Ich hab geträumt ich wär ein Hund der träumt!

Von Friedhelm Denkeler,

Bildgeschichten von Hans Hillmann und Jirí Šalamoun in der Kunstbibliothek am Berliner Kulturforum

"Beute", Foto © Friedhelm Denkeler 1998
»Beute«, Foto © Friedhelm Denkeler 1998

Die Kunstbibliothek stellt noch bis zum 5. Februar 2012 die beiden Grafiker Hans Hillmann (Jg. 1925) und Jirí Šalamoun (Jg. 1935) vor. Beide arbeiten zwischen freier und angewandter Kunst, zwischen Comic und Karikatur, zwischen Zeichnung und Bild und zwischen Schriftform und Bildform. Die eher fotografisch anmutenden Arbeiten Hillmanns fand ich allerdings interessanter.

Hillmann wurde bekannt mit seinen Filmplakaten und Buchhüllen. Für die Zeitschrift twen illustrierte er Erzählungen. Beide Künstler erzählen ihre Geschichten in Autorenbüchern. Unter dem Titel Ich hab geträumt ich wär ein Hund der träumt ist 1970 das erste von Hillmann erschienen. Der Titel ist Programm und deutet auf das Thema der doppelten Verwandlung hin.

Hilllmanns Arbeiten mündeten in sein zeichnerisches Hauptwerk, der Illustration von Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte Das Fliegenpapier. Seine sepiafarbenen Aquarelle kann man auch als Bewunderung für das Schwarz-Weiß-Kino der 1950er Jahre ansehen. Er hat nicht einfach die Filmbilder dargestellt, sondern eigene Szenen entwickelt, die einen neuen Film ergeben. Man denkt an Edward Hopper, der eine eigene malerische Wirklichkeit schuf und sich dabei vom Film und von der Fotografie anregen ließ. www.smb.museum , Hans Hillmann in der Google-Bildersuche

Ich bin Marina und ihr seid die Diamonds!

Von Friedhelm Denkeler,

Marina And The Diamonds: Drinking Champagne Made By The Angel

Drinking champagne made by the angel / Who goes by the name of Glitter and Gabriel / Drinking champagne made all the angels / Tears and pain but I feel celestial

"Engel mit türkisblauen Haaren" (aus der Serie "Pentimenti") Foto © Friedhelm Denkeler 2010
»Engel mit türkisblauen Haaren« (aus der Serie »Pentimenti«) Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Bewusst habe ich sie letzte Woche in der Show von Michael Michalsky während der Fashion Week das erste Mal gehört – Marina And The Diamonds. Nein, nein, ich werde (leider?) nicht unter die Mode-Blogger gehen, sondern sah Michalskys Show auf ARTE.

Unter dem Motto Lust schickte er seine Models im Tempodrom über den Laufsteg, unterbrochen von Tanzeinlagen der Damen des Friedrichstadt-Palastes und den Musik-Acts von Frida Gold (»Zeig mir wie du tanzt«) und eben Marina And The Diamonds, die mit Stimme und starker Bühnenpräsenz überzeugte. Michalsky scheint ein Händchen für kommende Stars zu haben, bereits vor Jahren ließ er Lady Gaga und Hurts in seinen Shows auftreten als sie hierzulande noch unbekannt waren.

Das 26-jährige Brit-Girl Marina Diamandis, wie sie bürgerlich heißt, bot die beiden Songs I Am Not A Robot und Hollywood aus ihrem Debütalbum The Family Jewels (2010) dar: Marina And The Diamonds: »I Am Not A Robot«.

Aus ihren Songs lässt sich eine gelungene Mischung aus Kate Bush, Madonna, Lady Gaga, Kim Wilde und Patti Smith heraushören. Die Marina im Song Hollywood mag zwar aus Polen stammen, aber im richtigen Leben ist Marina Diamandis eine griechisch-stämmige Waliserin. Ihre selbstgeschriebenen Texte erscheinen halbwegs anspruchsvoll zu sein. Im folgenden Video über die Verführbarkeit des Amerikanischen Traums habe ich daher eine Version mit deutschen Untertiteln herausgesucht: Marina And The Diamonds: »Hollywood«

Hollywood infected your brain / You wanted kissing in the rain / Living in a movie scene / Puking American dreams

Und Shampain erinnert natürlich an Abba: Marina And The Diamonds: Shampain.

