Der Sommer kann kommen

Von Friedhelm Denkeler,

Mein Sommerhit 2010 Yolanda Be Cool & DCUP – We No Speak Americano.

Der Sommer kann kommen, denn für mich ist der Sommerhit 2010 soeben erschienen. Der Ohrwurm dürfte in in den Discotheken und In-Bars die nächsten sieben Wochen rauf und runter gespielt werden, denn laut Siebenschläfer soll es nun sonnig und und sehr heiß werden.

Foto  © Friedhelm Denkeler 2008
Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Das australische DJ-Team Yolanda Be Cool hat mit We Speak No Americano einen Track produziert, der die Sonne noch wärmer strahlen lässt. Alle, die diesen Sommer in den Urlaub fahren, dürfte dieser Song über den Weg laufen, bzw. ins Ohr gehen. Und hier ist, wie ich finde, das tolle Video: Yolanda Be Cool & DCUP: »We No Speak Americano«.

Der Song hat eine lange Geschichte. Das Original kommt aus dem Land, in dem die Zitronen blühen, aus Neapel. Er wurde bereits 1956 von Renato Carosone geschrieben und mehrfach gecovert, unter anderem von Lou Bega mit “You Wanna Be Americano”. Und jetzt liegt der Song vom australischen Elektoduo „Yolanda Be Cool“ vor. Das angesagte DJ-Team aus Down Under hat sich mit dem Produzenten DCUP zusammengeschlossen und eine Mischung aus Funk und Eleletrobeat mit Samples aus dem Fünfziger-Jahre-Klassiker ‚Tu Vuo Fa ‚L‘ Americano (du willst amerikanisch sein) zusammengerührt. Das Original ist aber auch nicht zu verachten: Tu Vuo Fa ‚L‘ Americano.

Der Song wurde 1960 auch bekannt durch den Film »Es begann in Neapel«, in dem er von Sophia Loren höchstpersönlich gesungen wurde. Im Film »Der talentierte Mister Ripley« von Anthony Minghella aus dem Jahr 1999 mit Gwyneth Paltrow und Matt Damon spielte der Song ebenfalls eine Rolle.

Mein Sommerhit 2010 Yolanda Be Cool & DCUP – We No Speak Americano. Der Sommer kann kommen, denn für mich ist der Sommerhit 2010 soeben erschienen. Der Ohrwurm dürfte in in den Discotheken und In-Bars die nächsten sieben Wochen rauf und runter gespielt werden, denn laut Siebenschläfer soll es nun

Are You Ready Boots? Start Walkin’!

Von Friedhelm Denkeler,

Der Sommerhit aus dem Jahr 1966 – Nancy Sinatras »These Boots Are Made For Walkin’«.

"Badesteg am Wörther-See", Foto © Friedhelm Denkeler 1966
»Badesteg am Wörther-See«, Foto © Friedhelm Denkeler 1966

Wo bleibt der Sommerhit 2011? Nirgendwo kann ich ihn hören oder entdecken. Im letzten Jahr war es We No Speak Americano von Yolanda Be Cool & DCUP (siehe Der Sommer kann kommen). Gut, dann werde ich einmal 45 Jahre zurückblicken und schauen, was ich dort finde: „These Boots Are Made For Walkin'“ von Nancy Sinatra war im Sommer 1966 am Wörther-See einer meiner Lieblingssongs in den Bars und Diskotheken.

Nancy Sinatra (* 1940 in Jersey City, New Jersey) ist die Tochter des Sängers Frank Sinatra. Ihre musikalische Karriere begann 1961 unter den Fittichen ihres Vaters – mit mäßigem Erfolg. Dieser stellte sich erst mit der Single „These Boots Are Made For Walkin'“ ein. Er entwickelte sich zum Welthit und in den USA und in Deutschland stand er auf Platz 1 der Charts. Es ist ihr bekanntester Song geblieben. Nancy Sinatra: »These Boots Are Made For Walkin«.

1966 erschien unter der Regie von Lee Hazlewood ihr erstes Album Boots. Neben den Kompositionen von Hazlewood enthält das Werk auch Coverversionen, wie Day Tripper von den Beatles und It Ain’t Me Babe von Bob Dylan. 1967 sang Nancy im Duett mit ihrem Vater den Song Somethin’ Stupid. Für beide Sinatras war es ein großer Erfolg. Übrigens, 2001 haben Robbie Williams und Nicole Kidman Somethin’ Stupid neu interpretiert. Für den James-Bond-Film Man lebt nur zweimal mit Sean Connery sang Nancy Sinatra 1967 den Titelsong You Only Live Twice.

Nancy Sinatra spielte als Schauspielerin in verschiedenen Filmen mit. Ich kann mich aber nur an den Film Die wilden Engel von Roger Corman aus dem Jahr 1966 erinnern, insbesondere an die Eröffnungsszene des Films Wild Angels mit dem Song Blues Theme von Davie Allan and the Arrows. Nach der Wiederaufführung des Films im Jahr 2003 soll Nancy gesagt haben: »Mit diesem Film begann meine hoffnungsvolle Filmkarriere und endete zugleich.«

You keep saying you’ve got something for me.
something you call love, but confess.
You’ve been messin‘ where you shouldn’t have been a messin‘
and now someone else is gettin‘ all your best.

Und es gibt noch zwei weitere Songs von Nancy Sinatra: Ein Sommer-Song, den sie zusammen mit Lee Hazlewood sang und den ich erst 2007 durch einen Film wieder entdeckte und zum anderen den Titelsong eines Films von Quentin Tarantino von 2003. Dazu demnächst mehr.

