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Berichte aus Berlin von Friedhelm Denkeler zu Photographie und Kunst
Von Friedhelm Denkeler,

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Von Friedhelm Denkeler,
Oops! Was ist denn Ökoschotter? Ökologisch korrekte Steine? Das Feld auf dem Photo ist mit Grauwacke-Steinen ausgelegt und diese werden vorwiegend (in einer kleineren Körnung) als Gleisbettmaterial verwendet. Da sind wir auch schon beim Thema: Das Steinfeld befindet sich in dem neuen Park am Gleisdreieck. Seit einem halben Jahrhundert hat sich die Natur die alten, brachliegenden Gleisanlagen, die zum ehemaligen Anhalter-Bahnhof führten, zurückerobert.

Und nun ist die schöne ›alte‹ Natur nicht mehr da; die Stadt hat einen ›Park‹ daraus gemacht, mit einer Menge Beton, versiegelten Böden, vielen gepflasterten Wegen und mit schweren Zäunen. Das Ökoschotterfeld soll laut Planung die ›alte‹ Natur wieder herstellen. In den nächsten Jahren (dauert das wieder 50 Jahre?) soll sich das so verändern, dass sich dort Pflanzen und Tiere ansiedeln. Also eigentlich wie gehabt, nur eben planvoll. Das hätte man einfacher haben können.
Von Friedhelm Denkeler,
Die bereits zu DDR-Zeiten überregional bekannte »Fotogalerie am Helsingforser Platz« hätte nach der Wende beinahe ihre Identität verloren. Die Kommunale Galerie in der Trägerschaft des Bezirksamtes Friedrichshain wäre 2000 bereits dem Rotstift zum Opfer gefallen, wenn nicht der Kulturring e.V. daraufhin ein Konzept zum Weiterbetrieb der Institution vorgelegt hätte. Der Bezirk übernahm die Mietkosten und der Kulturring war für die Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Öffnungszeiten verantwortlich. Zwei Jahre später war selbst das dem Bezirksamt zu viel. Also übernahm der Kulturring die Galerie ganz in Eigenregie. So liegen für Fotokünstler weiter großzügige Ausstellungsmöglichkeiten vor.
Die dänische Künstlergruppe VINGESUS (›Flügelschwirren‹) stellt unter dem programmatischen Titel »Identity Lost« in allen vier Räumen der Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin, (Di, Mi, Fr, Sa 14-18 Uhr, Do 10-18 Uhr, bis 2. Mai 2014) aktuell ihre Arbeiten aus. Die acht Fotografen »zeigen in einer Mischung aus Realität und fotografischer Fiktion, wie Identität und etablierte Wahrheit aufgelöst werden können und zu einer neuen Interpretation der Wirklichkeit werden« [aus: Ausstellungsbeschreibung].
Der erste Eindruck löste bei den Besuchern Begeisterung aus; auf den zweiten Blick hatte man leider bei einigen Werken den Eindruck, dass durch die digitale Bildbearbeitung zu viel des Guten getan wurde. Die erreichte farbliche Sättigung könnte trotz spannender Sujets schnell zu einer Übersättigung seitens des Betrachters führen. Die ausstellenden Künstler sind Annemette Rosenborg Eriksen, Dorte Bundesen, Else Vinæs, Erik Jørgensen, Jesper Bo Jensen, Josephine Ernst, Peder Brødstedt Pedersen und Tor Einstabland. Sie alle geben anhand ihrer Arbeiten, einen Eindruck in die unterschiedlich benutzten fotografisch-digitalen Techniken und ihre individuelle Interpretation der Wirklichkeit oder einer Fiktion wieder.

Im letzten Raum der Galerie wurde es farblich und inhaltlich gesehen wohltuend ruhiger. Der einzige Norweger der Gruppe VINGESUS Tor Einstabland stellt dort seine Arbeit »Indistinct Contours« aus. Die »undeutlichen Konturen« beginnen bereits mit dem handgeschöpften Papier als Trägermaterial auf das Tor Einstabland in zurückhaltenden Farben seine Bilder druckt. Und die Bilder selber sind auch undeutlich (unscharf): Personen, Umgebung und Formen lassen sich nur erahnen.
Durch diese Undeutlichkeit wird der Betrachter eingefangen und sucht nach der Identität der Personen und der sie umgebenden Umwelt. Er darf sich seine Geschichte und Interpretation selber aussuchen: nichts ist vom Künstler vorgegeben. Man wird bei Einstablands Arbeit »mit der Frage nach etwas oder jemand zurückgelassen, aber auch mit etwas Unruhe und Freude« [aus: Brennpunkt 1/2014]. In unserem Gespräch benutzte Tor Einstabland das Wort »Melancholie« und wer diesem Wort nicht mit Abneigung gegenüber steht, der wird in diesen Arbeiten eine große Schönheit und etwas Unaussprechliches entdecken.
Von Friedhelm Denkeler,

Von Friedhelm Denkeler,
Mit der Finissage von Brandt’s World – Bilder und Zeichnungen von Brandt Parker ging die Ausstellung in der Kreativagentur Komet mit einer kleinen Festlichkeit heute viel zu früh zu Ende. Der 1972 in Arizona geborene Brandt Parker lebt und arbeitet seit 14 Jahren in Berlin, kehrt aber immer wieder in seine Heimat zurück und genau dieses Heimatgefühl findet sich auch in seinem neuesten Werk Kachinas wieder.