Diese drei Titel sind in den letzten Tagen meine Lieblingssongs geworden. Mal sehen, ob die Begeisterung anhält und es bleibt das im Frühjahr erscheinende nächste Album abzuwarten.

Voodoo, Wah-Wah und Fuzz im Berliner Sportpalast

Von Friedhelm Denkeler,

Jimi Hendrix – Der beste Gitarrist aller Zeiten mit Voodoo Child

Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand. / Well, I stand up next to a mountain, / Chop it down with the edge of my hand. / I’m a voodoo child, baby.

"Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast", Foto © Friedhelm Denkeler 1969
»Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast«, Foto © Friedhelm Denkeler 1969

Am 23. Januar 1969, vor 43 Jahren, sah ich im Sportpalast mein erstes Berliner Konzert, nachdem ich im Herbst 1968 in Berlin ankam – The Jimi Hendrix Experience. Gleich nach der Vorgruppe startete James Marshall ›Jimi‹ Hendrix mit Hey Joe, und der Saal brodelte.

Weiter ging es mit Purple Haze, Foxy Lady, The Wind Cries Mary, All Along the Watchtower und Sunshine Of Your Love, und süßliche Rauchschwaden zogen durch die Halle. Herausgesucht habe ich den folgenden Song wegen seiner beispielhaften Wah-Wah- und Fuzz-Effekte:The Jimi Hendrix Experience: »Voodoo Child (Slight Return)«

»Hendrix baute ein einleitendes Gitarrenriff ein, das einfach alles in sich vereinte, was ihn zum unbestrittenen Champion des Gitarren-Schwergewichts machte – schiere Wah-Wah-Pedal-Herrlichkeit, die sich in seinem umwerfend genialen E-Gitarrenspiel entlud. Well I stand up next to a mountain, begann er, und ließ keinen Zweifel daran, dass er ebenso gigantisch war wie dieser Berg, wie die Natur selbst, bereit, mit seiner Axt alles niederzumähen.« [Matthew Oshinsky]

"Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast – Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast – Plakat«, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Damals lösten die total übersteuerten E-Gitarren von Hendrix (und später von anderen Bands) Verstörungen bei vielen Zeitgenossen aus. Diese Verfremdungseffekte wurden mit einem elektrischen Wah-Wah-Pedal mit dem Fuß erzeugt; beide Hände konnten somit an der Gitarre verbleiben (typisches Beispiel: Jimi Hendrix: Voodoo Child).

Eine weitere Verfremdung des Gitarrensignals wurde mit dem Fuzz-Effect (typisches Beispiel: Iron Butterfly: In A Gadda Da Vida) erreicht. Das Rolling Stone Magazin kürte Hendrix zum besten Gitarristen aller Zeiten.

Ein halbes Jahr später, im August 1969, wagte sich Hendrix im Festival von Woodstock an die amerikanische Nationalhymne. Das Star Spangled Banner verfremdete er durch die Einsatz des Wah-Wah-Effektes und der Untermalung von Maschinen-Gewehr-Salven.

Die Botschaft war zur Zeit des Vietnam-Krieges deutlich. Das zeigte sich später auch an Machine Gun aus seinem Album Band of Gypsys.

Ein Jahr später, am 4. September 1970 gab Jimi Hendrix noch einmal ein Konzert in der Deutschlandhalle. Von Berlin fuhr er direkt nach Fehmarn zu seinem letzten Auftritt. Am 18. September 1970 starb er mit 27 Jahren in London in seinem Hotel. Die Ära des Superstars währte nur gut drei Jahre. In dieser Zeit entstanden die legendären Alben Are You Experienced (1967), Axis: Bold AS Love (1967), Electric Ladyland (Doppel-LP, 1968) und Band of Gypsys (1970).