Der Sommerhit aus dem Jahr 1966 – Nancy Sinatras »These Boots Are Made For Walkin’«. Wo bleibt der Sommerhit 2011? Nirgendwo kann ich ihn hören oder entdecken. Im letzten Jahr war es We No Speak Americano von Yolanda Be Cool & DCUP (siehe Der Sommer kann kommen). Gut, dann werde

Tagebuch einer Verlorenen

Von Friedhelm Denkeler,

Neues Portfolio »Episoden« von Friedhelm Denkeler

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema »Televisionen« stehen. Sie sind alle am Fernsehgerät entstanden. Die vorliegende Arbeit ist in elf Episoden unterteilt, die alle für sich, mehr oder weniger, eine kleine Geschichte erzählen. Diese Geschichten haben nur bedingt etwas mit der Story der zu Grunde liegenden Filme zu tun. Das gesamte Portfolio besteht aus 152 Photographien, unterteilt in elf Episoden. Heute berichte ich über die Episode 11 »Tagebuch einer Verlorenen« und zeige zwei von 24 Photographien aus dieser Episode. Das Vorwort zu den »Episoden« finden Sie hier in meinem Blog »JOURNAL. Außerdem wird das Portfolio »Episoden« auf meiner Website LICHTBILDER ausführlicher vorgestellt.

"Verbotene Filme", aus "Episoden", Foto © Friedhelm Denkeler 1984
»Verbotene Filme«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Verbotene Filme aus den 1920er Jahren

In den 1920er Jahren entstanden Stummfilme, die auch heute noch Bestand haben: Metropolis (Fritz Lang, 1927), Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (F.W. Murnau, 1922), Panzerkreuzer Potemkin (Sergei M. Eisenstein, Russland 1925), Das Cabinet des Dr. Caligari (Robert Wiene, 1920) oder Berlin: Die Sinfonie der Großstadt (Walter Ruttmann, 1927).

Aber es war auch die Zeit der staatlichen Filmzensur. Alle, meinen Photographien zugrunde liegenden Filme hatten Probleme damit. Die Maßnahmen gingen von Schnittauflagen bis zum vollständigen Aufführungsverbot. Die Vorgaben wurden mit dem Lichtspielgesetz vom 12. Mai 1920 geschaffen; es richtete sich insbesondere gegen Nacktdarstellungen und sexuelle Handlungen. Viel zu sehen gab es aber aus heutiger Sicht in den Filmen nicht.

Anita Berber war eine berühmte Tänzerin und Schauspielerin, die in Wien die Tänze des Grauens, des Lasters und der Ekstase (1923) aufführte. Sie trat als eine der ersten Nackttänzerinnen auf und liebte Männer und Frauen. Anita Berber machte sich selbst zur Marke. Heute würde man von ihr als It-Girl sprechen, allerdings als eines mit Talent und Intelligenz.

Der Film Tagebuch einer Verlorenen (G. W. Pabst, 1929) handelt von der jungen Thymian, die ein uneheliches Kind zur Welt bringt. Sie wird von ihrer Familie verstoßen und in ein Heim gesteckt. Dort kann sie den peinigenden Qualen der Heim-Oberen entkommen. Sie landet in einem großstädtischen Bordell. Eines Abends trifft sie plötzlich auf ihren Vater … Durch die rigorose Kürzung von 3132 auf 2001 Metern war der Film lange Zeit nur als verstümmelte Verleihkopie zu sehen.

Frauennot – Frauenglück (Eduard Tissé, 1929) hat als Thema Geburt und Abtreibung. Der erste Teil besteht aus einer Spielhandlung über das Elend von Frauen, die ungewollt schwanger werden und die im dokumentarischen zweiten Teil heimlich eine illegale Abtreibung vornehmen lassen. Das war damals noch völlig verpönt; so gab es immer wieder Einwände gegen einzelne Szenen und die Gerichte mussten sich mehrfach mit dem Film beschäftigen.

Der Film Aus eines Mannes Mädchenjahre (Karl Grune, 1919) folgt den Erinnerungen der anonymisierten Biografie von N. O. Body (Berlin, 1909). Der Film wurde aber, dem Geschmack der Zeit folgend, dramatisch überzeichnet. Ein ohne eindeutiges Geschlecht geborenes Kind wird vom Vater als Junge, später vom Onkel als Mädchen erzogen.

Im Filmdrama Geschlecht in Fesseln (Wilhelm Dieterle, 1928) wird Franz Sommers Ehefrau Helene auf der Straße von einem Unbekannten bedrängt, im Handgemenge mit ihrem Mann stürzt dieser unglücklich und stirbt. Franz muss ins Gefängnis. Er lässt sich mit einem Mithäftling ein, sie mit ihrem neuen Arbeitgeber. Als sich die Eheleute nach Jahren in ihrer Wohnung wiedersehen, glauben sie nur an einen gemeinsamen Ausweg aus ihrer Schuld…

Der UFA-Film Wege zu Kraft und Schönheit (Wilhelm Prager, 1925) feierte den vollkommenen Körper als Gegenstand kultischer Verehrung. Er nimmt dabei Bilder vorweg, die sich später in der rassistischen NS-Ästhetik wiederfinden. Um einem Verbot wegen zu gewagter Nacktheit zu entgehen, diente Prager die Kunst der Antike als ästhetisches Vorbild. Trotzdem gab es bereits im Jahr der Aufführung Eingriffe der Filmzensur.

Das Portfolio finden Sie als Indexprint mit einem ausführlichen Text auf meiner Website LICHTBILDER (direkter Link zu den »Episoden«). In der nächsten Zeit werde ich zu den einzelnen Episoden und den zu Grunde liegenden Filmen noch einen weiteren Artikel veröffentlichen.

