In Dreams I Walk With You. In Dreams I Talk To You

Von Friedhelm Denkeler,

1963 (1) – Roy Orbison: »In Dreams«. Das bewegte Leben von Roy Orbison spiegelt sich in seinen Songs wieder.

Gleich drei Mal in einer Woche hörte ich im März 2015 Songs von Roy Orbison in Darbietungen der darstellenden Künste. Einmal war Roy Orbisons Stimme im Kultfilm »Blue Velvet« von David Lynch mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper aus dem Jahr 1986 zu hören. Ben (Dean Stockwell) performed hier den Song »In Dreams« im Playback, solange bis Frank Booth (Dennis Hopper) es vor Schmerz ob des melancholischen Liedes nicht mehr aushält und den Stecker des Kassetten-Recorders zieht.

Die unheimliche Lippensynchronisation von Ben lässt darauf schließen, dass nicht nur bei Frank Booth, sondern auch im Inneren des Zuhälters etwas im Verborgenen liegt. Nach dieser Performance klingt der Song nicht mehr wie vorher. Und im Hintergrund tritt Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in ihrem Morgenrock aus blauem Samt in das Zimmer …

1963 – Roy Orbison: »In Dreams«, 1963, Foto/Collage © Friedhelm Denkeler
1963 – Roy Orbison: »In Dreams«, 1963, Foto/Collage © Friedhelm Denkeler

Ein zweites Mal hörten wir »In Dreams« im Theater O-TonArt in der Kulmer Straße in Berlin. Hier trat der in Frankfurt geborene Sänger Bastian Korff zusammen mit dem Berliner Pianisten Florian Ludewig unter dem Titel »Rock ’n‘ Roll & Remmidemmi« auf. Neben den dargebrachten eigenen Kompositionen coverten die beiden Künstler verschiedenste Rock-Balladen von Roy Orbison (»In Dreams«), über Dion and The Belmonts (»A Teenager in Love«), Elvis Presley, David Bowie bis zu Bonnie Tyler (»Turn Around – Bright Eyes«).

Korff als Sprecher, Schauspieler, Sänger und Texter und Ludewig als Pianist und Komponist sind wahre Multitalente für sich, aber auf der Bühne waren sie als Team unschlagbar: spontan, witzig und so herrlich unperfekt wie man nur sein kann, wenn man die Perfektion beherrscht, bescherten sie dem begeisterten Publikum ein Feuerwerk an Ideen und Gefühlen. Einer der schönsten Theaterabende der letzten Zeit.

Im Berliner Ensemble gab es in der von Leander Haußmann inszenierten Soldatenstudie Woyzeck nach Georg Büchner eine Szene, die Roy Orbisons »Blue Bayou« enthielt. Und zwar in einer Szene, in der Militär und Jahrmarkt zusammenfließen. Die Soldaten lassen sich von der Marktschreierin wie dressierte Pferde im Kreis herumführen. Unter den Klängen von »Blue Bayou« besteigen sie bunte Ballontiere zu einer Karussellfahrt in perfekt inszenierter Slow Motion. So schön haben wir das im Theater noch nie gesehen.

Die ›schwarze‹ Bühne ist vollkommen leer, das Bühnenbild stellen allein die dreißig Soldaten dar, die im stampfenden Rhythmus über die Bretter ziehen. Laufend werden exzessiv Songs eingespielt, wie Nancy Sinatras »These Boots Are Made For Walking« oder Melanies »Nickel Song«, denn bei Leander Haußmann gehört die Musik dazu. Wir erlebten einen großen Theatermoment.

Roy Orbison merkte zu »In Dreams« an: »Ich wachte morgens auf und der Traum war immer noch da und nach 20 Minuten hatte ich den Song fertig«. Der Song weist keine der üblichen Strophen mit einem Refrain auf, sondern ist eher als Mini-Epos in drei Minuten anzusehen. Seine unvergleichlich melancholische Stimme kommt hier besonders gut zur Geltung. Seine Songs handeln von der Seele und ihrem Schmerz und so entstehen oft komplette Dramen der Leidenschaften in Kurzform.

Roy Kelton Orbison (*1936, †1988) hatte ein bewegtes und nicht immer einfaches Leben hinter sich. Seinen ersten Hit hatte Roy 1956, passend zur damaligen Rock ’n‘ Roll-Zeit, mit »Ooby Dooby«. Den Durchbruch erreichte er 1960 mit »Only The Lonely«. Warum trug Roy immer eine Sonnenbrille? Angeblich hatte der stark kurzsichtige Roy bei einem Konzert 1963 seine Brille vergessen und musste notgedrungen mit einer Sonnenbrille auftreten; von da an wurde sie zu seinem ›Markenzeichen‹.

Seinen größten Hit hatte er 1965 mit »Pretty Woman«. Eine schwierige Phase folgte in seinem Leben. Er wurde von privaten Schicksalsschlägen betroffen: Seine erste Frau starb bei einem Motorrad-Unfall und zwei seiner drei Söhne kamen bei dem Brand seines Landhauses ums Leben. Nach Pretty Woman blieben die großen Erfolge aus; eine Ausnahme bildet das nach seinem Tod erschienene »I Drove All Night«. 1987 wurde er in die »Rock and Roll Hall of Fame« augenommen und 2010, also zwanzig Jahre nach seinem Tod, erhielt Orbison einen Stern auf dem »Hollywood Walk of Fame«.

Aus den über 50 Songs, die sich in meinem Rockarchiv befinden, habe ich meine Top-Ten von Roy Orbison zusammengestellt: I Drove All Night (1992), California Blue (1989), It’s Over (1964), In Dreams (1963), Crawling Back (1966), Blue Bayou (1963, Only The Lonely (1960), You Got It (1989), Running Scared (1962) und (Oh) Pretty Woman (1965). »I Drove All Night« steht, seit ich den Song kenne, unangefochten an der Spitze, aber auf eine einsame Insel würde ich alle zehn mitnehmen.

»Roys Songs handelten weniger von Träumen, seine Songs waren Träume« [Tom Waits]

»Ich hasse es zuzugeben, aber Sie können eine Rolle nur spielen, wenn sie irgendwo in Ihrer Psyche steckt. Die Leute realisieren nicht, wie groß das Unterbewusstsein ist. Es ist wie die Unendlichkeit« [Dean Stockwell]

Anmerkung zur Kategorie »Siebzig Jahre – Siebzig Songs»

Hier finden Sie Beiträge zu Songs und ihren Interpreten aus 70 Jahren Rock- und Pop-Geschichte 1946 bis 2016. Alle im Text erwähnten Songs sind als Video oder Audio auf den bekannten Musik-Portalen wie YouTube, Vimeo, etc. zu finden. Jeder Artikel ist ein Auszug aus meinem geplanten Künstlerbuch »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«.

In der folgenden Listenansicht sind alle bisher erschienenen Beiträge mit ihrem jeweiligen Titel zu finden. Neben dem Beitragstitel ist ein ein kleiner Textauszug mit dem Interpreten und dem Titel des jeweiligen Songs aufgeführt.

Auf meiner Seite »Übersicht« finden Sie zu allen Songs die Links zu den Videos.

Die bisherigen Beiträge seit 1946 zu »70 Jahre – 70 Songs«