»Als wir träumten« von Andreas Dresen. Ein Techno-Musikfilm mit dem Sound von Marusha.
Als wir träumten war der Stadtrand von Leipzig die Welt. Die DDR war weg und wir waren noch da. Pitbull war noch kein Dealer. Mark war noch nicht tot. Rico war der größte Boxer und Sternchen war das schönste Mädchen, doch sie hat mich nicht so geliebt, wie ich sie. Alles kam anders. Aber es war unsere schönste Zeit. [Prolog von Dani in »Als wir träumten«]
Andreas Dresen zeigt eine »filmische Parabel über Freundschaft und Verrat, Zuversicht und Illusion, Brutalität und Zärtlichkeit. Sie erzählt die Geschichte einer verlorenen Jugend und präsentiert zugleich ein Spiel um Rebellion und die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück«. Und das alles mit viel Techno-Musik und Stroboskop-Geflacker unterlegt. Der Film ist ein paar Jahre nach der Wende angelegt und spielt in Leipzig.
Fünf junge Nachtgestalten, vor nicht allzu langer Zeit noch Pioniere mit rotem Halstuch, testen aus, was man im wiedervereinigten Land so alles mit der neuen Freiheit anstellen kann. Zwei Ereignisse ragen dabei heraus: die Gründung des (illegalen) Techno-Clubs Eastside und der Kampf mit den Neonazis. Dazwischen werden Autos geklaut, Drogen ausprobiert (einer stirbt daran), eine Boxer-Karriere scheitert, zwischendurch gibt es mal vier Wochen Jugendarrest und die Sehnsucht nach der großen Liebe, dem schönsten Mädchen von Leipzig, bleibt unerfüllt. Wie schon bei Sebastian Schippers Victoria ist auch hier kein Happy-End in Sicht. Dresen verfilmte mit »Als wir träumten« den gleichnamigen Bestseller von Clemens Meyer aus dem Jahr 2006. „
Er würde jedes Festival der Welt zieren. Weil es sich um Weltklassekino handelt [FAZ].
»Marusha beim Berlin Summer Rave 2015«, von Denis Apel, Quelle: Wikipedia
Eng war die Zusammenarbeit zwischen Dresens Musikberater Jens Quandt und der DJane (wie man weibliche DJs im deutschen Sprachraum oft nennt) Marusha. Die beiden kannten sich vom Jugendsender DT 64. Zwei Marusha-Tracks sind im Film zu hören: einmal der neuere von 2012 Marusha: »Club Arrest« und der mehr zeitbezogene Song aus dem Jahr 1992: Marusha: »Rave Channel«.
DJ Marusha (Marusha Aphrodite Gleiß, geb. 1966 in Nürnberg) wurde 1990 mit einer der ersten Techno-Musik-Sendungen »Dancehall« im DDR-Radio-Sender DT64 bekannt. Ein Jahr später begann sie mit der Produktion von eigenen Musikstücken und 1994 startete ihre Weltkarriere in den Techno-Clubs und den Raves mit dem Titel »Somewhere over the Rainbow«, einer Coverversion des gleichnamigen Songs aus dem Film-Soundtrack »Der Zauberer von Oz« aus dem Jahr 1939. Die Single verkaufte sich über eine halbe Million Mal. Auf Radio Fritz (vom RBB) moderierte Marusha 17 Jahre lang (bis 2007) die Sendung Rave Satellite.
Wie man an der Überschrift sieht – so richtig ernst kann ich den Film von Malick nicht nehmen. Zwei Stunden esoterische Selbstgespräche des Protagonisten und dazu noch die Gedanken der genormten Hollywood-Schönen, die er hören kann; das Alles in der Kulisse von Los Angeles, das nur aus Wohnungen aus dem Designer-Laden zu bestehen scheint, in denen nur perfekte Menschen leben ist doch zu viel des Guten. Oder ist der ganze Film am Ende eine Satire?
Malick soll sich seit »Tree of Life« komplett vom traditionellen Kinoerzählen zurück gezogen haben. Eine Handlung hat der Film eher nicht. Die Akteure schwadronieren symbolträchtig über den Sinn des Lebens. Die Bilder und Worte sollen wohl zu einer Art Meditation zusammenfließen.
DER SPIEGEL fasst den Inhalt in dem Satz zusammen »Ein Hollywood-Schauspieler um die vierzig (Bale) sucht in der Illusionsmetropole Los Angeles nach seiner Identität. Dabei durchstreift er neue und alte Liebschaften, tastet im Ozean, zwischen Betonhochhäusern und in öden Wüsteneien nach Wahrhaftigkeit in einer Welt aus Lug und Trug«.
Was das Ganze mit Tarotkarten zu tun hat? Die dienen im Film zur Gliederung der einzelnen Kapitel. Das Ganze wirkte dann eher wie der berühmte »Bullshit-Bingo« aus den Management-Seminaren, immer wenn das Wort Gott, Liebe, Tod, etc. fiel oder eine Wolke, Meereswelle, Felsengruppe ins Bild rückte, war man hier geneigt Bingo zu rufen.
Die Berliner Zeitung schreibt dazu »Das kann einem schon mal auf die Nerven gehen, keine Frage. Und dennoch: Kaum ein Filmemacher der Gegenwart verhandelt die Entfremdungserfahrungen, Sinnmüdigkeit und Kreatürlichkeit des Menschen so berückend und hypnotisch, wie Terrence Malick das tut … Malick gibt dem Kino indes zurück, was ihm mitunter verloren geht in all seinem Engagement: die großen Bilder, die reine Schönheit des Augenblicks und der Ewigkeit.« Also doch keine Satire? Um Klarheit zu schaffen sollten wir uns vielleicht die beiden Vorgänger-Filme Tree of Life und To the Wonder ansehen.
Malick würde allen einen großen Gefallen tun, wenn er einfach offiziell die Koyaanisqatsi-Reihe fortsetzte. Dieses prätentiöse Gemurmel über erneut solch umwerfend guten Bildern macht kirre. Der existentialistische Grundtenor, den ‚Knight Of Cups‘ anschlägt, wäre im Grundsatz schon interessant, wenn er nicht mit so einer quasispirituellen Sinnsuche … zugekleistert würde. Warum so viel Können und Talent für so wenig einsetzen? [tagezeitung (TAZ)]
»Victoria« von Sebastian Schipper mit Frederik Lau
Sebastian Schippers zweieinhalb-Stunden-Film in den Holzsitzen der engen Stuhlreihen im Friedrichstadt-Palast und dann noch in einer einzigen Kameraeinstellung (One Take) anzusehen, war Schwerstarbeit. Hat sich der Aufwand denn wenigstens gelohnt? Für Schipper war jedenfalls der Dreh traumatisch, danach war er zwei Monate lang zu nicht zu gebrauchen – Entspannungs-Depression. Bei uns hielt sie nur ein paar Stunden an.
Die Story handelt von vier Berliner Jungs (»We’re not zugezogen, you know – we’re real Berliners«), die in der Nacht ordentlich Party machen und einem Mädel aus Spanien, das seit vier Monaten in Berlin lebt und die alle gemeinsam im Morgengrauen eine Bank überfallen und durch die Stadt fliehen.
Hervorzuheben ist die große Leistung des Kameramanns (Sturla Brandth Grøvlen); in der Pressekonferenz wurde der Jubel besonders groß als er vorgestellt wurde. „Man sitzt und schaut und ist völlig überwältigt von dem, was man da sieht. Und schon bald auch von dem, was man nicht sieht, weil man sich vorstellt, wie das alles entstanden sein muss. Es ist es, als würde endlich ein großer Hunger gestillt“ [DIE ZEIT].
