Ein Rückblick auf die 66. Berlinale, 2016

Von Friedhelm Denkeler,

Berlinale zwischen United States of Love und einem Dokumentardrama auf Lampedusa

aus "United States of Love", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
aus »United States of Love«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die diesjährigen Internationalen Filmfestspiele standen angeblich unter dem Slogan „Recht auf Glück!“ Aber was das genau bedeuten soll, wurde während der zehn Festivaltage nicht klar. Ganz klar war dagegen, dass wir wieder einmal ein politisches Festival erlebten, das zeigt sich auch darin, dass die sieben silbernen Bären und insbesondere der Goldene Bär nach politischen Gesichtspunkten vergeben wurden. Der Hauptpreis, der Goldene Bär für den besten Film, ging an das dokumentarische Flüchtlingsdrama »Fuocoammare« von Gianfranco Rosi.

Entsprechend des JOURNAL-Mottos: Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst, haben wir fünfzehn Filme herausgesucht, die eher in den künstlerischen Bereich fielen. Allerdings hielten nicht alle, was sie versprachen. Die Bewertung der Jury kann man nicht immer als Maßstab nehmen und auch die Bewertung der Kritiker fiel oft gegensätzlich aus. So soll es ja auch sein! Die folgenden fünf Filme habe ich bereits in den letzten Tagen im Journal ausführlich vorgestellt, die restlichen zehn heute mit jeweils einer Kurzkritik, die nichts anderes als meine persönliche Meinung wiedergibt.

»Hail, Caesar!« von Joel und Ethan Coen, Artikel: Wäre es bloß so einfach! Es ist sicherlich nicht der beste Film der Coen-Brüder, aber trotzdem meine Empfehlung: Sehenswert allein schon wegen Scarlett Johansson als zauberhaft kratzbürstige Meerjungfrau und George Cloony mit der kuriosesten Haarfrisur der neueren Filmgeschichte (außer Konkurrenz).

»Boris sans Bèatrice« von Denis Côté, Artikel: Einen liebenswerten Mann hassen? Mit vielen herrlichen fotografischen Bildern, Tableau vivants, die auf das Innenleben des Protagonisten hindeuten. Meine Empfehlung: Wenn er in die Kinos kommt unbedingt ansehen.

»Chi-Raq« von Spike Lee, Artikel: No Peace, No Pussy! Einen besonderen Bären hätte Spike Lees umwerfender neuer Film “Chi-Raq” alle Male verdient, allein schon wegen der Musik: eine Art West Side Story mit Hip-Hop- und Beat-Rhythmen; leider lief er nur außer Konkurrenz. Fazit: sehr empfehlenswert.

»Genius« von Michael Grandage, Artikel: „Der Lektor mit dem Rotstift und das chaotische Genie“. Hier wurde viel rote Tinte verspritzt, haufenweise Papier zerknüllt und wurden viele Worte in die Schreibmaschine gehackt. Den ganzen Film über hat der Lektor seinen Hut auf. Als er den Abschiedsbrief von seinem Autor erhält geschieht das Unfassbare: Zum ersten Mal nimmt er seinen Hut ab. Dem kann man nur beipflichten: Chapeau für einen starken Beitrag.

»Midnight Special« von Jeff Nichols, Artikel: »Achtung! Kind!« Ein Kind mit einzigartigen Fähigkeiten oder ein neuer Messias? Eine lange Zeit lässt sich der Film nicht einordnen, aber in den zwei Stunden hat er sich zu einem Familiendrama, politischen Thriller und Science-Fiction-Film entwickelt. Das hört sich erstmal ungewöhnlich an, aber wenn man sich darauf einlässt, kann die Empfehlung nur lauten: Ansehen und sich begeistern lassen.

Das Filmteam von »24 Wochen«, Berlinale 2016, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Das Filmteam von »24 Wochen«, Berlinale 2016, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

»Mahana« (Der Patriach) von Lee Tamahori, der im ländlichen Neuseeland der 1960er Jahre spielt. Zwei Maori-Familien, die vom Schafescheren leben, sind seit Jahrzehnten verfeindet. Jetzt aber rebelliert ein Schüler gegen den patriarchalischen Großvater und bringt damit die Feindschaft ins Wanken. Hervorzuheben sind die herrlichen Ausblicke auf die wunderschöne, unberührte Landschaft aus sanften Hügeln, mit unzähligen Schafen und mit viel Regen und Nebel (außer Konkurrenz).

