Etwas ist faul im Staate Dänemark!

Von Friedhelm Denkeler,

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Oder: The Death is not the End

Oh, the tree of life is growing/ Where the spirit never dies/
And the bright light of salvation shines/ In dark and empty skies [Bob Dylan]

Vor Beginn der Aufführung leuchtet auf dem noch geschlossenen Vorhang im Berliner Ensemble, wie von Zorros Säbel in den Stoff geschnitten, der helle Schriftzug »Hamlet« auf. Wir sind also im richtigen Theater und freuen uns auf Leander Haußmanns Interpretation von William Shakespeares »Hamlet – Prinz von Dänemark« und auf die Musik von »Apples in Space«.

Und wir sehen und hören für 3½ Stunden ›richtiges‹ Theater: Blitze zucken und der Donner grollt, Nebel wabert über die Bühne, Pistolenschüsse peitschen durch den Raum, Säbel rasseln, der alte König (oder ist es nur sein Geist?) tritt nackt auf, obwohl er ermordet wurde, ein ›Zuschauer‹ wird auf die Bühne gezerrt, Hamlet liegt mit seiner Ophelia nackt im Liebesbett, Theaterblut wird in Mengen vergossen und verspritzt (für die Zuschauer in den ersten Reihen liegen Decken bereit), Mord aus Rache, Selbstmord aus Liebeskummer, eine Theatertruppe tritt zwischendurch auf; also alles was das Theater hergibt hat Haußmann aufgefahren.

Die Geschichte von Hamlet, die ich hier sicherlich nicht erzählen muss, spielt auf dem Schloss Helsingör, das dank der Drehbühnentechnik mit einem aufgebauten Labyrinth aus unterschiedlich hohen Wänden von den Schauspielern viel an Bewegung verlangt. Einzig das Gitarren-Akkordeon-Duo »Apples in Space« bringt die notwendige Ruhe in das Spiel.

Lange hat man die Schauspieler des Hauses nicht so stark gesehen. Am Berliner Ensemble wird Theater gespielt. [Der Tagesspiegel].

Der Rest ist Schweigen.

»Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage«, Foto © Friedhelm Denkeler 2003
»Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage«, Foto © Friedhelm Denkeler 2003

Am Ende der Aufführung leben alle ermordeten und verstorbenen Figuren wieder auf und springen munter auf der Bühne zur Musik von »Apples in Space« mit dem Song »The Death is not the End« herum. Das Duo, das zwischendurch auch im Engelskostüm auftritt, besteht aus Julie Mehlum und Philipp Haußmann (Leander Haußmanns Sohn). Bekannt wurden die beiden aus dem Film »Hai-Alarm am Müggelsee« (Sven Regener/ Leander Haußmann) mit ihrem Song „Vespa„. In Hamlet begleiten sie das Stück mit viel düsterer Rockmusik von »The Death is not the End« bis »The Carneval is over«.

Der Song von Bob Dylan »The Death is not the End« erschien 1988 auf seinem Album »Down In the Groove«. Herausgesucht habe ich aber die, wie ich finde, bessere Version von Nick Cave & The Bad Seeds mit Kylie Minogue aus dem Jahr 2011 (vom Album »Murder Ballads«):

Nick Cave & The Bad Seeds: „The Death is not the End“

Die australischen Pop-Gruppe »The Seekers« hatte 1965 mit dem Song »The Carnival Is Over« einen Nummer-1-Hit in England. Auch diesen Song hat Nick Cave gecovert. Aber hier ist der Original-Song:

The Seekers: „The Carnival Is Over“

This will be our last goodbye/ Though the carnival is over/
I will love you till I die [The Seekers]

Wie kehrt man eine Treppe?

Von Friedhelm Denkeler,

Treppen müssen von oben gekehrt werden«, Volksmund, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2008
»Treppen müssen von oben gekehrt werden«, Volksmund, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2008
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Wenn der Film das bessere Theater ist

Von Friedhelm Denkeler,

»Venus im Pelz« von Roman Polanski. Und wieder wird ein Handy zum Schweigen gebracht

Das Leben macht uns zu dem, was wir sind, wenn wir es gar nicht erwarten [Filmzitat]

»Venus ohne Pelz« (Ausschnitt aus «Venus und Amor«, Lucas Cranach d.Ä., um 1530), Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Venus ohne Pelz« (Ausschnitt aus «Venus und Amor«, Lucas Cranach d.Ä., um 1530), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Eine langsame Kamerafahrt durch eine Allee. Schritte. Es geht immer weiter geradeaus. Innehalten, ein Schwenk nach rechts und der Blick fällt auf ein Theater. Die Türen öffnen sich ins Foyer und ins Parkett. Eine halbdunkle Bühne, einige Requisiten, eine Schauspielerin und ein Schauspieler. Das Spiel beginnt. Die Türen werden geschlossen und wieder diese Allee. Ende.

