Stacheldraht im Paradies

Von Friedhelm Denkeler,

Qin Yufen: "Making Paradise", 1996-2002 (Ausschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Qin Yufen: »Making Paradise«, 1996-2002 (Ausschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Qin Yufen verbindet in ihrer poetischen Kunst Elemente der östlichen und westlichen Kultur. Materialität, Haptik und auch Spiritualität der verwendeten Gegenstände sind von zentraler Bedeutung für die raumgreifende Klanginstallation. Mit ihren transkulturellen Ansatz verwandelt Qin Yufen den Raum durch Klang und Geruch sowie durch den Antagonismus von Stacheldraht und Seide, von Baumaterialien und dem mit chinesischen Heilpflanzen eingefärbten Stoff. In der Installation „Making Paradise“, die das Alltägliche und Reale mit Bedeutung auflädt, transzendiert Qin Yufen die Vorstellung von Utopie und Dystopie. Ihre Kunst versteht sich als Kritik an den religiösen Konflikten, Kriegshandlungen und Gewaltaden unserer heutigen Welt.

[F. C. Flick Collection, Text: Ausstellungsheft »moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume«, Hamburger Bahnhof Berlin, 2017]

Vostells Décollage-Happening-Raum

Von Friedhelm Denkeler,

Wolf Vostell: "Elektronischer dé-coll/age Happening Raum E. d. H. R." (Ausschnitt), 1968-1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Wolf Vostell: »Elektronischer dé-coll/age Happening Raum E. d. H. R.« (Ausschnitt), 1968-1982, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Die auch in den Raum erweiterte »Décollage« wurde für Wolfs Vostell als Ausdruck eines »abgelösten, zerrissenen« Zeitalters zum umfassenden Schaffensprinzip. Der Künstler gehörte zu den Wegbereitern von Environment, Happening und Fluxus in Deutschland. In diesem Environment, das Vostell während des Vietnamkrieges schuf und das ursprünglich begehbar war, werden Krieg und Zerstörung, Medien, Konsum und Alltag durch Glasscherben, Fernseher, Alltags- Freizeit- und Kriegsobjekte und eine Bombe kontrastiert und verknüpft.

[F. C. Flick Collection, Text: Ausstellungsheft »moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume», Hamburger Bahnhof Berlin, 2017]

Eine Straßenbahnhaltestelle

Von Friedhelm Denkeler,

Joseph Beuys: »Straßenbahnhaltestelle. A Monument to the Future« (2. Fassung 1976), Hamburger Bahnhof, Sammlung Marx, Foto © Friedhelm Denkeler2017
Joseph Beuys: »Straßenbahnhaltestelle. A Monument to the Future« (2. Fassung 1976), Hamburger Bahnhof, Sammlung Marx, Foto © Friedhelm Denkeler2017

Es werde Licht!

Von Friedhelm Denkeler,

»Es werde Licht!«, Licht-Skulptur im Europa-Center, Berlin, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2018
»Es werde Licht!«, Licht-Skulptur im Europa-Center, Berlin, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Anmerkungen zum Portfolio/ zur Kategorie »Sonntagsbilder»

Der Versuch einer Definition: Was ist eigentlich ein Sonntagsbild? Ein ›schönes‹ Bild (was auch immer das nun wieder heißen mag; es ist in Farbe; es passt in keine andere Kategorie; es gehört nicht zu einer Serie von Bildern, es ist ein Einzelbild. Aber es ist kein Sonntagsbild im Sinne der Sonntagsmalerei.

Am 26. Februar 2012 erschien in meinem Blog das erste Sonntagsbild. Und jeden Sonntag gab es ein neues – Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Sonntagsbilder stammen aus dem Portfolio »Sonntagsbilder«, das ich 2005 abgeschlossen habe. Aber der Titel Sonntagsbild ist einfach ein zu schöner Titel. Unter dieser Prämisse führe ich die Kategorie »Sonntagsbilder« in meinem Blog bis auf weiteres mit Fotos aus meinem Archiv und mit neuen Aufnahmen weiter.