»A Dragon Arrives!« von Mani Haghighi. Das Ungeheuer wohnt unter einem Friedhof, in der Nähe eines Schiffswracks mitten in der iranischen Wüste. Wahrheit, Lügen und Mysterien sind die Grundlagen der verwirrenden Story, aber unvergessen bleiben die herrlichen Bilder der Wüstenlandschaft und das Innere des Schiffswracks.

»Chang Jiang Tu« (Crosscurrent) von Yang Chao, ist eine Reise durch Raum und Zeit. Mit seinem Frachtschiff fährt der junge Kapitän Gao Chun auf dem Jangtse flussaufwärts, zugleich sucht er nach der Liebe seines Lebens. Doch alle Frauen, die er in den verschiedenen Häfen trifft, sind eine einzige Person: ein zauberisches Wesen, das immer jünger wird, je näher er dem Quellgebiet des Jangtse kommt. Ein bildgewaltiger Film, den man aber nicht erklären kann, vielleicht muss man es auch nicht (Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung).

»24 Wochen« von Anne Zohra-Berrached, »erzählt von einer Kabarettistin, die ein behindertes Kind erwartet und im siebten Monat abtreibt. Dazu kann man alle möglichen Meinungen haben. Der Film ergreift keine Partei, er zeigt einfach nur. Ein guter Film ist fast immer ein Film, der sich mit Urteilen über seine Figuren zurückhält« (Harald Martenstein im Tagesspiegel)

»L’Avenir« (Things to Come) von Mia Hansen-Love. Isabelle Huppert spielt wie immer, diesmal die alternde Frau; ihr Mann liebt eine Jüngere; die depressive Mutter nervt; ein junger Mann, ihr ehemaliger Schüler, will auch nicht so richtig etwas von ihr wissen und ihr Verlag teilt ihr mit, dass ihre anspruchsvollen Bücher nicht mehr in das Marketingkonzept hineinpassen. Fazit: Das Leben geht weiter, aber den Film muss man nicht unbedingt ansehen (Silberner Bär für die Beste Regie)

»News from Planet Mars« von Dominik Moll. Der Protagonist Philippe Mars (sic!) möchte es allen recht machen: Sein Sohn ist ein Hardcore-Vegetarier; seine Tochter eine zwanghafte Streberin, seine Schwester stellt übergroße Gemälde von ihren nackten Eltern aus und der psychisch angeschlagene Kollege läuft im Büro Amok. Dadurch gerät die kleine Welt des Protagonisten aus der von ihm gewünschten Umlaufbahn (außer Konkurrenz).

»Saint Amour« von Benolt Deléphine und Gustave Kervern. Ein Bauer (Gérard Depardieu), sein Sohn und ein junger Taxifahrer unternehmen eine Rundreise zu den bekannten Weinanbaugebieten in Frankreich, dabei kosten sie nicht nur die edlen Tropfen, sondern auch die Freuden der Liebe. Übrigens: Michel Houellebecq hat einen Gastauftritt als Vermieter einer Ferienwohnung. Die Komödie lief außer Konkurrenz und wird sicherlich in die Kinos kommen, unbedingt ansehen muss man ihn aber nicht.

»United States of Love« von Tomasz Wasilewski. Der Film erzählt von vier Frauen, die aus der Enge der polnischen Provinz ausbrechen wollen und von einem sinnlicheren Leben träumen. Annehmbar, aber der Silberne Bär für das Beste Drehbuch ist für mich nicht nachvollziehbar.

»Alone in Berlin« (Jeder stirbt für sich allein) von Vincent Perez. Harald Martenstein hat den Film in seiner täglichen Kolumne im Tagesspiegel wie folgt „ausführlich“ zusammengefasst: „Na ja!“. Mehr gibt dazu auch nicht zu sagen.

»Death in Sarajevu« von Danis Tanovic. In Sarajewo treffen sich auf einem großen Empfang zum hundertjährigen Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges Europas Politiker. Der Film besteht hauptsächlich aus einem Fernseh-Interview und dem Streik des Hotelpersonals. Warum er den Silbernen Bären, den Großen Preis der Jury, erhalten hat, ist rätselhaft.

Achtung! Kind!