Ein Buch, eine Adaption für das Theater, ein Regisseur und ein Film. Wie aus diesen Zutaten ein grandioses Kammerspiel wird; wie sich die Rollen entwickeln und tauschen; wie Kostüme und Make-Up einen Menschen und sein Verhalten verändern und wie man zu dem wird, der man eigentlich ist, hat Polanski gekonnt in Szene gesetzt.

Die Entwicklung der Figuren ist überraschend, aber schlüssig; alle Gesten und Dialoge sind perfekt aufeinander abgestimmt. Der Zuschauer steht mit beiden Protagonisten auf der Bühne und kann sich ihrem Spiel nicht entziehen. Emanuelle Seigner (Polanskis Frau) als Venus und Mathieu Amalric (sieht aus wie der junge Polanski) als Regisseur spielen grandios und werden von Christin Marquitan und Olaf Reichmann hervorragend synchronisiert.

Ein Film, den man nicht so schnell vergessen kann und der Hinweis auf das Handy, ist nur für diejenigen bestimmt, die auch Roman Polanskis »Gott des Gemetzels« gesehen haben.

Der letzte Tango im Bogota

Von Friedhelm Denkeler,

Die erste Tür im Adventskalender wird geöffnet … und manche für immer geschlossen

„My favourite Hotel in the World“ [Rupert Everett]

Es ist soweit! In der Schlüterstraße 45 entstehen die in Berlin so dringend benötigten Büroräume, Dachgeschosse verbessern bald die angespannte Wohnraumsituation und lang ersehnte Modelabel können zur Freude aller einziehen. Berlin, nun freue Dich! So wurde es einst prognostiziert und passend zur Weihnachtszeit ist es soweit.

»Das Hotel Bogota in der Schlüterstraße«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Das Hotel Bogota in der Schlüterstraße«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Wer nun vor lauter Freude nicht weiß, wo er mit sich hin soll oder dieses Jahr keinen Adventskalender bekommen hat, der möge am 1. Dezember in das Hotel Bogota kommen, um seiner Freude oder Trauer Ausdruck zu verleihen. Gastfreundlich wie Joachim Rissmann ist, öffnet er ab 12.00 Uhr alle Türen im gesamten Haus und lädt um 17.00 Uhr zu seinem letzten Tango in Berlin ein.

Rissmanns Engagement für die historischen und kulturellen Gegebenheiten des Hauses war beispiellos und dies ist eine letzte Möglichkeit ihm und dem Haus seine Aufwartung zu machen, bevor zumindest die Räumlichkeiten für immer der Öffentlichkeit entzogen werden. It´s time to say good bye. Man sieht sich! www.bogota.de, siehe auch mein Artikel Bogota – Wieder verschwindet ein Stück Berliner Westen.

Berlin ist ganz schön groß! Berlin ist ganz schön groß! Aber noch größer ist Thilo Bock als Goethe

Von Friedhelm Denkeler,

Guten Tag, Guten Tag, sind Touristen heute da?
Steht Ihr Bus gleich vor der Tür oder kam’ Se mittem Rad?
Denn Touristen fahrn gern mit dem Fahrrad durch die Stadt,
dabei wissen die doch gar nicht,  wie man Fahrrad fährt.
[aus: Thilo Bock: »Sei laut, sei im Weg, sei nicht von hier!«]

"Thilo Bock", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Thilo Bock«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Letzte Woche konnten wir den Ur-Berliner Autor Thilo Bock bei einer Lesung in der Agentur »Komet« erleben: Politisch inkorrekt, aber immer mit einem Augenzwinkern und herrlich erfrischend.

2009 erschien sein erster Roman »Die geladene Knarre von Andreas Baader – Historischer Gegenwarts-Roman«, 2011 »Senatsreserve: Ein Provinzroman« und »Dichter als Goethe: Heiligenlegenden und Geschichten aus Spaß« erschien 2013.

Weil Thilo sowieso alles besser ausdrücken kann, zitiere ich aus dem Klappentext der »Senatsreserve«: »Thilo Bock, 1973 in Berlin geboren, verbrachte seine lange Jugend im Außenbezirk Reinickendorf. Das Märkische Viertel besuchte er nur stundenweise.«

Inzwischen lebt er zentraler. Regelmäßig liest, singt und trinkt er vor Publikum. So bei seiner monatlichen Veranstaltung Dichter als Goethe. Im Wedding ist er weltberühmt. Er leitet eine Schreibwerkstatt und experimentiert mit Nahrungsmitteln«. www.thilo-bock.de. Fein nuanciert setzt Thilo Bock seine Pointen und es folgt eine auf die andere. Geistreich und mit scharfsinnigem Witz und nicht ohne schauspielerische Ambitionen verführt er sein Publikum.