Wie die Berliner so sind …

Von Friedhelm Denkeler,

Die 1920er-Jahre – Fotos von Friedrich Seidenstücker und
Chansons von Evelin Förster in der Berlinischen Galerie

"Kirschenverteilung", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»Kirschenverteilung«, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Friedrich Seidenstücker-Ausstellung wollte ich gerne ein zweites Mal sehen – so bot sich der letzte Freitag an. An diesem Abend ›spazierte‹ die Sängerin Evelin Förster mit ihren Chansons der 1920er- und 1930er-Jahre unter dem Titel Zwischen Ku’damm und Krögel oder wie die Berliner so sind durch die Ausstellung Von Nilpferden und anderen Menschen 1925 – 1958.

Entsprechend den fünf Kapiteln der Ausstellung Straßenfotografie, Akt, Landschaft, Berlin nach 1945 und Zoofotografie präsentierte Evelin Förster Texte und Chansons passend zu den typischen Seidenstücker-Fotografien im Foyer der Berlinischen Galerie. Die naturgemäß kleinen Original-Fotos wurden dabei stets passend als Dias dem Auditorium vorgestellt.

Der Spaziergang begann mit dem Foto Feuerwehreinsatz am Potsdamer Platz und einem Text aus der Berliner Illustrierten Zeitung von 1926 mit dem Titel Auflauf und dem Lied Tempo, Tempo und endete mit Aphorismen, Texten von Erich Mühsam und Frank Wedeking und dem Song Benjamin, ich hab nichts anzuziehen, währenddessen der Akt aus dem Jahr 1941 von Seidenstücker zu sehen war.

Seidenstückers Aufnahmen entsprechen, anders als die Fotos seiner Zeitgenossen Umbo oder László Moholy-Nagy, eher dem Geist der Amateurfotografie als der damaligen Neuen Sachlichkeit. Er feilt weniger an seinen Kompositionen, sondern besitzt das Gespür für den richtigen Moment. In seiner produktivsten Zeit, zwischen 1920 und 1930, entstanden auch die berühmten „Pfützenspringerinnen“. Den Sinn für Witz und leicht Anzügliches teilt er mit dem anderen großen Berlinfotografen Heinrich Zille.

Friedrich Seitenstücker war ein fotografierender Spaziergänger. Von Frühling bis Herbst war er auf den Straßen Berlins unterwegs. Er reagierte spontan auf das, was ihm begegnete und gefiel: schöne Frauen, spielende Kinder, Straßenhändler und Arbeiter, Paare am Wannseestrand. Daneben gibt es aber auch Bilder von Arbeitslosenspeisungen und Bettlern, Streikposten vor der AEG und politischen Kundgebungen. Ihm ging es also durchaus um eine komplexe Stadtbeschreibung. [aus dem Ausstellungstext]

Übrigens: Der Krögel stand bis 1935 als Sinnbild für die mittelalterlich enge Stadtbebauung, für die vielfach menschenunwürdigen und unhygienischen Wohnverhältnisse in Berlins Mitte.

Wie Walter Ulbricht beim Frühstück die Mauer aus Würfelzucker plante

Von Friedhelm Denkeler,

Michael Bully Herbig und Jürgen Vogel in Leander Haußmanns Tragik-Komödie »Hotel Lux«

"Roter Stern in Radevormwald", Foto © Friedhelm Denkeler 1984
»Roter Stern in Radevormwald«, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Diese Szene des Films wird immer in Erinnerung bleiben – Walter Ulbricht sitzt mit Lotte Kühn beim Frühstück im Hotel Lux in Moskau und stapelt Würfelzucker zu einer Mauer, darauf Lotte »Was machst du denn da?«, »Nichts! Nur so!«.

Der Komiker und Parodist Hans Zeisig (Michael Bully Herbig) tritt 1938 im Nazi-Berlin in einer satirischen Tanzrevue gemeinsam mit Siggi Meyer (Jürgen Vogel) als Stalin und Hitler auf und macht genau einen Hitler-Gag zuviel.

Er muss mit gefälschten Papieren fliehen. Sein eigentliches Ziel ist Hollywood, da er jedoch einen russischen Pass erhielt, landet er in Moskau im Hotel Lux. Hier erging es ihm, wie heute den meisten Deutschen, er wusste nichts über das Hotel, das ein Hotel voller Kommunisten, ein Gästehaus der Kommunistischen Internationalen war.