Von Friedhelm Denkeler,

Ein Kind mit einzigartigen Fähigkeiten oder ein neuer Messias? Jeff Nichols mit »Midnight Special«

"Auf der nächtlichen Flucht", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Auf der nächtlichen Flucht«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Eine lange Zeit lässt sich der neue Film von Jeff Nichols nicht einordnen: Breaking News im Fernseher; der kleine Junge Alton, gespielt von Jaeden Lieberher, ist entführt worden. Die vermeintlichen Entführer sehen sich das sorglos an und auch Alton zeigt keine Angst, obwohl seine Augen mit einer großen, blauen Schutzbrille bedeckt sind.

Alle drei machen sich mit dem Auto in der Nacht zu einem unbekannten Ziel auf. Zur selben Zeit umstellt das FBI die Kirche einer religiösen Sekte und verhört die Anwesenden mit dem Ergebnis, dass diese gleichfalls hinter Alton her sind. In ihren Augen hat er eine besondere Gabe, die ihn zur Rettung der Menschheit oder zu einer tödlichen Waffe macht.

Alton hat paranormale Fähigkeiten: er kann alles Elektrische fernsteuern und aus seinen Augen schießen manchmal mysteriöse Strahlen, die die Erde zum Wanken bringt. Auch kann er streng geheime Codes entschlüsseln. Woher Alton kommt, wo die Reise hingeht und warum er von einer ganzen Armada von FBI-Fahrzeugen verfolgt wird, wird im Laufe des Films immer ein Stück klarer, bleibt aber bis zum Ende nicht ganz vollständig. Eine größere Rolle spielen noch sein Vater Roy (Michael Shannon) und die Mutter Sarah (Kirsten Dunst).

"Der neue Messias oder vom anderen Stern?" Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Der neue Messias oder vom anderen Stern?«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die Gala schreibt: »Der Film lässt Interpretationsspielraum, fordert die Fantasie des Publikums und lädt zur Diskussion lange nach dem Abspann ein. Was würde einen heute schon noch das Ende von ‚Inception‘ beschäftigen, wüsste man ganz genau, ob der vermaledeite Kreisel nun umgefallen ist, oder nicht?«

In den zwei Stunden Kino hat sich Midnight Special zu einem Familiendrama, politischen Thriller und Science-Fiction-Film entwickelt. Das hört sich erstmal ungewöhnlich an, aber wenn man sich darauf einlässt, kann die Empfehlung nur lauten: Ansehen, sich begeistern lassen und der Fantasie ihren Lauf lassen.

Der Lektor mit dem Rotstift und das chaotische Genie

Von Friedhelm Denkeler,

Michael Grandage mit »Genius«

Der Lektor Maxwell Perkins (Colin Firth) bekommt im New York der Zwanziger Jahre einen ungeordneten Haufen von Tausend Papierseiten von einem unbekannten Autor namens Thomas Wolfe (Jude Law) auf seinen Schreibtisch geknallt. Nachdem Perkins bereits Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald erstmals unter Vertrag genommen hat, ist er sofort davon überzeugt, ein neues Genie entdeckt zu haben. Wolfe ist bereits bei allen anderen Verlagen abgeblitzt ist und hat nun bei Perkins Glück. Gemeinsam machen sie sich an die Arbeit, das Werk auf eine vernünftige Größe zu reduzieren. Ein mehrjähriger Kampf um die richtigen Formulierungen beginnt.

"Colin Firth und Jude Law auf der Berlinale2016", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Colin Firth und Jude Law auf der Berlinale 2016«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Der britische Theaterregisseur Michael Grandage, der hiermit seinen ersten Film realisiert, hatte es bei dem umfangreichen Stoff, Lektor und Schriftsteller bei der Arbeit zuzusehen, nicht einfach. Da musste schon viel rote Tinte verspritzt, haufenweise Papier zerknüllt und viele Worte in die Schreibmaschine gehackt werden. Es gibt auch schon mal eine Seite, auf der so viele Sätze dem Rotstift zum Opfer fallen, dass am Ende von der Seite gar nichts mehr übrigbleibt.

Gut, ob ein Lektor und sein Schützling die Seiten im Stehen und Gehen auf New Yorks Straßen und Bahnhöfen redigieren, ist sicherlich nicht realistisch, so kam aber mehr Aktion in den Film. Und dann gibt es noch die kleinen Feinheiten und liebenswerten Marotten; Perkins hat den ganzen Film über seinen Hut auf, selbstverständlich auch im Büro und natürlich benutzt er im Regen zusätzlich einen Regenschirm während sein Gegenspieler barhäuptig im Regen tanzt und in die Pfützen pascht.