"Verbotene Filme", aus "Episoden", Foto © Friedhelm Denkeler 1984
»Verbotene Filme«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Neues Portfolio »Episoden« von Friedhelm Denkeler Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema »Televisionen« stehen. Sie sind alle am Fernsehgerät entstanden. Die vorliegende Arbeit ist in elf Episoden unterteilt, die alle für sich, mehr oder weniger, eine kleine Geschichte erzählen.

Die »momenta« ist eröffnet

Von Friedhelm Denkeler,

Einführung in die Ausstellung momenta im Roxy-Palast Berlin unter dem Motto »Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen« anlässlich der Eröffnung am 11. April 2018

Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018 mit den fünf Künstlern Friedhelm Denkeler, Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder, Foto © Friedhelm Denkeler 2018
Ausstellung »momenta« im Roxy-Palast Berlin-Friedenau 2018 mit den fünf Künstlern Friedhelm Denkeler, Aleksander Gudalo, Thomas Boenisch, Dieter Franke und Horst Hinder, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Eröffnungsrede von Friedhelm Denkeler

Die Gruppe »momenta« versteht sich als loser Zusammenschluss von Künstlern aus Berlin und außerhalb, die gemeinsam temporäre Ausstellungen an außergewöhnlichen Orten veranstalten. Der Name der Gruppe weist auf die temporäre Nutzung von freien Räumlichkeiten in der Stadt hin. Auch in der Vergangenheit stellten die Künstler in wechselnder Zusammensetzung gemeinsam aus: so zum Beispiel 2013 im Bayer-Haus am Kurfürstendamm. Die Künstler nehmen die Herausforderung an, einen Raum ohne galerietypische Bedingungen zu bespielen. Die »momenta« ist eine Produzentengalerie, d.h. die Künstler schaffen nicht nur die ausgestellte Kunst, sondern realisieren gleichzeitig die gesamte Ausstellung. Durch die Zwischennutzung kann der Eigentümer einen Qualitäts- und Imageverlust der Immobilie vermeiden. Beide Parteien profitieren also von diesem Projekt.

Der Roxy-Palast wurde 1929 als Lichtspieltheater und Geschäftshaus fertiggestellt. Der von Martin Punitzer im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfene Bau wurde in Stahlskelettbauweise errichtet und im Zweiten Weltkrieg teilzerstört, 1951 wieder aufgebaut und steht seit 1988 unter Denkmalschutz, das bezieht sich insbesondere auf die Fassade, die durch die drei langgestreckten, durchgängigen Fensterbänder geprägt ist. Sie sollen symbolisch für Filmbänder stehen. Die fünf Streifen in unserem Schriftzug »momenta« weisen dagegen auf die fünf beteiligten Künstler hin. Ich möchte sie nun in der umgekehrten Reihenfolge wie sie in der Einladung und im Katalog stehen, vorstellen (sonst müßte ich mit meiner Person zuerst anfangen).

Zu Horst Hinders Fotografischen Collagen fällt mir als Erstes der Song von Peter Fox ein „Guten Morgen Berlin, du kannst so schön schrecklich sein“. Hinder nimmt die Stadt fotografisch auseinander und setzt sie Quadrat für Quadrat wieder zu neuen quadratischen Collagen zusammen. Bei der Interpretation der Bilder hilft uns der Bildtitel, zum Beispiel „7 x 7“, auch nicht viel weiter, außer dass man sich ausrechnen kann, aus wie vielen Quadraten ein einzelnes Bild besteht. Die Quadrate sind aber nicht nach dem Zufallsprinzip ausgeordnet, sondern fügen sind nach Strukturen, Themen und Farben zusammen. Ein Gesetz lässt sich daraus nicht erkennen, obwohl jeder zugeben muss, dass das Ergebnis exzellent ist. Der Philosoph Reinhard Knodt spricht hier von „ästhetischen Korrespondenzen“; das Spiel zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit sind im Auge des Betrachters vielfältig interpretierbar. Eine Schwebe, die uns in den Bann zieht; sehen Sie selbst.

Gegenstand der Malerei von Dieter Franke ist das Gegenstandslose auf Leinwand und Acrylglas. Es gibt keinen verborgenen Code und keine vorweggenommene Inhaltsdeutung. Der Betrachter kann voll in den leuchtstarken, intensiven Pigmenten, wie dem blutroten Alizarin-Karmesin, schwelgen und seiner Phantasie freien Lauf lassen. Dieter Franke bewegt sich zwischen Konzeption und Zufall, zwischen überlegter Aktion und gefühlsmäßiger Reaktion. Besonders interessant ist seine Spachteltechnik auf Acrylglas, genauer hinter Glas. Seine Bilder muss er seitenverkehrt malen. Die Malschichten werden in der Reihenfolge wie wir sie sehen, umgekehrt aufgebracht. Die Deckschicht erfolgt zum Schluss. Für Dieter Franke gehört Einbeziehung der Umgebung durch die spiegelnde Glasoberfläche mit zu seinem Konzept, das Bild überschreitet dadurch seine durch das Format gesetzten Grenzen.

Thomas Boenischs Stadtlandschaften bezeichnet er selbst als eigenwillig. Sie sind als malerisches Reisetagebuch zu den südeuropäischen Städten wie Venedig, Neapel, Lissabon oder Pamplona zu sehen. Seine Städte sieht er wie einen Stadtplan von oben; Ausgangspunkt der Gemälde sind stets maßstabsgetreue Kartographien. Wie beim Reisen üblich entdeckt er dabei Neues. Dass Venedig, wenn man auf eine Landkarte schaut, die Form eines Fisches hat, haben sicherlich schon einige entdeckt, aber auch in den anderen Städten hat Boenisch Formen, wie zum Beispiel Schmetterlinge, entdeckt und macht sie uns in seinen farbenprächtigen Bildern sichtbar.