Kommunisten, die vor den Faschisten geflohen waren, versuchten hier zu überleben, kamen aber vom Regen in die Traufe. Sie wurden bespitzelt, verhört, nach Sibirien verschleppt oder erschossen.

Im diesem Hotel trafen sich alle. Politiker, Schriftsteller, Künstler und auch im Film tummeln sich Exilanten wie Walter Ulbricht, Georgi Dimitroff, Johannes R. Becher, Herbert Wehner oder Wilhelm Pieck.

Der russische Geheimdienst unter dem NKWD-Chef Jeschow verwechselt Zeisig mit Hitlers Leibastrologen Hansen. Kurz und gut, Zeisig und der aus dem Untergrund wieder aufgetauchte Meyer, fliehen, nun als Stalin und Hitler verkleidet, gemeinsam mit der Frau, die zwischen beiden steht, Frida van Oorten (Thekla Reuten).

Ein sehenswerter Kinospaß, der zur absurden Geschichtsstunde wird. Gekonnt werden die Rollen gewechselt, die Regieeinfälle purzeln nur so, das Zeitkolorit ist authentisch und den Zuschauern hat es gefallen. Spätestens jetzt ist ihnen das Hotel Lux ein Begriff. www.hotel-lux-film.de

Von der Blauen Stunde mit den Mohnblüten, über das Tango tanzen in der Neonzone bis zu den Eintrittskarten in die Nacht

Von Friedhelm Denkeler,

»Ungleich Nacht – Fotografien der Gruppe 97« in der Galerie im Saalbau

"Strandbar unter Palmen bei Nacht", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
»Strandbar unter Palmen bei Nacht«, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

So stelle ich mir eine gute Gruppenausstellung vor: Sechs Fotografen zeigen ihre eigenständigen Portfolios mit einer gemeinsamen Blickrichtung, der Nacht. Und so passt der Titel Ungleich Nacht perfekt zu der sehenswerten Schau im Saalbau in der Neuköllner Karl-Marx-Straße.

Wenn dann die Bilder in den vier Räumen der Galerie auch vorzüglich gehängt und aufeinander abgestimmt sind, kann man nur noch die Empfehlung unbedingt ansehen aussprechen.

Auch von den Gästen der gutbesuchten Vernissage am letzten Freitag, auf der Barbara Maria Zollner die Arbeiten vorstellte, hörte ich nur Lobenswertes. Nun zu den Arbeiten:

Nachtleben, Ursula Kelm: Die Stunde zwischen Tag und Traum, Zeit des Übergangs, Dämmerung, l’heure bleue, die blaue Stunde ist ein romantisches Thema, das Ursula Kelm in ihrer aus Unikaten bestehenden Arbeit vorstellt. Neben SX-Polaroid-Fotos sind insbesondere die sogenannten Transferbilder zu erwähnen, auf denen Kelm die Polaroids vom Trägerbild gelöst und auf Seidenpapier aufgebracht hat. Diese Technik unterstreicht das Piktorialistische in ihren Fotografien und alltägliche Stadtansichten werden so zu traumhaften Inszenierungen.

Was ist, wenn ich’s nicht sehe, Susanne Czichowski: Die Mohnblüte und andere alltägliche Gewächse leuchten wie phosphoreszierend aus dem Dunkel, ätherische Erscheinungen vorm brandenburgischem Wochenendhaus der Künstlerin. Im Schein einer Taschenlampe aus der Hand fotografiert, enthüllen die Dinge – Gräser, der Fruchtstand einer Pflanze, Blätter im Wasser, eine Schnecke – ihre Beschaffenheit und ihr Eigenleben: Perlen von Saft, zarte Härchen auf sprödem Stiel, hauchfeine Panzerglieder – bizarr und kostbar.

Milonga veneziana, Frank-Rüdiger Berger: Mit Einbruch der Nacht treffen sich in Venedig auf der kleinen Piazza in San Polo die Bewohner, um Tango zu tanzen. Die Feuchtigkeit, die das Licht zerfließen lässt, verstärkt noch die eigenartige Wirkung von Frank-Rüdiger Bergers Tanzfotografien, die flüchtige Bewegungen in verwischten Figuren verewigt – Bewegungspuren aus Licht und Schatten in nächtlichem Laternenschein.