Dieses lag ihm längst zu Füßen als er sich vor den Füßen desselben niederließ und auf einem Harmonium, einem traditionellen indischen Musikinstrument (siehe Foto) seine Sangeskunst zum Besten gab. Wir lauschten der dramatischen Darbietung »Nacktmulle kennen keinen Schmerz« mit großer Andacht. Am Ende konnten keine Bücher mehr erworben werden, Thilo hatte zu wenig mitgebracht. Wer aber eines mit nach Hause nehmen durfte, den wird seine persönliche Widmung noch lange erfreuen. Sabine dankt herzlich! Für heute habe ich den folgenden Song bei YouTube herausgesucht: Thilo Bock: »Sei laut, sei im Weg, sei nicht von hier!«

BubeDameKönigAss

Von Friedhelm Denkeler,

Vier Positionen zeitgenössischer Malerei in der Neuen Nationalgalerie

Im Rahmen der Reihe „Painting Forever“, die in vier Einrichtungen in Berlin zu sehen war, sind in der Neuen Nationalgalerie noch bis zum 24. November 2013 in den vier Ecken der oberen Halle die Werke von den vier zeitgenössischen, in Berlin lebenden Künstlern Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle und Thomas Scheibitz zu sehen. Die im Titel der Ausstellung versprochene Dame befindet sich allerdings nicht unter den Ausstellenden, sondern kommt nur als Bildmotiv vor.

»Blick in die Neue Nationalgalerie« mit der Arbeit »Ein Jahr ohne Licht«, Martin Eder 2005, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Blick in die Neue Nationalgalerie« mit der Arbeit »Ein Jahr ohne Licht«, Martin Eder 2005, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die vier Werkgruppen mit ihren unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen sollen formal und inhaltlich in den Dialog treten. Soweit die Theorie; in der Praxis werden die vier Positionen aber eher getrennt betrachtet. Da sind zum einen die Katzenbilder mit nackten Nympchen von Martin Eder und auf der anderen Seite das sechs Meter breite Gemälde Vormittag von Michael Kunze mit vielschichtigen Bezügen zu Philosophie, Film und Kunstgeschichte zu sehen. Bei beiden Positionen handelt es sich um figurative Werke. Dagegen sind die Arbeiten von Thomas Scheibitz und Amseln Reyles eher als abstrakt einzuordnen.

Im Gegensatz zur letztjährigen Documenta zeigt die Viererbande, dass die Malerei (das Tafelbild) nicht tot ist, im Gegenteil, sie lebt. Painting Forever! Eine empfehlenswerte Ausstellung und auch beim Umrunden der Neuen Natinalgalerie ergeben sich reizvolle Ansichten.

Splush, Splodge, Spittle, Splat

Von Friedhelm Denkeler,

Der Turner-Preisträger Anish Kapoor im Martin-Gropius-Bau

Aus "Selbst: Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 1976
Aus dem Portfolio Schatten und Spiegel – Selbstbildnisse 1976 bis 2020, Foto © Friedhelm Denkeler 1976

1992 auf der documenta IX erstmals gesehen (Descent into Limbo) und 2013 sogleich wieder erkannt. Anish Kapoor bespielt noch bis zum 24. November 2013 das gesamte Untergeschoss des Martin-Gropius-Baus inklusive Lichthof.

Bespielen ist für diese Ausstellung das passende Wort. Der Betrachter schrumpft förmlich angesichts der monumentalen Arbeiten. The Death of Leviathan allein erstreckt sich über drei Ausstellungräume und Symphony for a Beloved Sun im Lichthof ist nur mit einer kompletten Umrundung desselben zu erfassen.

Kapoor spielt wieder einmal gekonnt mit optischen Täuschungen, die den Begriff Realität hinterfragen. Über-dimensionale Spiegel verzerren und irritieren die gewohnte optische Wahrnehmung des Selbst und des Raumes; schwarze Löcher ziehen den Betrachter magisch an und gleichzeitig in die Tiefe (wenn diese denn überhaupt real vorhanden ist); Objekte aus Tonnen von Zement suggerieren fragile Sandhaufen (Splush, Splodge, Spittle, Splat); organisch anmutende und uns bekannte Formen werden aus Kunstharz nachgebildet und riesenhaft vergrößert.

Und immer wieder die Farbe Rot. Im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen, die eher statisch wirken und trotz visueller Irreführung ihre Ausgangsformen behalten, ist das Rot stets mit Bewegung und Aktion verbunden. Es sind Objekte aus Wachs, die – maschinell bewegt- verkleinert, geschliffen oder geschleudert werden und sich im Laufe der Ausstellung immer wieder neu formieren.

Deutschland als Auswanderungsland oder: Humboldt auf der Durchreise in Schabbach

Von Friedhelm Denkeler,

»Die andere Heimat« – Ein ›Kurzfilm‹ von Edgar Reitz

Der Blick durch eine geschliffene Achatscheibe kann die Sicht auf die Welt verändern. Die Kunst des Lesens vermag dies ebenso. Und auch wenn Jakob am Ende des fast vierstündigen Schwarz-Weiß-Films (mit symbolisch-verspielten Farbeinsprengseln) von Edgar Reitz noch immer in Schabbach im Hunsrück lebt, so ist seine Welt nun eine andere. Ein Träumer ist er und in seinem Wunsch denkt er sich nach Brasilien. Das verheißungsvolle Land sucht Handwerker und Bauern auch in der fernen deutschen Provinz, die um 1840 nur ein karges Überleben in Not, Armut und Krankheit bereit hält.