Zu Aleksander Gudalos Werken fällt mir als erstes der Film Melancholia von Lars von Trier ein. Parallelen sehe ich auch zum Theaterstück über den Film Kinder des Olymps (aktuell im Berliner Ensemble). Wie in Gudalos Werken stehen die Menschen in beiden Stücken leblos im Halbdunkel herum und harren der Dinge die kommen. Bei Gudalo starren sie in einer virtuellen Welt auf Bildschirme; er spricht vom Immersiven Realismus. Das meint, anstelle der Wahrnehmung der eigenen Person in der realen Welt, das Eintauchen in eine virtuelle Welt (Immersion kommt aus der Computerspiele-Welt). So gesehen zeigen Gudalos Bilder zeitbezogen die immer währenden Fragen nach der Absurdität des menschlichen Lebens.

Und nun zu guter Letzt, ein paar Worte zu meiner eigenen Arbeit »Sommer in einer Hand». 1985 fuhr ich mit dem Fahrrad die Spuren meiner Kinderzeit und Jugendjahre auf dem Lande in Ost-Westfalen ab. Auch wenn ich seit Jahren in der Stadt lebe, spielte in dieser Serie die Natur, so wie ich sie auch heute noch in Erinnerung hat, die Hauptrolle. Meine eigene Hand in den Bildern deutet den persönlichen Bezug an, aber auch ein fremder Betrachter kann sich in den Bildern sicherlich wieder finden. Es geht nicht nur um das visuelle Erlebnis auf dem Lande und die Ursprünglichkeit, sondern auch um eine haptische Wahrnehmung der Natur. Die große Rolle der Hand, etwa durch Überstreichen der Oberfläche und Nachfahren der Konturen, bedeutet die sinnliche Erfahrung als Ergänzung zu der visuellen Wahrnehmung. Die Bilder habe ich erst 30 Jahre später entwickelt und ausgewertet. Sie sind in der »momenta« erstmalig öffentlich ausgestellt.

Zum Schluss ein Dankeschön an alle meine vier Kollegen und an weitere Unterstützer: an Horst Hinder für die Gestaltung von Einladungskarte und Plakat, an Dieter Franke für das Layout des Katalogs, an Gregor Elsner für die Ausstellungsgestaltung, an Thomas Boenisch für das Drucktechnische und an Aleksander Gudalo für die Betreuung der Website momenta-berlin.de. Ein Dank geht auch an die Unterstützer Fa. System 180 für die Zurverfügungstellung der Möbel, an Herrn Peters von der Fa. Barings und an Sabine Ohrtmann für die Betreuung während der vierwöchigen Vorbereitungszeit.

Wie geht es weiter? Vielleicht gibt es ja eine Momenta II? Vorschläge für ausgefallene Orte nehmen wir gern entgegen. Zum Schluss noch ein Zitat vom kürzlich verstorbenen Berliner Schriftsteller Michael Rutschky. Er sagte anlässlich der Herausgabe eines Fotobuches »Man sollte sich nicht allein auf Worte verlassen«. In diesem Sinne: Viel Freude beim Betrachten der Bilder und bilden Sie sich ein eigenes Urteil. Die Ausstellung ist eröffnet.

Rede von Friedhelm Denkeler, frei gehalten, während der Vernissage der »momenta« am 11.04.2018 im ehemaligen Roxy-Palast.

Einführung in die Ausstellung momenta im Roxy-Palast Berlin unter dem Motto »Fünf Künstler – ein Ort – vier Wochen« anlässlich der Eröffnung am 11. April 2018 Eröffnungsrede von Friedhelm Denkeler Die Gruppe »momenta« versteht sich als loser Zusammenschluss von Künstlern aus Berlin und außerhalb, die gemeinsam temporäre Ausstellungen an außergewöhnlichen

Sibylle Hoffmann und der wiedergefundene Mythos

Von Friedhelm Denkeler,

»μοιρα – Spuren von Mythos« in der Galerie »world in a room«

Mythologien werden nicht erfunden; sie werden gefunden. Sie können genauso wenig vorhersagen, wie Ihr Traum heute Nacht aussehen wird, wie man einen Mythos erfinden kann. Mythen kommen aus dem mystischen Bereich wesenhafter Erfahrung. [Joseph Camphell]

"Sibylle Hoffmann vor ihr Serie 'Spuren von Mythos'" in der Galerie "world in a room", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
Sibylle Hoffmann vor ihr Serie »Spuren von Mythos«“ in der Galerie »world in a room«, Berlin-Schöneberg, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Nach ihrer Arbeit Nachtschattengarten zeigt Sibylle Hoffmann nun ihr neuestes fotografisches Werk Spuren von Mythos in der Galerie world in a room in Schöneberg.

Mythen sind oft Geschichten des alltäglichen Lebens und die antiken Mythen sind Spiegelungen dieser Geschichten in der Welt der Götter, die in das Leben der Menschen eingreifen, oft unbemerkt, aber immer schicksalhaft.

Die Bilder von Sibylle Hoffmann erzählen wie zufällig den Bruchteil einer Geschichte und sind Traumbilder, die das Ungewisse und Schicksalhafte als Fiktion erahnen lassen.

Dabei geht es der Künstlerin nicht um »die Bebilderung einzelner Mythen, sondern um Ahnungen, die in den Bildern aufscheinen und dem Betrachter die Möglichkeit lassen, sein eigenes Wissen und seine eigenen Gedanken zum Thema Mythos zu entdecken« [Katalog].

Die 1947 in Berlin geborene Sibylle Hoffmann ist Dozentin für Photographie an der VHS Kreuzberg. Ihre fotografische Ausbildung hat sie an der Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg und an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg (bei Dieter Appelt, Michael Schmidt und Gerald Minkoff) erhalten.