Zweierlei“, Barbara Oehler: Die Bilder der Serie Zweierlei sind Bilder von besonderer Nähe. Ihre Freundinnen, die Barbara Oehler hier fotografiert hat, tragen Masken – doch die Gesichtspflege-Masken überdecken nicht, sondern unterstreichen den persönlichen Ausdruck der Portraitierten, deren Blick zugleich in die Ferne wie nach innen gerichtet scheint, versonnen, wie unbeobachtet, aber bewusst – ein Paradox ebenso wie die Masken selbst.

Neonzone, Sylvia Forsten: Nächtliche Szenen, die Sylvia Forsten im Senegal und im Berliner Kiez mit dem vorhandenen Neonlicht aufgenommen hat „gleichen sich unterm Rotlicht, blauem Flimmern oder grünem Leuchten, bis mit Tagesanbruch der Glanz verblasst. Die Euphorie weicht der Tristesse, die Wirklichkeit wird fahl und grau. Manchmal kommt die Ernüchterung schon früher, in Kneipen vorm Morgengrauen trinken die Enttäuschten dagegen an“.

Eintrittskarten in die Nacht, Angela Kröll: Sammler heben gerne Eintrittskarten auf. Angela Kröll hat dies über 20 Jahre lang getan. Und wenn man dann auch noch gleichzeitig fotografiert und beides in Collagen in Originalgröße komponiert, entstehen neue Bilder. Jede dieser Eintrittskarten lohnt die genaue Betrachtung, denn sie erzählen eine kleine Geschichte, in die des Betrachters eigene Nachterlebnisse und -phantasien einfließen.

›Bei Nacht sind alle…‹ Bilder anders. Die Nacht zeigt nicht nur die andere Seite von Menschen, Landschaften und Gegenständen, sondern verstärkt sie – wo Licht ins Dunkel fällt – auch in ihrer Besonderheit. Dieser Nachtseite sind die sechs Berliner Fotografen der Gruppe 97, die seit 1997 existiert, in ganz unterschiedlicher Weise und mit verschiedenen fotografischen Techniken auf die Spur gegangen.

Alle Zitate sind von Barbara Maria Zollner, die mir dankenswerter Weise das Skript ihrer Eröffnungsrede zur Verfügung stellte. Schauen Sie sich selbst die vielfältigen Gesichter der Nacht noch bis zum 12. Februar 2012 in der Galerie im Saalbau in Neukölln an und gehen Sie am besten bei einbrechender Dunkelheit dorthin. Gruppe 97, Ursula Kelm, Barbara Maria Zollner

Gerhard Richter. Panorama

Von Friedhelm Denkeler,

Neue Nationalgalerie Berlin 12. Februar bis 13. Mai 2012

"Die kleine Riesin nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
»Die kleine Riesin nach Gerhard Richter«, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Am 9. Februar 2012 feiert Gerhard Richter seinen 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass richtet die Nationalgalerie gemeinsam mit der Tate Modern in London und dem Centre Pompidou in Paris eine umfassende Retrospektive seines Ãuvres aus.

Etwa 150 Gemälde aus allen Schaffensphasen des umfangreichen Werkes vermitteln in einer pointierten Auswahl, die in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstand, einen Einblick in das thematisch wie stilistisch facettenreiche Schaffen.

Kanonisch gewordene Bilder, wie das der die Treppe herabsteigenden Ema (1966) und der sich vom Betrachter abwendenden Betty (1988), werden mit selten oder noch nie gezeigten Arbeiten kombiniert – zentrale Beispiele einer Schaffensphase oder Werkgruppe werden mit Einzelgängern und Vorweggriffen auf Späteres in Bezug gesetzt.

In einer weitestgehend chronologisch strukturierten Ausstellungsdramaturgie wird das Zwiegespräch zwischen Abstraktion und Figuration als ein sich über alle Jahrzehnte fortsetzender Dialog deutlich werden, ein Dialog, der sich bereits im allerersten Gemälde aus Richters Werkkatalog, dem ebenfalls gezeigten Werk Tisch von 1962 ankündigt.