Die Berliner Morgenpost schreibt: »Und wir lernen sehr viel über das Schreiben und über die Schreiber. Dass Genie eben immer auch Wahnsinn heißt. Das Genies aber auch immer jemanden brauchen, der den Wahnsinn zügelt. Der Autor kämpft um jede Zeile. Und schimpft einmal, wie gut, dass Perkins Tolstoi nicht lektoriert hat, sonst hätte man nur Krieg und Nichts. Und der Lektor ist gar nicht so sicher, ob er die Bücher wirklich besser macht. Und nicht nur anders.«

Nach dem Erfolg beginnen die Probleme: Das erste Buch hatte Wolfe seiner Geliebten gewidmet, die dann aber auch ebenso schnell abgeschoben wurde; das zweite widmete er seinem Lektor und es klingt zugleich wie eine Grabinschrift. Am Ende des Films lässt ein Gehirntumor Wolfe am Strand zusammenbrechen und auf dem Krankenbett schreibt er mit letzter Kraft einen Abschiedsbriefbrief an Perkins. Als dieser später den Brief öffnet, geschieht das Unfassbare: Zum ersten Mal nimmt er seinen Hut ab. Dem kann man nur beipflichten: Chapeau für einen starken Beitrag auf der diesjährigen Berlinale.

Spike Lee mit »Chi-Raq« – No Peace, No Pussy!

Von Friedhelm Denkeler,

"Teyonah Parris als Lysistrata in Chi-Raq", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Teyonah Parris als Lysistrata in »Chi-Raq«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Einen besonderen Bären hätte Spike Lees umwerfender neuer Film „Chi-Raq“ alle Male verdient, allein schon wegen der Musik: eine Art West Side Story mit Hip-Hop- und Beat-Rhythmen; leider lief er nur außer Konkurrenz.

Kurz zum Inhalt: Lysistratas (Teyonah Parris) Geliebter Chi-Raq (Nick Cannon) liefert sich mit seiner Gang Straßenschlachten mit der ebenfalls schwarzen Gang von Cyclop (Wesley Snipes).

Immer wieder gibt es Tote, diesmal traf ein Querschläger das kleine Mädchen Patti. Um dem Treiben endlich Einhalt zu gebieten trommelt Lysistrata die Girls aus beiden Lagern unter dem Schlachtruf »No peace, no pussy!« zusammen.

Wie es weitergeht, deutet der Name der Protagonistin an. In der bekannten Komödie des griechischen Dichters Aristophanes Lysistrata verschwören sich die Frauen gegen die Krieg führenden Männer; sie verweigern sich ihren Gatten, um den Frieden zu erzwingen.

Nach über zwei Filmstunden, die einem in den sehr engen Reihen des Friedrichstadtpalasts überhaupt nicht zu lang vorkamen, hatten die Frauen ihr Ziel erreicht; die Anführer der Gangs Spartaner und Trojaner unterzeichneten einen Waffenstillstands-Vertrag. Durch den gesamten Film führt Dolmedes (Samuel L. Jackson) als fiktiver Erzähler.

Chicago heißt im Film provokant Chi-Raq, weil dort genauso viele junge Schwarze ermordet wurden wie im gleichen Zeitraum in den Kriegen in Afghanistan und Irak: Zwischen 2001 und 2015 starben 7356 US-Soldaten durch Waffengewalt (die meisten waren schwarz), eine „nationale Notlage“ hat Spike Lee mit großen, roten Lettern am Anfang des Films mitteilt.

"Wesley Snipes als Cyclops in Chi-Raq", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Wesley Snipes als Cyclops in Chi-Raq«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Er attackiert die Waffen- und Finanzlobby, die US-Regierung und die Gangsterbosse gleichermaßen. Chicagos Bürgermeister (im Film D.B. Sweeney als McCloud) passte der Titel nicht, er hatte sich mit Spike Lee im Vorfeld getroffen und bat um Änderung.

DER SPIEGEL schreibt: „Denn Chi-Raq ist ein wildes Experiment … das flammend (und zuweilen ein bisschen zu didaktisch) für Liebe, Humanismus und Gerechtigkeit plädiert und gleichzeitig so fett, dynamisch und groovy wie ein Rap-Track wirkt … Durchtrainierte, leichtbekleidete Männer- und Frauenleiber winden und gerieren sich lasziv zu Beats und Soulmusik, die Dialoge werden, ihrer klassischen Vorlage gerecht, gereimt“.