Die Galerie world in a room befindet sich in der Brunhildstraße 7 in 10829 Berlin-Schöneberg (Mo + Fr 14-18 Uhr, Sa 14-17 Uhr) und die Ausstellung ist noch bis zum 30.05.2014 zu sehen. μοιρα heißt übrigens Schicksal.

»μοιρα – Spuren von Mythos« in der Galerie »world in a room« Mythologien werden nicht erfunden; sie werden gefunden. Sie können genauso wenig vorhersagen, wie Ihr Traum heute Nacht aussehen wird, wie man einen Mythos erfinden kann. Mythen kommen aus dem mystischen Bereich wesenhafter Erfahrung. [Joseph Camphell] Nach ihrer Arbeit

Im Neun-Jahres-Rhythmus vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang bis Mitternacht

Von Friedhelm Denkeler,

Richard Linklater: »Before Midnight« mit Julie Delpy und Ethan Hawke, USA/Griechenland

"Ethan Hawke und Julie Delpy auf dem Roten Teppich",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Ethan Hawke und Julie Delpy auf dem Roten Teppich«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Ihre Dialoge über die Liebe und das Leben, über Gott und die Welt begannen vor 17 Jahren: In Before Sunrise (1995) lernten sich der Amerikaner Jesse und die Französin Céline im Zug nach Wien kennen. Sie flirteten, philosophierten und argumentierten, während eines nächtlichen Spaziergangs durch die Stadt. Im Morgengrauen gab es am Bahnsteig das Versprechen eines Wiedersehens.

Doch erst neun Jahre später kreuzten sich ihre Wege in Before Sunset (2004) erneut. Die beiden verbrachten einen Tag in Paris zusammen, tauschten sich über ihre unglücklichen Beziehungen aus und entdeckten dabei ihre Gefühle füreinander aufs Neue.In Before Midnight erfährt man nun, dass Jesse und Céline damals zusammen geblieben sind. Mit ihren Töchtern verbringen sie den Urlaub in Griechenland. Und noch immer ist die Welt der Gefühle ihr favorisiertes Thema. Mittlerweile aber steht die eigene Beziehung auf dem Prüfstand, denn der Alltagstrott hat seine Spuren hinterlassen.

"Julie Delpy  und Ethan Hawke auf der Festival-Bühne",  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
»Julie Delpy und Ethan Hawke auf der Festival-Bühne«, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Wieder haben die Schauspieler das Drehbuch gemeinsam mit ihrem Regisseur entwickelt, wieder macht sich in den Dialogen das Leben breit, und wieder ist der Ausgang ungewiss: Kann eine romantische Nacht im Hotel die Liebe retten? [Quelle: Filmbeschreibung]

Wird es einen vierten Teil geben? Diese Frage musste natürlich auch in der morgendlichen Pressekonferenz kommen. Darüber will Richard Linklater frühestens in sechs Jahren nachdenken: »Wer kennt schon die Zukunft?«. Aber zunächst zum außer Konkurrenz laufenden dritten Film der Trilogie, der dieses Mal »Before Midnight« heißt.

Wie in beiden vorausgehenden Teilen geht es weniger um eine Handlung, sondern um Dialoge über Liebe, Sex, Beruf und Partnerschaft. Jesse (Hawke) und Celine (Delpy) kennen sich in der Trilogie seit nunmehr 18 Jahren, haben inzwischen Zwillingsmädchen, sind aber nicht verheiratet.

Eigentlich sollte es ein romantischer Abend in einem Hotel werden, die Kinder sind bei Freunden gut versorgt und die Nacht kann beginnen. Schlag auf Schlag hingegen folgen Rede und Gegenrede, aus harmlosen Andeutungen werden leidenschaftliche Grundsatzdiskussionen und der Abend droht mit einem ernsthaften Zerwürfnis zu enden. Eine Tür fällt ins Schloss.

Aber es ist Sommer in Griechenland; es gibt ein kleines Hafencafé und der nächste Tag hat noch nicht begonnen. Verlieben, Liebe, Leben. Davon handeln die drei Filme. Ob die Bilder im Hafencafé die letzten sein werden, wird sich zeigen. Schade, um ein Paar, das so schön streiten kann.

Richard Linklater: »Before Midnight« mit Julie Delpy und Ethan Hawke, USA/Griechenland Ihre Dialoge über die Liebe und das Leben, über Gott und die Welt begannen vor 17 Jahren: In Before Sunrise (1995) lernten sich der Amerikaner Jesse und die Französin Céline im Zug nach Wien kennen. Sie flirteten, philosophierten und

Der Kirschgarten als Sehnsuchtsort der Jugend …

Von Friedhelm Denkeler,

… oder als Metapher für unsere Zeit, in der ganze Staaten über ihre Verhältnisse leben?

Ohne den Kirschgarten würde ich mein eigenes Leben nicht mehr verstehen
[Die Ranjewskaja im Kirschgarten]

Der Sommer ist vorbei, die Kirschen sind abgeerntet, aber letzte Woche am Berliner-Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm blühte beides als Tragikomödie noch einmal auf dem Gut der Ranewskaja auf: »Der Kirschgarten« von Anton Tschechow mit Cornelia Froboess und Jürgen Holtz, in der Fassung von Thomas Brasch und unter der Regie von Thomas Langhoff. Der Kirschgarten wirft keine Ernte mehr ab, er steht nur noch für das Schöne, das am Ende abgeholzt wird.

