Wunschtraum zu Weihnachten

Von Friedhelm Denkeler,

»Spaziergang im Schnee«, aus dem Portfolio »Neunmal Neukölln«: Kapitel »Der Körnerpark«, Foto © Friedhelm Denkeler 1980
»Spaziergang im Schnee«, aus dem Portfolio »Neunmal Neukölln«: Kapitel »Der Körnerpark«, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Ein Frohes Fest und ein glückliches neues Jahr 2019wünscht Friedhelm Denkeler

Weiße Streifen auf weißem Untergrund

Von Friedhelm Denkeler,

»Weiße Streifen auf weißem Untergrund«, »Kunst« von Yasmina Reza im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2018
»Weiße Streifen auf weißem Untergrund«, »Kunst« von Yasmina Reza im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

»Serge hat sich für eine beachtliche Summe ein Gemälde gekauft: weiße Streifen auf weißem Untergrund. An diesem Bild entzündet sich der Streit zwischen drei Freunden, in dessen Verlauf sich ihr Leben und ihre Beziehungen grundlegend ändern. Serge begeistert sich für das Gemälde, Marc bekämpft es auf das Heftigste und Yvan bezieht, da er es sich mit keinem der anderen verderben will, keine Stellung. Das Kunstwerk dient als Katalysator, mit dessen Hilfe Yasmina Reza auf psychologisch fein gezeichnete Weise die drei Männer, ihre Gefühle, ihre Befindlichkeit, ihre Freundschaft, ja ihr gesamtes bisheriges Dasein auf den Prüfstand stellt – eine wortgewandte Komödie über die Halbwertszeit von Freundschaften für ein furioses Schauspieler-Trio.« [Berliner Ensemble]

»Lachen schützt, entschärft, erleichtert, rettet. Sinn für Humor zu haben, in der erhabenen Bedeutung des Wortes, also nicht nur über Witze zu lachen, sondern über sich selbst lachen zu können, ohne Tabu, und jederzeit von Lachen geschüttelt zu werden – das ist eine beneidenswerte Gabe. Wer sie hat, ist vom Schicksal oder von den Göttern gesegnet. Das Lachen stellt das Vertrauen in uns selbst wieder her, es erhebt uns über die Situation. Das Drama von ›Kunst‹ ist ja nicht, dass sich Serge das weiße Bild kauft, sondern dass man mit ihm nicht mehr lachen kann. Wenn Sie mit einem Freund lachen können, dann können Sie alle möglichen Differenzen mit ihm haben. Sie können sogar schwarzweiß denken, bis zu einem gewissen Grad, wenn Sie über diese Differenzen lachen können, denn eine Freundschaft ist jenseits von Meinungen begründet. Wenn man nicht mehr lachen kann, gewinnt die Meinung die Oberhand, und es gibt nichts mehr jenseits von ihr.« [Yasmina Reza]

Zwei Opern live und im Film – Quadratur des Kreises

Von Friedhelm Denkeler,

Berlin-Premiere des Operndoppels »The Bear/ La voix humaine« von Axel Ranisch im Theater »O-TonArt« in Berlin-Schöneberg

Heiko Pinkowski (Film) und Stefanie C. Braun (live), Berlin-Premiere »The Bear/ La voix humaine« von Axel Ranisch im Theater »KLICK-O-TonArt«, Foto © Friedhelm Denkeler 2018
Heiko Pinkowski (Film) und Stefanie C. Braun (live), Berlin-Premiere »The Bear/ La voix humaine« von Axel Ranisch im Theater »KLICK-O-TonArt«, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Im April 2018 hat das KLICK Kino ein vorrübergehendes Zuhause im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße 20a in Schöneberg gefunden. Durch die Zusammenarbeit von Bernd Boßmann, Theater O-TonArt und Christos Acrivulis, KLICK ergeben sich völlig neue Perspektiven in Sachen Theater und Filmkunst. Und was würde da besser passen als die gestrige Berlin-Premiere des Operndoppels »The Bear/ La voix humaine« vom Berliner Regisseur Axel Ranisch. Ranisch hat die Doppeloper »The Bear/ La voix humaine« für die Bayerische Staatsoper entwickelt.