Jakob stürzt sich auf jedes verfügbare Buch über Südamerika; er studiert verschiedene Dialekte und spielt im Geiste die Begegnungen mit Einheimischen durch. Er ist bestens vorbereitet. Aber das Leben spielt ihm nicht nur einen Streich. Er verliert viel und letztendlich ist es sein Bruder, der die ersehnte Reise antreten wird. Jakob bleibt in Schabbach, aber die wirklich großen Reisen finden letztendlich immer im Kopf statt und das hat er erkannt.

Diesen Film zu beschreiben, würde jeden Rahmen sprengen. Nur eine zauberhafte Begegnung zwischen einem Bauern (Edgar Reitz) und Alexander von Humboldt (Werner Herzog) sei noch erwähnt. Hervorragende Schauspieler und eine kameratechnisch betörend aufgenommene Landschaft – unbedingt ansehen!

»Heimat«, Museumsinsel, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel«, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Heimat«, Museumsinsel, Berlin, aus dem Portfolio »Schatten und Spiegel«, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Wie lang ist eigentlich ein Kurzfilm von Edgar Reitz? 230 Minuten dauert sein neuer Film »Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht« (2013) und die zogen wie im Fluge vorrüber. Seine bisherige Filmtrilogie aus der Heimat-Reihe »Heimat – Eine deutsche Chronik« (1984), »Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend« (1992), »Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende« (2004) besteht aus 30 Episoden und hat eine Gesamtlänge von 52(!) Stunden. Hinzu kommen noch der »Prolog: Geschichten aus den Hunsrückdörfern« (1981) und der »Epilog: Fragmente – Die Frauen« (2006). Die jetzige »Andere Heimat« spielt zeitlich vor diesen Filmen in der Zeit der Auswanderungswelle zwischen 1840 und 1843 – natürlich wieder im fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach. www.dieandereheimat.de

Der Teppich ist ausgerollt … für das Gorki-Theater

Von Friedhelm Denkeler,

"Der Teppich ist ausgerollt …" ("Läufer" von Nevin Aladag, Palais am Festungsgraben), Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Der Teppich ist ausgerollt …« »Läufer« von Nevin Aladag, Palais am Festungsgraben, Berlin-Mitte, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Das Maxim Gorki Theater unter der neuen Leitung von Shermin Langhoff eröffnet nicht mit einer Premiere (Tschechows Kirschgarten startet erst am 15.11.2013), sondern mit dem Berliner Herbstsalon: einem Haus der offenen Tür und bezieht die Nachbargebäude das Palais am Festungsgraben und die Neue Wache gleich mit ein.

In den herrlichen Räumen des Palais in der ersten Etage (der Festsaal geht über zwei Stockwerke) zeigen 30 internationale Künstler ihre Werke »die sich mit der Vergangenheit und Gegenwart des Ortes« (Gorki-Theater, Palais am Festungsgraben, Neue Wache) beschäftigen. Dazu gehören Performances, Installationen und Videoarbeiten.

Der Läufer mit einem orientalischen Muster vor der neoklassizistischen Fassade des Palais am Festungsgraben von Nevin Aladag ist bereits von weitem zu sehen und »spielt auf die Debatte über kulturelle Diversifizierung innerhalb der westlichen Gesellschaft an und führt symbolisch Möglichkeiten eines Zusammenlebens mit Unterschieden vor« [Zitat Programmheft].

Wer der stofflichen Einladung in das Gebäude folgt und sich auf die Spuren der weiteren Künstler durch das Gebäude begibt, der fühlt sich gleichzeitig in eine spannende neue Spielzeit am Maxim Gorki Theater eingeladen. Der Herbstsalon geht noch bis zum 17. November 2013.

Men At Work! Nicht nur Down Under – auch in Berlin

Von Friedhelm Denkeler,

I come from a land down under/ Where beer does flow and men chunder/
Can’t you hear can’t you hear the thunder/ You better run you better take cover

Die australische Band »Men At Work« hatte 1982 ihre große Zeit mit dem Welthit »Down Under«. Er stand in England, Australien, den USA und in der Schweiz auf Platz 1 der Charts (in Deutschland kam er bis Platz 9). Der Name der Band fiel Sänger Colin Hay ein, als er sah, wie auf einer Baustelle nur einer von neun Bauarbeitern arbeitete. Dass es auch anders geht, zeigt mein Foto: Alle fassen bei den Bauarbeiten am S-Bahnhof Yorkstraße mit an. Men At Work: »Down Under« .