»Im Kirschgarten«, Foto © Friedhelm Denkeler 2008
»Im Kirschgarten«, Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Das Stück spielt um 1900 auf einem russischen Landgut mit einem schönen alten Kirschgarten. Anja, die Tochter der Gutsbesitzerin Ranjewskaja, holt ihre Mutter aus Paris zurück, weil das Anwesen hoch verschuldet ist und versteigert werden muss. Rettung kommt vom Kaufmann Lopachin, dem ehemaligen Leibeigenen der Familie. Er will allerdings den Kirschgarten abholzen lassen und Datschen darauf bauen, die er an Sommergäste vermieten will. Die Ranjewskaja (Cornelia Froboess) glaubt an die Verschonung ihres voller Kindheitserinnerungen steckenden Kirschgartens und hofft, mit dem Kirschgarten nach ihren Pariser Jahren dort wieder eine Heimat zu finden.

Lion Feuchtwanger schrieb über das Stück: »Aber dieses handlungsarme Stück ist das Reichste und Reifste, Süßeste und Bitterste, Weiseste, was Tschechow je geschrieben. Diese Tragikomödie ist ganz einsam, es geht ein Lächeln durch sie, mild, sehnsüchtig und dennoch voll Hohn.« Von alledem ist leider in Thomas Langhoffs Inszenierung wenig zu spüren. Dazu trägt auch das karge Bühnenbild bei: Neon-Ringleuchten an der Decke und seitliche, von innen beleuchtete, bewegliche Bühnenbegrenzung und schäbige Sitzmöbel passen nicht zum Gutshaus. Der blühende Kirschgarten ist nur auf meinem Foto zu sehen.

Das Drama passt in unsere Zeit, in der ganze Staaten über ihre Verhältnisse leben und in den Bankrott rutschen. Nicht umsonst wird es zurzeit auf zahlreichen Bühnen gespielt. Das Geld ist weg, die Staaten sind hoch verschuldet, aber man will davon nichts wahrhaben. Für den Diener Firs ist die »neue Freiheit ein Unglück«; gut, das könnte ein Hinweis auf die Wiedervereinigung sein, aber eigentlich sind diese Aspekte für Langhoff nicht von Interesse. Als Zuschauer musste man sich diese Andeutungen selbst zusammendenken.

Liegt es an der Bearbeitung des Stückes durch Thomas Brasch, an Langhoffs Inszenierung oder an den Schauspielern, dass das Stück seltsam blutleer in Erinnerung bleibt und uns die Figuren nicht allzu nahe gingen? Warum man zum Beispiel Cornelia Froboess für die Hauptrolle verpflichtet hat, hat sich mir nicht erschlossen: Sie füllt die zentrale Figur der Gutsbesitzerin nur unvollkommen aus. Wer einmal die Inszenierung von Peter Stein an der Berliner Schaubühne gesehen hat, wird ohnehin alle weiteren Inszenierungen daran messen und sie alle werden es schwer haben.

Zwei Schauspieler kann man aber herausstellen: Jürgen Holtz, der den stummen Diener Firs verkörpert und Robert Gallinowski in seiner Rolle als Unternehmer Lopachin. Nach dem Aufbruch der ehemaligen Gutsbewohner bleibt der greise Diener Firs allein und vergessen im Haus zurück und Lopachin ist nicht nur der gefühllose Geschäftemacher, sondern traurig über die Tragik des Lebens, die den einen nach oben zieht, den anderen zu Boden wirft. Den gesamten Text des Drames finden Sie übrigens im »Projekt Gutenberg«.

… oder als Metapher für unsere Zeit, in der ganze Staaten über ihre Verhältnisse leben? Ohne den Kirschgarten würde ich mein eigenes Leben nicht mehr verstehen[Die Ranjewskaja im Kirschgarten] Der Sommer ist vorbei, die Kirschen sind abgeerntet, aber letzte Woche am Berliner-Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm blühte beides als Tragikomödie

Kompass – Zeichnungen aus dem MoMA New York

Von Friedhelm Denkeler,

Eine Bestandsaufnahme der »Arbeiten auf Papier« aus dem Museum of Modern Art im Martin-Gropius-Bau, Berlin

»Aktzeichnen«, aus dem Portfolio »Harmonie eines Augenblicks«, Foto © Friedhelm Denkeler 1982
»Aktzeichnen«, aus dem Portfolio und Künstlerbuch »Harmonie eines Augenblicks«, Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Ein wenig skeptisch bin ich zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagabend in den Martin-Gropius-Bau gegangen. Wollen die Kuratoren wie bereits im Sommer 2004 mit dem Etikett MoMA einen erneuten Hype entfachen? Die Online-Eintrittskarten sollen für die ersten Tage schon ausverkauft sein. All das alles ließ Schlimmstes für die Vernissage vermuten: lange Schlangen mit ewigen Wartezeiten wie bei Frieda Kahlo.

Aber alles war, wie es sein sollte: Eine rundum gelungene Eröffnung mit fünf kurzen, prägnanten Ansprachen, darunter der amerikanische Botschafter und Kuratoren aus New York, ein angenehm fachkundiges Publikum und – das ist schließlich das Wichtigste – eine sehr gute Ausstellung mit 250 Arbeiten auf Papier von 120 Künstlern aus dem Fundus der Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection, die mittlerweile dem Museum of Modern Art gehört. Die Nadel des Kompass zeigt zwar hauptsächlich gen Westen – New York, Los Angeles, Köln und Düsseldorf sind die Zentren aus denen die meisten Werke stammen – aber man erhält einen sehr guten Überblick über die Arbeiten auf dem Papier nach der Zeit des Kubismus, von 1950 bis heute.