Auch die deutschen Untertitel waren von hoher Qualität, auch sie waren gereimt (sic!), was auf Experten aus der Hip-Hop-Szene schließen lässt. Der Film ist kein naturalistisches Schicksalsdrama, sondern eine »pralle, mit Witz, Satire und viel Musik angereicherte Variante von Lysistrata«. Fazit: sehr empfehlenswert, ein Top-Favorit von zehn bisher auf der Berlinale gesehenen Filmen; ganz einfach, weil er gänzlich aus dem Rahmen fällt. 

Einen liebenswerten Mann hassen?

Von Friedhelm Denkeler,

Denis Côté mit »Boris sans Bèatrice«

"James Hyndman als Boris Malinowski in: Boris sans Bèatrice", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»James Hyndman als Boris Malinowski in: Boris sans Bèatrice«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Ein Mann steht, mit dem Rücken zur Kamera, auf einer mit hohem Gras bewachsenen Wiese; im Hintergrund sieht man den Rand eines Waldes. Plötzlich vibriert das ganze Kino; mit ohrenbetäubendem Lärm nähert sich dem Mann ein schwerer Hubschrauber, der scheinbar zur Landung ansetzen will; das Gras wird in Wellenbewegungen auf den Boden gedrückt.

Sowas kann man nur im Kino in bester Qualität auf einer riesengroßen Leinwand beinahe körperlich selbst erleben. Man denkt unwillkürlich an »Another Brick In The Wall Part 1« von Pink Floyd. Im Hubschrauber selbst kann man keinen Menschen erkennen, auch keinen Piloten; am Ende des Films sieht man diese Szene noch einmal, aber so richtig über die Bedeutung wird der Zuschauer nicht aufgeklärt. Man muss sich seinen Teil denken.

Kurz die Geschichte: Es geht um die zerbrochene Ehe zwischen dem reichen Unternehmer Boris und einer Ministerin der kanadischen Regierung namens Beatrice, die in Depressionen verfallen ist. Eines Nacht trifft sich Boris (James Hyndman) im Wald mit einem mysteriösen Unbekannten (Denis Lavent, bekannt aus Leos Carax »Die Liebenden von Pont-Neuf«). Ob es den nun wirklich gibt oder ob es sein eigenes Gewissen, eine Stimme aus dem Jenseits oder ein Psychoanalytiker ist, sei dahingestellt. Jedenfalls sagt der Unbekannte, wenn du deine Frau noch liebst, musst du dich ändern. Boris, ein Macho par exellence, geht immer mehr in sich und ändert so langsam sein Leben. Er wirft die Geliebte hinaus, versöhnt sich mit Mutter und Tochter. Und langsam findet sich Bèatrice (Simone-Èlise Girad) wieder in die Welt zurück.

"Simone-Èlise Girad als Bèatrice Malinowsky in: Boris sans Bèatrice", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Simone-Èlise Girad als Bèatrice Malinowsky in: Boris sans Bèatrice«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Auf der Pressekonferenz wurde neben dem Tantalus-Mythos, in dem der Held, nachdem er gegen die Götter frevelte, einen Fluch auf sich lud, wie auch Dantes Inferno von der Hölle, auf dem Läuterungsweg zum Paradies (übrigens auch mit einer Beatrice) angesprochen.

In der Eingangsszene mit dem Hubschrauber wird das bereits angedeutet: Die Ruhe im Paradies und der Lärm der Hölle. Gut, ganz so intellektuell, wie sich das jetzt anhört, ist der Film nicht, eher eine zeitgenössische Rock-Version der griechischen Mythologie.

Neben der Hubschrauber-Szene finden wir viele herrliche fotografische Bilder im Film, Tableau vivants, die auf das Innenleben des Protagonisten hindeuten. Er stellt sich den Versäumnissen seines Lebens und gewinnt langsam die Kontrolle über das Leben zurück. Meine Empfehlung: Wenn »Boris sans Bèatrice« in die Kinos kommt unbedingt ansehen, allein schon wegen der herrlichen Bilder (Kamera: Jessica Lee Gagnè).

Wäre es bloß so einfach!