Urs Fischers Boffer Bix Kabinett

Von Friedhelm Denkeler,

Denn hinderlich wie überall, ist hier der eigene Todesfall

Urs Fischer: »Boffer Bix Kabinett«, 1998, Hamburger Bahnhof, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Urs Fischer: »Boffer Bix Kabinett«, 1998, Hamburger Bahnhof, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Urs Fischers Rauminstallation »Boffer Bix Kabinet«, hier ergänzt durch mehrere gerahmte Gouachen auf Papier, evoziert ein dunkles Wohnzimmer. Die Schatten der Möbel an der Wand entstammen entgegen der ersten Erwartung nicht primär dem Licht der Scheinwerfer, sondern entpuppen sich als »blutige« Malerei aus roter Marmelade. Die dunklen Möbelskulpturen sind gänzlich beschriftet. Ironisch-humorvolle Satzfragmente wie »Denn hinderlich wie überall ist hier der eigene Todesfall« verorten dieses »Interieur« in der klassischen Gattung des (Vanitas-) Stilllebens.

[F. C. Flick Collection, Text: Ausstellungsheft »moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume«, Hamburger Bahnhof Berlin, 1917]

Kann ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen sein?

Von Friedhelm Denkeler,

»Wenn ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist …«, Ben Wargins »Weltenbaum«', 1985, S-Bahnhof Savignyplatz), Foto © Friedhelm Denkeler 2012
»Wenn ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist …«, Ben Wargins »Weltenbaum«‘, 1985, S-Bahnhof Savignyplatz, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
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In dieser Kategorie erscheint am ersten Tag eines Monat öfter ein bildlich umgesetzter Post mit einem Zitat. Das kann eine Photographie mit einem Spruch sein oder ein Bild, das grafisch mit dem Zitat des Monats gestaltet wurde.

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Fernseh-Marathon

Von Friedhelm Denkeler,

Lady in Red – Drei Televisionen. Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website LICHTBILDER

"Meryl Streep", Polaroid SX-70, aus der Serie "TV-Porträt", Foto © Friedhelm Denkeler 1987
»Meryl Streep«, Polaroid SX-70, aus der Serie »TV-Porträt«, Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema »Televisionen« stehen. Es handelt sich hierbei um Schwarz-Weiß-Fotografien, Leporellos, Klappbilder, Farbfotos und wie hier um Polaroid-Bilder.

Während eines Fernseh-Marathons vom 23. Dezember 1985 bis zum 3. Januar 1986, in der Zeit zwischen den Jahren, entstanden die zwanzig »TV-Porträts« der Filmschauspielerinnen aus diversen Spielfilmen, unter anderem die Aufnahme von Meryl Streep. Die Aufnahmen des Kapitels »Am Fenster« stammen aus einer Szene des französischen Films »Ein mörderischer Sommer« (L’été meurtrier), der Isabelle Adjani 1982 über Nacht weltberühmt machte. Die dritte Episode »Lady in Red” entstand aus der Tanzszene eines Films, der heute nicht mehr rekonstruierbar ist.

Auf meiner Website LICHTBILDER finden sie 40 ausgewählte Photographien aus der Serie »Lady in Red«. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 52 Seiten im Format 30×30 cm erschienen (2018). Ausführliches finden Sie im Artikel »Lady in Red – Drei Televisione (1)« und in der Filmbesprechung »Ein mörderischer Sommer«.

Die Ruinen von Nimes

Von Friedhelm Denkeler,

Hubert Robert: „Die Ruinen von Nimes, Orange und Saint-Rèmi-de-Provence, um 1783/89, Gemädegalerie Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Hubert Robert: »Die Ruinen von Nimes, Orange und Saint-Rèmi-de-Provence«, um 1783/89, Gemädegalerie Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Ein mörderischer Sommer

Von Friedhelm Denkeler,

Lady in Red – Drei Televisionen. Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website LICHTBILDER.