Down Under wurde von Men At Work 2000 bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele noch einmal aufgeführt – eigentlich hatte sich die Band bereits 1986 aufgelöst. Der Song-Titel ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für Australien und der Song eine ironische Liebeserklärung an Australien. Er wird inzwischen als »heimliche, australische Nationalhymne« angesehen.

»Men at Work«, S-Bhf. Yorckstraße, Berlin-Schöneberg, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Men at Work«, S-Bhf. Yorckstraße, Berlin-Schöneberg, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

»Der Song erzählt die Geschichte eines die Welt bereisenden australischen Rucksacktouristen, der allen von seiner Heimat berichtet, wo das Bier in Mengen fließt, Frauen heiß sind und Männer sie aufreißen und sich in der zweiten Strophe wegen des übermäßigen Bierkonsums übergeben … Ein Teil des Textes ist australischer Slang: Der Reisende fährt in einem überhitzten VW-Bus und raucht offensichtlich Marihuana.« [Zitat Wikipedia]. Inhaltlich also weder politisch noch gendermäßig korrekt, aber ein Zeitdokument!

Was ist Kunst?

Von Friedhelm Denkeler,

»Wenn ist wüßte, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten«, Pablo Picasso, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2013
»Wenn ist wüßte, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten« [Pablo Picasso], gefunden am Potsdamer Platz, Berlin, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2013
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„X = Hase“ – Von der Mathematik zur Kunst

Von Friedhelm Denkeler,

Meret Oppenheim. Retrospektive, Martin-Gropius-Bau Berlin bis 1.12.2013

Jede wirklich neue Idee ist eine Aggression‘ [Meret Oppenheim]

Zufall oder nicht, der Grabstein für »das Meretlein« in Gottfried Kellers Roman »Der grüne Heinrich« trägt die Jahreszahl 1713. Genau 200 Jahre später wird wieder ein Meretlein geboren: Meret Oppenheim. Weitere biographische Parallelitäten erübrigen sich, denn die aktuell in ihrer Geburtsstadt Berlin mit einer Retrospektive zum 100. Geburtstag geehrte Meret Oppenheim ist keine vom Schriftsteller erdachte Kunstfigur, die an »irdischer Kurzsichtigkeit« [Gottfried Keller] zugrunde ging, sondern sie eroberte sich das Reich der Surrealisten – von der Muse zur eigenständigen Künstlerin.

Als Fotograf kennt man natürlich die legendären Fotografien der Serie »Érotique voilée« von Man Ray, in der sich Meret Oppenheim als Aktmodell im Atelier des Malers Louis Marcoussis inszenierte. Hiermit wurde sie berühmt und der Grundstein zu ihrem Mythos war gelegt. Auf dem wohl bekanntesten Foto steht Oppenheim mit einer von Druckerschwärze beschmierten Hand vor einer Kupferstichpresse.

Jeder hat auch schon einmal von der drei Jahre später entstandenen Pelztasse gehört, die leider in Berlin nicht im Original zu sehen ist. Sie wurde bereits zwei Wochen nach ihrer Herstellung von Alfred H. Barr, Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, in einer Pariser Galerie entdeckt und weggekauft. Seitdem steht sie dort in einem Glaskasten. Humor hatte Meret bereits mit 16 Jahren unter Beweis gestellt: Nach einem Besuch in der Kunsthalle Basel mit Werken von Ernst Klee malte sie in ihr Schulheft X = Hase.

"ppenheimbrunnen in Bern" (Waisenhausplatz)", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
»Oppenheimbrunnen in Bern«, Waisenhausplatz, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Die Vielfältigkeit ihres Werkes, das Malerei, Schmuckkreationen, Objekte, Gedichte, Zeichnungen und Aufzeichnungen von Träumen umfasst wird in den Ausstellungsräumen großzügig präsentiert. Die Werkschau trägt dazu bei, Oppenheims vielseitiges Gesamtwerk zu entdecken.

In Bern hat Meret Oppenheim auf dem Waisenhausplatz den 1983 eingeweihten Brunnen geschaffen. Er soll symbolisch für das Wachsen und das Leben stehen. Das Wasser fließt in Spiralen von der hohen Säule herunter, an der sich durch das kalkhaltige Wasser Tuffsteinbrocken bilden. So verändert der Brunnen mit der Zeit sein Aussehen. Um die weitere Standfestigkeit zu gewährleisten, mussten jetzt nach 30 Jahren die ersten Kalkbrocken teilweise entfernt werden. Dass sich im Laufe der Zeit Moos, Gräser und Pflanzen an der Säule ansiedeln, ist von der Künstlerin so gewollt (Video 1, Video 2).

Es sind die Künstler, die träumen für die Gesellschaft [Meret Oppenheim]

Ein Friedhof, ein Café, ein Theater und ein Mann

Von Friedhelm Denkeler,

Bernd Boßmann ist für den Deutschen Engagementpreis nominiert

Alle oben genannten Begriffe reichen nicht aus, um Bernd Boßmann zu beschreiben. Man sollte ihn kennenlernen. Aus aktuellem Anlass, weil er gerade mit seinem Projekt, dem »Garten der Sternenkinder« als Kandidat für den Publikumspreis im Rahmen des »Deutschen Engagementpreises« unter die zehn Finalisten nominiert wurde, wird er heute vorgestellt.