Was wir zu sehen bekommen, hat die Märkische Allgemeine sehr gut zusammengefasst: »… mit Bleistift Gekritzeltes von Joseph Beuys, Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art Collagiertes von Martin Kippenberger, Foto- und Papiergeschnetzeltes von Sol LeWitt oder Eva Rothschild. Für seinen Honigstand benutzte Jörg Immendorff Filzstift und Kugelschreiber. Cy Twombly tropfte 2001 Polymerfarben auf ein ungetiteltes Blatt, Sigmar Polke 2003 ebenfalls, nur gegenständlicher. Cady Noland bevorzugte Kopien von Pressebildern. Robert Crumb pinselte The Complete Fritz the Cat mit Tusche. David Hockney fand Grafit für nackte Männer passender. Marcel Odenbach klebte grünstichige Starporträts von Elvis Presley, James Dean oder Marilyn Monroe mit Noten- und Zeitungsfetzen zu einem Birkenwald zusammen und nannte das Ergebnis Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen.»

Hat es jemals eine Ausstellung mit solcher Fülle an zeitgenössischen Zeichnungen gegeben? Ich kann mich nicht erinnern. Früher galt die Zeichnung eher als Vorstadium für Gemälde, Skulpturen oder Bauwerke. Inzwischen wird sie als eigenständige Bildgattung anerkannt und geschätzt. Dabei wird der Begriff Zeichnung zu einengend benutzt. Alle Formen der Collage-Technik, bedruckte Elemente, Fotografien und Materialien werden mit einbezogen. Die Grundlage allein ist der Bildträger Papier, deshalb sprechen wir lieber von Arbeiten auf Papier.

Fazit: Eine sehr sehenswerte Ausstellung. Voller Esprit und mit bisher nie gesehenen Arbeiten. Deshalb plane ich einen zweiten Besuch und werde dann gerne auf einzelne Werke, bzw. Künstler, die mir besonders gut gefallen haben, eingehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 29. Mai 2011 im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Eine Bestandsaufnahme der »Arbeiten auf Papier« aus dem Museum of Modern Art im Martin-Gropius-Bau, Berlin Ein wenig skeptisch bin ich zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagabend in den Martin-Gropius-Bau gegangen. Wollen die Kuratoren wie bereits im Sommer 2004 mit dem Etikett MoMA einen erneuten Hype entfachen? Die Online-Eintrittskarten sollen für die

Fruta Prohibida

Von Friedhelm Denkeler,

Fruta Prohibida oder: »Die Haut, die war das erste Kleid, das Evas Körper zierte.« Die Berliner Galerien Tammen, Camera Work und der Verein Berliner Künstler zeigen im August »Verbotene Früchte«

Werk von Manfred Michael Sackmann
Auf der Vernissage beim VBK am 11.08.2010 mit einem Werk von Manfred Michael Sackmann, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Momentan erlebt der fotografisch interessierte Mensch einen Sommer mit verbotenen Früchten. Allerorten stellen Galerien und Museen Kunst mit erotischem Themenbezug aus. In Berlin läuft seit längerem die Ausstellung Double Sexus (siehe Artikel vom 24.07.2010), in Wuppertal „150 Jahre Körperbilder in Fotografie und Malerei“ (siehe Artikel vom 18.08.2010) und in Hannover zeigt die Kestnergesellschaft „The Valley“ von Larry Sultan. Larry Sultan fotografierte die Drehorte der kalifornischen Pornofilmindustrie, die sich zur Filmproduktion in amerikanischen Privathäusern einmieteten.

Karl-Heinz Schmid schreibt in der Sommerausgabe der Kunstzeitung, dass sich dieser Trend alle zwei Jahre wiederholt und dass er sich auch beim Rundgang auf der Art Basel ausmachen lässt. Auch an Europas größtem Galerienstandort Berlin gibt es Nacktes zu sehen: Die fulminante Ausstellung Körpernah – Akte/Nudes in der Tammen-Galerie, die Sommerpausen-Ausstellung NUDES – Positionen der Aktphotographie bei Camera-Work und im Verein Berliner Künstler (VBK) die Vereinsschau AKTionale – Das nackte Sein. Alle drei Berliner Ausstellungen möchte ich nun in einem Zug vorstellen.

Tammen-Galerie: »Körpernah – Akte/Nudes«

Die Schau bei Tammen ist eine der besten zusammengestellten Aktausstellungen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Das ist sicherlich auch dem Gastkurator Dr. Enno Kaufhold zu verdanken, den sich der Galerist Werner Tammen hinzuholte. Während bei Camera Work Männer nur eine Nebenrolle spielen, ist das Verhältnis bei Tammen ausgewogener. Die Fotografie spielt eine große Rolle, aber es sind auch andere Kunstgattungen vertreten, die sich in der Ausstellung vorteilhaft ergänzen.

Die Liste der 25 ausgestellten Künstler mit Kunstwerken aus den letzten zwei Jahrzehnten ist lang, aber für jeden ist in den großzügigen Räumlichkeiten Platz für eine ausreichende Übersicht der jeweiligen Werkgruppe. Unter anderen sind dies: Tina Bara, Michel Comte, Amin El Dib, Elliot Erwitt, Rainer Fetting, Abe Frajndlich, Clemes Gröszer, Boris Mikhailov, Manfred Paul, Gundula Schulze Eldowy, Annegret Soltau und Bert Stern.

Für mich war der der Fotograf Abe Frajndlich eine Neuentdeckung. Allerdings weniger wegen seiner bekannten Porträts von Prominenten, sondern wegen seines Werkes Eros Interna. »Eine Private Odyssee nennt Abe Frajndlich seine Arbeit an Eros Interna, dessen Bilder in seiner dreißigjährigen Tätigkeit als Fotograf entstanden. Frauenkörper, Bäume, Erde, Wolken, Skulpturen, und Graffiti sind die Materie, aus der Abe Frajndlich seine Zauberformel Eros Interna komponiert hat« (aus dem Klappentext des Buch Eros Interna, Umschau/Braus Verlag, 1999). Das gleichnamige Buch ist leider nur noch antiquarisch erhältlich. In der Ausstellung selbst sind allerdings nur Frajndlich neueste Werke aus dem Jahr 2010 zu sehen. Sie sind mir zu direkt auf die Schaulust eingestellt. Vielleicht hätten sie im kleineren Format besser gewirkt.

