Elvis the Pelvis

1954 – Elvis Presley: »That’s All Right (Mama)«. Die Zeit rast, aber auf dem Hängeboden harrt sie aus – der SIEMENS Plattenwechsler PW3.

Das Stück »That’s All Right« ist ein von Arthur Crudup geschriebenes Lied und wurde 1946 als Single veröffentlicht. Der Erfolg kam aber erst durch die von Elvis Presley (*1935, †1977) interpretierte Version im Jahr 1954. Elvis stand 1954 am Anfang seiner Karriere. Wegen seiner Erfolge und Ausstrahlung wurde er auch als »King« tituliert. Angeblich hat er mehr als eine Milliarde Tonträger verkauft und ist damit der erfolgreichste Solo-Künstler weltweit. Für Aufsehen sorgte er durch seine körperbetonten Bühnenauftritte – »Elvis the Pelvis«. Zu der damaligen Zeit fanden Erwachsene diese Art der Darstellung provozierend, wenn nicht noch schlimmer.

1954 – Elvis Presley: »That's All Right (Mama)«, Fotos/Collage © Friedhelm Denkeler
1954 – Elvis Presley: »That’s All Right (Mama)«, Fotos/Collage © Friedhelm Denkeler

Wir Menschen vergessen viel, aber das Vergessene wartet geduldig auf seine Wiederentdeckung und es ist ein schöner Zufall, wenn man es dann findet. Und das war hier der Fall: Ich entdeckte den SIEMENS Plattenwechsler PW3, den mein Vater Mitte der 1950er Jahre erworben hat. Für den Einbauspieler hatte er extra einen Schrank mit Lade gebaut. Die Grundplatte mit dem Plattenwechsler habe ich vierzig Jahre später von Westfalen nach Berlin gerettet und eingelagert, einschließlich der Schellackplatten. Ein Hängeboden kann eine Zeitkapsel sein: Die Zeit rast, aber verstaubt harrte sie hier aus und gleichzeitig erinnert sie auch an die Proust’sche Madeleine.

Es vergingen noch einmal dreißig Jahre, bis ich die Schönheit der technischen Anlage erkannte. Den Plattenspieler habe ich komplett gesäubert und restauriert. Natürlich hat der Zahn der Zeit am Gerät genagt, insbesondere der aus Spritzguss bestehende und lackierte Tonarm ist leicht korrodiert, dafür sehen die verchromten Teile, der Plattenteller und die beiden Türme mit dem Abwurfmechanismus, nach dem Polieren wie neu aus. Das Gerät war auf der ehemaligen Grundplatte des Plattenschrankes aufgebaut, auf deren Unterseite die Schaltmechanik und der Antriebsmotor untergebracht waren.

»SIEMENS Plattenwechsler PW3«, 1955, Foto © Friedhelm Denkeler 2020
»SIEMENS Plattenwechsler PW3«, 1955, Foto © Friedhelm Denkeler 2020

Der SIEMENS Plattenwechsler PW3 spielte automatisch in beliebiger Reihenfolge acht bis zwölf Normalschallplatten mit 78 UPM und Langspielplatten mit 33 und 45 UPM in beliebiger Reihenfolge von 25 oder 30 cm Durchmesser ab. Nach der automatischen Plattengrößenabtastung, fuhr auf jeder der beiden Säulen ein ›Messer‹ zwischen der abzuwerfenden Platte und dem restlichen Stapel heraus und ließ die entsprechende Platte auf den Plattenteller fallen.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Meine Großeltern zogen Mitte der 1950er Jahre vom Kronspon in Varl Nr. 6 nach Twiehausen Nr. 37. Während eines Festes in Twiehausen bugsierte mein Vater seine Truhe mit dem Plattenspieler auf dem Fahrrad (sic!) von Varlheide nach Twiehausen. Das hatte wohl zwei Gründe, zum einen fehlte die Musik zum Tanz, zum anderen gab es auf dem Fest eine Anneliese und Ewald wollte unbedingt den Song von Hans Arno Simon »Anneliese« spielen. Die alte Original-Schelllack-Schallplatte von Electrola, gedacht für einen Plattenspieler mit 78 Umdrehungen pro Minute, befindet sich glücklicherweise auch in meinem Archiv.

»SIEMENS Plattenwechsler PW3«, 1955, Foto ©»SIEMENS Plattenwechsler PW3«, 1955, Foto © Friedhelm Denkeler 2020
»SIEMENS Plattenwechsler PW3«, 1955, Foto © Friedhelm Denkeler 2020

Songtext: Elvis Presley: »That’s All Right (Mama)«

Well, that’s all right now mama
That’s all right with you
That’s all right now mama, just anyway you do
That’s all right, that’s all right
That’s all right now mama, anyway you do

Well mama, she done told me, papa done told me too
„Son, that gal you’re foolin‘ with
She ain’t no good for you“
But that’s all right now, that’s all right
That’s all right now mama, anyway you do

I’m leaving town, baby
I’m leaving town for sure
Well, then you won’t be bothered with me hanging ‚round your door
Well, that’s all right, that’s all right
That’s all right now mama, anyway you do

Ah dala dee dee deelee
Dee dee deelee
Dee dee deelee, I need your lovin‘
That’s all right,
That’s all right now mama, anyway you do

Anmerkung zur Kategorie »Siebzig Jahre – Siebzig Songs»

Hier finden Sie Beiträge zu Songs und ihren Interpreten aus 70 Jahren Rock- und Pop-Geschichte 1946 bis 2016. Alle im Text erwähnten Songs sind als Video oder Audio auf den bekannten Musik-Portalen wie YouTube, Vimeo, etc. zu finden. Jeder Artikel ist ein Auszug aus meinem geplanten Künstlerbuch »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«.

Die letzten Beiträge zu »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«

Als Elvis noch mit Puppen spielte …

… und ich bereits auf einer Fahrradtour im Harz war

"In der Jugendherberge Braunlage", Foto © Friedhelm Denkeler 1962
„In der Jugendherberge Braunlage“, Foto © Friedhelm Denkeler 1962

Vor 50 Jahren kam Elvis Presley mit dem Song „Muss i denn zum Städtele hinaus (Wooden Heart)“ in die deutschen Hitparaden. Elvis war während seiner Armeezeit in Deutschland auf das Lied „Muss i denn …“ aufmerksam geworden.

Nach seiner Stationierung drehte er 1960 den Film „G.I.-Blues“, in dem er „Wooden Heart“ in der Kulisse eines Kasperle-theaters sang:

Elvis Presley: „Muss i denn zum Städtele hinaus (Wooden Heart“.

Im darauffolgenden Jahr kam der Song als Single in Deutschland und England heraus und belegte vordere Plätze in den Hitparaden beider Länder.

Im August 1962 unternahm ich mit einem Freund eine Fahrradtour durch den Harz. Die Stationen unserer Tour waren: Rahden, Minden, Hameln, Hildesheim, Goslar, Harzburg, Torfhaus, Altenau, St. Andreasberg, Braunlage, Bad Gandersheim und Rahden. Wir übernachteten in den jeweiligen Jugendherbergen und in Braunlage hörte ich zum ersten Mal bewusst „Muss i denn …“ von Elvis aus dem Kofferradio. Es wurde mein persönlicher Sommerhit 1962. Vielleicht lag es auch daran, dass er einige Zeilen des deutschen Originaltextes enthielt, und er somit verständlich für mich wurde.