In der Kulmer Straße in Schöneberg hat er das Theater »O-TonArt« gegründet. Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof an der Großgörschenstraße eröffnete er 2006 das Friedhofscafé Finovo, wo er neben selbstgebackenem Kuchen auch seine Hauptstadt-Limonade Berlinade ausschenkt. Und genau hier hat er über den von ihm mit gegründetem Verein EFEU e.V. den »Garten der Sternenkinder« ins Leben gerufen. Eltern nicht bestattungspflichtiger Kinder erhalten so die Möglichkeit einer angemessenen Bestattung und einen Ort des Gedenkens.

»Bernd Boßmann vor dem Cafe Finovo«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Bernd Boßmann vor dem Cafe Finovo«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Ein kleiner Exkurs über Friedhöfe lässt sich an dieser Stelle auch angesichts der nahenden Gedenktage nicht vermeiden. Wer einmal über den oft zitierten und berühmten Südwestkirchhof Stahnsdorf gelaufen ist und sich über die an der nördlichen Begrenzung stehenden Wandgräber, die irgendwie aus der Zeit gefallen sind und architektonisch deplatziert wirken, wunderte, dem sei gesagt, dass eben diese 1938/39 im Zuge der von Albert Speer geplanten Nord-Süd-Achse vom Alten St.-Matthäus-Kirchhof dorthin verlagert wurden.

An ihrer Stelle befinden sich an der Schöneberger Friedhofsmauer nun Wandmalereien, die die ursprünglichen Umrisse der monumentalen Grabarchitekturen silhouettenhaft andeuten. Die meisten der kunst- und kulturhistorisch wertvollen Anlagen und Mausoleen sind glücklicherweise noch an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort an der Großgörschenstraße zu bewundern. In Form von Patenschaften, die der Verein EFEU e.V. vermittelt, werden sie als Kulturdenkmäler instandgehalten, restauriert oder rekonstruiert.

Das Engagement von Bernd Boßmann kennt keine Grenzen und seine Nominierung ist mehr als eine schöne Anerkennung. Daher sei heute einmal zum voten aufgerufen, denn Bernd steht nicht nur für nicht nur gesellschaftliches Engagement, sondern ist stets auch die »Seele vom Ganzen«.

Mit 140 Grad in den Straßen von Berlin

Von Friedhelm Denkeler,

Frank Silberbach stellt im Hotel Bogota sein neues Fotobuch »Berlin 140 Grad« vor

Vor acht Jahren fing es an – Der Berliner Fotograf Frank Silberbach veröffentlichte in der Wochenendbeilage der Berliner Zeitung für die kommenden vier Jahre seine Berliner Alltagsszenen – und das ist das Besondere – im Panoramaformat. Seitdem waren seine Bilder in diversen Ausstellungen auch weit über Berlin hinaus zu sehen.

Frank Silberbach, Projektion "Berlin 140 Grad", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
Frank Silberbach, Projektion »Berlin 140 Grad«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Am 6. Juni 2013 fand im Berliner Luftraum die Uraufführung von BERLIN 140° zum Sehen und Hören statt. In einer Adaption vom uns bekannten Stummfilm mit Klavierbegleitung projizierte Silberbach seine Straßenfotografien und wurde dabei auf dem Schlagzeug von Christoph Schlemmer begleitet, der eigens für diese Aufführung 92 Stücke komponierte (siehe Foto).

Bildband "Berlin 140 Grad" von Frank Silberbach
Bildband »Berlin 140 Grad« von Frank Silberbach

Morgen wird Frank Silberbach um 19 Uhr im Hotel Bogota in der Schlüterstraße 45 den Bildband unter dem Titel „Berlin 140 Grad“ mit einem Text von Thomas Brussig vorstellen (siehe Foto). Aus über 21 000 Negativen hat Silberbach 79 Bilder für das nun vorliegende Fotobuch, das in der Edition Braus erscheint, ausgewählt. Der Titel der Serie 140 Grad bezieht sich hierbei auf den Bildwinkel der Panorama-Kamera „Widelux“ mit der Frank Silberbach arbeitet. Eine außergewöhnliche Sicht auf die Stadt wird in einem außergewöhnlichen Ambiente der Stadt, dem Hotel Bogota, präsentiert. www.silberbach-berlin.de

Patsy – Das Girl mit dem Perlenring

Von Friedhelm Denkeler,

Ross McManus And The Joe Loss Blue Beats mit »Patsy Girl«

Hey Patsy girl/ I love the way you’re kissing me/
I like a nice girl/ She likes a bright pearl

Durch Zufall lese ich in der neuesten Ausgabe der »Rolling Stone« in einem Leserbrief die Worte »Patsy Girl«. Das löst unmittelbar ein Déjà-vu-Erlebnis aus: Ist das nicht der Song, den ich den 1960er Jahren so sehr liebte? Im Netz habe ich ihn sofort gefunden:

Ross McManus: »Patsy Girl«.

Es ist ein von Ross McManus (*1927, †2011), dem Vater von Elvis Costello, geschriebener und selbst gesungener Song aus dem Jahr 1964, den er mit der Band »The Joe Loss Blue Beats« aufnahm. Die Trompete blies er selber. Aber erst 1966 fand der Song den Weg von England nach Deutschland und Österreich. In der Deutschen Hitparade war er daraufhin 19 Wochen vertreten. Seine höchste Notierung lag auf Platz 15. Es blieb Ross McManus einziger Hit. 1970 nahm er noch ein Album mit Songs von Elvis Presley auf, sinnigerweise unter dem Titel »Elvis‘ Dad Sings Elvis«.

»Patsy Girl« ist eine große Reminiszenz an die Jugendzeit vor 47 Jahren. Den Song haben wir »Bei Pedro« in der Musikbox immer wieder gewählt – bis wir Ärger bekamen. Auch in den Discotheken in Bohmte und Diepholz wurde er immer wieder gespielt. Ein toller Song und auch nach so vielen Jahren noch hörenswert. Zu dieser Zeit gefielen mir die offiziellen Hitparaden im Radio überhaupt nicht; so stellte ich Woche für Woche meine eigene Hitparade auf. Leider sind diese persönlichen Charts aus der Zeit nicht mehr vorhanden; Ross McManus hatte ich im Sommer 1966 bestimmt mehrmals auf den ersten Platz gesetzt.

»Telefunken magnetophon 300«, Halbspurgerät, Foto © Friedhelm Denkeler 1966, aus dem Portfolio »Erinnerungen – Ein Leben in Bildern»: »Jugend in Westfalen 1957 bis 1966)«: »Im Vierfamilienhaus Varl Nr. 264«
»Telefunken magnetophon 300«, Foto © Friedhelm Denkeler 1966, aus dem Portfolio »Erinnerungen – Ein Leben in Bildern»: »Jugend in Westfalen 1957 bis 1966«: »Im Vierfamilienhaus Varl Nr. 264«

Aufgenommen habe ich die Songs damals mit einem Tonbandgerät der Marke »Telefunken Magnetophon 300«, einem Halbspurgerät. Es war eines der ersten portablen Tonbandgeräte, die Stromversorgung erfolgte über einen Akku oder über fünf Monobatterien, die Bandlaufgeschwindigkeit betrug 9,5 cm/s und mit einer speziellen Halterung konnte ich das Gerät auch im Auto betreiben.

Eine kleine Wahl-Nachlese

Von Friedhelm Denkeler,

»Auf der Mauer, auf der Lauer, sitzt’ne kleine Wanze« oder: »Eine kleine Wahlnachlese«, Berlin, Oranienburger Straße, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Auf der Mauer, auf der Lauer, sitzt’ne kleine Wanze« oder: »Eine kleine Wahlnachlese«, Berlin, Oranienburger Straße, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Unwissenheit ist Macht

Von Friedhelm Denkeler,

»Unwissenheit ist Macht«, alter St.-Matthäus-Kirchhof, Großgörschenstraße, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
»Unwissenheit ist Macht«, alter St.-Matthäus-Kirchhof, Großgörschenstraße, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
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Das Geheimnis des roten Steines und der Schatten

Von Friedhelm Denkeler,

Es gibt Möglichkeiten für mich, gewiss, aber unter welchem Stein liegen sie? [Franz Kafka]

Du, dessen Schatten Schatten licht macht, sag.
Was zeigt dein Schatten für Bilderwelt [Shakespeares Sonett 43]

Die Serie Ich Binz ist noch bis zum 27. September 2013 im Kabinett des »Katharinenhof am Preußenpark« zu sehen (siehe hier). Sie besteht aus sechs Triptychen, die in Binz auf Rügen entstanden sind. Ein in Jahrhunderten durch Wind und Wetter geformter und geschliffener Stein; das in jeder Sekunde sein Aussehen verändernde Wasser und ein Schatten, der langsam mit dem Stand der Sonne weiter wandert. Das Ewige, das sich Bewegende und die Vergänglichkeit des Augenblicks.

https://www.denkeler-foto.de/portfolios/ich-binz/
Aus dem Portfolio »Ich Binz« (sechs Triptychons), Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Die kleinste Bewegung ist für die ganze Natur von Bedeutung; das ganze Meer verändert sich, wenn ein Stein hineingeworfen wird. [Blaise Pascal, Gedanken]

Der Stein, das Wasser und der Schatten sind ständige Begleiter in der Welt der Kunst und der Philosophie. Der Stein behält über Jahrhunderte seine Form bei, nur durch Wind und Wetter wird er weiter geformt und geschliffen (oder durch den Bildhauer). Aber der Volksmund sagt auch, jeder Tropfen höhlt den Stein. Damit sind wir beim Wasser. Es verändert jede Sekunde sein Aussehen und wenn es besonders still ist, ist es auch besonders tief. Nur durch die Fotografie wird es eingefroren, wie hier als Fontäne. Und der Schatten? Er verändert langsam mit dem Stand der Sonne (wenn sie denn scheint) sein Aussehen und seine Lage. Hier ist der Schatten quasi die Unterschrift des Fotografen, er ist das einzige Immaterielle, das eine sichtbare Form hat.

»Zunächst erscheinen die Arbeiten fast identisch. Die Fotos erschließen sich erst aus der Serie, aus der Reihe. Beim aufmerksamen Betrachten erkennt man die verschiedenen Bildinszenierungen. Die Veränderungen, die kleinen und die großen werden dann sichtbar und verstehbar. Es sind unterschiedliche Facetten des Selbstporträts, inszeniert mit der Gestalt des Fotografen und ihm wichtigen Elemente: das Wasser in Form einer Fontäne und der Stein. Das Sprichwort Steter Tropfen höhlt den Stein wäre hier viel zu banal und doch sind es diese beiden Gegenspieler, die ihn u.a. faszinieren, mit denen er in seinen Fotografien spielt.« [Beate Spitzmüller während der Eröffnungsrede im Katharinenhof]. Die sechs Triptychen sind auf meiner Website LICHTBILDER zu sehen.

Suche nicht von vornherein nach einem Licht,
das ein Gegenstand unter anderen Gegenständen wäre:
Das Licht des Tempels krönt die Steine. [Antoine de Saint-Exupéry]

Eine Theaterphantasie von Robert Wilson

Von Friedhelm Denkeler,

»Shakespeares Sonette« mit der Musik von Rufus Wainwright im Berliner Ensemble

Tag ist wie Nacht mir, kann ich dich nicht sehn,
Doch Nacht wird Tag, lässt Traum dein Bild erstehen [Sonett 43]

Robert Wilson (*1941) hat bisher am »Berliner Ensemble« vier Stücke inszeniert: »Die Dreigroschenoper« mit der Musik von Bertold Brecht/Kurt Weil, Matthew/ Kästners »Peter Pan« (siehe hier) mit der Musik und den Songs von CocoRosie (Bericht folgt), Wedekinds »Lulu« (bisher nicht gesehen) mit der Musik und den Songs von Lou Reed und jetzt »Shakespeares Sonette« mit der Musik von Rufus Wainwright. Bei allen Aufführungen war Wilson ebenfalls verantwortlich für die Bühnenausstattung und die einmaligen, für ihn typischen, magischen Lichtkonzepte.

Liebe – Hass, Sehnsucht – Überdruss, Leidenschaft – Langeweile, Männlichkeit – Weiblichkeit, Gesicht – Maske, Bewegung – Stillstand, Jugend – Alter, Leben – Tod sind die Themen in Shakespeares Gedichten. Diese Assoziationen erweckt Wilson mit Hilfe der Musik von Wainwright in 25 Sonetten (von 154) zum Leben – und das ist das Leben. Zwei schöne Szenen möchte ich hier darstellen, eine vor der Pause und eine danach:

Ein Liebender (oder eine Liebende, Frauenrollen werden von Männern gespielt und umgekehrt) auf einem Riesenfahrrad kann nicht zu seiner Angebeteten auf einem winzigen Kinderfahrrad herunterkommen. Beide radeln ständig aneinander vorbei. Das andere Szenenbild zeigt drei gewaltige Tankstellen mit Zählwerken und mit den drei singenden Tankwarten wird die Musik entprechend der Geschwindigkeit der Zählwerke rockiger und lauter. Hier hat sich dann Rufus Wainwright stärker durchgesetzt. Letztendlich deutet sich auch der Auszug aus dem Paradies an: Mit dem Baum der Erkenntnis, einem Apfel und einer Schlange.

»Minimalismus im Hamburger Bahnhof«, Foto © Friedhelm Denkeler 2009
»Minimalismus im Hamburger Bahnhof«, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Rufus Wainwright (*1973) ist ein kanadisch-US-amerikanischer Singer-Songwriter und Komponist und veröffentliche 1998 unter dem Titel »Rufus Wainwright« sein erstes Album. Ich habe die Single »Hallelujah« herausgesucht. Das Original ist von Leonard Cohen: Rufus Wainwright: »Hallelujah«. Weitere sechs Alben sind inzwischen erschienen. Neben kleineren Filmrollen komponierte er 2006 die Oper »Prima Donna« und 2009 die Musik für die »Shakespeares Sonette«. Er hat mehrere Auszeichnungen und Nominierungen erhalten.

Your faith was strong but you needed proof/ You saw her bathing on the roof/ Her beauty and the moonlight overthrew you [aus: Hallelujah]