In den beiden Einaktern geht es um zwei Frauen, die sich in die falschen Männer verliebt haben oder so ähnlich. Wie das in Opern eben ist, versteht man ohne Kenntnis des Inhalts nicht unbedingt alles. Wenn dann die Protogonisten aus dem Film auch noch live im Zuschauerraum singen und agieren, wird die Verwirrung noch größer. Weil aber alles irgendwie zusammen gehört, wunderschön klingt und ein wahres Kunststück ist, werde ich mir die Oper morgen ein zweites Mal ansehen.

Ich suche meinen Schatten!

Von Friedhelm Denkeler,

Die Geschichte vom Jungen, der nicht erwachsen werden will

Liebling, George … als ich vorhin hereinkam, sah ich ein Gesicht am Fenster/ Ein Gesicht am Fenster? Ach was!/ Das Gesicht … eines kleinen Jungen. Und – ich hab ihn nicht zum ersten Mal gesehen! Ich spürte einen Luftzug, drehte mich um und sah ihn mitten im Zimmer./ Im Zimmer?/ Der Junge entwischte. Nur sein Schatten blieb am Fenster hängen./ Mary!/ Er war nicht allein. Mit ihm kam eine kleine leuchtende Kugel, sie bewegte sich im Zimmer wie ein Lebewesen./ Sonderbar. Georg, was hat das alles zu bedeuten?/ Ja, – was? [aus: Peter Pan]

Berliner Ensemble: »Peter Pan« (Erstes Bild) von Robert Wilson, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Berliner Ensemble: »Peter Pan« (Erstes Bild) von Robert Wilson, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Seit der Premiere am 17. April 2013 spielte das Berliner Ensemble (BE) am 5. Juni 2017 zum 75. und zum letzten Mal »Peter Pan oder das Märchen vom Jungen, der nicht groß werden wollte«. Für die Regie, Bühne und das Lichtkonzept war Robert Wilson (*04.10.1941) und für Musik und Songtexte CocoRosie (Sierra und Bianca Casady) verantwortlich. Peter Pan wurde von Sabin Tambrea und Tinkerbell von Christoper Nell gespielt.

Damit geht auch die Ära Claus Peymann (*07.06.1937), seit 1999 Intendant des Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm, zu Ende. Das Stück wird unter der neuen Leitung von Oliver Reese nicht mehr im Repertoire des BE vorhanden sein. Zum Schluss gab es vom Publikum stehende Ovationen für das gesamte Ensemble, das wiederum das Publikum mit musikalischer Zugabe zum Mitsingen aufforderte. Am Ende standen alle und feierten sich gegenseitig mit der bekannten Träne im Knopfloch.

Viel Autobiografisches, Unerfülltes steckt in der Story von Peter Pan. Und hier kommt Robert Wilson. Er bringt aus New York den frischen Sound von CocoRosie mit und stellt ein Stück auf die Bühne, das sich nur als original Wilson beschreiben lässt, mit all seinem Slapstick und Surrealismus, seiner Lichtkunst und den typischen schrillen Soundeffekten. Auch bei ihm berührt die Pan-Geschichte tieferen Grund. [DER TAGESSPIEGEL]

Robert Wilson hat am BE folgende Stücke inszeniert:

Berliner Ensemble: »Peter Pan« (nach dem Schlussapplaus; Die verlorenen Jungs), Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Berliner Ensemble: »Peter Pan« (nach dem Schlussapplaus; Die verlorenen Jungs), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Wenn die Götter auf die Erde kommen …

Von Friedhelm Denkeler,

Leander Haußmanns »Der gute Mensch von Sezuan« am Berliner Ensemble

Erst hieß es, das Stück »Der gute Mensch von Sezuan« von Bertolt Brecht dauert an die vier Stunden, aber ganz so hart war es dann doch nicht: nur dreieinhalb Stunden (mit Pause). Die nie langweilig werdenden Bühneninstallationen des bildenden Künstlers Via Levandowski wurden zu einer wahren Performance: Das gesamte Bühnengeschehen wurde stets von den drei Erleuchteten Göttern und den sich bewegenden (!) drei Peitschenlampen beobachtet. Waren diese Straßenlampen nicht schon im Film »Sonnenallee« zu sehen?

Worum geht es in dem Stück? Die drei höchsten Götter erscheinen auf der Erde und greifen, entgegen ihrer Bestimmung, in das Erdengeschehen ein. Sie suchen einen Menschen, der trotz der unmenschlichen, wirtschaftlichen Verhältnisse, moralisch einwandfrei ist. Wang, der Wasserverkäufer, erkennt die Götter und sucht für sie verzweifelt eine Unterkunft.