In einem südfranzösischen Dorf taucht eine schöne junge Frau auf: Eliane (Isabelle Adjani). Wo sie auf ihren Stöckelschuhen im dünnen, kurzen Kleid zu sehen ist, bringt sie die Männer um den Verstand. Schließlich heiratet sie den schüchternen Automechaniker Pin-Pon (Alain Souchon), der nicht ahnt, was Eliane wirklich bewegt …

Der Film »Ein mörderischer Sommer« (L’été meutrier) von Jean Becker machte Isabelle Adjani 1983 über Nacht weltberühmt. Ich kenne sie bereits aus dem 1975 entstandenen Film »Die Geschichte der Adèle H.« von François Truffaut, in dem sie die Tochter von Victor Hugo spielt. Ähnlich wie in Roman Polanskis Thriller »Der Mieter« (1976) waren ihre Rollen immer die einer am Rande des Wahnsinns stehenden Frau. Mit dem Film »Ein mörderischer Sommer« hatte sich ihr Image von der Komödiantin zur femme fatale gewandelt.

Aus der Serie "Am Fenster", Foto © Friedhelm Denkeler 1987
Aus der Serie Lady in Red – Drei Televisionen, Foto © Friedhelm Denkeler 1987

Der Film erzählt die Geschichte von der 19-jährigen Eliane, die versucht, ihre Mutter, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, zu rächen und daran zerbricht. Zunächst fällt sie durch ihr exaltiertes Benehmen und ihre freizügige Kleidung auf.

Die Männer begehren sie und auch Pin-Pon verdreht sie den Kopf. Eines Tages kommt Eliane überraschend in Pin-Pons Werkstatt unter dem Vorwand, ein Fahrrad reparieren zu lassen. Sie verabreden sich.

Was hat das nun mit meiner kleinen Szene »Am Fenster« zu tun? Als Pin-Pon vor ihrem Haus zur verabredeten Zeit erscheint, zeigt sich Eliane am Fenster und macht verschiedene Vorschläge, was sie anziehen soll. Dazu zieht sie im offenen Fenster ihr T-Shirt aus und ein Kleid an.

Nach der Verabredung verbringen sie eine Nacht in der Scheune von Pin-Pons Eltern. Dort entdeckt sie ein ramponiertes elektrisches Klavier mit der Aufschrift M, das sie auf die Spur der Vergewaltiger ihrer Mutter führt. Sie will sich mit einer arglistig eingefädelten Intrige rächen.

Eliane bedrängt immer wieder ihren Stiefvater bis dieser gesteht, die Vergewaltiger schon vor langer Zeit umgebracht zu haben. Die Vorstellung, dass ihr Leben nach der vollzogenen Rache wieder so sein würde, wie in ihrer glücklichen Kindheit, erfüllt sich nicht. Die Verstrickung in ein Verbrechen, dem sie ihr Leben verdankt und die angespannte Beziehung zu ihrer traumatisierten Mutter und die Sinnlosigkeit ihrer eingefädelten Rache bringen Eliane um den Verstand. Sie wird in eine Heilanstalt gebracht.

Auf meiner Website finden sie 40 ausgewählte Photographien aus der Serie »Lady in Red«. Die Bilder sind auch als gedrucktes Künstlerbuch mit 52 Seiten im Format 30×30 cm erschienen (2018). Den ersten Artikel zu »Lady in Red – Drei Televisionen« finden Sie hier.

