Art bildliches Tagebuch dar.

Das Portfolio besteht aus 190 Photographien 30 x 45 cm. Die Bilder sind auch als Künstlerbuch mit 196 Seiten im Format 27 x 20,5 cm erschienen. (2021). Weitere Informationen zu den Original-Prints und zum Künstlerbuch finden Sie auf meiner Website LICHTBILDER. (direkter Link zum Portfolio)

Das Kesselmoor ›Große Wiese‹ in der Granitz

Von Friedhelm Denkeler,

»Im Kesselmoor Große Wiese«, Rügen, Ostsee, Naturschutzgebiet Granitz, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Im Kesselmoor Große Wiese«, Rügen, Ostsee, Naturschutzgebiet Granitz, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Wenn man vom Ostseebad Binz durch das Naturschutzgebiet Granitz bis zum Ostseebad Sellin wandert, kommt man direkt am 15 Hektar großen Kesselmoor Große Wiese mit einem jungen Moorbirkenwald vorbei. Durch die zur Vor-Frühlingszeit noch blattlosen Birken bietet sich eine uneingeschränkte Sicht auf dies reizvolle Kleinod der Natur. Das Moor selbst wird durch die typischen Buchenwälder der Granitz begrenzt. Solch lebende Moore sind im Schutzgebiet, bedingt durch frühere Entwässerungsmaßnahmen der Nutzflächen, nur noch selten vorhanden.

Das zähnefletschende Ungeheuer von Dechtow

Von Friedhelm Denkeler,

Ein halbes Jahrhundert in eigenen Schatten- und Spiegelbildern. Ein neues Portfolio auf meiner Website LICHTBILDER: »Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020«.

»Gefährliches Spiel» oder: »Furchtlos näherte sich der Fotograf dem zähnefletschenden Ungeheuer«, Fehrbellin-Dechtow (Gutshaus Dechtow), Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel», Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1996

Anmerkungen zum Portfolio »Schatten und Spiegel«

Die Bilder des Portfolios habe ich während des letzten halben Jahrhunderts produziert. Sie waren ursprünglich nicht als Projekt Selbstbildnisse geplant, sondern kristallisierten sich im Laufe der Jahre 1976 bis 2020 zu einem eigenständigen Portfolio aus.

Fotografen wird empfohlen, ein nach Norden gelegenes Atelier zu wählen, um so störende Schatten zu vermeiden; in meinen Bildern spielen sie aber die Hauptrolle. Anders als ein Schlagschatten, der flach auf dem Boden liegt, ragt das Spiegelbild in den fiktiven Spiegelraum hinein. Die Bilder stellen eine Art bildliches Tagebuch dar.

Das Portfolio besteht aus 190 Photographien 30 x 45 cm. Die Bilder sind auch als Künstlerbuch mit 196 Seiten im Format 27 x 20,5 cm erschienen. (2021). Weitere Informationen zu den Original-Prints und zum Künstlerbuch finden Sie auf meiner Website LICHTBILDER. (direkter Link zum Portfolio)

Warum bewahren wir Photographien auf?

Von Friedhelm Denkeler,

»Elli Meinert mit Waldi«, Bövinghauser Wald, Bövinghausen (Stadtteil von Dortmund), © Archiv Friedhelm Denkeler 1932,
»Elli Meinert mit Waldi«, Bövinghauser Wald, Bövinghausen (Stadtteil von Dortmund), © Archiv Friedhelm Denkeler 1932, »Erinnerungen – Ein Leben in Bildern«: »Die Vorgeschichte« 1920-1943: »Elli Meinert«

»Warum bewahren die Leute Fotos auf?« »Warum? Weiß Gott, warum. Warum bewahren sie alles mögliche auf – Trödel, Kitsch, dies und das? Sie tun’s eben.« »Bis zu einem gewissen Punkt stimme ich Ihnen zu. Es gibt Leute, die alles mögliche aufbewahren.

Und es gibt Leute, die alles wegwerfen, sobald sie es nicht mehr brauchen. Das ist eine Frage des Naturells. Aber jetzt spreche ich ausdrücklich von Fotografien. Warum bewahren die Leute speziell Fotografien auf?« »Wie gesagt, weil sie eben nichts wegwerfen wollen. Oder weil es sie an etwas erinnert. …«

Darauf hatte Poirot nur gewartet.

»Stimmt. Es erinnert sie an etwas. Und jetzt fragen wir wieder – warum? Warum bewahrt eine Frau eine Fotografie auf, die sie in ihrer Jugend zeigt?

Ich behaupte, der Hauptgrund dafür ist die Eitelkeit. Sie war einmal ein hübsches Mädchen und bewahrt die Fotografie auf, um sich daran zu erinnern, was für ein hübsches Mädchen sie war. Es muntert sie auf, wenn der Spiegel ihr unangenehme Dinge erzählt. Sie sagt vielleicht zu ihrer Freundin: ›So habe ich mit achtzehn ausgesehen‹ und dann seufzt sie… Stimmen Sie mir zu?«. [aus »Vier Frauen und ein Mord (Mrs. McGinty’s Dead)«, Agatha Christie, 1952]

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