Nur die junge Prostituierte Shen Te gewährt ihnen Obdach. Für das Nachtquartier zahlen die Götter ihr ein fürstliches Honorar von Tausend Silberdollar. Shen Te kauft sich für das Geld einen Tabakladen. Sie bietet immer mehr Leuten Unterschlupf, die sie aber nur ausnutzen; zum Schluss hat sie nur noch Schulden. In ihrem »Zweiten Ich« schlüpft sie in die Rolle ihres bösen Vetters Shui Ta und vertreibt die Schmarotzer (Antonia Bill grandios in der Rolle der Shen Te und Shui Ta). Und es geht um vieles mehr.

Das Schluss-Bühnenbild zu »Der Gute Mensch von Sezuan« von Bertold Brecht im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Das Schluss-Bühnenbild zu »Der Gute Mensch von Sezuan« von Bertold Brecht im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Im letzten Bild wird deutlich, dass die Götter ebenso wie die naive, ignorante Gesellschaft, eher wegschauen. Die Götter schweben auf einer rosa Wolke fort. Das Publikum muss sich selbst ein Bild machen. Aber durch die Aufspaltung der Hauptfigur deutet Brecht an, dass es unter dem Kapitalismus einen guten Menschen alleine nicht geben kann; er muss gleichzeitig eine schlechte Seite aufweisen, weil er sonst nicht lebensfähig ist.

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen. Den Vorhang zu und alle Fragen offen [Brecht]

Wir können es uns leider nicht verhehlen: Wir sind bankrott, wenn Sie uns nicht empfehlen! [Brecht, Epilog an das Publikum]

Sympathy for the Devil

Von Friedhelm Denkeler,

Aus der Serie »Gestern Abend im Theater«: Berliner Ensemble

Am Ende werden wir nicht wissen, wer Faust und wer Mephisto ist. Sie bilden eine Einheit. Nicht zwei Stimmen, sondern ein Stimme in mehreren Farben [Robert Wilson]

Faust und Mephisto sitzen nach der langen Reise durch Himmel und Hölle, am Ende des Vier-Stunden-Stückes »Faust I und II«, seelenruhig auf einer Bank. Faust fragt: »Wohin soll nun die Reise gehen?« und Mephisto antwortet: »Wohin es dir gefällt«. Also nicht vom Himmel durch die Welt zur Hölle? Oder umgekehrt? Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Und die Sympathie für den Teufel ist groß, auch durch das famose Spiel von Christopher Nell, den wir schon in Hamlet und Peter Pan am BE sehen konnten.

»Pausenvorhang Faust I und II«, Goethe, Wilson, Grönemeyer, Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2015
»Pausenvorhang Faust I und II«, Goethe, Wilson, Grönemeyer, Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Das dürfte Robert Wilsons vorläufiger Höhepunkt am Berliner Ensemble gewesen sein. Das grenzt schon an Größenwahn, den ganzen Faust in vier Stunden mit der Musik von Herbert Grönemeyer aufzuführen. Peter Stein brauchte für das Projekt Faust I und II im Jahr 2000 noch zwei Tage. Dafür brachte er aber auch alle 12 110 Verse des Dramas; bei Wilson wurden die einzelnen Szenen nur kurz angerissen, man versteht sie nicht immer, vielleicht ist das auch nicht nötig.

Dafür sahen wir ein mitreißendes Musiktheater mit einer achtköpfigen Liveband, mit deutscher Rockmusik und ein wilsonsches Lichtspektakel sondergleichen. Ein Theaterfest für alle Sinne, das im frenetischen Schlussapplaus mündete. Schauspieler und Publikum waren überglücklich.

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben …

Von Friedhelm Denkeler,

Aus der Serie »Gestern Abend im Theater«: Berliner Ensemble

»Jemand musste Josef K. verleumdet haben«, Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2015
»Jemand musste Josef K. verleumdet haben«, Kafkas Prozeß im Berliner Ensemble, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen …

… Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

[Anfang und Ende des postum 1925 erschienenen Romanfragments »Der Prozess« von Franz Kafka]

Wir sind alle Charlie

Von Friedhelm Denkeler,

»Wir sind alle Charlie (Je suis Charlie)«, Französche Botschaft, Pariser Platz, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2015
»Wir sind alle Charlie (Je suis Charlie)«, Französche Botschaft, Pariser Platz, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2015