Von Friedhelm Denkeler,

Es klingt verrückt, aber jemand von der Zukunft hat angerufen. Joel und Ethan Coen mit »Hail, Caesar!«

"George Cloony als Baird Whitelock als römischer Offizier in Hail Caesar!", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»George Cloony als Baird Whitelock als römischer Offizier in Hail Caesar!«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die Coen-Brüder haben wieder einmal zu geschlagen, mit dem Eröffnungsfilm der 66. Filmfestspiele Berlin (2011 waren sie mit True Grit am Start). Der Film »Hail, Caesar!« mit George Cloony, Ralph Fiennes, Tilda Swinton und Scarlett Johannsson ist eine Hommage an die Studiofilme Hollywoods der frühen fünfziger Jahre mit Szenen aus Musicals, Western und Krimis der Schwarzen Serie.

Als Rahmenhandlung dient die Produktion des Sandalenfilms »Hail, Caesar«, dessen Hauptdarsteller Baird Whitlock (Cloony mit herrlich dämlichem Grinsen) von einer kommunistischen (sic!) Zelle »The Future« entführt wird (McCarthy-Ära!), die nun vom Produktionsleiter Eddie Mannix (Josh Brolin) 100.000 Dollar Lösegeld fordert.

Dieter Kosslick hatte im Vorfeld betont, das Festival werde Filme zu den Krisenherden der Welt zeigen, aber auch der Spaß soll nicht zu kurz kommen. Der Eröffnungsfilm gehört ›110prozentig‹ zur zweiten Kategorie. Ein Ersatzschauspieler, der bisher nur als singender Cowboy auftrat, bringt keine fünf zusammenhänge Worte heraus (»Wäre es bloß so einfach!«); ein Produktionsleiter muss sich mit zwei zickigen Klatschreporterinnen (Swinton in einer Doppelrolle) herumschlagen und wie nachts vor der kommunistischen Zelle im Ruderboot auf dem Ozean plötzlich ein russisches U-Boot auftaucht, das ist schon aberwitzig und grotesk.

"Scarlett Johannsson als DeeAnna Moran als Meerjungfrau in Hail, Caesar!", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
»Scarlett Johannsson als DeeAnna Moran als Meerjungfrau in Hail, Caesar!«, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Der Film »mag keinen in die Tiefe gehenden Anspruch haben, ist an manchen Stellen schlichtweg ein wenig albern und setzt sich kaum ernsthaft mit den Abgründen des Filmgeschäfts auseinander. Doch solch einen witzigen, unterhaltsamen und vergnüglichen Film muss man erst einmal zustande bringen« (Deutsche Welle).

In diesen Tagen läuft der Film, der außer Konkurrenz gezeigt wurde, bereits in den Berliner Kinos an. Es ist sicherlich nicht der beste Film der Coen-Brüder, aber trotzdem meine Empfehlung: Sehenswert allein schon wegen des Wasserballetts und einer zauberhaft kratzbürstigen Meerjungfrau (Johannsson). Trailer 1, Trailer 2

Die Frau im roten Kleid

Von Friedhelm Denkeler,

»La belle et la bête (Die Schöne und das Biest)« von Christophe Gans mit Vincent Cassel, Léa Seydoux und André Dussollier

»Die Schöne und das Biest« ist dem Märchen- und Filmfreund aus zahlreichen Verfilmungen hinreichend bekannt, was sich aber Christophe Gans und das Studio Babelsberg in »La belle et la bête« nun geleistet haben – da konnte der ganze Saal bei der Wiederholung des Films im Friedrichstadtpalast heute Nachmittag nur noch lachen. Ein Glück, dass der Film außer Konkurrenz lief. Dass dieser Kinderfilm aber überhaupt in der Sektion Wettbewerb der Berlinale lief, ist fast eine Beleidigung für die anderen ernsthaften Beiträge und Premieren.

"Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)«
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

So richtig schlimm wird der Film erst, als Belle in das Schloss des Biests ankommt: Jede Landschaftseinstellung ist eine Kitsch-Ansichtskarte, goldene Zauberstrahlen mit Glühwürmchen-Effekt wabern durch die Lüfte (es fehlte nur noch deren 3D-Darstellung; in »Avatar« hat das noch funktioniert), Riesen-Steinstatuen erwachen zum Leben, Riesen-Schlingpflanzen verschlingen alles und niedliche (leider digital animierte) Beagle-Karikaturen wuseln ohne Sinn unter dem Sofa herum.