Die Hopi-Indianer im Südwesten der USA verbinden mit Kachina den Geist einer Naturerscheinung in Form eines Tieres, einer Pflanze oder eines Ahnen. Dazu gehören der maskierte Tänzer und auch die figürlichen Darstellungen, die diesen Geist verkörpern. Heute befinden sich viele der Kachina-Puppen in den Museen der USA, aber auch im Ethnologischen Museum Berlin sind sie in großer Zahl vorhanden.
Parkers wundersame Tiere, seine Fabelwesen und Kreaturen aus der Zwischenwelt spiegeln eine innere Traumwelt, die mit Kuriositäten und Absurditäten gefüllt ist, die fremd und gleichzeitig vertraut ist. Aus Träumen, Legenden und Mythen holt sich Parker die Anregungen für seine surrealen Gemälde und Illustrationen; er lässt sich von Hieronymus Bosch, Francisco de Goya, Franz Marc, Arnold Böcklin, Giorgio de Chirico und Max Ernst inspirieren.
Wenn man sich in Parkers Welten einmal eingesehen hat, lassen sie einen nur schwer wieder los; zu gerne würde man auch einmal dort umher wandeln und die Sprache dieser geheimnisvollen Wesen verstehen. Orlops fühlen sich nebenbei gesagt überall wohl. Einen guten Einblick in Parkers fantastische Welten erhält man in diesem Video und auf seiner Website.
Von Friedhelm Denkeler,
Unwillkürlich denkt man an die Darstellungen des mystischen Turmbaus zu Babel oder an den Einsturz der Twin Towers in New York, wenn man den hinteren Raum der Berlinischen Galerie betritt und Markus Drapers monumentale, über fünf Meter hohe Skulptur sieht. Fünf weitere Werke des Künstlers sind zu sehen, die erst kürzlich von der Galerie erworben wurden.

»Viele Gebäude in seinen Collagen, Gemälden, Skulpturen und Videos sind wiedererkennbar, einige beziehen sich sogar auf konkrete Ereignisse. In erster Linie nehmen sie jedoch eine Stellvertreterfunktion ein: die Werke werden zu psychologischen Landschaften … In letzter Konsequenz geht es immer um eine Überhöhung des Scheiterns, das auf unterschiedliche Ebenen des menschlichen Daseins übertragen werden kann.« [Zitat Faltblatt].
Das ausgebrannte Gebäude hat einen realen Hintergrund: Das Bürohochhaus Torre Windsor in Madrid wurde 1973-1979 erbaut und fiel 2005 einem verheerendem Feuer zum Opfer, nur das Außenskelett blieb stehen, musste später aber auch abgerissen werden. Zwei Jahre später hat Draper das Bild der ausgekohlten Turmruine in eine Skulptur umgesetzt.
Man kann die ausgebrannte Ruine auch als Menetekel für die Gesamtsituation der Berliner zeitgenössischen Sammlungen ansehen. Der kürzlich erst umgebaute und eröffnete Erweiterungsbau des Museums Berggruen musste wegen eines Baumangels bereits wieder schließen, die Neue Nationalgalerie wird Ende 2014 für fünf (sic!) Jahre dem Publikum entzogen und jetzt die neueste Meldung: ab Sommer muss auch die erst zehn Jahre alte Berlinische Galerie für mindestens sechs Monate schließen – die Sprinkleranlage ist defekt; deshalb sieht man momentan im Haus immer mindestens zwei Feuerwehrleute Wache schieben. Der alte Spruch Wir schließen jetzt! bekommt ab sofort eine neue Bedeutung.
Der 1969 in Görlitz geborene Markus Draper, Sohn eines Architekten und Stadtplaners, lebt und arbeitet in Berlin. Die Ausstellung in der Berlinischen Galerie ist noch bis zum 30. Juni 2014 zu sehen. www.berlinischegalerie.de, www.markusdraper.de
Von Friedhelm Denkeler,
This is a man’s world/ This is a man’s world/ But it wouldn’t be nothing, nothing/ Without a woman or a girl/ You see man made the cars/ To take us over the road/ Man made the train/ To carry the heavy load [James Brown]
James Brown (1933-2006), der Meister des Soul und Funk, hat sie bereits 1966 in It’s a Man’s World besungen – die Männerwelt. Die Männer haben die Autos, die Züge und die Schiffe erfunden und gebaut. »Nicht erwähnt hatte der King of Soul damals, dass es auch Männer waren, die die Fotografie erfanden; Männer, die aus Licht und Chemie apparative Bilder kreierten« schreibt Johnanna Breede in der Einleitung zu ihrer aktuellen Ausstellung Männer.