Zusammengefasst: Die fünf Protagonisten, wie in der Überschrift genannt, treten auf, die Kamera heftet sich an ihre Fersen und verlässt sie bis zum Filmende nicht mehr und dann schaltet die Kamera ein für allemal ab. So erwartungsvoll die Geschichte für die Berliner Ghettobrother beginnt – zum Schluss kann man von einem Happy-End nicht sprechen. Vielleicht kommt dieser bei der Vergabe der Berlinale-Bären.
Herzog erzählt die Geschichte der realen Gertrude Bell (Nicole Kidman), die in Oxford studiert hat und als Historikerin, Archäologin, Ethnologin und Schriftstellerin um 1915 nach Teheran reist und nach der tragisch endenden Liebe zu dem Diplomaten Henry Cadogan (James Franco) als Forschungsreisende das zusammen-brechende Osmanische Reich erkundet.
Sie gewinnt mit Mut und Respekt das Vertrauen von muslimischen Würdenträgern und war 1920 als Vermittlerin zwischen dem Orient und dem British Empire entscheidend an der Weichenstellung für die politische Neuordnung des Nahen Ostens beteiligt.
Die herrlich weiten Wüstenlandschaften werden im Film zum Seelenraum von Herzogs Hauptfiguren, überdeckt durch das Brüllen der Dromedare, ihre aufgerissenen Mäuler und ihren schaukelnden Gang.
Ein vielleicht zu perfekter Film, ein mit Hollywood-Glanz veredelter, wie man ihn von Herzog nicht erwartet hätte. Und die Kidman bleibt trotz Wüsten-Strapazen den ganzen Film über die schöne Frau, die sogar in der Wüsten-Oase ein Vollbad nimmt.
»Vielleicht macht Herzog, das alte Schlitzohr, auch eines Tages eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu »Queen of the Desert«. Die ist dann wahrscheinlich der echte Abenteuerfilm« [DIE ZEIT], ähnlich wie sein Dokumentarfilm »Mein liebster Feind« über die Dreharbeiten zu »Fitzcarraldo« mit Klaus Kinski.
Das Film-Jahr 2015 startet mit einem fantastischen Film
Pieter Bruegel der Ältere: »Die Jäger im Schnee« (1556), Quelle: Wikipedia
Ich habe Vampirzähne zum halben Preis im Angebot.
Unser Filmjahr 2015 startete mit dem fantastischen Film »Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach« von Roy Andersson. So wie der Titel, so sind auch Anderssons Filme: In vierzig Jahren hat der Regisseur (»Songs from the Second Floor« und »Das jüngste Gewitter« aus seiner Trilogie über die Natur des Menschen) nur fünf Filme gedreht; jeweils ohne durchgehende, nachvollziehbare Handlung, dafür aber einzigartig, sehr komisch und mit überbordender Phantasie. Seinen eigentümlichen Stil hat er in über 400 Werbespots entwickelt und die wiederum haben mit den üblichen Spots, wie wir sie kennen, nichts gemein.
Ist es denn sinnvoll, um diese Uhrzeit über so etwas nachzudenken?
Wenn man so will, nutzt der Film als Rahmenhandlung zwei Handelsvertreter, die durch die schwedische Provinz ziehen und drei Scherzartikel verkaufen: Vampirzähne, Lachsäcke und die Masken »Gevatter Tod« – sie bleiben allerdings erfolglos. Mit einem Todesfall beginnt auch der Film. Aber einzelne Szenen hier nach zu erzählen, bringt wenig, man muss sich den Film anschauen. Die Standfotos der Film-Website und der Trailer geben einen Vorgeschmack. Zum Filmtitel ließ sich Andersson durch ein Gemälde von Pieter Bruegel inspirieren: Er stellte sich vor, wie die Vögel auf den Zweigen dem Treiben der Menschen zusehen und sich darüber wundern.
Man kann doch nicht fühlen, was für ein Wochentag es ist.
SPIEGEL online schreibt »Der Film ist ein komplexes Kunstwerk, in dem man sich verlieren kann wie in einem Labyrinth. Er ist bitterböse, aber ohne Demagogie. Er ist liebevoll, aber ohne falsche Zuckrigkeit. Man sitzt und staunt, und dann wünscht man sich, dass sich auch hierzulande ein paar Menschen finden, die bereit sind, sich den Geist von so einem Film durchlüften zu lassen, anstatt immer nur das zu gucken, was man eigentlich sowieso schon kennt.« Oder zusammengefasst: Wir konnten den Menschen beim Existieren zuschauen.
Können Sie mir bitte bestätigen, dass ich es war, der den Fehler gemacht hat?
Das Ende eines perfekten Films kommt immer zu früh
2014 habe ich die Vorstellung der gesehenen Filme in diesem JOURNAL vernachlässigt. Deshalb folgt jetzt eine Übersicht der Filme (mit den Links zu den entsprechenden Artikeln), sowie eine Auswahl mit Kurzbeschreibungen der restlichen, gesehenen, aber nicht beschriebenen Filme. Alle Filme würde ich weiter empfehlen.
Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch: Nur Menschen mit einer großen Liebe zu Musik und Büchern bleiben am Leben – so könnte man den Film auch beschreiben, denn er lebt zu großen Teilen von der Musik und den Leidenschaften eines Rock-Nerds und seiner Bücher verschlingenden und überaus gebildeten Gattin. Ist es nun ein vampiristischer Musikfilm oder ein musikalischer Vampirfilm für Bildungsbürger?
Blancanieves von Pablo Berger: Eine leidenschaftliche Geschichte von Liebe und Tod, voller überraschender Wendungen in einer Welt der Schönheit, Grausamkeit, Perversion und Eifersucht als Stummfilm. Das Märchen von Schneewittchen im Sevilla der 20er-Jahre, in der Welt der gefeierten Toreros und Flamenco-Tänzerinnen, der Schausteller, Freaks und Komödianten.
Nebraska von Alexander Payne: Ein genervter Sohn fährt seinen teilweise dementen Vater in einer aufwendigen Autofahrt in die väterliche Vergangenheit, um einen gefakten Gewinn einzulösen. Was dann folgt, ist ein Kabinettstück hohen Filmschaffens mit herrlichen schwarzweißen, breitwandigen Bildern der Landschaft Nebraskas und seiner ländlichen Bewohner Die Geschichte ist eigentlich nicht erzählbar, aber dafür ist sie eine der schönsten Kinoreisen überhaupt.
A Long Way Down von Pacal Chaumeil nach dem Roman von Nick Hornby: Vier Typen wollen in der Nacht der Nächte ihrem Leben ein Ende setzen. Überrumpelt von der unerwarteten Gesellschaft, springt allerdings keiner vom Hochhaus. Stattdessen verbringen sie den Rest der ereignisreichen Nacht gemeinsam und schließen bei Sonnenaufgang einen Pakt: Neuer Selbstmordtermin ist der Valentinstag und bis dahin bringt sich niemand um.
Boyhood von Richard Linklater: Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat. Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens über den Zeitraum von zwölf Jahren geht.
The Grand Budapest Hotel von Wes Anderson: Der Film spielt in der Zwischenzeit der beiden Weltkriege und das hauptsächlich im Foyer des Grand Budapest Hotels als einem Theater der Welt in einem fiktiven osteuropäischen Land. Phantastisch barocke Bildtableaus und ein skurriles Personenarsenal, dazu eine irrwitzige Handlung.
Im August in Orange Country von John Wells: Großes Schauspielerkino mit wunderbaren Darstellern, allen voran Meryl Streep als depressive, tablettenabhängige Witwe, die ihre Töchter auf der Beerdigungsfeier gegeneinander ausspielt. Hätte Shakespeare das Skript geschrieben, wären am Ende alle tot.
Das finstere Tal von Andreas Prochaska: Ein düsteres Geheimnis, ein entlegenes Hochtal und ein schweigsamer Fremder, der sich als Fotograf ausgibt. Nachdem der Schnee das Dorf eingeschlossen hat und kaum ein Sonnenstrahl mehr das Tal erreicht, kommt es zu tragischen ›Unfällen‹, bei denen nach und nach die Söhne des Patriarchen umkommen – Begleichung einer Rechnung aus längst vergessen geglaubten Zeiten. Der Alpenwestern schlechthin.