In der Einleitung zur Ausstellung schreibt Dr. Enno Kaufhold: »Der Darstellung des Menschen, insbesondere des nackten Menschen, galt seit Beginn des bildnerischen Gestaltens eine besondere Aufmerksamkeit, aus vielerlei Gründen. Befreit von den Fesseln restriktiver Normen zeigt sich der Akt heute in vielfältigen Formen und das in allen Medien. Die Ausstellung Körpernah – Akte/Nudes möchte genau das exemplarisch zeigen. Gerade das Interferieren unterschiedlichster Ansätze, vom körperlichen Begehren bis zur platonischen Distanz, in Kombination mit den differenzierten Ausdrucksmitteln in den verschiedenen Medien geben ein spannungsreiches Bild von dem, wie Nacktheit heute gesehen und gelebt wird.«

Gestern Abend wurde, thematisch zur Ausstellung passend, eine weitere Kunstgattung dargeboten: Es gab Hörbares. Evelin Förster (Gesang) und Matthias Binner (Piano) brachten etwas lüsterne Chansons und Texte von Brecht bis Wedekind in den Tammen-Räumlichkeiten unter dem Titel »Erotisches zur Nacht oder Ein Fräulein beklagt sich bitter« zu Gehör. Die Zusammenstellung der Chansons passte bestens zum Thema der Ausstellung und ließe sich auch mit dem von Evelin Förster zitierten Satz »Die Haut, die war das erste Kleid, das Evas Körper zierte« betiteln. Es war ein rundum gelungener Abend!

Camera Work: »NUDES – Positionen der Aktphotographie«

Für ihre Sommerausstellung konnte Camera Work aus dem riesigen Fundus ihrer Fotosammlung eine spannende Überblicksausstellung durch die Geschichte Aktfotografie zusammenstellen. Rund 150 Bilder von über 40 Fotografen sind zu sehen. Ausgesuchte Fotos habe ich in drei Kategorien zusammengestellt:

Das Bekannte: Da viele der ausgestellten Fotos bereits zu Ikonen der Fotografie geworden sind, gab es in dieser Rubrik nicht viel Neues zu sehen: Der Klassiker Edward Weston, die erotischen und provozierenden Aufnahmen von Helmut Newton und Bettina Rheims, Man Ray und Andre Kértesz mit Mehrfachbelichtungen, Solarisationen und Collagen und die beinah abstrakten Detailaufnahmen von Ralph Gibson. Natürlich muss auch Thomas Ruff mit einem verwischten Pornobild für 90.000 EURO (sic!) dabei sein.

Das Neue: Von Larry Sultan sind zwölf Farbfotos aus seiner zwischen 1999 und 2003 entstandenen Arbeit The Valley zu sehen. Sie dokumentieren die Einsamkeit und Melancholie hinter den Kulissen der Pornoindustrie.

Das Schönste: Das Buch »Spiegel der Venus« von Wingate Paine befindet sich zwar in meiner Fotobuch-Sammlung, aber die fünf Vintage-Prints in der Größe 30×45 cm, unter anderem Metamorphose, habe ich zum ersten Mal im Original gesehen. Auch eine der schönsten Aktaufnahmen überhaupt, zwei Bilder aus meiner Lieblingsserie »Meret Oppenheim mit Louis Marcoussis« von Man Ray aus dem Jahr 1933, sind ausgestellt. Zum Schluss möchte ich noch eine sinnliche Aktaufnahme von Manuel Alvarez Bravo, Titel Fruta Prohibida, Mexiko 1976, erwähnen.

Verein Berliner Künstler VBK: »AKTionale – Das nackte Sein«

»Fünfzig Künstler aus Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, Iran, Korea, Schottland und Amerika zeigen Arbeiten zum Thema Nacktheit in all ihren Facetten, von Liebe, Hass, Schönheit, Wahnsinn, Trauer, Glück, Gier, Lust, Traum, Flucht, Hoffnung, Perversion, Mord und Tod« (aus dem Einladungstext) in der Galerie des VBK am Schöneberger Ufer.

Zu sehen ist eine riesengroße Bandbreite an Stilen. Bei den Gemälden sind so ziemlich alle Genres vertreten, die es gibt: Alte Meister, Expressionismus, Pop Art und abstrakte Malerei, dazu kommen Fotoarbeiten, Collagen, Skulpturen und Installationen. »Wer sich dafür interessiert, was Berliner Künstler aus dem Verein Berliner Künstler so machen, und wer Aktbilder mag, der kann sich hier einen Überblick verschaffen und sicher auch das eine oder andere finden, das ihm gefällt. Es sind wirklich gute Bilder und Objekte dabei, die man im Übrigen auch kaufen kann.« (Kulturradio).

Manfred Michael Sackmann stellt seine Lisa in ihrem ›ersten‹ Kleid aus. Es ist eines der besten Fotos in der Ausstellung. Das Foto vom Foto konnte ich gerade noch auf der Vernissage am 11. August machen, danach waren die drei Räumlichkeiten der Galerie total überfüllt und an ein Weiterbewegen war angesichts der tropischen Temperaturen nicht mehr zu denken.

Fruta Prohibida oder: »Die Haut, die war das erste Kleid, das Evas Körper zierte.« Die Berliner Galerien Tammen, Camera Work und der Verein Berliner Künstler zeigen im August »Verbotene Früchte« Momentan erlebt der fotografisch interessierte Mensch einen Sommer mit verbotenen Früchten. Allerorten stellen Galerien und Museen Kunst mit erotischem Themenbezug