»Christophe Gans bietet beinahe alles auf, was die digitale Technik hergibt. Jean Cocteau hätte es kaum für möglich gehalten. Doch das Paradoxe geschieht: Je voller dieser Film, desto leerer wird er. Was für ein seltsamer horror vacui, dem Gans am Ende mit offensivem Kitsch zu begegnen sucht.« [Der Tagesspiegel]. Dies ist nun die dritte Großproduktion aus dem Studio Babelsberg im Wettbewerb (nach Grand Budapest Hotel und The Monuments Men). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die eigentliche Botschaft dieser Erzählung über Schuld und Mitleid und dass die Voraussetzung für die Erlösung der Verzicht auf Eigennutz ist, das nimmt man nicht mehr war. Und als Belle am Ende der Bestie dann sagt, dass sie sie liebe, glaubt das kein Zuschauer mehr. Obwohl die großartige Léa Seydoux (Blau ist eine warme Farbe, Grand Budapest Hotel) als Schöne in ihrem roten Kleid im verschneiten Wald fantastisch aussah; sie hatte sich nicht nur im Wald verirrt, sondern auch in diesen Film. Am Ende wurde die Bestie wieder Mensch, aber der Film blieb ein reines Technik-Spektakel.

Das kann man nur im Kino sehen

Von Friedhelm Denkeler,

»Boyhood« von Richard Linklater

Das Ende eines jeden perfekten Films kommt zwangsläufig zu früh
[Frankfurter Rundschau zum Ende des Films].

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Berlinale-Plakat«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat und sich nach fast drei Stunden wünscht, der Film möge noch weiter gehen. In Richard Linklaters Boyhood stimmt aber auch alles: Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens namens Mason geht.

Ein Mut machender Film für das Leben an sich, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist. Masons Mutter war gefühlte drei Mal mit einem Alkoholiker verheiratet. Linklaters vorhergehende »Before …«-Film-Trilogie (Before Sunrise, 1995, Before Sunset, 2004, Before Midnight, 2013) deutete diese Richtung bereits an.

Zwölf Jahre lang hat Linklater die Protagonisten von Boyhood verfolgt und jedes Jahr einige Szenen gedreht (insgesamt 39 Drehtage). Ganz nebenbei wurde der Film auch zu einer Geschichtsstunde: Vom Irak-Krieg, über den Obama-Wahlkampf zur NSA-Affäre. Auf Zwischentitel konnte Linklater verzichten; der Zuschauer erkennt anhand der neuen Häuser nach mehrmaligen Umzügen, den wechselnden Frisuren und dem Musikgeschmack sofort den aktuellen Stand der neuen Patchwork-Familie.

Es gibt in Boyhood nichts zu sehen, was man nicht in anderen Filmen schon gesehen hätte, und doch sieht man alles wie zum ersten Mal, weil es aus der fiktiven in die wirkliche Zeit versetzt ist und zugleich die Erzählform der Fiktion bewahrt. Boyhood ist der herausragende Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, weil er ein Versprechen wahr macht, das so alt ist wie die bewegten Bilder selbst, weil er etwas zeigt, dass man so nur im Kino zeigen kann. [FAZ]

Und eben nur im Kino, weil im wirklichen Leben leider alles doch nicht so glatt läuft und familiäre Brüche mehr Spuren hinterlassen als im sonnendurchfluteten Texas des Films. Traumfabrik trifft Doku-Soap.

Seit 2002 arbeitet Richard Linklater an diesem einmaligen Spielfilmprojekt, das alljährlich die gleichen Darsteller vor der Kamera versammelt. So bekommt der Zuschauer die Möglichkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum beim Leben zuzuschauen – mit allem was dazugehört. Experimentierfreudig und mit offenem Blick folgt er dem Jungen Mason (Ellar Coltrane) aus Austin von den schulischen Anfängen bis zum Eintritt ins College. Er muss mit einer anstrengenden Schwester (Lorelei Linklater ) und geschiedenen Eltern fertig werden.