Zu sehen sind, nach der Schau Frauen im Frühjahr 2013, jetzt Männer und Mythen, Heroen und Realitäten, von neunzehn Fotografen. Die Männer sind von Sibylle Bergemann, Michael Birt, Heinz Hajek-Halke, Thomas Höpker, Hannes Kilian, Birgit Kleber, Robert Lebeck, Herbert List, Stefan Moses, Ossip, Ulrike Ottinger, Beat Presser, Sheila Rock, Michael Ruetz, Max Scheler, Gundula Schulze Eldowy, Liselotte Strelow, Karin Székessy, Herbert Tobias und Kurt Wyss porträtiert worden.
Prominente, Künstler, Politiker und Unbekannte geben sich in dieser hervorragend gehängten Ausstellung ein buntes Stelldichein und laden zum Verweilen und zur Kommunikation ein. Die Fotografien sind noch bis zum 15. März 2014 in der Galerie Johanna Breede PHOTOKUNST in der Fasanenstraße 69 in Berlin zu sehen.
James Brown war ein Symbol für die Freiheit und den Erfolg von Millionen von schwarzen Amerikanern im Kampf für die bürgerlichen Rechte. Er gab ihnen Hoffnung und sie waren Stolz auf ihn. Der Gesang von Brown war eher als ein rhythmischer Sprechgesang, der Elemente des Rap vorwegnahm, anzusehen. Seine Musik übte großen Einfluss auf spätere Rockmusiker, wie Prince, Michael Jackson, Bob Marley, Booker T. & the M.G.’s, u.a., aus.
Brown schloss seine zahlreichen Shows und Konzerte stets mit einer 20-Minuten-Version von Sex Maschine ab; herausgesucht habe ich aber, passend zur Ausstellung, ein wunderschönes, neues Video, das von Saatchi & Saatchi gestaltet wurde, mit dem Original-Song James Brown: »It’s a Man’s Man’s Man’s World«, sowie eine Live-Version aus dem US-Amerikanischen Fernsehen aus dem Jahr 1966, eine Performance der beiden Legenden James Brown & Luciano Pavarotti und ein Auftritt von Christina Aguilera (mit dem kompletten Song-Text).
Von Friedhelm Denkeler,

Von Friedhelm Denkeler,

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Von Friedhelm Denkeler,

Von Friedhelm Denkeler,
»Die Schöne und das Biest« ist dem Märchen- und Filmfreund aus zahlreichen Verfilmungen hinreichend bekannt, was sich aber Christophe Gans und das Studio Babelsberg in »La belle et la bête« nun geleistet haben – da konnte der ganze Saal bei der Wiederholung des Films im Friedrichstadtpalast heute Nachmittag nur noch lachen. Ein Glück, dass der Film außer Konkurrenz lief. Dass dieser Kinderfilm aber überhaupt in der Sektion Wettbewerb der Berlinale lief, ist fast eine Beleidigung für die anderen ernsthaften Beiträge und Premieren.

So richtig schlimm wird der Film erst, als Belle in das Schloss des Biests ankommt: Jede Landschaftseinstellung ist eine Kitsch-Ansichtskarte, goldene Zauberstrahlen mit Glühwürmchen-Effekt wabern durch die Lüfte (es fehlte nur noch deren 3D-Darstellung; in »Avatar« hat das noch funktioniert), Riesen-Steinstatuen erwachen zum Leben, Riesen-Schlingpflanzen verschlingen alles und niedliche (leider digital animierte) Beagle-Karikaturen wuseln ohne Sinn unter dem Sofa herum.
»Christophe Gans bietet beinahe alles auf, was die digitale Technik hergibt. Jean Cocteau hätte es kaum für möglich gehalten. Doch das Paradoxe geschieht: Je voller dieser Film, desto leerer wird er. Was für ein seltsamer horror vacui, dem Gans am Ende mit offensivem Kitsch zu begegnen sucht.« [Der Tagesspiegel]. Dies ist nun die dritte Großproduktion aus dem Studio Babelsberg im Wettbewerb (nach Grand Budapest Hotel und The Monuments Men). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Die eigentliche Botschaft dieser Erzählung über Schuld und Mitleid und dass die Voraussetzung für die Erlösung der Verzicht auf Eigennutz ist, das nimmt man nicht mehr war. Und als Belle am Ende der Bestie dann sagt, dass sie sie liebe, glaubt das kein Zuschauer mehr. Obwohl die großartige Léa Seydoux (Blau ist eine warme Farbe, Grand Budapest Hotel) als Schöne in ihrem roten Kleid im verschneiten Wald fantastisch aussah; sie hatte sich nicht nur im Wald verirrt, sondern auch in diesen Film. Am Ende wurde die Bestie wieder Mensch, aber der Film blieb ein reines Technik-Spektakel.
Von Friedhelm Denkeler,
Das Ende eines jeden perfekten Films kommt zwangsläufig zu früh
[Frankfurter Rundschau zum Ende des Films].

Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat und sich nach fast drei Stunden wünscht, der Film möge noch weiter gehen. In Richard Linklaters Boyhood stimmt aber auch alles: Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens namens Mason geht.
Ein Mut machender Film für das Leben an sich, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist. Masons Mutter war gefühlte drei Mal mit einem Alkoholiker verheiratet. Linklaters vorhergehende »Before …«-Film-Trilogie (Before Sunrise, 1995, Before Sunset, 2004, Before Midnight, 2013) deutete diese Richtung bereits an.
Zwölf Jahre lang hat Linklater die Protagonisten von Boyhood verfolgt und jedes Jahr einige Szenen gedreht (insgesamt 39 Drehtage). Ganz nebenbei wurde der Film auch zu einer Geschichtsstunde: Vom Irak-Krieg, über den Obama-Wahlkampf zur NSA-Affäre. Auf Zwischentitel konnte Linklater verzichten; der Zuschauer erkennt anhand der neuen Häuser nach mehrmaligen Umzügen, den wechselnden Frisuren und dem Musikgeschmack sofort den aktuellen Stand der neuen Patchwork-Familie.
Es gibt in Boyhood nichts zu sehen, was man nicht in anderen Filmen schon gesehen hätte, und doch sieht man alles wie zum ersten Mal, weil es aus der fiktiven in die wirkliche Zeit versetzt ist und zugleich die Erzählform der Fiktion bewahrt. Boyhood ist der herausragende Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, weil er ein Versprechen wahr macht, das so alt ist wie die bewegten Bilder selbst, weil er etwas zeigt, dass man so nur im Kino zeigen kann. [FAZ]
Und eben nur im Kino, weil im wirklichen Leben leider alles doch nicht so glatt läuft und familiäre Brüche mehr Spuren hinterlassen als im sonnendurchfluteten Texas des Films. Traumfabrik trifft Doku-Soap.
Seit 2002 arbeitet Richard Linklater an diesem einmaligen Spielfilmprojekt, das alljährlich die gleichen Darsteller vor der Kamera versammelt. So bekommt der Zuschauer die Möglichkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum beim Leben zuzuschauen – mit allem was dazugehört. Experimentierfreudig und mit offenem Blick folgt er dem Jungen Mason (Ellar Coltrane) aus Austin von den schulischen Anfängen bis zum Eintritt ins College. Er muss mit einer anstrengenden Schwester (Lorelei Linklater ) und geschiedenen Eltern fertig werden.
Den freakigen Vater, der irgendwann doch erwachsen wird, spielt Ethan Hawke, Patricia Arquette die alleinerziehende Mutter, die stets an die falschen Männer gerät und nebenbei ihr Studium erledigt. Mitten in diesem Lebens- und Gefühlschaos steht Mason, dessen kluge Kommentare mit jedem Jahr klüger werden. Mit weitreichendem erzählerischem Atem inszeniert, geht es hier um kleine und große Sehnsüchte und Sorgen, um die Bedürfnisse und Ängste eines Heranwachsenden, die sich zu einem hellsichtigen und kurzweiligen Panorama einer amerikanischen Kindheit und Jugend fügen.“ [Quelle: Filmbeschreibung]
Von Friedhelm Denkeler,

Gestern Abend war er auf dem Roten Teppich des Berlinale Palastes auf dem Marlene-Dietrich-Platz zu sehen – George Clooney als Regisseur und Haupt-Darsteller. Neben seinen filmischen Monuments Men Kollegen Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban (nur Cate Blanchett fehlte) stand auch der letzte noch lebende Soldat aus der Monuments-Truppe, der 88-jährige Harry Ettlinger mit auf dem Teppich. Soviel Hollywood war selten in Berlin. Die Dreharbeiten fanden unter anderem im Studio Babelsberg, in der Region um Goslar und in Berlin an der Neuen Wache statt.
Die Monuments Men waren in den letzten Kriegsjahren eine US-Spezialtruppe von Kunsthistorikern, Kuratoren, Bildhauern und Museumsdirektoren, die die von den Nazis geraubten Kunstschätze, wie Michelangelos Brügger Madonna und Jan van Eycks Genter Altar, sichern sollten. Tausende Kunstwerke wurden von den Nazis in Salzstöcken und Bergwerksstollen eingelagert und sollten nach der Politik der verbrannten Erde bei einem verlorenen Krieg zerstört werden.
Fazit: Der Film schwankt zwischen Komödie (siehe »Ocean’s Eleven«) und Abrechnung mit den NS-Verbrechen an der Kunst. Der historische Stoff hätte es gar nicht nötig gehabt mit Witzchen verschlimmbessert zu werden. Insbesondere die jüngeren Zuschauer lachten dann auch unnötigerweise bei dem eigentlich ernsten Thema. Da blieb irgendwie nur noch Fremdschämen und die Tatsache, dass aus diesem Stoff so viel mehr hätte entstehen können, wenn der Schwerpunkt auf der geistigen Auseinandersetzung um die Bedeutung von Kunst angesichts von Krieg und Zerstörung gelegen hätte. Jeder sollte sich sein eigenes Urteil über den Film bilden.

Von Friedhelm Denkeler,

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen, der 64. Berlinale, ist eine internationale Koproduktion mit großer Starbesetzung. Der Film spielt in der Zwischenzeit der beiden Weltkriege und das hauptsächlich im Foyer des Grand Budapest Hotels als einem Theater der Welt in einem fiktiven osteuropäischen Land; daneben spielt die Altstadt von Görlitz eine große Rolle.
»Phantastisch barocke Bildtableaus und ein skurriles Personenarsenal, dazu eine irrwitzige Handlung, der man manchmal kaum folgen kann« [Deutsche Welle], mit schrillen Farben, exzentrischen Kostümen, majestätischen Gebäuden und Protogonisten, die in aberwitzige Handlungen verwickelt werden.
Die wichtigsten Stars, wie Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Willem Dafoe, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Jeff Goldblum und Owen Wilson sind auf dem Filmplakat abgebildet. Ein Vorteil der Berlinale-Filme ist es, dass man sie im Original hören kann; so konnten wir mitbekommen, dass Wes Anderson auch einmal einen deutschen Satz eingebaut hat: »Gespannt wie ein Flitzebogen«. Und so gespannt wie dieser sind wir auch auf die kommenden Filme.
Wes Andersons Filme sind immer etwas Besonderes: Moonrise Kingdom, 2012, Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou), 2004, The Royal Tenenbaums, 2001 und jetzt das Grand Budapest Hotel. Sehenswert, für all diejenigen, die Lust haben, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen.
Von Friedhelm Denkeler,
Lee Young-Sik, 1981 in Seoul geboren und seit 2002 in Berlin lebend, stellt bis zum 17.02.2014 im Showroom der Agentur Komet fünf großformatige Arbeiten aus.
Kleine Insekten oder Chamäleons werden ihrer natürlichen Umgebung entzogen, mutieren ins Riesenhafte, irritieren zutiefst den Betrachter und stellen seine Beziehung zu ihnen komplett in Frage. In den warmen, sanft schimmernden Farben ihrer Darstellung strahlen sie eine ungeheure Kostbarkeit aus und erinnern an die Perfektion der alten Meister. Und doch bleibt da ein Schrecken: »Die Ästhetik des Schreckens« so nennt es Lee.

Und dann ist da ein Krokodil. Es taucht aus dem Dunkeln auf. Seine Schuppen erinnern an schönstes Perlmutt und kleine Edelsteine; das Maul ist weit aufgerissen und vor ihm liegt ein toter Vogel. Der Titel »Narziss und Abschied« und das genaue Hinsehen ergeben die Lösung. Sie liegt nicht in dem vordergründigen Eindruck, den wir von einem Krokodil haben, sondern ist in der zwischen beiden Tieren liegenden Symbiose begründet. Ein großartiges Bild.
Von Friedhelm Denkeler,
![»Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis« [Goethe, Faust II], Alter St.-Matthäus-Kirchhof, Berlin-Schöneberg (Rote Insel), Foto © Friedhelm Denkeler 2014.](https://journal.denkeler-foto.de/wp-content/uploads/2021/03/2014-02_dsca00043.jpg)
In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.
Von Friedhelm Denkeler,
Kein anderer Musiker hat sich wie Lou in seiner goldenen Zeit in unsere Träume und Albträume geschlichen: Er war das dreiste Klanggenie, er war zornig und widerspenstig und wimmerte doch innerlich vor Verletzlichkeit [Rufus Wainwright über Lou Reed]
Robert Wilson (*1941) hat bisher am Berliner Ensemble (BE) vier Stücke inszeniert: »Die Dreigroschenoper« mit der Musik von Bertold Brecht/Kurt Weil, »Shakespeares Sonette« mit der Musik von Rufus Wainwright (siehe hier) Matthew/ Kästners Peter Pan mit der Musik und den Songs von CocoRosie und Wedekinds »Lulu« mit der Musik und den Songs von Lou Reed.

Wedekinds »Lulu« habe ich noch nicht gesehen, aber am Sonnabend gab es im komplett ausverkauften BE zur Erinnerung an den am 27. Oktober 2013 im Alter von 71 Jahren in New York verstorbenen Lou Reed eine konzertante Aufführung. Schauspieler traten in ihren Kostümen aus Lulu auf; Robert Wilson persönlich stand auf der Bühne, gab eine Einführung und gedachte gemeinsamer Begegnungen und die Musiker lieferten ein feines Rockkonzert ab. Wir hörten und ›sahen‹ die Songs, die Reed für Lulu komponierte. Herausgesucht habe ich den schönsten Song »Iced Honey«, den Lou Reed mit der Band Metallica für das Doppel-Album »Lulu« einspielte: Lou Reed & Metallica: »Iced Honey«
Alle Songs des Albums können Sie hier hören und auch die entsprechenden Texte dazu finden. Die Geschichte von Lou Reed zu erzählen, der seit 2008 mit Laurie Anderson verheiratet war, bleibt einem weiteren Artikel vorbehalten; aber einige Stichwörter will ich nennen: Reed trat zusammen mit John Cale und zwei weiteren Musikern in der von Andy Warhol geförderten Band unter dem Namen »The Velvet Underground« ab 1965 auf. Sie war kommerziell nicht erfolgreich, man kann sie aber als einflussreichste Underground-Band bezeichnen. Ihr erstes Album war »The Velvet Underground & Nico« – das berühmte mit dem Bananencover. Ab den 1970er Jahren arbeitete Reed als Solist, besonders bekannt wurde der Song »Walk on the Wild Side«. 2011 arbeitete er mit der Band »Metallica« zusammen.
No matter what you say, no matter what you do/ A butterfly heart flies right past you/ There’s nothing to say, nothing to do/ See if the ice will melt for you/ Iced honey [aus: »Iced Honey«]
Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang [Botho Strauss]
Von Friedhelm Denkeler,

Auf einer Reise durch zahlreiche Länder hat Benjamin Ochse die Not-Behausungen von Obdachlosen in dokumentarischen Bildern festgehalten. Das fotografische Ergebnis ist jetzt in der Caritas-Galerie Berlin, Residenzstraße 90 (Eingang Reginhardstraße), 13409 Berlin, noch bis zum 1. März 2014 (verlängert) zu sehen.
»Auf meiner Recherchereise rund um Europa im Herbst 2011 sind die Behausungen in den meisten Städten direkt vor mir aufgetaucht, ohne dass ich sie suchen musste. Sie waren überall, lagen quasi vor mir, mal zurückhaltend kaschiert, dann wieder klar ersichtlich und offen. Ich fragte mich, ob ich vorher meine Augen vor ihnen verschlossen, oder wie ich sie aus meinem Bewusstsein weggefiltert hatte« schreibt Ochse in der Einleitung zur Ausstellung.
Obdach bedeutet Unterkunft oder Wohnung. Bei den vorliegenden Fotografien können wir nicht von unseren Maßstäben ausgehen. Wir müssen gewohnte Kategorien neu überdenken. Die Wohn-Ecken der obdachlosen Menschen unter den Brücken oder auf Parkbänken sind oft abgegrenzt und die wenigen Habseligkeiten werden unauffällig zusammengelegt, in große Plastikbeutel verpackt oder in einem Einkaufswagen deponiert. Ochse zeigt nicht die Menschen selber, sondern lässt ihre Habe für sich sprechen. Die Fotos zeigen, wie die Obdachlosen, die im Alltag mit wenigen und einfachsten Mitteln auskommen müssen, sich ein Minimum an Privatsphäre schaffen und sich vor der Umwelt schützen.

»Die Serie soll zum Nachdenken anregen, die eigene Situation und die der Anderen, die auf der Straße ums Überleben kämpfen, reflektieren« [Ochse] und das gerade in diesen Tagen – mitten im Winter. Bisher ist Ochse hauptsächlich durch seine dokumentarischen Filme hervorgetreten; jetzt zeigt er auch seine fotografischen Arbeiten. Die Foto-Serie »Hotel 1000 Sterne« ist zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sehen. Zwei kurze Trailer finden Sie hier und hier. www.pixeltransfer.com, www.caritas-berlin.de
Von Friedhelm Denkeler,
Mit dem Slogan der 1968er Protestjahre »Unter dem Pflaster liegt der Strand« war die Hoffnung verbunden, die eingefahrenen Strukturen der Gesellschaft und der Stadt freizulegen. Aber viel früher schon verspotteten die süddeutschen Fürsten des Heiligen Römischen Reiches das sandige und unfruchtbare Land Brandenburg als Märkische Streusandbüchse.
Woher kommt eigentlich dieser Berliner Sand? Die Gletscher der Eiszeit und später die abfließenden Wassermassen brachten den Sand aus Skandinavien in die Märkische Region. Wie man damals auf die Idee kam in dieser Sandwüste, in der nur Bäume und Gras wuchsen, eine Stadt zu gründen, war schon bemerkenswert.
Der geologisch eher junge Boden bestand nun aus unter Moränenschutt und Geschiebemergel unter Druck zerriebenem und ausgewaschenem Sand. Er wurde unterbrochen von zahlreichen Morasten, die von den Nebenarmen der Spree gespeist wurden. Das Land glich eher einer Wüste und je nach Windrichtung entstanden verschiedene Hügel aus dem Flugsand.

In der Hauptstadt ist heute nichts mehr von der eigentlich märkischen Natur zu sehen und in der Umgebung von Berlin wiederum nichts von einer Großstadtstimmung zu spüren. Nur bei großen Bauvorhaben, wie dem Bau des geplanten Tempelhofer Autobahn-Kreuzes tritt er noch zutage: der märkische Sand. Und unter diesem ist das Tempelhofer Kreuz dann wieder begraben worden.
In Rom kann man an jeder Ecke den geschichtsträchtigen, aufgegrabenen Boden in seiner starken Verdichtung sehen: Überall stößt man auf Gebäudereste, Grundmauern und kulturelle Ablagerungen; in Berlin hingegen findet man Fossilien, Werkzeuge aus der Bronzezeit oder manchmal Pfähle (auf denen einst das Schloss stand), aber meist nur Sand, Sand und nochmals Sand, der manchmal zu Lehm verdichtet ist. Vielleicht stößt in der Zukunft auch jemand beim Buddeln einmal auf ein Stück des Tempelhofer Kreuzes, das im Märkischen Sand versunken ist.
Das Portfolio Tempelhofer Kreuz, 1979, 30×45 cm, Fotopapier im Passepartout 50×60 finden Sie unter www.denkeler-foto.de. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 83 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2013). Das gesamte Portfolio besteht aus 74 Photographien.
Siehe auch Artikel Tempelhofer Kreuz – Eine Autobahn im Märkischen Sand.
Von Friedhelm Denkeler,

Von Friedhelm Denkeler,
»Da kommt ein spanischer Regisseur und zeigt uns, was im Stoff vom Schneewittchen steckt: eine leidenschaftliche Geschichte von Liebe und Tod voller überraschender Wendungen in einer Welt der Schönheit, Grausamkeit, Perversion und Eifersucht. Doch auch von Freundschaft und dem Mut, sich selbst und seine Fähigkeiten zu entdecken, erzählt Pablo Bergers Stummfilm, der die Geschichte vom Schneewittchen (das hier Carmen heißt) ins Sevilla der 20er-Jahre versetzt – in die Welt der gefeierten Toreros und Flamenco-Tänzerinnen, der Schausteller, Freaks und Komödianten.« [Programmheft Yorker]

Viele Jahre musste der Regisseur um die Finanzierung seines Stummfilms kämpfen; erst der Erfolg von The Artist, ebenfalls ein schwarz-weißer Stummfilm aus dem Jahr 2012, öffnete ihm die Türen. Jetzt hat Blancanieves in Spanien den Filmpreis »Goya« erhalten und in Hollywood wurde er für den Oskar nominiert. Und das zu recht: Wir sehen fantastische Schwarz-Weiß-Bilder, die Kiko de la Rica (Kamera) eingefangen hat. Das Licht über der Stierkampf-Arena ist weiß wie Schnee und der vergiftete Apfel in schwarz bringt den Tod.
Keine störenden Dialoge lenken von den Bildern ab, aber es ist kein ›stummer‹ Film, die Gesichter sagen alles aus und werden von der großartigen Filmmusik Alfonso de Vilallongas untermalt. Die Hauptdarstellerin Macarena Garcia ist eindeutig »die Schönste im ganzen Land« und Grimmsche Märchen funktionieren eben auch im Spanien der 1920er Jahre. Trailer: Blancanieves
Von Friedhelm Denkeler,
Der Berliner Stadtring als Autobahn A 100 führt in einem großen Bogen vom nördlichen Wedding bis zum südlichen Neukölln mitten durch den westlichen Teil der Stadt. Dieser Stadtring wird auch als innerer Ring bezeichnet, im Gegensatz zum äußeren Berliner Ring A 10, der größtenteils außerhalb von Berlin liegt. Die Trasse des Stadtringes folgt in weiten Teilen dem inneren S-Bahn- und Eisenbahnring.
Die halbrunde Struktur sollte im Fall der deutschen Wiedervereinigung zu einem Kreis vervollständigt werden. Spätere Planungen nach der Wiedervereinigung sind von diesem Plan abgerückt, da er große städtebauliche Einschnitte zur Folge gehabt hätte. Die Autobahn 100 wurde zwischen 1958 und 2004 gebaut.

Nach meinem abgeschlossenen Projekt im Wedding (siehe hier) habe ich 1979 den Autobahnbau zwischen Tempelhof und Neukölln für eine kurze Zeit fotografisch begleitet. Die Aufnahmen für das Portfolio Tempelhofer Kreuz entstanden zwischen den heutigen Anschlussstellen Tempelhofer Damm und Oberlandstraße, entlang des ehemaligen Flughafens Tempelhof, bis zur heutigen Anschlussstelle Gradestraße, der ehemals geplanten A 102 (hier sollte die Osttangente von Kreuzberg bis nach Buckow die A 100 kreuzen).
Geplant war ursprünglich, diesen Teil der A 100 vom Tempelhofer Kreuz als Hochstrecke bis nach Neukölln auszuführen. Alle Anschlussstellen waren bereits fertig gestellt. Um den Ortsteil Britz nicht in zwei Teile spalten zu müssen, wurden die Planungen später geändert und der Ortsteil mit einem Tunnel von 1,7 Kilometer Länge unterquert. Ein Teil der Bauten an der Gottlieb-Dunkel-Straße/ Ecke Tempelhofer Weg, die auf meinen Fotos zu sehen sind, wurden deshalb wieder rückgebaut.
Da auch die Osttangente nicht mehr realisiert werden sollte, entfiel auch der Bau des Tempelhofer Kreuzes. Heute erinnert nur die ein Kilometer lange Auffahrt von der Gradestraße zur A 100 an das geplante Tempelhofer Kreuz. Im Jahr 2004 wurde die A 100 bis zur Grenzallee fertiggestellt. Der Weiterbau der A 100 bis Treptower Park oder sogar bis zur Frankfurter Allee ist umstritten.
Auf meiner Website LICHTBILDER finden Sie ab sofort in einer Auswahl von 30 Fotos (aus 74) das Portfolio »Tempelhofer Kreuz« aus dem Jahr 1978.
Von Friedhelm Denkeler,

Heute um 18.11 Uhr, zur Wintersonnenwende, ist der kürzeste Tag dieses Winters erreicht. Auf meiner Aufnahme aus dem Jahr 1982, gemacht um die Mittagszeit am 22. Dezember, wurde es scheinbar überhaupt nicht hell. Theoretisch scheint heute die Sonne ca. acht Stunden, in Berlin genau von 08.17 Uhr bis 15.51. Uhr. Aber: Theorie und Praxis liegen oft weit auseinander. Auf jeden Fall werden aber die Tage wieder länger.
Von Friedhelm Denkeler,
If it’s never new and doesn’t get old, it’s a folk song [Coen-Brüder]
Eine der vielen Wurzeln der Rockmusik ist der Folk (oder auch folk music, bitte nicht mit Volksmusik verwechseln) insbesondere der nordamerikanische Folk. Das Zentrum dieser Szene war in den 1960er Jahren das Künstlerviertel Greenwich Village in New York. Genau hier spielt der neue Film »Inside Llewyn Davis« von den Coen-Brüdern („True Grit„) im Jahr 1961. Unabhängigkeit von den vorherrschenden musikalischen Strömungen und Authentizität des Sängers ist das große Credo der Folk-Epoche.
Diese Philosophie vertritt auch der fiktive Llewyn Davis (Oscar Isaac). Er treibt sich im eiskalten Winter 1960/61 im Village herum, übernachtet bei Freunden (u.a. bei Jim [Justin Timberlake]) und Bekannten, lebt von der Hand in den Mund und tritt mal hier, mal dort auf. Er hat zwar eine Plattenfirma, aber Geld hat er von ihr nicht zu erwarten. Und die Platten seines ersten Soloalbums mit dem Titel Inside Llewyn Davis liegen unverkauft in einer Kiste bei Freunden herum.
Zwischendurch fährt er im Auto des Jazzmusikers Roland Turner (John Goodman) mit nach Chicago. Hier will er sein Glück versuchen und bei dem legendären Produzenten Bud Grossman vorspielen (reales Vorbild ist Albert Grossman, der Entdecker von Peter, Paul & Mary). Grosman lobt zwar Gitarrenspiel und Gesang, aber »er sieht kein Geld«. Qualität und Karriere haben also schon immer wenig miteinander zu tun.
Jeder kennt doch Menschen, die extrem gut sind mit dem was sie tun – und trotzdem werden sie nie erfolgreich. Das ist eben so. [Joel Coen].

Die Coen-Brüder zeigen in ihren Filmen stets die harte Wirklichkeit. Dieses Mal sind die Helden Bohemiens, eher Looser, im Greenwich Village. Am Ende des Films sieht und hört man auf der Bühne einen Folkmusiker, der wie der junge Bob Dylan aussieht, singen. Mit Bob Dylan begann dann die neue Ära der Kommerzialisierung der Protestsongs. Die Diskussion, unabhängig und authentisch zu bleiben oder Kompromisse einzugehen und Geld zu verdienen, geht bis heute weiter. Der Film zeigt in der Anfangs- und Schlussszene drastisch, was den meisten Jung-Künstlern noch bevorstehen wird.
Was hat das nun alles mit meinem Katzenbild zu tun? Einfach diese Verlierergeschichte ohne Happy-End, dafür aber mit lakonischem Humor, anschauen. Und das insbesondere, wenn man den Folk liebt, denn alle Songs werden im Film voll ausgespielt. Die Katze im Film heißt übrigens „Odysseus“. Trailer