Lady in Red – Drei Televisionen

Von Friedhelm Denkeler,

TV-Aufnahmen auf Polaroid SX-70 Filmmaterial aus den 1980er Jahren. Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website LICHTBILDER

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema »Televisionen« stehen. Es handelt sich hierbei um Schwarz-Weiß-Fotografien, Leporellos, Klappbilder, Farbfotos und Polaroid-Bilder. Die vorliegende Arbeit »Lady in Red« besteht aus den drei Kapiteln »TV-Porträt«, »Am Fenster« und »Lady in Red«, die jeweils eine kleine Geschichte beinhalten. Da diese drei Televisionen auf Polaroid SX-70 hergestellt wurden, werden sie hier zusammengefasst.

aus der Serie "Lady In Red", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990
aus der Serie Lady In Red, Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

Als im Jahr 2008 das Unternehmen Polaroid das Ende der Produktion von Sofortfilmen bekannt gab, war dies scheinbar auch das Ende der analogen Sofortbild-Fotografie. Umgehend fühlten sich Ausstellungsmacher beflügelt, Sofortbilder zu präsentieren, um ihnen eine neue Aufmerksamkeit zu schenken.

Insbesondere hat die Übernahme des europäischen Teils der berühmten, zwischen 1970 und 1990 entstandenen Polaroid-Sammlung des Unternehmens Polaroid durch die Wiener Fotogalerie Westlicht mit 4400 Sofortbildern von 800 Künstlern Aufsehen erregt.

Bedingt durch die technisch perfekten und überarbeiteten Digitalbilder, gibt es ein neues Interesse an Authentizität und Wirklichkeit, nach Originalen, nach Unschärfe und ›falschen‹ Farben.

Die vorliegenden Polaroids erhielten, bedingt durch das Zeilensprungverfahren des Fernsehens und den damit verbundenen ›Störungen‹, wie z.B. Streifenstrukturen und Artefakten, einen zusätzlichen Reiz. Eine Auswahl meiner sonstigen Polaroids, die zwischen 1980 und 1990 entstanden sind, habe ich in dem Autorenbuch »Polaroids SX-70-Art 1980 – 1990« im Jahr 2012 zusammengestellt.

Während eines Fernseh-Marathons vom 23. Dezember 1985 bis zum 3. Januar 1986, in der Zeit zwischen den Jahren, entstanden die zwanzig »TV-Porträts« der Filmschauspielerinnen aus diversen Spielfilmen. Die Aufnahmen des Kapitels »Am Fenster« stammen aus einer Szene des französischen Films »Ein mörderischer Sommer« (L’été meurtrier), der Isabelle Adjani 1982 über Nacht weltberühmt machte. Die dritte Episode »Lady in Red« entstand aus der Tanzszene eines Films, der heute nicht mehr rekonstruierbar ist.

Auf meiner Website finden sie 36 ausgewählte Photographien aus der Serie »Lady in Red«. Die Bilder sind auch als gedrucktes Künstlerbuch mit 52 Seiten im Format 30×30 cm erschienen (2018).

Über das Nachdenken …

Von Friedhelm Denkeler,

»Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.», A. Huxley, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
»Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.», A. Huxley, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
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Why Color?

Von Friedhelm Denkeler,

Ausstellung Joel Meyerrowitz: "Why Color?" bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Ausstellung Joel Meyerrowitz: „Why Color?“ bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Neben Stephen Shore und William Egglelston gehört Joel Meyerrowitz zu den drei großen US-Amerikanischen Farb-Fotografen. Ihm ist zur Zeit die aktuelle Ausstellung unter dem Titel »Why Color?« bei C/O Berlin im Amerika-Haus gewidmet (bis  11. März 2018). Ein Bericht folgt. www.co-berlin.org

Pictures From The New World

Von Friedhelm Denkeler,

»Message to the Future« – Photographien von Danny Lyon bei C/O Berlin. Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen

"C/O-Zeitung mit Foto von Danny Lyon", Foto © Friedhelm Denkeler 2017
»C/O-Zeitung mit Foto von Danny Lyon«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Seit den 1960er Jahren fotografiert der US-amerikanische Fotograf Danny Lyon, geboren 1942, soziale Außenseiter, Subkulturen und gesellschafts-politische Themen. Er möchte der üblichen Berichterstattung in den Massenmedien alternative Sichtweisen entgegenzustellen. Man könnte seine Arbeit als teilnehmende Dokumentation bezeichnen, indem er oft über eine längere Zeit eine Beziehung zu seinen Protagonisten aufbaut.

Und dazu gehört für Lyon selbstverständlich auch seine Familie. So wie wir es an der Werkstatt für Photographie in den 1970er Jahren gelernt haben, ist Danny Lyon als Autorenfotograf anzusehen. Noch stärker als in der Ausstellung „Message to the Future“ bei C/O Berlin ist das in dem Buch Danny Lyon: »Pictures From The New World« aus dem Jahr 1970 zu spüren. Für mich eines der wichtigsten und intensivsten Fotobücher überhaupt. Es war maßgeblich an meiner fotografischen Entwicklung beteiligt. Sehr gut trifft das folgende Zitat auf Lyons Arbeit zu, insbesondere wenn man das Buch zu Grunde legt.

»Meine größte Stärke ist meine Empathie mit Menschen, die anders sind als ich … Mir ging es um die Fotografie und um Bücher … Ich bin ausgestiegen, ohne je zurückzublicken. Ich habe diese Dinge als Themen betrachtet und mich selbst als Journalisten … Die Fotografie ist eine einsame Reise – das hat Robert Frank gesagt – man muss wirklich sich selbst sein, weil man versucht, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Ich hab mir das Leben sehr schwer gemacht, um etwas zu schaffen … Manchmal frage ich mich, ob ich die Vergangenheit festhalte oder ob ich hier der Zukunft begegne. [Danny Lyon]

Im strengsten Sinne sind alle Bewusstseinsinhalte unnennbar. Selbst die einfachste Wahrnehmung ist in ihrer Totalität unbeschreibbar. Jedes Kunstwerk muss daher nicht nur als etwas Dargestelltes verstanden werden, sondern gleichzeitig als ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. In den größten Kunstwerken schwingt stets etwas mit, das sich nicht in Worte fassen lässt, etwas von dem Widerspruch zwischen dem Ausdruck und der Gegenwart des Unausdrückbaren. Stilmittel sind immer auch Methoden der Vermeidung. Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen. [Susan Sontag, in »Against Interpretation«]

Die umfangreiche Retrospektive bei C/O ist mit rund 175 Photographien anhand seiner sozialen Projekte strukturiert. Sie beginnt mit Lyons frühsten Fotografien, die im Rahmen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre entstanden sind. 1963 wendet sich Danny Lyon der Subkultur der Biker und ihrem gesellschaftlichen Image zwischen gefürchteter Kompromisslosigkeit und romantisiertem Freiheitsdrang zu. Vier Jahre lang begleitet er die Biker-Gang als Mitglied. 1966 zieht er zurück in seine Heimatstadt New York und hält fest, wie die Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts unter den Abrissbirnen verschwindet.

Danny Lyon: "Pictures From The New World" (1970, Aperture), Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Danny Lyon: »Pictures From The New World«, 1970, Aperture, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Im nächsten Projekt geht es um das Leben der Insassen, um ihren Alltag in den Gefängnissen und um die Härte des amerikanischen Strafvollzugs. Lyon erhält 1967 Zugang zu allen Gefängnissen des Bundesstaates Texas. Seine Begegnungen mit den Häftlingen, die er auch filmisch dokumentiert, zeugen von aufrichtigem Interesse für ihre persönlichen Geschichten.

1970 findet Lyon in der Kleinstadt Bernalillo in New Mexico ein neues Zuhause. Er freundet sich mit den Arbeitern aus seiner Nachbarschaft an, mit Latinos und amerikanischen Ureinwohnern, mit kleinkriminellen Jugendlichen oder mit illegalen Arbeitern aus der Umgebung, deren Erfahrung im Überqueren der mexikanisch-amerikanischen Grenze er aufzeichnet. Sein nahes Umfeld wie auch seine Familie geraten zunehmend ins Blickfeld seiner Kamera. Weitere Arbeiten entstehen in Kolumbien, Bolivien, Haiti und China. Die Ausstellung, die bereits zu Ende gegangen ist, zeigte auch Collagen und Materialien aus Danny Lyons privatem Archiv.