Den freakigen Vater, der irgendwann doch erwachsen wird, spielt Ethan Hawke, Patricia Arquette die alleinerziehende Mutter, die stets an die falschen Männer gerät und nebenbei ihr Studium erledigt. Mitten in diesem Lebens- und Gefühlschaos steht Mason, dessen kluge Kommentare mit jedem Jahr klüger werden. Mit weitreichendem erzählerischem Atem inszeniert, geht es hier um kleine und große Sehnsüchte und Sorgen, um die Bedürfnisse und Ängste eines Heranwachsenden, die sich zu einem hellsichtigen und kurzweiligen Panorama einer amerikanischen Kindheit und Jugend fügen.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

Zwischen Militärklamotte und Dokumentation?

Von Friedhelm Denkeler,

Zwiespältig – »The Monuments Men« von und mit George Clooney

"The Monuments Men", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„The Monuments Men“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Gestern Abend war er auf dem Roten Teppich des Berlinale Palastes auf dem Marlene-Dietrich-Platz zu sehen – George Clooney als Regisseur und Haupt-Darsteller. Neben seinen filmischen Monuments Men Kollegen Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban (nur Cate Blanchett fehlte) stand auch der letzte noch lebende Soldat aus der Monuments-Truppe, der 88-jährige Harry Ettlinger mit auf dem Teppich. Soviel Hollywood war selten in Berlin. Die Dreharbeiten fanden unter anderem im Studio Babelsberg, in der Region um Goslar und in Berlin an der Neuen Wache statt.

Die Monuments Men waren in den letzten Kriegsjahren eine US-Spezialtruppe von Kunsthistorikern, Kuratoren, Bildhauern und Museumsdirektoren, die die von den Nazis geraubten Kunstschätze, wie Michelangelos Brügger Madonna und Jan van Eycks Genter Altar, sichern sollten. Tausende Kunstwerke wurden von den Nazis in Salzstöcken und Bergwerksstollen eingelagert und sollten nach der Politik der verbrannten Erde bei einem verlorenen Krieg zerstört werden.

Fazit: Der Film schwankt zwischen Komödie (siehe »Ocean’s Eleven«) und Abrechnung mit den NS-Verbrechen an der Kunst. Der historische Stoff hätte es gar nicht nötig gehabt mit Witzchen verschlimmbessert zu werden. Insbesondere die jüngeren Zuschauer lachten dann auch unnötigerweise bei dem eigentlich ernsten Thema. Da blieb irgendwie nur noch Fremdschämen und die Tatsache, dass aus diesem Stoff so viel mehr hätte entstehen können, wenn der Schwerpunkt auf der geistigen Auseinandersetzung um die Bedeutung von Kunst angesichts von Krieg und Zerstörung gelegen hätte. Jeder sollte sich sein eigenes Urteil über den Film bilden.

»Monuments Man George Clooney vor dem Berlinale Palast«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Monuments Man George Clooney vor dem Berlinale Palast«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Gespannt wie ein Flitzebogen

Von Friedhelm Denkeler,

Die fulminante Tragik-Komödie »The Grand Budapest Hotel« von Wes Anderson

"Grand Budapest Hotel", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Grand Budapest Hotel«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen, der 64. Berlinale, ist eine internationale Koproduktion mit großer Starbesetzung. Der Film spielt in der Zwischenzeit der beiden Weltkriege und das hauptsächlich im Foyer des Grand Budapest Hotels als einem Theater der Welt in einem fiktiven osteuropäischen Land; daneben spielt die Altstadt von Görlitz eine große Rolle.

»Phantastisch barocke Bildtableaus und ein skurriles Personenarsenal, dazu eine irrwitzige Handlung, der man manchmal kaum folgen kann« [Deutsche Welle], mit schrillen Farben, exzentrischen Kostümen, majestätischen Gebäuden und Protogonisten, die in aberwitzige Handlungen verwickelt werden.

Die wichtigsten Stars, wie Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Willem Dafoe, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Jeff Goldblum und Owen Wilson sind auf dem Filmplakat abgebildet. Ein Vorteil der Berlinale-Filme ist es, dass man sie im Original hören kann; so konnten wir mitbekommen, dass Wes Anderson auch einmal einen deutschen Satz eingebaut hat: »Gespannt wie ein Flitzebogen«. Und so gespannt wie dieser sind wir auch auf die kommenden Filme.

Wes Andersons Filme sind immer etwas Besonderes: Moonrise Kingdom, 2012, Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou), 2004, The Royal Tenenbaums, 2001 und jetzt das Grand Budapest Hotel. Sehenswert, für all diejenigen, die Lust haben, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen.