Die Frau im roten Kleid

Von Friedhelm Denkeler,

»La belle et la bête (Die Schöne und das Biest)« von Christophe Gans mit Vincent Cassel, Léa Seydoux und André Dussollier

»Die Schöne und das Biest« ist dem Märchen- und Filmfreund aus zahlreichen Verfilmungen hinreichend bekannt, was sich aber Christophe Gans und das Studio Babelsberg in »La belle et la bête« nun geleistet haben – da konnte der ganze Saal bei der Wiederholung des Films im Friedrichstadtpalast heute Nachmittag nur noch lachen. Ein Glück, dass der Film außer Konkurrenz lief. Dass dieser Kinderfilm aber überhaupt in der Sektion Wettbewerb der Berlinale lief, ist fast eine Beleidigung für die anderen ernsthaften Beiträge und Premieren.

"Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Das Biest im Friedrichstadtpalast (unsichtbar)«
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

So richtig schlimm wird der Film erst, als Belle in das Schloss des Biests ankommt: Jede Landschaftseinstellung ist eine Kitsch-Ansichtskarte, goldene Zauberstrahlen mit Glühwürmchen-Effekt wabern durch die Lüfte (es fehlte nur noch deren 3D-Darstellung; in »Avatar« hat das noch funktioniert), Riesen-Steinstatuen erwachen zum Leben, Riesen-Schlingpflanzen verschlingen alles und niedliche (leider digital animierte) Beagle-Karikaturen wuseln ohne Sinn unter dem Sofa herum.

»Christophe Gans bietet beinahe alles auf, was die digitale Technik hergibt. Jean Cocteau hätte es kaum für möglich gehalten. Doch das Paradoxe geschieht: Je voller dieser Film, desto leerer wird er. Was für ein seltsamer horror vacui, dem Gans am Ende mit offensivem Kitsch zu begegnen sucht.« [Der Tagesspiegel]. Dies ist nun die dritte Großproduktion aus dem Studio Babelsberg im Wettbewerb (nach Grand Budapest Hotel und The Monuments Men). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die eigentliche Botschaft dieser Erzählung über Schuld und Mitleid und dass die Voraussetzung für die Erlösung der Verzicht auf Eigennutz ist, das nimmt man nicht mehr war. Und als Belle am Ende der Bestie dann sagt, dass sie sie liebe, glaubt das kein Zuschauer mehr. Obwohl die großartige Léa Seydoux (Blau ist eine warme Farbe, Grand Budapest Hotel) als Schöne in ihrem roten Kleid im verschneiten Wald fantastisch aussah; sie hatte sich nicht nur im Wald verirrt, sondern auch in diesen Film. Am Ende wurde die Bestie wieder Mensch, aber der Film blieb ein reines Technik-Spektakel.

Das kann man nur im Kino sehen

Von Friedhelm Denkeler,

»Boyhood« von Richard Linklater

Das Ende eines jeden perfekten Films kommt zwangsläufig zu früh
[Frankfurter Rundschau zum Ende des Films].

"Berlinale-Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Berlinale-Plakat«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Man kann schon misstrauisch werden, wenn man so einen perfekten Film gesehen hat und sich nach fast drei Stunden wünscht, der Film möge noch weiter gehen. In Richard Linklaters Boyhood stimmt aber auch alles: Die Schauspieler agieren, als wenn es das richtige Leben wäre, die warmen Farben unterstützen das Wohlfühl-Feeling, die Story ist logisch und knapp aufgebaut; man möchte keine Minute des Films missen, in dem es eigentlich nur um das Aufwachsen eines Jungens namens Mason geht.

Ein Mut machender Film für das Leben an sich, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist. Masons Mutter war gefühlte drei Mal mit einem Alkoholiker verheiratet. Linklaters vorhergehende »Before …«-Film-Trilogie (Before Sunrise, 1995, Before Sunset, 2004, Before Midnight, 2013) deutete diese Richtung bereits an.

Zwölf Jahre lang hat Linklater die Protagonisten von Boyhood verfolgt und jedes Jahr einige Szenen gedreht (insgesamt 39 Drehtage). Ganz nebenbei wurde der Film auch zu einer Geschichtsstunde: Vom Irak-Krieg, über den Obama-Wahlkampf zur NSA-Affäre. Auf Zwischentitel konnte Linklater verzichten; der Zuschauer erkennt anhand der neuen Häuser nach mehrmaligen Umzügen, den wechselnden Frisuren und dem Musikgeschmack sofort den aktuellen Stand der neuen Patchwork-Familie.

Es gibt in Boyhood nichts zu sehen, was man nicht in anderen Filmen schon gesehen hätte, und doch sieht man alles wie zum ersten Mal, weil es aus der fiktiven in die wirkliche Zeit versetzt ist und zugleich die Erzählform der Fiktion bewahrt. Boyhood ist der herausragende Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, weil er ein Versprechen wahr macht, das so alt ist wie die bewegten Bilder selbst, weil er etwas zeigt, dass man so nur im Kino zeigen kann. [FAZ]

Und eben nur im Kino, weil im wirklichen Leben leider alles doch nicht so glatt läuft und familiäre Brüche mehr Spuren hinterlassen als im sonnendurchfluteten Texas des Films. Traumfabrik trifft Doku-Soap.

Seit 2002 arbeitet Richard Linklater an diesem einmaligen Spielfilmprojekt, das alljährlich die gleichen Darsteller vor der Kamera versammelt. So bekommt der Zuschauer die Möglichkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum beim Leben zuzuschauen – mit allem was dazugehört. Experimentierfreudig und mit offenem Blick folgt er dem Jungen Mason (Ellar Coltrane) aus Austin von den schulischen Anfängen bis zum Eintritt ins College. Er muss mit einer anstrengenden Schwester (Lorelei Linklater ) und geschiedenen Eltern fertig werden.

Den freakigen Vater, der irgendwann doch erwachsen wird, spielt Ethan Hawke, Patricia Arquette die alleinerziehende Mutter, die stets an die falschen Männer gerät und nebenbei ihr Studium erledigt. Mitten in diesem Lebens- und Gefühlschaos steht Mason, dessen kluge Kommentare mit jedem Jahr klüger werden. Mit weitreichendem erzählerischem Atem inszeniert, geht es hier um kleine und große Sehnsüchte und Sorgen, um die Bedürfnisse und Ängste eines Heranwachsenden, die sich zu einem hellsichtigen und kurzweiligen Panorama einer amerikanischen Kindheit und Jugend fügen.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

Zwischen Militärklamotte und Dokumentation?

Von Friedhelm Denkeler,

Zwiespältig – »The Monuments Men« von und mit George Clooney

"The Monuments Men", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„The Monuments Men“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Gestern Abend war er auf dem Roten Teppich des Berlinale Palastes auf dem Marlene-Dietrich-Platz zu sehen – George Clooney als Regisseur und Haupt-Darsteller. Neben seinen filmischen Monuments Men Kollegen Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban (nur Cate Blanchett fehlte) stand auch der letzte noch lebende Soldat aus der Monuments-Truppe, der 88-jährige Harry Ettlinger mit auf dem Teppich. Soviel Hollywood war selten in Berlin. Die Dreharbeiten fanden unter anderem im Studio Babelsberg, in der Region um Goslar und in Berlin an der Neuen Wache statt.

Die Monuments Men waren in den letzten Kriegsjahren eine US-Spezialtruppe von Kunsthistorikern, Kuratoren, Bildhauern und Museumsdirektoren, die die von den Nazis geraubten Kunstschätze, wie Michelangelos Brügger Madonna und Jan van Eycks Genter Altar, sichern sollten. Tausende Kunstwerke wurden von den Nazis in Salzstöcken und Bergwerksstollen eingelagert und sollten nach der Politik der verbrannten Erde bei einem verlorenen Krieg zerstört werden.

Fazit: Der Film schwankt zwischen Komödie (siehe »Ocean’s Eleven«) und Abrechnung mit den NS-Verbrechen an der Kunst. Der historische Stoff hätte es gar nicht nötig gehabt mit Witzchen verschlimmbessert zu werden. Insbesondere die jüngeren Zuschauer lachten dann auch unnötigerweise bei dem eigentlich ernsten Thema. Da blieb irgendwie nur noch Fremdschämen und die Tatsache, dass aus diesem Stoff so viel mehr hätte entstehen können, wenn der Schwerpunkt auf der geistigen Auseinandersetzung um die Bedeutung von Kunst angesichts von Krieg und Zerstörung gelegen hätte. Jeder sollte sich sein eigenes Urteil über den Film bilden.

»Monuments Man George Clooney vor dem Berlinale Palast«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Monuments Man George Clooney vor dem Berlinale Palast«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Gespannt wie ein Flitzebogen

Von Friedhelm Denkeler,

Die fulminante Tragik-Komödie »The Grand Budapest Hotel« von Wes Anderson

"Grand Budapest Hotel", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Grand Budapest Hotel«, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen, der 64. Berlinale, ist eine internationale Koproduktion mit großer Starbesetzung. Der Film spielt in der Zwischenzeit der beiden Weltkriege und das hauptsächlich im Foyer des Grand Budapest Hotels als einem Theater der Welt in einem fiktiven osteuropäischen Land; daneben spielt die Altstadt von Görlitz eine große Rolle.

»Phantastisch barocke Bildtableaus und ein skurriles Personenarsenal, dazu eine irrwitzige Handlung, der man manchmal kaum folgen kann« [Deutsche Welle], mit schrillen Farben, exzentrischen Kostümen, majestätischen Gebäuden und Protogonisten, die in aberwitzige Handlungen verwickelt werden.

Die wichtigsten Stars, wie Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Willem Dafoe, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Jeff Goldblum und Owen Wilson sind auf dem Filmplakat abgebildet. Ein Vorteil der Berlinale-Filme ist es, dass man sie im Original hören kann; so konnten wir mitbekommen, dass Wes Anderson auch einmal einen deutschen Satz eingebaut hat: »Gespannt wie ein Flitzebogen«. Und so gespannt wie dieser sind wir auch auf die kommenden Filme.

Wes Andersons Filme sind immer etwas Besonderes: Moonrise Kingdom, 2012, Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou), 2004, The Royal Tenenbaums, 2001 und jetzt das Grand Budapest Hotel. Sehenswert, für all diejenigen, die Lust haben, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen.

Der unvollendete Film mit River Phoenix

Von Friedhelm Denkeler,

George Sluizer: »Dark Blood«, Niederlande

"Regisseur George Sluizer (li.) und Jonathan Pryce, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Regisseur George Sluizer (li.) und Jonathan Pryce«
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Zwanzig Jahre, nachdem der Film nicht fertiggestellt werden konnte, lief er heute Abend als Weltpremiere (außer Konkurrenz) auf der Berlinale. Jonathan Pryce, einer der damaligen Hauptdarsteller begleitete den mittlerweile 80-jährigen Regisseur George Sluizer in den Berlinale-Palast. River Phoenix, der während der Dreharbeiten verstarb, erwies sich auch posthum als ideale Besetzung für den, wie er sich selbst bezeichnete, Viertelindianer Boy.

Der Film wirkt, als wäre er in der Jetzt-Zeit gedreht. Nur gab es noch keine rettenden Handys. Die Berliner Zeitung schreibt dazu: »Aber das postapokalyptische Szenario des Films, der Zusammenstoß der weißen und indigenen Kultur, die Hilflosigkeit westlicher Arroganz wirken heute bedeutungsvoller, brisanter und aktueller als damals, als die Welt noch 20 Jahre jünger war.«

Für Sluizer muss es die Erfüllung eines Lebenstraums gewesen sein, diesen Film zu beenden. Von Krankheit geschwächt konnte er die Bühne nicht mehr betreten, sondern bedankte sich unten im Saal mit ergreifenden Worten für die Chance dieser Aufführung. Es gab stehenden Applaus.

Boy (River Phoenix), ein verwitweter junger Mann mit indianischen Wurzeln, lebt in einer durch Nukleartests verseuchten Wüste in den USA. Hier wartet er auf das Ende der Welt, umgeben von Voodoo-Puppen der Ureinwohner, die magische Kraft besitzen sollen.

In dieses Refugium brechen unerwartet Harry (Jonathan Pryce) und Buffy (Judy Davis) ein, die eine späte zweite Hochzeitsreise angetreten haben, um zu prüfen, ob ihre Ehe noch eine Zukunft hat. Als ihr Bentley streikt, bietet Boy seine Hilfe an. Doch dann beginnt er, die beiden wie Gefangene zu halten, weil er hofft, gemeinsam mit Buffy in eine bessere Welt hinüberwechseln zu können.

Nach dem plötzlichen Tod des Hauptdarstellers River Phoenix zehn Tage vor Abschluss der Dreharbeiten 1993 fiel das Filmmaterial zu Dark Blood an die Versicherung, die für den Drehabbruch aufkam. Jahre später konnte Regisseur George Sluizer das Material vor der endgültigen Vernichtung bewahren.

Im Januar 2012 begann er mit der Endfertigung seines Films, wobei er sich entschloss, die fehlenden Szenen im Off aus dem Drehbuch vorzulesen. Sein Film ist ein existenzialistischer Spätwestern von suggestiver Kraft, die nicht zuletzt von der Präsenz seiner am Rande des Todes balancierenden Hauptfigur ausgeht. [Quelle: Filmbeschreibung] www.berlinale.de

Bittere Pillen – Wenn der Schwindel nur Schwindel ist

Von Friedhelm Denkeler,

Steven Soderbergh: »Side Effects«, USA, mit Jude Law, Rooney Mara und Catherine Zeta-Jones

"Rooney Mara auf dem Roten Teppich",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Rooney Mara auf dem Roten Teppich«
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Einen Thriller über die Machenschaften der Pharmaindustrie gab es bisher auf der Berlinale nicht – zumindest im ersten Teil des Films schien es einer zu werden. Doch dann beginnt der Schwindel: Der beste bisher vorgetäuschte Selbstmord der Filmgeschichte mit Sicherheitsgurt und Airbag und ein vorgetäuschter Mord unter der Glücksdroge Ablixa, der wiederum ein echter ist.

Und wie war das noch gleich mit der Beziehung der Patientin zu ihrer Psychiaterin, die wiederum mit eigenen Pharma-Aktien Gewinn machen will? Der Mann der Patientin saß bereits wegen seiner Börsengeschäfte im Gefängnis und kam nach der Entlassung unter das Küchenmesser seiner Frau – ›gesponsert‹ von Ablixa oder von der Psychiaterin? Sollte dieser Text etwaige Nebenwirkungen haben, so ist das beabsichtigt. Fragen Sie dazu bitte den Regisseur.

"Steven Soderbergh, Rooney Mara, Jude Law auf dem Roten Teppich ",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Steven Soderbergh, Rooney Mara, Jude Law auf dem Roten Teppich«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Angstzustände, Schweißausbrüche, Herzklopfen machen Emily Taylor (Rooney Mara) das Leben zur Hölle. Dabei sollte sich die junge Frau eigentlich freuen, wird doch ihr geliebter Mann bald aus dem Gefängnis entlassen. Nach seiner Rückkehr verschlimmert sich ihr Gemütszustand jedoch zusehends. Die verschriebenen Psychopharmaka stabilisieren sie, führen aber zu geistigen Absenzen.

Eines Tages liegt ihr Ehemann brutal niedergestochen in der Wohnung. Die Blutspur führt zu Emily, die vorgibt, sich an nichts mehr erinnern zu können. Der aufstrebende Psychiater Dr. Jonathan Banks(Jude Law) nimmt sich ihres Falls an und untersucht dabei auch die Nebenwirkungen ihrer Medikamente.

Stets nutzt Steven Soderbergh das Genrekino, um politische Skandale oder gesellschaftliche Zustände zu beschreiben. In seinem Thriller Traffic (Berlinale 2001) zeigte er die Schattenseite der US-amerikanischen Drogenpolitik, nun untersucht er in einem Psychothriller die Machenschaften von Pharmakonzernen. Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, muss sich sein Protagonist Banks nicht nur mit der zwielichtigen Psychiaterin Dr. Erica Siebert (Catherine Zeta-Jones) auseinandersetzen, sondern auch so manche bittere Pille schlucken. [Quelle: Filmbeschreibung] www.berlinale.de

Der geschlossene Vorhang – Psychodrama mit Jafar Panahi und seinem Alter Ego über das Eingesperrtsein

Von Friedhelm Denkeler,

Jafar Panahi: »Closed Curtain« (»Parde«), Iran

Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst [Cicero, 44 v. Chr.]

Jafar Panahi erhielt 2006 den Silbernen Bären für seinen Film »Offside«. 2011 wurde er in die Jury der Berlinale berufen, sein Platz blieb leer. Er wurde vom Teheraner Regime zu einem 20-jährigen Berufs-, Sprech- und Reiseverbot und sechs Jahren Haft verurteilt (bis zum Ende der Berufung ist er unter Auflagen frei). Panahi gilt heute als einer der wichtigsten unabhängigen Filmemacher des Irans.

"Maryam Moghadam und Kambozia Partovi",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Maryam Moghadam und Kambozia Partovi«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

In seinem neuen Film »Parde«, den er eigentlich nicht drehen durfte, verarbeitet Panahi (zusammen mit dem Co-Regisseur Partovi, beide ›spielen‹ auch mit) seine aktuelle Situation, indem er mehrere Identitäten als Zweites Ich auftreten lässt:

Ein Drehbuch schreibender Mann (Kambozia Partovi), der alle Fenster mit schwarzem Stoff verhüllt, eine junge Frau (Maryam Moghadam) als Verkörperung des freien Denkens, die wieder Licht ins Haus lässt und abgehängte Bilder enthüllt (und später im Meer untergeht) und der Hund ›Boy‹ als Verfolgter des Mullah-Regimes, spielen die Hauptrollen.

Und plötzlich läuft Jafar Panahi persönlich durch das Bild; die Zuschauer klatschen spontan Beifall im Berlinale-Palast. So berichtet sein mutiger Film gleichzeitig sinnbildlich und konkret über die Gefangenschaft im eigenen Land und es ist gleichzeitig ein Werk über Mut und Hoffnung und Aufbegehren gegen die Unterdrückung.

Der Film gibt Panahi, unter Anwesenheit von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, weltweit eine Stimme; mit einem Film den es eigentlich nicht geben dürfte und der hinter verschlossenen Vorhängen gedreht wurde.

Die Vielschichtigkeit der verschiedenen Ebenen hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Der eigentliche Film findet im Kopf statt und was dies minimalistisch gedrehte Kammerspiel dort entfacht, ist enorm. Der bisher anspruchsvollste Film des Wettbewerbs.

Sie werden gesucht: der Mann und sein Hund, den er eigentlich nicht besitzen darf, da das Tier nach islamischen Geboten als unrein gilt. Die junge Frau, die an einer verbotenen Party am Ufer des Kaspischen Meers teilgenommen hat. Sie verbarrikadieren sich in einer abgelegenen Villa mit verhängten Fenstern und beäugen einander misstrauisch.

Warum hat er sich den Schädel kahl rasiert? Woher weiß sie, dass er von der Polizei verfolgt wird? Beide sind sie Gefangene eines Hauses ohne Aussicht inmitten einer bedrohlichen Umgebung. Aus der Ferne hört man die Stimmen von Polizisten, aber auch das beruhigende Rauschen des Meeres. Einmal betrachten die beiden nachts den Sternenhimmel, bevor sie wieder hinter die Mauern zurückkehren.

Ob man es hier mit Outlaws in mehrfacher Hinsicht zu tun hat? Oder sind der Mann und die junge Frau Phantome, Kopfgeburten eines Filmemachers, der nicht mehr arbeiten darf? Jetzt betritt der Regisseur die Szene, die Vorhänge werden wieder aufgezogen. Die Wirklichkeit erhält Einzug, doch wird sie von der Fiktion immer wieder eingeholt. Eine absurde Situation: Zwei Drehbuchgestalten suchen und beobachten ihren Regisseur. [Quelle: Filmbeschreibung] www.berlinale.de

Im Neun-Jahres-Rhythmus vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang bis Mitternacht

Von Friedhelm Denkeler,

Richard Linklater: »Before Midnight« mit Julie Delpy und Ethan Hawke, USA/Griechenland

"Ethan Hawke und Julie Delpy auf dem Roten Teppich",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Ethan Hawke und Julie Delpy auf dem Roten Teppich«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Ihre Dialoge über die Liebe und das Leben, über Gott und die Welt begannen vor 17 Jahren: In Before Sunrise (1995) lernten sich der Amerikaner Jesse und die Französin Céline im Zug nach Wien kennen. Sie flirteten, philosophierten und argumentierten, während eines nächtlichen Spaziergangs durch die Stadt. Im Morgengrauen gab es am Bahnsteig das Versprechen eines Wiedersehens.

Doch erst neun Jahre später kreuzten sich ihre Wege in Before Sunset (2004) erneut. Die beiden verbrachten einen Tag in Paris zusammen, tauschten sich über ihre unglücklichen Beziehungen aus und entdeckten dabei ihre Gefühle füreinander aufs Neue.In Before Midnight erfährt man nun, dass Jesse und Céline damals zusammen geblieben sind. Mit ihren Töchtern verbringen sie den Urlaub in Griechenland. Und noch immer ist die Welt der Gefühle ihr favorisiertes Thema. Mittlerweile aber steht die eigene Beziehung auf dem Prüfstand, denn der Alltagstrott hat seine Spuren hinterlassen.

"Julie Delpy  und Ethan Hawke auf der Festival-Bühne",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Julie Delpy und Ethan Hawke auf der Festival-Bühne«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Wieder haben die Schauspieler das Drehbuch gemeinsam mit ihrem Regisseur entwickelt, wieder macht sich in den Dialogen das Leben breit, und wieder ist der Ausgang ungewiss: Kann eine romantische Nacht im Hotel die Liebe retten? [Quelle: Filmbeschreibung]

Wird es einen vierten Teil geben? Diese Frage musste natürlich auch in der morgendlichen Pressekonferenz kommen. Darüber will Richard Linklater frühestens in sechs Jahren nachdenken: »Wer kennt schon die Zukunft?«. Aber zunächst zum außer Konkurrenz laufenden dritten Film der Trilogie, der dieses Mal »Before Midnight« heißt.

Wie in beiden vorausgehenden Teilen geht es weniger um eine Handlung, sondern um Dialoge über Liebe, Sex, Beruf und Partnerschaft. Jesse (Hawke) und Celine (Delpy) kennen sich in der Trilogie seit nunmehr 18 Jahren, haben inzwischen Zwillingsmädchen, sind aber nicht verheiratet.

Eigentlich sollte es ein romantischer Abend in einem Hotel werden, die Kinder sind bei Freunden gut versorgt und die Nacht kann beginnen. Schlag auf Schlag hingegen folgen Rede und Gegenrede, aus harmlosen Andeutungen werden leidenschaftliche Grundsatzdiskussionen und der Abend droht mit einem ernsthaften Zerwürfnis zu enden. Eine Tür fällt ins Schloss.

Aber es ist Sommer in Griechenland; es gibt ein kleines Hafencafé und der nächste Tag hat noch nicht begonnen. Verlieben, Liebe, Leben. Davon handeln die drei Filme. Ob die Bilder im Hafencafé die letzten sein werden, wird sich zeigen. Schade, um ein Paar, das so schön streiten kann.

Die Gute, die Böse und die Andere … Mutter Oberin

Von Friedhelm Denkeler,

Guillaume Nicloux: »Die Nonne« (»La Religieuse«) mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck

"Guillaume Nicloux mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Louise Bourgoin und Francoise Lebrun" (v.l.n.r.),  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
Guillaume Nicloux mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Louise Bourgoin und Francoise Lebrun« (v.l.n.r.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Um 1760 war die Säkularisierung noch weit weg und Denis Diderots Roman »Die Nonne« eine Kampfansage an die Kirche. Auch als 1966 Jacques Rivette den Diderot-Stoff verfilmte und in Cannes zeigte, gab es einen Skandal.

Heutzutage ist man versucht zu sagen, was hat das alles mit uns zu tun? Angesichts der bekannt gewordenen, sexuellen Übergriffe, die im Schutzraum der Kirche stattfinden, scheint das Thema doch sehr aktuell zu sein. Muss man aber heute, wenn man Frauen zeigt, die gegen Autoritäten rebellieren, unbedingt auf den Diderot zurückgreifen?

Dennoch, der Film bietet eine unerwartete Schönheit: Die Kamera fängt eine wahre Ästhetik wie in der Malerei ein: Halbdunkle Landschaftsbilder, karge klösterlichen Zellen, das Kerzenlicht, zeitlose Stillleben (die Schale Obst, der Teller mit Gebäck) und die reinen, ungeschminkten Gesichter der Novizinnen unter ihrer Nonnenhaube. Das kann man, wie die FR schreibt, auch als »visuelle Propaganda des Verzichts« sehen. Fazit: Ein zu langer (106 Minuten) und zwiespältiger Film, dessen Ästhetik angesichts der dunklen Machenschaften dennoch überirdisch schön ist.

Suzanne Simonin erzählt in Briefen ihre Lebens- und Leidensgeschichte: Als junge Frau wird sie von den Eltern gegen ihren Willen in ein Kloster gebracht. Sie soll Ordensschwester werden, da für eine standesgemäße Heirat die nötigen finanziellen Mittel fehlen.

Obwohl sie von einer gütigen und verständnisvollen Oberin in den klösterlichen Alltag eingeführt wird, bleibt ihr Freiheitsdrang bestehen. Als die Oberin stirbt, sieht sich Suzanne mit den Repressalien, Demütigungen und Schikanen der neuen Äbtissin und ihrer Mitschwestern konfrontiert. Für lange Zeit wird Suzanne Bigotterie und religiösen Fanatismus am eigenen Leib erfahren.

Denis Diderots Roman wurde bereits mehrmals verfilmt. Jacques Rivette drehte 1966 mit Anna Karina und Liselotte Pulver eine gewagte und kirchenkritische Adaption, die zeitweise von der französischen Zensur verboten wurde. Guillaume Nicloux konzentriert sich auf das Schicksal einer jungen Frau und auf ihren Kampf gegen ein unerbittliches System, das den Einzelnen zermalmt. Sein Film löst sich zunehmend aus den konkreten Umständen und wird zum zeitlosen Drama. [Quelle: Filmbeschreibung]

Gloria tanzt den Umberto Tozzi

Von Friedhelm Denkeler,

Sebastián Lelio mit »Gloria«, Chile/ Spanien

Gloria ist wie ein Bossa Nova – Schmerz, Lust, Harmonie. [Sebastián Lelio]

Dieter Kosslick hat eine Berlinale der starken Frauen angekündigt. Heute lernten wir zwei von ihnen kennen: abends Suzanne Simonin (gespielt von Pauline Etienne) in »La Religieuse« und am Nachmittag Gloria (gespielt von Paulina García) in dem chilenischen Film »Gloria«.

Mit Gloria hält das normale Leben Einzug in den Wettbewerb der Berlinale. Die Hauptdarstellerin Paulina Garcia hätte nach bisherigem Stand einen Silbernen Bären als beste Darstellerin verdient. Der alltäglichen Leere mit so viel Mut und Lebenslust zu begegnen; dem alternden Körper mit Witz und Phantasie entgegen zu treten, all das ist herrlich lebensbejahend inszeniert und gespielt.

Die wunderbare Schlussszene allein reicht für einen Preis bereits schon aus: »Mit einer charmanten Kombination aus Unsicherheit, Mut und Lebenslust« (FR) tanzt die 58-jährige Gloria nach Umberto Tozzis »Gloria«. Dafür und für den gesamten Film erhielt sie den größten, diesjährigen Beifall im Berlinale-Palast (bisher gab es eher reinen Höflichkeitsapplaus). Auf der Pressekonferenz ging es ähnlich zu: Paulina García erhielt Standing Ovations. Fazit: Unbedingt ansehen – wenn sich ein deutscher Kinoverleih findet.

"Sergio Hernández, Paulina García und Sebastián Lelio" (v.l.n.r.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Sergio Hernández, Paulina García und Sebastián Lelio« (v.l.n.r.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Gloria ist 58 Jahre alt und geschieden. Die Kinder sind aus dem Haus, doch so ganz allein will sie ihre Tage und Nächte nicht verbringen. Dem Alter und der Einsamkeit trotzend, tobt sie sich gern auf Single-Partys aus, immer wieder auf der Suche nach dem schnellen Glück, das jedoch regelmäßig von einem Gefühl der Enttäuschung und Leere abgelöst wird. Bis sie Rodolfo kennenlernt, den sieben Jahre älteren ehemaligen Marineoffizier, mit dem sie sich eine romantische Liebesbeziehung, ja sogar eine dauerhafte Partnerschaft vorstellen kann.

Die Begegnung mit ihm wird für Gloria zu einer ungeahnten Herausforderung. Nach und nach sieht sie sich auch mit den verdrängten Geheimnissen ihres Lebens konfrontiert. Sebastián Lelio verdichtet seinen dritten Spielfilm zu einer Tragikomödie der fragilen Hoffnungen und schmerzlichen Gewissheiten.

Das Porträt einer starken Frau, die in den Strudeln widerstreitender Gefühle schließlich doch ihre Kraft und Souveränität zu behaupten weiß, entfaltet sich vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen in Chile und bezieht auch die düsteren Kapitel in der Geschichte des Landes während der letzten 40 Jahre mit ein. [Quelle: Filmbeschreibung]

Sieben auf der Suche nach Gold – Nur eine kam durch

Von Friedhelm Denkeler,

Berlinale (V): Thomas Arslan: »Gold« mit Nina Hoss, Uwe Bohm

Das scheint die Berlinale der großen Dramen zu werden: Das polnische Homosexuellen-Drama angesichts der Kirche, das amerikanische Öko-Drama, das russische Bauern-Drama und heute Abend ein deutsches Einwanderungs-drama in Kanadas Nordwesten. Nicht, dass der Film »Gold« für den Goldenen Bären vorgesehen wäre; nein, die sieben Protagonisten sind auf dem Weg nach Dawson City, um Gold im Klondike River zu finden.

Thomas Arslan zeigte in seinen bisherigen Filmen das Leben junger Deutschtürken. Jetzt hat er seinen ersten historischen Film gedreht und dieses Mal sind die Deutschen die Migranten, die Einwanderer. Die Probleme stellen sich ihnen erst im Umgang mit der Natur. So spielt der Film überwiegend in den Wäldern, den Steppen und Bergen Kanadas und wenn sie Probleme mit Menschen haben, dann nur mit sich selbst und untereinander.

Ein Gemeinschaftsgefühl kommt in der Einwanderertruppe gar nicht erst auf. Das einzig verbindende Element ist der Wunsch nach Gold. Jeder ist für sich und redet wenig – genau wie im Western. Da passt die schweigsame und auf minimalistische Mimik beschränkte Nina Hoss bestens hinein. Natürliche Hindernisse stellen sich ihnen in den Weg, menschliche Schwächen erschweren das Weiterkommen. Die eigentlichen Bewohner der Region, die Bären, tauchen nicht auf, aber es gibt eine Bärenfalle und in diese tappt ausgerechnet der Journalist Gustav Müller, gespielt von Uwe Bohm, der außerordentlichen Spaß an seiner Rolle hat, hinein.

"Thomas Arslan und seine Hauptdarsteller",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Thomas Arslan und seine Hauptdarsteller«
Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Arslan sieht seinen Film nicht unbedingt als reinen Western, es sind aber alle Elemente eines typischen Western vorhanden: Ein Mann hat ein dunkles Geheimnis (und wird von zwei Männern gejagt), einer ist der Verräter (ausgerechnet der Anführer), einmal geht ein schwarzer Mann (der Tod?) wortlos durch das Lager (aber von West nach Ost), die gesamte Gruppe besteht aus sieben Personen (»Die glorreichen Sieben«, »Die Sieben Samurai«), die herrliche Landschaft spielt eine große Rolle, nur Indianer waren wenige anzutreffen, die zudem noch friedfertig waren und gegen Geld den richtigen Weg wiesen.

Am Ende eines Westerns reitet in der Regel immer ein einsamer, übrig gebliebener Mann, gegen Westen in den Sonnenuntergang, heute Abend war es eine Frau: Nina Hoss als Emely Meyer. »Wir sind hier, um Filmen zu dienen, nicht um sie zu bewerten«, sagte der chinesische Regisseur Wong Kar Wai am Eröffnungstag der Berlinale, deshalb mein ehrliches Fazit: Mir hat der Film gefallen.

Kanada im Sommer 1898. Eine Gruppe deutscher Einwanderer macht sich mit Planwagen, Packpferden und wenigen Habseligkeiten auf den Weg in den hohen Norden. In Ashcroft, der letzten Bahnstation, brechen die sieben Teilnehmer auf. Mit ihrem Anführer, dem großspurigen Geschäftsmann Wilhelm Laser (Peter Kurth), wollen sie ihr Glück auf den neu entdeckten Goldfeldern in Dawson suchen.

Sie haben keine Vorstellung davon, welche Strapazen und Gefahren sie auf der 2500 Kilometer langen Reise erwarten. Unsicherheit, Kälte und Erschöpfung zerren an den Nerven der Männer und Frauen. Die Konflikte eskalieren. Immer tiefer führt sie der Weg in eine bedrohliche Wildnis.

Die Helden und Heldinnen des Berliner Regisseurs Thomas Arslan sind immer in Bewegung. Man lernt sie bei ihren Gängen durch ihren Alltag und durch ihr Leben näher kennen: den Gangster Trojan aus Im Schatten (Forum 2010) oder auch die aus der Türkei stammende junge Deniz aus Der schöne Tag (Forum 2001) und nun Emily. So gefährlich der Weg durch unerschlossenes Land ohne zuverlässige Karten auch ist – einer Sache ist sich Emily ganz sicher (Nina Hoss): Eine Rückkehr in ihr altes Leben kommt nicht in Frage. [Quelle: Filmbeschreibung] www.berlinale.de

Matt Damon »I’m not a bad guy« zwischen Energieautonomie und Umweltrisiko

Von Friedhelm Denkeler,

Gus Van Sant: »Promised Land« mit Matt Damon und Frances McDormand

Die Berlinale ist für ihre politischen Filme bekannt: Nachdem wir am Nachmittag einen Film über Homosexualität und Katholische Kirche gesehen haben, konnten wir vor dem Film »Promised Land« am Roten Teppich live die Demonstration einer deutschen Umweltgruppe gegen das »Fracking« erleben. Passend dazu gibt es am Samstag im Tagesspiegel den Artikel »Schwarz-Gelb will Fracking«“ erlauben. Aktueller geht es kaum.

"Stop Fracking",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Stop Fracking«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Im Film wandelt sich Steve (Matt Damon), der Manager des Global-Konzerns, vom Saulus (fast) zum Paulus. Zunächst glaubt er an eine saubere, bessere (und reichere) Welt, die er den Farmern verspricht, wenn sie ihr Land an den Konzern verpachten und somit das Fracking erlauben würden. Das Geschäft läuft ganz gut an. Einwände werden als Spinnerei abgetan.

Nur der angereiste Umweltaktivist Dustin (John Krasinski) versucht, plakativ Stimmung gegen den Global-Konzern zu machen. Steve verliebt sich mittlerweile in die Lehrerin Alice, die aus der Stadt auf den Hof ihres verstorbenen Vaters zurück gekehrt ist. Sie und ein ehemaliger Mitarbeiter des MIT bringen Steve zum Nachdenken.

Das Ganze ist gut gemachtes, amerikanisches Kino, in dem der Held im Endeffekt doch der eigentliche Patriot ist. Matt Damon spielt glaubwürdig die Rolle als wachsender Zweifler an seinen eigenen Aussagen: „Ich bin kein böser Junge“ versichert er mehrmals. Zweifel am Umwelt-Aktivisten kommen trotz seiner Bruce Springsteen Karaoke-Einlage in der örtlichen Kneipe auf. Und das Ende ist dann auch ziemlich überraschend. Mir hat der kurzweilige Film gut gefallen. Meiner Begleitung weniger. Politisch korrekt allein ist ihr für die Berlinale zu wenig.

Steve Butler scheint eine große Karriere vor sich zu haben. Das versprechen ihm wenigstens seine coolen Chefs im edlen New Yorker Büro. In Wahrheit soll er das Unmögliche versuchen und mit seiner Kollegin Sue die Bewohner einer typischen amerikanischen Kleinstadt dazu bringen, die Förderrechte für das Erdgas unter ihrem Farmland an eine große Energiefirma zu verkaufen.

Mit der neuartigen Methode des Fracking sollen durch das Aufbrechen von Schieferschichten bislang unerreichbare Reserven tief in der Erde erschlossen werden. Butler überredet die Provinz-bevölkerung zur Aufgabe ihrer längst unrentabel gewordenen Farmen und verspricht märchenhafte Kaufpreise. Die Risiken der Fördermethode, bei der unkontrolliert gefährliche Chemikalien in den Boden gepresst werden, verschweigt er.

Doch er trifft auf Widerstand in der Bevölkerung. Zudem stellt ein Umweltaktivist bald das ganze Projekt in Frage. Steve, der selbst auf dem Land groß geworden ist und die Wahrheit kennt, muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Ist er Agent der Profit-interessen des Konzerns oder kehrt er zu seinen Wurzeln zurück? Ein Politthriller über einen ökologischen Gegenwartskonflikt.[Quelle: Filmbeschreibung]