Zur Ausstellung Danny Lyon: "Message to the Future", Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Zur Ausstellung Danny Lyon: »Message to the Future«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eine ost-westliche Bilderbiografie in Schwarzweiß

Von Friedhelm Denkeler,

Barbara Wolff: »In eigener Sache«, Ausstellung in der Collection Regard bis 08.12.2017

Fotografie ist mein Leben. Es sind die Bilder, die bleiben … Somit prägt die Erinnerung die Bilder – oder besser: Die Bilder prägen die Erinnerung. [Barbara Wolff]

„Fixpunkte im Werk von Barbara Wolff sind immer wieder Aufzeichnungen von biografischen Augenblicken und prägenden Stationen ihres Lebens in der DDR und in der Bundesrepublik – es entstehen mit persönlicher und subjektiver Bedeutsamkeit aufgeladene fotografische Momente, die den Betrachter einbeziehen in Barbara Wolffs individuelle Erfahrungswelt. Gleichzeitig gelingt Barbara Wolff auch die Abstraktion und Verallgemeinerung der persönlich-subjektiven Herangehensweise. Sie erschafft universell gültige, in ihrer Wahrheit über den Menschen berührende und so wiederum mit Bedeutsamkeit aufgeladene fotografische Momente, die durch ihre Allgemeingültigkeit eine gemeinsame Ebene und Kommunikationsmöglichkeit zwischen der Erfahrungswelt des Betrachters und der Fotografin herstellen.

Diese Werke gehen über die Dokumentation der realen, objektiven Wirklichkeit hinaus. Im wortwörtlichen entscheidenden Moment gelingt es Barbara Wolff, ihre Sujets feinfühlig in hoher fotografischer Qualität und in sehr ausgewogenen Kompositionen einzufangen und mit zusätzlichen Bedeutungsebenen aufzuladen. Es entsteht eine überwirkliche, magische Welt. Dabei hat die künstlerische Sprache von Barbara Wolff, die für mich im Magischen Realismus zu verorten ist, eine starke humanistische Komponente. Viele Bilder zeigen uns Menschen in ihrer unmittelbaren und kompromisslosen Würde, im Spannungsfeld zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke.

Das Werk von Barbara Wolff und die Bandbreite der von ihr genutzten Kameras, von Kleinbild bis zur Großformatkamera, ist vielfältig in seinen Sujets und seiner Umsetzung. Dabei ist stets ihre persönliche Handschrift zu erkennen. Der Wille, Themen auf ihre eigene unverwechselbare Art und Weise zu verfolgen, bleibt immer spürbar. Und genau darum heißt diese Ausstellung ‚In eigener Sache'“. [Marc Barbey]

Katalog zur Ausstellung Barbara Wolff: »In Eigener Sache« (Leipzig, Hauptbahnhof 1985), Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Katalog zur Ausstellung Barbara Wolff: »In Eigener Sache« (Leipzig, Hauptbahnhof 1985), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Anhand von Vintage Prints zeigt Marc Barbey in seiner Collection Regard einen Überblick über das fotografische Werk von Barbara Wolff, die 1951 in Kyritz geboren wurde. Hier in Brandenburg hat sie noch vor der Wende ihr Langzeitprojekt über das Dorf Sechszehneichen realisiert (1982-1985), in dem sie unter anderem die Bewohner am Rande der schnurgeraden Pflastersteinstraße in und vor ihren Häusern sachlich und klar porträtiert hat.