Zeit der Kannibalen von Johannes Naber: Zwei taffe Unternehmensberater, die seit Jahren um die Welt touren, um den Profithunger ihrer Kunden zu stillen, erhalten im Luxus-Hotel in Nigeria Besuch von einer Kollegin, die sich als ihre Vorgesetzte herausstellt. Ihr Ziel scheint nah: endlich in den Firmenolymp aufsteigen. Dann bricht der Kampf um das Überleben in der Company aus und die Rebellen stürmen das Hotel. Wer diesen Film gesehen hat, wird niemals mehr sagen, er sei Unternehmensberater.
Die geliebten Schwestern von Dominik Graf: Der Film spielt um 1788 und die fernmündliche Kommunikation zwischen Friedrich Schiller, Charlotte von Lengefeld und deren Schwester Caroline wird ausschließlich durch verschlüsselte Briefchen hergestellt. Ob die Ménage-à-trois, sich wirklich so abgespielt hat, ist nicht überliefert. Ein empfehlenswerter Film und mit 170 Minuten keine Minute zu lang.
Wir sind die Neuen von Ralf Westhoff: Die ›Neuen« Alt-68er wollen ihre alte Studenten-WG aus Wohnungsnot, Einsamkeit und Kostengründen wieder neu beleben. Eine melancholische Komödie zum Lächeln; wer aber ablachen möchte, ist hier fehl am Platz.
Im Labyrinth des Schweigens von Giulio Ricciarelli: Besser kann man eine Geschichte im Film nicht erzählen – eine Geschichte, die die Vorgeschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses thematisiert. Sie fängt die Atmosphäre der fünfziger Jahre mit ihren Häusern, Wohnungen, der Kleidung, Musik und den zeitgemäßen Dialogen überzeugend ein.
Blue Jasminevon Woody Allen: Geld-Society-Frau verlässt ihren untreuen Ehemann, der sein ganzes Vermögen verloren hat. Jetzt taucht sie ohne Geld bei ihrer gutmütigen Schwester auf. Sie, die nie im Leben gearbeitet hat, nimmt eine Arbeit an der Rezeption an und lernt auf einer Party einen angesehenen Politiker kennen. Cate Blanchetts Rolle als neurotische Selbsttäuschung ist der Mittelpunkt dieser wunderbar entlarvenden Tragikomödie. Nie spielte sie besser.
Phoenix von Christian Petzold: Petzolds Muse Nina Hoss brilliert in der Hauptrolle als Auschwitz-Überlebende, die sich wie der titelgebende Feuervogel, über die Vergangenheit erhebt. Als sie ihrem Vorkriegs-Ehemann, der sie verraten hat, gegenübersteht, erkennt dieser sie aufgrund ihrer schweren Gesichtsverletzungen nicht, will aber mit ihr ein Erbe erschleichen. Die psychologisch bis zum Zerreißen spannende Handlung findet ein unerwartetes Ende.
In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.
Eine Übersicht über alle Artikel der Kategorie finden Sie unter »Zitat des Monats«.
Die Mutoid Waste Company im Sommer 1989 in West-Berlin
Im Sommer 1989, am 19. August, verbrachten wir einen ganzen Tag auf dem ehemaligen Gelände des Görlitzer Bahnhofs (heute: Görlitzer Park) in Berlin-Kreuzberg. Dieser Tag war der Höhepunkt einer mehrtägigen Performance der aus London stammenden Mutoid Waste Company, man könnte auch sagen des Abfallwirtschaftsbetriebs. Die Company lebte und arbeitete mehrere Wochen auf dem wilden, aus lauter Sandhaufen bestehenden Gebiet in ihrer Wagenburg und verwandelte das Gelände in einen anarchischen Abenteuerspielplatz.
Von einem zukünftigen Görlitzer Park war noch nicht viel zu sehen. Heute kann man dort aufgrund der vielen Dealer wahrscheinlich nur noch unter Polizeischutz fotografieren. Die Mutoid Waste Company wurde Anfang der 1980er Jahre von den Punks Joe Rush und Robin Cooke in London gegründet und reiste später quer durch Europa. Sie schweißte aus Schrott von alten Autos und Motorrädern neue, verrückte Mutant Vehicles zusammen, die oft Feuer spuckten und viel Krach machten.
Am Morgen ging es auf dem Gelände noch friedlich und idyllisch zu und man konnte sich die Landschaft in aller Ruhe anschauen. Ein einsamer Driver testete in den Sand-Dünen auf der „Rennstrecke“ sein Monster-Vehikel und ein total umgebauter und aufgebockter VW-Käfer war vor der Kulisse der Kreuzberger SO 36 Gründerzeit-Häuser zu bewundern. Dies waren bereits zwei auffällige Markenzeichen der Mutoids: der Umbau von Schrottautos zu ›fahrbaren‹ Untersätzen, die direkt aus einem Mad Max-Film hätten stammen können, sowie der Bau riesiger geschweißter Skulpturen aus Abfallstoffen. Der Rest der anarchischen Künstlerkommune schien noch selig zu schlafen.
Der Vormittag
Die Gruppe sammelte, wie sie auf einem Plakat seit Wochen mitteilte, alles Mögliche: Schrott, Plastik, Farben, T-Shirts, Staubsauger, Flipper, Kleider, Fahrräder, Küchenkram, Bettfedern und jegliche Art von fahrbaren Untersetzen. Am Vormittag sah ich mir die bisher produzierten Objekte an. Es waren in erster Linie kleinere Objekte, wie Käfer, Libellen und andere Geschöpfe sowie umfunktionierte Zweiradfahrzeuge; zum anderen legte die Gruppe mit viel Fantasie einen großen Schrott-Friedhof mit einzelnen Gräbern an. Durch die Kamera gab es bereits reichlich zu sehen.
Der Mittag
Gegen Mittag füllte sich das Areal mit Neugierigen und ein bis in die Nachtstunden dauerndes Kunsthappening, gemeinsam mit den Berlinern, begann. Kreuz und quer kreuzten in halsbrecherischer Weise die Fahrzeuge über das Gelände; dabei kippte auch schon mal ein Fahrzeug an den Hängen um. Ein alter, weißer Opel Rekord mit einem riesigen Auspuff-Rohr war über und über mit Bettfedern bestückt und eine Zugmaschine zog einen feuerspeienden Anhänger hinter sich her. Der TÜV gab zu diesen Gefährten ganz sicher nicht seinen Segen, wurde aber auch nicht gefragt.
Der Nachmittag
Am Nachmittag wurde es musikalisch. Die Mutoids brachten damals eine uns noch unbekannte Musik aus London mit und zwar Acid House, einen Ableger der House-Musik. House ist eine Stilrichtung der elektronischen Tanzmusik, die wiederum die Grundlage für die spätere noch populärere Techno-Musik und Techno-Szene wurde. Die Band trat ›very crazy‹ auf, beispielsweise trug der Drummer eine schräge Fantasie-Vogel-Maske.
Der Abend
Am Abend ging das wilde Happening mit den rasenden, endzeitlich anmutenden Monster-Vehicles und dem Hightech-Schrott weiter. Während des Festivals hatten die Mutoids einen Peace Bird zusammengeschweißt, montierten ihn auf ein Schienenfahrzeug und schoben ihn auf den noch teilweise vorhandenen, alten Schienen in Richtung Ost-Berlin zur Brücke über den Landwehrkanal direkt bis vor die Mauer der Görlitzer Straße auf der anderen Seite. Es sollte ein ›Geschenk‹ an Ost-Berlin werden. Ein Grenzbeamter sprach daraufhin zur Freude der Zuschauer ins Megaphon den legendären Satz: »Ich fordere Sie auf, die provokatorischen Handlungen zu unterlassen!«.
Die Nacht
In der Nacht wurde von den Grenztruppen der Friedensvogel wieder auf West-Berliner Gebiet zurückgeschoben und sicherheitshalber alle Schienen auf Ost-Berliner Seite der Brücke demontiert; ganze drei Monate vor dem Ende der Berliner Mauer. Im schaurigen Schein von Fackeln und Scheinwerfern war die laue Sommernacht noch lange nicht beendet, denn Kreuzberger Nächte sind bekanntlich lang.
Aus den Photographien habe ich das Portfolio Ein wilder Tag in Kreuzberg (1989) mit 64 Aufnahmen zusammengestellt (Fotopapier 30×45 cm, im Passepartout 50×60 cm). Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch (Book-on-Demand) mit 84 Seiten im Format 40×30 cm erschienen (2015). Es besteht aus den o.a. sechs Kapiteln. Eine Auswahl von 30 Photographien finden Sie auf meiner Website Lichtbilder. Drei Links mit Videos der Mutoid Waste Company und ihren Arbeiten habe ich zusammengestellt (Video 1, Video 2, Video 3).
Jetzt schalten wir das Radio an und legen die Kassette ein
Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn/ Vor uns liegt ein weites Tal/ Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl/ Die Fahrbahn ist ein graues Band/ Weisse Streifen, grüner Rand/ Jetzt schalten wir ja das Radio an/ Aus dem Lautsprecher klingt es dann:/ Wir fahr’n auf der Autobahn … [aus Kraftwerk: »Autobahn«]
1984 habe ich mir für die anstehenden Autobahn-Fahrten von Berlin nach West-Deutschland eine Compact-Kassette (ich hoffe, die Leser wissen noch, was das ist) zusammengestellt. Schwerpunkt der Cassette waren meine damaligen Top Five von Kraftwerk: passenderweise als Einstiegs-Song Autobahn (1974), dann Radioaktivität (1975), Trans Europa Express (1977), Das Model (1978) und Die Roboter (1978). Herausgesucht habe ich im Netz die über vierzig Jahre alte Single-Version mit 3:27 Minuten: Kraftwerk: »Autobahn«
Das vierte Studioalbum von Kraftwerk aus Düsseldorf kam 1974 heraus. Weltbekannt wurde es durch das die gesamte A-Seite der LP füllende, hypnotische Stück Autobahn. Angeblich kam die Idee Ralf Hütters Band im VW-Bus auf der Fahrt über die Autobahn. Es beginnt mit den Startgeräuschen eines Autos, gefolgt von dichterem Verkehr und hupenden Fahrzeugen; sozusagen die musikalische Interpretation einer monotonen Autobahnfahrt. Melodie und auch der über einen Vocoder laufende Sprechgesang sind minimalistisch; das oben angeführte Zitat gibt bereits den ganzen Text des Songs wieder. Kraftwerk legte hiermit den Grundstein für das Genre Techno-Pop.
Die Neue Nationalgalerie Berlin ist seit Ende letzten Jahres geschlossen (siehe Artikel Stützen für die Neue Nationalgalerie). Für den 6. Bis 13. Januar 2015, vor dem Beginn der Bauarbeiten, war die obere Halle für acht Konzerte der Band Kraftwerk unter dem Titel Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8 leergeräumt. An Karten für alle acht ausverkauften Konzerte war kaum heranzukommen. Und was spielten sie am ersten Tag? Natürlich Autobahn, aus ihrem nach eigener Lesart ersten Album. In diesem legten sie Querflöte und Hammondorgel beiseite und machten Musik mit einem für ihre Zwecke umgebauten Synthesizer.
Sie entlockten den Maschinen Emotionen. Die Spannung zwischen einer laienhaft gesungenen Textzeile und einer sauber eingespielten Keyboard-Melodie provozierte ungeahnte Gefühle. Vielleicht haben sie damit der Welt ein wenig gezeigt, wozu wir Deutschen fähig sind: Präzision, Exzellenz, und ja, Robotertränen. [Der Tagesspiegel]
Übrigens gibt es noch die längere LP-Version mit über 22 Minuten – für die längeren Autobahnfahrten. Sie hätte sich für eine Fahrt durch die damalige DDR eigentlich besser geeignet. Eine Live-Version mit 8:52 Minuten finden Sie hier.
David Chipperfield – Sticks and Stones, eine Intervention
Sticks and Stones may break my bones, but words will never hurt me [englischer Kinderreim]
Vor der Schließung der Neuen Nationalgalerie für ein halbes Jahrzehnt (sic!) verwandelte der britische Architekt David Chipperfield die obere, gläserne Halle der Neuen Nationalgalerie für drei Monate in einen deutschen Fichten-Wald mit 143 entrindeten, acht Meter langen Baumstämmen. Chipperfield will damit auf die Architektur des Ludwig Mies van der Rohe-Baus hinweisen: Säulen und Steine. Wobei das monumentale Dach auf nur acht Stützen zu schweben scheint. Viele Besucher haben vor lauter Bäumen die Ausstellung nicht gefunden. Chipperfield spricht daher auch nicht von einer Ausstellung, sondern von einer Intervention.
Die 143 Stämme fügen sich in das klare Raster der Stahldecke und des Granitfußbodens ein. Gleichzeitig ist für Chipperfield die Installation eine Metapher für die kommende Baustelle zur Generalsanierung, für die er in den kommenden Jahren verantwortlich ist. Inmitten des Stützenwaldes befindet sich übrigens eine Lichtung auf der verschiedene Veranstaltungen stattfanden. Fotografisch ist der Wald in der Nacht besonders schön anzusehen und durch die riesigen Glasscheiben wird die Außenwelt surreal wieder gegeben. Die Ausstellung ging am 31. Dezember 2014 zu Ende.
Im Jahr 2014 habe ich mein Portfolio Köbbinghauser Hammer abgeschlossen. Die gesamte Serie mit 186 Photographien von Gewerbegebieten, Fabrikationsgebäuden und deren Einbettung in die Berg-, Hang- und Wald-Landschaften des südlichen Westfalens sind in den Jahren 2008 bis 2014, hauptsächlich im Landschaftsgebiet Sauerland, entstanden (siehe ausführlicher mein Artikel Wenn man vor lauter Bäumen, die Fabrik nicht mehr sieht und eine Auswahl von 30 Photographien auf meiner Website LICHTBILDER). Mit der Photographie der Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH in Plettenberg begann im Jahr 2008 meine Serie »Köbbinghauser Hammer« (siehe Die Stimmnägel von Plettenberg„.
Seit Jahren sind wir auf dem Weg von Berlin ins südliche Westfalen auf der Bundesstraße 229 immer wieder an einem auffallenden Fabrikgebäude an der Rönkhauser Straße 9 in Arnsberg-Müschede vorbeigekommen: Die Schräge Halle am Sophienhammer. Es handelt sich um ein architektonisch interessantes Fabrikationsgebäude der Firma Julius Cronenberg.
Die Manufaktur wurde im Jahr 1711 in Gevelsberg als Sensenschmiede gegründet. 1870 erfolgte der Umzug an den heutigen Standort in Müschede. Auf dem erworbenen Gelände stand der Sophienhammer. Inzwischen ist die Fertigung von Sensen nur noch eine Randerscheinung. Heute fertigt das Unternehmen hauptsächlich Stadtmobiliar.
Die neue preisgekrönte Fertigungshalle ist mittlerweile eine Landmarke mit seiner nächtlich angestrahlten schrägen Wand; nach der Fertigstellung gab es allerdings erst einmal heftige Kritik aus der Bevölkerung ob der ›Schandmauer‹. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt und die Fachwelt lobt den Bau, der zwischen zwei Altbauten in einer großen Kurve auf die Bundesstraße zu stürzen scheint. Es ist eins der interessantesten neuen Fabrikgebäude aus meiner Serie Köbbinghauser Hammer.
Eine erfreuliche Nachricht zum Anfang des neuen Jahres 2015: Der Trend der steigenden Besucherzahlen hat sich auch im zweiten Halbjahr 2014 verstärkt fortgesetzt. Das deutet darauf hin, dass die Gäste das Motto des Journals »Qualität ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Qualität« zu schätzen wissen, und ich möchte mich heute herzlich für das Interesse bei allen Besuchern bedanken. Im zweiten Halbjahr 2014 besuchten insgesamt 154 660 Gäste das Journal, im Mittel also 847 Besucher pro Tag, im gesamten Zeitraum (01.07.2010 bis 31.12.2014) waren es 667 480.
Einige Anmerkungen zur Statistikauswertung meines Providers: Diese Auswertung fasst alle Seitenaufrufe eines Besuchers, gekennzeichnet durch seine IP-Adresse und seine Browserkennung, zu einem Besuch (unique visit) zusammen. Ein Besucher wird nur gezählt, wenn er mindestens eine Page-Impression, d.h. eine vollständig geladene Seite mit dem Rückgabewert 200 oder 304, ohne Bestandteile wie Bilder und Dateien mit den Endungen .png, .jpg, jpeg, .gif, .swf, .css, .class oder .js auslöst. Liegen mehr als 30 Minuten zwischen den einzelnen Page-Impressions, so wird der Besucher mehrfach gezählt. Ein Besuch kann maximal 30 Minuten dauern.
In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.
Eine Übersicht über alle Artikel der Kategorie finden Sie unter »Zitat des Monats«.
The power of love / A force from above / Cleaning my soul / Flame on burnt desire / Love with tongues of fire / Purge the soul / Make love your goal [aus: Power of Love]
„Tizian: Maria Himmelfahrt“, Hochaltar Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig, 1516–1518″, Quelle: Wikipedia
Anstelle einer Weihnachtsgeschichte habe ich für Heiligabend den Song Power of Love von Frankie goes to Hollywood herausgesucht. Das Lied kenne ich seit dreißig Jahren. Nach dem Erscheinen des Albums Welcome to the Pleasuredome wurde es am 19. November 1984 als Single veröffentlicht.
Eigentlich ist es kein direktes Weihnachtslied, obwohl es sich auf zahlreichen Weihnachts-Samplern befindet; es handelt aber von der Macht der Liebe und die Wörter Engel und Himmel tauchen auf, also passt es auch zu Weihnachten.
Die Nähe zu Weihnachten wird durch die auf dem Cover abgebildete Maria Himmelfahrt von Tizian unterstrichen und natürlich durch das Video, das im Dezember 1984 auf allen Musikkanälen lief. Der Clip zeigt die Geburt Jesu und gibt das zeitgenössische Umfeld in künstlerischer Form wieder.
Die Band Frankie goes to Hollywood mit ihrem Leadsänger Holly Johnson spielte sonst eher härtere Musik, aber wie bei anderen Rockbands auch, machen sie oft auch die schönsten Balladen.
The Power of Love war nach Relax und Two Tribes die dritte Single der britischen Band und der dritte Nummer-eins-Hit der Gruppe in Großbritannien.
Die Band löste sich 1987 auf. Ein Magazin-Cover mit der Headline über Frank Sinatras Aufbruch ins kalifornische Hollywood inspirierte Holly Johnson zum Bandnamen. Frankie Goes to Hollywood: »The Power of Love«
Im Jahr 2014 habe ich mein Portfolio »Köbbinghauser Hammer« abgeschlossen. Die gesamte Serie mit 186 Photographien von Gewerbegebieten, Fabrikationsgebäuden und deren Einbettung in die Berg-, Hang- und Wald-Landschaften des südlichen Westfalens sind in den Jahren 2008 bis 2014, hauptsächlich im Landschaftsgebiet Sauerland, entstanden (siehe ausführlicher mein Artikel Wenn man vor lauter Bäumen, die Fabrik nicht mehr sieht und eine Auswahl von 30 Photographien auf meiner Website Lichtbilder). Mit der Photographie der Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH in Plettenberg begann im Jahr 2008 meine Serie »Köbbinghauser Hammer«.
»Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH mit der Schutzmarke ‚Biene’«, aus dem Portfolio »Köbbinghauser Hammer«, 2014
Die Firma W. Wagner jr. GmbH ist ein Beispiel für eine größere Industrieansiedlung innerhalb der Stadtgrenzen von Plettenberg. Zum Zeitpunkt meiner Aufnahme im Jahr 2008, stand allerdings nur noch das Büro- und Verwaltungsgebäude des Unternehmens. Die eigentlichen Fertigungshallen mussten 1995 zu Gunsten des Baus von Wohn- und Seniorenhäusern weichen. Und zum Abschluss meiner Serie im Jahr 2014 war nur noch eine Baugrube vorhanden, das schöne Ensemble musste Platz für weiteren Wohnungsbau machen.
Das Unternehmen wurde 1853 in Plettenberg gegründet und begann mit der handwerklichen Fertigung von Stimmnägeln und Stiften für die Klavierindustrie zunächst am Kirchplatz und bedingt durch die Umstellung auf die industrielle Fertigung zog das Unternehmen später in das größere Areal an der Kaiserstraße. Neben der Wasserkraft durch die Else als Energiequelle, wurde eine Dampfmaschine angeschafft. Die Stimmnägel unter dem Markennamen Biene (der auf meinem Bild immer noch vorhanden war) wurden in der ganzen Welt gerne gekauft. Seit 1930 wurden auch Holzschrauben gefertigt und in den 1950er Jahren wurde der Betrieb durch eine weitere Halle für die Blechschraubenproduktion erweitert.
Foto-Ausstellung in der neu eröffneten Galerie C|O im Amerika Haus.
Ein Fotograf sollte in seinen Bildern nur eine Sache ausdrücken: sein ganzes Selbst. [Will McBride]
Am 30. Oktober 2014 war die große, komplett überlaufene Eröffnung von C|O Berlin am neuen Standort im Amerika Haus. Zwischen der letzten Ausstellung im Postfuhramt in Mitte und der jetzigen Eröffnung in Charlottenburg im umgebauten und denkmalgerecht instandgesetzten neuen Haus vergingen fast zwei Jahre (siehe C|O Berlin muss das Postfuhramt verlassen und Von der Mitte in den Westen). Zu sehen sind drei Ausstellungen, über die ich nach und nach berichten möchte.
Das Schweigen, das über der zerbombten Stadt liegt, und die Gruppen armseliger Ruinen, die noch stehen, erzeugen in mir Ehrfurcht vor dem Baustein und der Arbeit, die alles aneinander gereiht und aufgestapelt hat. Nun braucht man neue Träume und ein neues großes Aufstapeln dort, wo die alten Träume im Schutt begraben liegen. [Will McBride]
Aktuell präsentieren viele Ausstellungen das Berlin der Vergangenheit in Photographien. Da sind zum einen die zehn Ausstellungen von Karl-Ludwig Lange (Berlin ist ganz anders als Ihr denkt!) und Ulrich Wüst (Mitte, Morgenstraße und fremdes Pflaster), die beide die Zeit vor und nach der Wende zeigen; bei Siebrand Rehberg sieht man mit Kreuzberg wie es einmal war … die Zeit in den frühen 1970er Jahren und Will McBride bei C|O Berlin geht noch einmal zwanzig Jahre weiter zurück und präsentiert Berlin in den 1950er Jahren.
McBride zeigt das brodelnde Leben inmitten bleierner Nachkriegszeit in Berlin: Wir sehen die Trümmerfrauen beim Steine aufschichten und die Bauarbeiter beim Renovieren der Ruine der Gedächtniskirche (so wie heute auch!!); ein Kriegsversehrter fährt im Rollstuhl an einer Ruinenlandschaft entlang; die Kinder spielen und die Halbstarken kurven auf ihren Mopeds vor dem Strandbad Wannsee herum; Panzer der US-Armee und der Roten Armee stehen sich am Checkpoint Charlie gegenüber; über die provisorische Mauer winken Berliner ihren Verwandten auf der anderen Seite zu und die Häuser im Grenzgebiet zwischen Ost und West sind zugemauert.
Aus der Ruine des Palais Tiele-Winckler im Bezirk Tiergarten sehen uns im ersten Stock links und rechts zwei überlebensgroße Skulpturen mit den Bildnissen von Herrschern an, in der Mitte steht ein zeitgenössischer und lebendiger Mann mit Trommel in der leeren Fensterhöhle. Vor einer riesigen Brandmauer an der Bernauer Straße geht ein einsamer Mensch entlang und versetzt den Betrachter in eine kafkaeske Stimmung.
Aber McBride zeigt uns auch persönliche Fotos von den Festen und Feiern in seiner Wohnung, von seiner Frau und seinen Kumpels beim Raufen. Auch Fotos mit Prominenten wie Horst Buchholz mit Ehefrau oder Willy Brandt, Adenauer und Kennedy vor der Mauer am Brandenburger Tor, sind zu entdecken. Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 war die Leichtigkeit von McBride dahin und er zog nach München.
Will McBride, geboren 1931 in St. Louis, Missouri/USA, studierte Malerei, Illustration und Kunstgeschichte in New York und Philologie in Berlin. Er war als Reportage-Fotograf von Weltruf für deutsche und internationale Magazine tätig und veröffentlichte zahlreiche Fotobücher, darunter das legendäre Aufklärungsbuch Zeig mal (1974). Die Zeitschrift twen veröffentlichte 1960 McBrides Porträt seiner schwangeren Frau Barbara im Profil, was einen Skandal auslöste. Seit Mitte der 1970er Jahre ist er überwiegend als Maler und Bildhauer tätig. Er lebt und arbeitet jetzt wieder in Berlin.
Die Ausstellung Will McBride – Ich war verliebt in diese Stadt ist auch die Erinnerung an ein Jubiläum: 1957 waren McBride-Bilder die ersten Fotos, die je im Amerika-Haus gezeigt wurden. Diese neue Werkauswahl erinnert daran. Die Ausstellung bei C|O Berlin, Hardenbergstraße 22-24, ist noch bis zum 16. Januar 2015 zu sehen. Gleichzeitig laufen die Ausstellungen Magnum – Contact Sheets und Picture Yourself – Magnum Photomaton.
Die Tatsache, dass ich Amerikaner war und studierte, macht aus mir einen Helden, ohne dass ich viel dazu beigetragen habe. Ich war verliebt in diese Stadt und in das Leben, das sie mir bot. [Will McBride]
Ein weihnachtliches Märchen als Vorgeschichte zu den Berliner Diven
Es war einmal eine Druckerei in der Kulmer Straße 20a. Im Märchen kommt spätestens jetzt die gute Fee, schwingt dreimal ihren Zauberstab und kurz darauf sind alle Wünsche in Erfüllung gegangen. Alternativ ließe sich auf die »Sieben Zwerge« oder »Das tapfere Schneiderlein« hoffen. Nein, es war alles ganz anders. Also ziemlich harte Arbeit.
Nach etlichen Jahren auf Tournee und Gastspielen an verschiedenen Bühnen, suchten die legendären »O-TonPiraten« eine feste Spielstätte und fanden sie, wie im Märchen, direkt vor ihrer eigenen Tür im Schöneberger Kiez. Nebenbei gesagt, glaube ich, dass eine gute Fee eventuell hier doch ihre Hände im Spiel gehabt hat, aber das bleibt unter uns. In Eigenregie und weil viele ihrer Freunde schon lange einmal Keller und Dachboden aufräumen wollten, zauberten sie das »Theater O-TonArt« hervor, das mit seinem Mobiliar nicht nur Charme und Patina verschiedener Epochen ausstrahlt, sondern seit nunmehr fünf Jahren Stammpublikum und Gäste verzaubert.
Auf der Bühne stehen bekannte und noch weniger bekannte Künstler; es gibt Eigenproduktionen, Gastspiele und bunte Abende und noch mehr Pläne für kommende Zeiten. Was dieses Theater aber besonders liebenswert macht, sind seine Gastgeber. Wo sonst wird man noch mit freundlichen Worten persönlich an seinen Platz geleitet? Alle Zauberwesen, die Sie dort abendlich sehen, sind ehrenamtlich tätig. Also doch wie im Märchen?
Nicht ganz oder fast doch, denn auch im Märchen müssen die Helden gegen das Böse kämpfen und sei es auch nur, dass es in Form nicht bewilligter Förderanträge und anderer Widrigkeiten daher kommt. Wahre Helden besinnen sich auf ihre eigenen Kräfte und so geschah es auch in diesem Jahr als eine Produktion platzte. Aller guten Dinge sind drei und so nahmen »Eine Dame. Ein Herr. Ein Pianeur« sich mutig der Sache an und stellten innerhalb kürzester Zeit die »Berliner Diven« so genial auf die Bühne, dass man wünscht, der Abend würde nie enden.
Die Brüder Grimm, die nur wenige Meter entfernt auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof ihre Ehrengräber haben, wären mächtig stolz auf diese heldenhaften Retter der darstellenden Kunst gewesen. Und weil bald Weihnachten ist und weil ohne Märchen, Träume und gute Feen das Leben ärmer wäre, soll noch einmal dezent auf die aktuelle Produktion hingewiesen werden. Und Helden sollen genannt werden: Sabine Schwarzlose, André Fischer und Florian Ludewig haben unter der Regie von Gregor Mönter die Diven zum Leben erweckt und dies so zauberhaft, wie es eigentlich nur im Märchen sein kann. Auf dass es heißen möge: »Und sie spielen vergnügt bis an ihr Ende!«
Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im »Theater O-TonArt«, Kulmer Straße 20a, 10783 Berlin und wieder am 23., 24. Januar 2015 (je 19.30 Uhr) und 25. Januar 2015 (15 Uhr). Siehe auch: Acht Berliner Diven plus eine im Theater O-TonArt.
Rolling Stone – Eine kleine Geschichte der Rock-Zeitschriften
1967 wurde sie in San Francisco gegründet – die Rolling Stone, eine Zeitschrift mit dem Schwerpunkt Rockmusik und Popkultur. Die erste Ausgabe erschien vor 47 Jahren am 9. November 1967 noch im Zeitungsformat. Damals in der Kleinstadt in Ost-Westfalen hat man davon natürlich nichts mitbekommen, geschweige denn, dass man sie kaufen konnte. Außerdem wäre mein Englisch nicht ausreichend gewesen (ist das heute sehr viel besser?).
Zwar gab es die deutsche Sounds, die 1966 als Free Jazz-Magazin begann, den Musikexpress, der seit 1971 monatlich in Deutschland erschien (gegründet wurde er in Holland als Muziek Expres, der erstmalig das Programm des illegalen Senders Radio Veronica abdruckte), sowie die Spex, die seit 1980 existiert und sich eher mit subkulturellen Themen beschäftigt. Alle diese Magazine änderten oft ihre Redaktionen, Titel wurden zusammen gelegt, die inhaltliche Ausrichtung der Blätter war oft unklar und sie trafen nicht unbedingt meinen Musik-Geschmack. Dies änderte sich jedoch vor 20 Jahren mit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe der Rolling Stone. Das wird eine andere Geschichte werden.
Der Name der Rolling Stone geht zurück auf den Titel Like a Rolling Stone von Bob Dylan. In der ersten (amerikanischen) Ausgabe war John Lennon auf dem Cover abgebildet – als Soldat. Hintergrund war der Film von Richard Lester »Wie ich den Krieg gewann« (How I Won the War) mit John Lennon in der Hauptrolle als Musketeer Gripweed, der im Jahr 1967 erschien. Heute sieht man diesen Film als einen der ersten Anti-Kriegsfilme an, denn Lester stellt auf satirisch-tragikomische Weise den Krieg als Groteske dar. Soweit ich mich erinnere, habe ich den Film damals ›nicht so richtig verstanden‹. Man müsste ihn heute noch einmal sehen.
Auf der dritten Seite sind die Beatle wives Patti Harrison, Cynthia Lennon, Maureen Starr und Jenny Boyd (Patti’s Schwester) in einem großen Foto abgelichtet. Es geht um eine Einkaufstour durch die Londoner Boutiquen. Also auch damals schon Klatsch und Tratsch um die It-Girls.
Aber weitere Artikel in der Erstausgabe befassen sich mit Jefferson Airplane, Country Joe and the Fish, den Byrds, den Lovin‘ Spoonfull und mit dem 1967er Monterey Pop Festival im Summer Of Love. Ein Interview mit Donovan, ein Korrespondenten-Bericht aus London und Plattenkritiken, wie Traffic mit Hole In My Shoe und The Herd mit From The Underworld runden die Erstausgabe ab.
Da dieser Artikel unter der Kategorie Rock-Archiv firmiert, soll hier auch von den genannten Songs einer aus dem Jahr 1967, der mit dem berühmten Glockenschlag von Big Ben beginnt, vorgestellt werden: The Herd: »From The Underworld«.
Die ›Herd‹ aus Großbritannien hatte 1967 und 1968 einige Erfolge vorzuweisen, wie From The Underworld und Paradise Lost. Ihr berühmtestes Bandmitglied war Peter Frampton, der später die Gruppe verließ und 1968 zusammen mit Steve Marriot die Band Humble Pie gründete.
Out of the land of shadows and/ darkness, we were returning/ Towards the morning light/ Almost in reach of places I knew/ Escaping the ghosts of Yesterday/ You were behind me following/ closely/ „Don’t turn around now“ [From The Underworld]
Siebrand Rehberg in der Collection Regard mit Berlin-Fotografien der frühen Siebzigerjahre.
Die Fotografien … sind eine echte Entdeckung. Sie setzen die Tradition des flanierenden Fotografen fort und lassen uns den Wandel Kreuzbergs in den 70er Jahren nacherleben [tageszeitung TAZ].
Er war einer der ersten Schüler von Michael Schmidt, noch bevor dieser die legendäre »Werkstatt für Photographie« in Kreuzberg ins Leben rief: Siebrand Rehberg. Rehberg fotografierte in den 1970er Jahren, wie sein Lehrer, zunächst hauptsächlich in seinem Wohnbezirk Berlin-Kreuzberg (das frühere SO 36 wurde auf drei Seiten von der Mauer fast eingeschlossen). Im Gegensatz zu Schmidts damaligen Stadtlandschaften, bewegte er sich auf der Straße zwischen den Menschen und hielt diese einfühlsam in seinen Fotografien fest. Die Originale sind jetzt zum ersten Mal öffentlich in der Collection Regard unter dem Titel „BERLINER. Signale des Aufbruchs – Siebrand Rehberg – Fotografien 1971 – 1976 “ zu sehen.
Die Alltagsszenen hielt Rehberg in beeindruckenden Bildern fest: Kinder spielen auf einem VW-Käfer-Wrack im Engelbecken-Hof; ein Seil hüpfendes Mädchen spielt an der Mauer am Leuschnerdamm; der für die Urlaubsreise in die Türkei vorgesehene VW-Bus am Fraenkelufer wird bepackt und zusätzlich werden die Koffer mühselig auf dem Dach festgezurrt; eine Kiosk-Besitzerin posiert mit ihren Kunden am Schlesischen Tor oder ein Trupp von Ostberliner Grenzsoldaten repariert, unter Bewachung von Westberliner Polizisten, die Mauer an der Heidestraße.
Bereits in den 1970er Jahren spielte sich ein Teil des Lebens öffentlich in den Straßen Berlins ab. Die Gastarbeiter, wie sie damals genannt wurden, brachten ihre Kultur mit nach Deutschland und insbesondere nach Berlin-Kreuzberg. Die Fotografie „Görlitzer Straße“ hält dies bemerkenswert fest: Zwischen den beiden Hauseingängen, in denen jeweils ein türkisches Ehepaar getrennt sitzt, spielen Kinder und ganz am Rande des Bildes verfolgt eine deutsche Hausfrau das Geschehen hinter der Gardine.
Rehberg zeigt aber auch Berliner Stadtlandschaften in West und Ost: ein riesiges Brennnessel-Feld an der Mauer; ein Zeitungskiosk am Görlitzer Bahnhof, voll gepflastert mit Zeitschriften der Regenbogen-Presse; der Wochenmarkt am Winterfeldplatz, auf dem Wolfgang Menge gerade einkauft; eine neue Hochhaussiedlung an der Lindenstraße; ein startendes Flugzeug über dem Friedhof Neukölln und immer wieder Bilder mit der Mauer und dem Todesstreifen, zum Beispiel an der Oderberger Straße.
Die 1970er Jahren leiten den sogenannten Aufbruch ein und Rehberg zeigt die Zeit vor den kurz bevor stehenden Umbrüchen. Ein Zeitzeugnis, wie wir heute nach vierzig Jahren konstatieren können. Erik Steffens stellt im Katalog fest: „Das Aufkommen neuer sozialer Bewegungen setzt Siebrand Rehberg immer indirekt ins Bild, sein Interesse liegt vor allem an den Menschen. Ihnen begegnet er mit Respekt und Neugier, lässt ihnen ihre Würde.“
Siebrand Rehbergs Straßenfotografien haben mich auf Anhieb überzeugt, denn er hat es geschafft, einen sehr breiten Teil der Kreuzberger und Berliner Gesellschaft eindrucksvoll und einfühlsam einzufangen. Er liefert uns mit hohem fotografischem Können ein wunderbares Zeitdokument von Menschen aller Schichten, sowohl aus West- als auch Ost-Berlin. [Der Sammler Marc Barbey]
Kreuzberg wie es einmal war, heute ist es Geschichte. Die Ausstellung, die von Antonio Panetta kuratiert wurde, findet im Rahmen des Monats der Fotografie in Berlin statt. Dieser ist zwar inzwischen beendet, aber viele Ausstellungen laufen bis Januar 2015 weiter. Die Ausstellung von Siebrand Rehberg gehört zu den sehenswerten fotografischen Arbeiten in diesen Wochen in Berlin. Die Ausstellung in der Collection Regard des Sammlers Marc Barbey ist noch bis zum 12.12.2014 zu besichtigen (wird hoffentlich verlängert). Im Nicolai-Verlag ist das Buch von Siebrand Rehberg Signale des Aufbruchs – Berlin-Fotografien der frühen Siebziger Jahre als Katalog erschienen. Collection Regard | Fotostrecke mit 20 Bildern auf Spiegelonline
In den Jahren 2008 bis 2014 habe ich im südlichen Westfalen, hauptsächlich im Landschaftsgebiet Sauerland und hauptsächlich im Frühjahr, Sommer und Herbst auf Wanderungen Photographien von Gewerbegebieten, Fabrikationsgebäuden und deren Einbettung in die Berg-, Hang- und Wald-Landschaften der Region gemacht. Dazu gehört auch die kommunale Infrastruktur, wie Bahnanlagen, Trafohäuschen, Kläranlagen und Pumpspeicher-Becken. Zur Erschließung neuer Gewerbegebiete wird schon einmal ein größerer Eingriff in die Natur vorgenommen: Bäume werden gerodet, größere Erdbewegungen werden durchgeführt und zum Beispiel der Rammsiepenbach wurde unterirdisch verlegt.
Die Schließung von innerstädtischen Fabriken schafft hingegen Platz für neue Wohnungen, aber zum Nachteil sind die neuen Fabriken nun außerhalb der Ortschaften gelegen, in der freien Natur oder im Wald. Dies wird in vielen Photographien deutlich; manche Manufaktur-Hallen sind regelrecht im Wald versteckt und manchmal sieht man vor lauter Bäumen die Fabrik nicht mehr. Beim näheren Hinsehen entdeckt man rund um die Werke jedoch die Lagerplätze, vollgestellt mit leeren Containern, Paletten, Gitterboxen, Coil-Materialien und sonstigen Halbzeugen. Aber auch verlassene Gewerbegebiete mit ihren mit Gras überwachsenen Parkplätzen und die von der Natur zurückeroberten Lagerplätze sind natürlich lohnende Motive.
Oft findet man auch witzige, kuriose Motive: ein Industriebau, der zusammen mit der davorstehenden Betonmauer wie ein Hochsicherheitstrakt aussieht; eine freistehende Wellblech-Halle erinnert an Photos von Walker Evans; ein Gewerbebau sieht aus, als wenn er aus dem Schwarzwald exportiert wurde; das riesige fensterlose Gebäude der Fastenrath Befestigungstechnik, sicherlich ein Hochregallager, steht mitten im Wohngebiet (siehe Foto); der Strohballen auf dem landwirtschaftlich genutzten Feld mit der neuen Fabrikationshalle oder das Trafohäuschen mit einem hohen Lattenzaun mitten im Wald. Ein Motiv war auch der restaurierte Bahnhof Köbbinghauser Hammer der Kleinbahn, der allerdings nur noch der Museumsbahn dient.
Zum Schmunzeln sind oft auch Namen und Gestaltung der Fabriken: Press & Stanz, der gestaltete Vorplatz mit Felsbrocken der Firma Rapp, der Hollywood-Boulevard mit dem Kino im Industriegebiet oder auch die beiden Imbisse Köbbinghauser Grill. Von den Gebäuden sind die alten aus der Anfangszeit des Industriezeitalters die Schönsten: das Verwaltungsgebäude der Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH in Plettenberg, das inzwischen nicht mehr existiert; die herrliche Backstein-Front der Riegel-Fabrik von 1852 der Firma Gustav Alberts in Herrscheid; der ehemalige Lokschuppen der Kleinbahn in Plettenberg-Oberstadt; die Backstein-Gebäude mit zugemauerten Fenstern in der Fabrikstraße; die dreistöckige Fabrik mit einer Rampe über die Else oder die ›weiße‹ Fabrik Prinz Verbindungselemente GmbH mit dem leeren Parkplatz im Ortsteil Holthausen von Plettenberg.
Die Wanderungen fanden meist an Tagen mit Sonnenschein statt und meistens am Wochenende, das erklärt auch die oft leeren Parkplätze. Das mit dem Sonnenschein ist nicht so einfach, denn an 4 von 7 Tagen fallen mehr oder minder starke Niederschläge in der Region. Der Ausgangspunkt der Touren war die Vier-Täler-Stadt Plettenberg im Westen des Sauerlands; viele Wanderrouten führten an den Flüssen Lenne, Oester und Else vorbei. Die ersten Fabriken und Manufakturen sind zu Beginn des Vorindustriezeitalters in der Region an den vielen Flüssen entstanden. Deshalb konnten hier mit Hilfe der Wasserkraft die Eisenhammer angetrieben werden, die Schmiedeeisen als Halbzeug und die daraus gefertigten Gebrauchsgüter, herstellten. Viele Orte hatten den Namen eines Hammerwerks in ihren Namen: Bremecker Hammer in Lüdenscheid oder mein titelgebender Köbbinghauser Hammer in Plettenberg im Ortsteil Köbbinghausen.
Die Aufnahmen sehe ich weniger als dokumentarische Photos an, sondern als Stimmungsbilder. Aber trotz alledem: ein Photo ist immer auch ein Dokument der Zeit. Das zeigt sich an meinen Photographien Im Wedding aus den Jahren 1977/78, die man heute als „stimmungsvolle Dokumentaraufnahmen“ bezeichnen kann. Sehen wir einmal, ob in 40 Jahren jemand schreibt: »Und dennoch thematisieren seine Bilder die … Historie auf eine Art, die den unwiederbringlichen Aspekt von Vergänglichkeit eindringlich vor Augen führt« [Dr. Simone Kindler zur Ausstellung »Im Wedding« 2013 im Bayer-Haus Berlin].
Portfolio Köbbinghauser Hammer, 2014, 30×45 cm, Fotopapier im Passepartout 50×60 cm. Alle Aufnahmen entstanden zwischen 2008 und 2014 im südlichen Westfalen. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 196 Seiten im Format 20,5×27 cm erschienen (2014). Das gesamte Portfolio besteht aus 186 Photographien. Eine Auswahl von 30 Photographien finden Sie auf meiner Website Lichtbilder.
In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.
Eine Übersicht über alle Artikel der Kategorie finden Sie unter »Zitat des Monats«.
Der Olymp hat seine neun Musen – Berlin hat seine Diven
»Berliner Diven«, Foto & Grafik Theater O-TonArt
Die neun Musen des Olymp sind die Schutzgöttinen der Künste. Und ganz nahe bei den Göttinnen thronen die Diven. Und Diven hatten und haben in Berlin immer ihren festen Platz. Und nun stehen sie endlich wieder auf einer Bühne und dürfen sich feiern lassen. Und sie werden gefeiert.
Wenn vermeintliche Diven abspringen, dürfen echte Diven ihr wahres Gesicht zeigen. Was aus einer real geplatzten Produktion werden kann und wenn Künstler mit Können und Engagement die Sache selbst in die Hand nehmen, um eine angesetzte Premiere zu retten, zeigt sich im Schöneberger Theater O-TonArt.
Hier geben sich acht Diven unter der Regie von Gregor Mönter ein Stelldichein. In die Rollen und den Habitus von Fritzy Massary und Claire Waldoff, Zarah Leander und Marlene Dietrich, Marika Rökk und Evelyn Künneke, Hildegard Knef und Helga Hahnemann schlüpfen Sabine Schwarzlose und André Fischer.
Florian Ludewig begleitet den Abend am Flügel und dank seines ausgeglichenen Charakters und Charmes, eskaliert der Zickenkrieg am Abend nur ansatzweise. Sabine und André machen den Diven alle Ehre und zelebrieren sie samt ihrer Exzentrik und Empfindlichkeit mit einem echt Berliner Augenzwinkern und voller Esprit.
Denn eigentlich hat ‹sie› absolut keine Lust mehr auf Diven und Angst, ihre Stimme damit zu ruinieren – keine Angst, ›sie‹ schafft den Abend spielend; ›er‹ hingegen fühlt sich gefordert, alles und noch mehr zu geben und wird als Moderator/in und Interpret/in der Diven größte/r Konkurrent/in.
Einen solch grandios unterhaltsamen Abend hat Berlin schon lange nicht mehr gesehen und weil neben der Unterhaltung auch die einzelnen Biografien beleuchtet werden, werden die »Berliner Diven« von mir als Bildungsprogramm empfohlen. Das Geheimnis, der nicht im Programm erwähnten neunten Diva, müssen Sie selber erkunden. Der griechische Olymp ist jedenfalls ganz nahe und der Mythos lebt in der Stadt, die gerne auch Spree-Athen genannt wird, weiter. Kommen, Sehen, Staunen und bitte achten Sie auf die Kostüme!
Am 13.12.2014 um 19.30 Uhr und 14.12.2014 um 15.00 Uhr im »Theater O-TonArt« und wieder am 23., 24. und 25. Januar 2015.