Aber auch Wolffs fotografische Anfänge an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die sie „Translucents“ (1975/76) nennt, sind zu sehen: Experimentelle Arbeiten mit Negativ-Positiv Belichtungen und Mehrfachbelichtungen, abgezogen auf Reprofilm , teilweise montiert zu zwei transparenten Bildern übereinander, so dass sich eine Dreidimensionalität ergibt. Die Ausstellung ist zwar bald beendet, aber Barbara Wolffs Gesamtwerk ist vorzüglich auf ihrer Website dokumentiert. Ein Besuch lohnt sich. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Berlin. www.collectionregard.dewww.barbarawolff.eu

Wenn der Weg schön ist …

Von Friedhelm Denkeler,

»Wenn der Weg schön ist, lass uns nicht fragen. wohin er führt«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
»Wenn der Weg schön ist, lass uns nicht fragen. wohin er führt«, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
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Kein Happy End!

Von Friedhelm Denkeler,

Michael Hanekes aktueller Film »Happy End« – Eine böse Momentaufnahme einer großbürgerlichen Familie

Ein Bagger baggert stumpfsinnig vor sich hin; eine Spundwand stürzt ein; zwei Dixieklos – eines war von einem Arbeiter besetzt – stürzen in die Tiefe; ein Hamster stirbt an einer Überdosis Antidepressiva, gefilmt mit dem Smartphone; eine Frau fällt ins Koma; ein Großvater – der reichste Unternehmer der Stadt – will sich umbringen, aber es klappt nicht; ein Mädchen mischt seiner Mutter Gift ins Essen; die schöne Verlobungsfeier wird durch eine Gruppe afrikanischer Migranten gestört; eine zusammensitzende Familie schweigt sich beim Essen an; ein Sohn will die Firma des Vaters nicht übernehmen; eine Umarmung sieht wie eine Zwangsmaßnahme aus; indirekt sieht man den »Dschungel«, das von Migranten bewohnte Zeltlager in Calais.

»Straße ins Wasser – oder: kein Happy End«, aus dem Portfolio »Harmonie eines Augenblicks«, Foto © Friedhelm Denkeler 1983.
»Straße ins Wasser – oder: kein Happy End«, aus dem Portfolio »Harmonie eines Augenblicks«, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

Diese Szenen geben in Michael Hanekes »Happy End« mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant, nur eine Richtung vor: Es geht abwärts. Alles ist sehr ernst, aber oft auch sehr komisch; eine schwarze Komödie um eine großbürgerliche Familie. Statt einer Familie aus dem Bilderbuch, sehen wir eine aus dem Horrorkabinett. Der Zuschauer bekommt einen Blick hinter die Fassade, die aus Überdruss am Leben und Sex, Mord- und Selbstmordgedanken besteht. Das Finale stellt die Frage: Ist ein Ende mit Schrecken nicht wirklich besser als ein Schrecken ohne Ende?

Man kann dieses sardonische Gesellschaftsporträt auch als ein Statement zur Lage in Europa sehen. Das Private hängt mit dem Öffentlichen und das Persönliche mit dem Politischen zusammen. Als Sinnbild für die feudalen Verhältnisse steht die weiße Oberschicht, die sich afrikanische Bedienstete hält, die man von Sklaven kaum unterscheiden kann. Der Anwalt bietet der Familie des verunglückten Arbeiters 35.000 Euro an, dafür bekommt man nicht mal einen gebrauchten Porsche. Die ersten Wände stürzen ein und die ersten fallen in die selbstgegrabene Grube. Wieder einmal trifft es die Falschen. Happy End ist eine sehenswerte Dystopie, es ist einer der Filme des Jahres 2017.

Prag – Irland – Israel in Schwarzweiß

Von Friedhelm Denkeler,

Zur Ausstellung »Invasion – Exiles – Wall« von Josef Koudelka bei C/O Berlin

Nachdem ich die Tschechoslowakei verlassen hatte, entdeckte ich die Welt um mich herum. Nichts drängte mich mehr, als zu reisen, um Fotos machen zu können. [Josef Koudelka]

Zur Ausstellung "Invasion – Exiles – Wall" von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Zur Ausstellung von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Prag, Wenzelsplatz, 22. August 1968: Ein Arm stößt ins Bild. Die Uhr am Handgelenk zeigt die Zeit an. In den Tagen zuvor waren Panzer des Warschauer Pakts in die Stadt gerollt, mit dem schrillen Geräusch ihrer auf dem Kopfsteinpflaster quietschenden Ketten.

Dieses Foto von Josef Koudelka gehört chronologisch zu seiner Serie Invasion, in der er den leidenschaftlichen Widerstand seiner Landsleute gegen die Entschlossenheit der Roten Armee zeigt, die demokratische Flamme des Prager Frühlings mit blutigen Mitteln zu ersticken. Es ist aber auch das erste Foto in seinem Buch Exiles, das zwanzig Jahre später von Robert Delpire herausgegeben wurde.

Nachdem Koudelka 1970 mit einem drei Monate gültigen Visum aus der Tschechoslowakei ausgereist war, blieb er im Westen und erhielt in England Asyl als politischer Flüchtling. 1971 wurde er Mitglied der Fotoagentur Magnum und zog 1980 nach Paris. Das Exil hat sein fotografisches Werk maßgeblich geprägt.

In den zwanzig Jahren, die er ohne festen Wohnsitz, ohne Besitz, nur mit einer Kamera ausgestattet unterwegs war, schuf er zahlreiche Bilder von Landschaften, Menschen und dem Alltagsleben in Ländern wie Italien, Spanien, Portugal und Irland mit ihren Traditionen und Riten aus der Vergangenheit. Diese wurden erstmals 1988 in jenem Buch unter dem Titel Exiles veröffentlicht.

Zur Ausstellung "Invasion – Exiles – Wall" von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Zur Ausstellung »Invasion – Exiles – Wall« von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Für seine jüngste Arbeit bereiste Josef Koudelka zwischen 2008 und 2012 Israel und die Palästinensergebiete und dokumentierte die von Israel im Westjordanland errichtete Mauer sowie israelische Siedlungen. Das Ergebnis war eine Serie mit dem Titel Wall. Den Bau dieser Mauer hatte Israel Anfang der 2000er-Jahre eigenmächtig beschlossen, mit der Begründung, sich damit vor Terroranschlägen zu schützen. Eine neun Meter hohe und heute mehr als 700 Kilometer lange Festung aus Stahl und Beton, Stacheldraht und Bewegungsmeldern – fast drei Mal so hoch und fünf Mal so lang wie die ehemalige Berliner Mauer. Koudelkas Panorama-Aufnahmen der monumentalen Sperranlage sind erneut ein persönliches Projekt des Fotografen, der hinter dem Eisernen Vorhang aufwuchs und immer wieder zum Thema der Freiheit zurückkehrt.

Koudelkas Schwarz-Weiß-Fotografien sind intim und zugleich einfühlsam. Sein Interesse gilt ethnischen und sozialen Gruppen, die von Vertreibung oder Aussterben bedroht sind und oft auch Koudelkas eigene nomadische Lebensweise spiegeln. Josef Koudelka zählt zu den wenigen herausragenden Fotografen, deren Bilder die Entwicklung der Fotografiegeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch ihren eindringlichen, bewegenden und authentischen Blick entscheidend beeinflusst haben. [Quelle: Ausstellungsflyer]. Die Ausstellung ist bereits zu Ende gegangen. Zurzeit ist bei C/O Berlin Danny Lyons „Message to the Future“ zu sehen. Ein Bericht folgt.

Ein halbvolles Glas?

Von Friedhelm Denkeler,

»Ein halbvolles Glas ist besser als ein halbleeres!«, Volksmund, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2005
»Ein halbvolles Glas ist besser als ein halbleeres!«, Volksmund, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2005
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