Die von Gerhard Richter vielseitig vorangetriebene Befragung des Mediums der Malerei führt – und auch dies will die Ausstellung zeigen – auf konsequente Weise zu ihrer Übertretung.

Das Bild als Fläche, als Fenster, als Durchblick und Blickfeld leiten hinüber zu Richters Auseinandersetzung mit Spiegeln und Glasscheiben, in der die Frage nach der Möglichkeit von Repräsentation kulminiert. An diesem Punkt entsteht eine Korrespondenz ganz eigener Art: Richters Glasscheiben und gläserne Stellwände, wie auch seine in täuschendem Illusionismus gemalten Wolken und Fensterbilder treten in einen beziehungsreichen und charmanten Dialog mit Mies van der Rohes auf Durchlässigkeit angelegten Architektur des Gebäudes der Neuen Nationalgalerie.

Eigens für die Berliner Ausstellung verwirklicht Gerhard Richter erstmals die Version I seiner abstrakten, aleatorischen Arbeit 4900 Farben, die, über 200 Meter hinweg, die gesamte Ausstellung umrahmen werden. [Quelle: Presseerklärung]. Siehe auch mein Post Ich kaufe keine Photos!  

Rolf Eden – Der ungekrönte Discokönig von West-Berlin

Von Friedhelm Denkeler,

»Leben mit Eden« – »Er brachte das Licht nach Berlin«

"Größe 38 am Kurfürstendamm (für Rolf Eden)", Foto © Friedhelm Denkeler 2009
»Größe 38 am Kurfürstendamm (für Rolf Eden)«, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Einer der ersten Clubs, den ich 1968, gerade in Berlin angekommen, besuchte, lag am Kurfürstendamm Nr. 202: das »Big Eden«. Der Ruf dieser legendären Diskothek begründete sich allein auf seinen Besitzer Rolf Eden, den einzigen Playboy Berlins, der Schöne, Reiche und Prominente in den großen Kellerraum lockte.

Mit der Wendezeit, neuen Musiktrends und der Verlagerung der Partyszene in den Ostteil der Stadt (Tresor, Bunker), begann der Niedergang des Clubs, den Rolf Eden 2002 endgültig verkaufte.

Das Big Eden war nicht sein einziges Etablissement. Es begann mit dem Old-Eden, dann folgten der New-Eden und zwei weitere Clubs, die heute alle nicht mehr existieren. Der ungekrönte Discokönig Berlins ist mit seinen 81 Jahren noch immer Playboy, mittlerweile verdient er aber sein Geld mit Mietshäusern.

Im aktuellen Dokumentarfilm von Peter Dörfler »The Big Eden« werden die Fotos seiner »Wall of F.« wieder lebendig. Dörfler lässt den 1930 in Berlin geborenen Eden sein Leben erzählen, das ihn 1933 nach Palästina und über Paris 1957 wieder nach Berlin führte. Seine Frauen und Gespielinnen, Kinder und Freunde treten gleichfalls vor die Kamera.

Insbesondere sind immer wieder Super-8-Aufnahmen, die Eden oder seine Begleiter auf den zahlreichen Reisen selbst gedreht haben, als Zeitdokument zu sehen. Ich wusste gar nicht, dass lange vor YouTube und Facebook Rolf Eden der Erfinder des Video-Tagebuchs war. Der Film zeigt einen freundlichen älteren Herrn, der seine Eitelkeit unumwunden zugibt, einen großzügigen Egomanen und lebenslang Pubertierenden. Irgendwie rührend. Ein Film zum Jahresanfang, jenseits aller Tristesse des Lebens, den man ungeachtet aller gesellschaftlichen Kritik, mit einem breiten Grinsen verfolgt.

Man hat niemals Zeit

Von Friedhelm Denkeler,

»Man hat niemals Zeit, es richtig zu machen, aber immer Zeit, es noch einmal zu machen«, Volksmund, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2003
»Man hat niemals Zeit, es richtig zu machen, aber immer Zeit, es noch einmal zu machen«, Volksmund, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2003

Forever In Blue Jeans!

Von Friedhelm Denkeler,

Geld gibt den Ton an, doch es singt und tanzt nicht

In diesem Jahr feierten sieben Rocklegenden ihren 70. Geburtstag: Bob Dylan, Neil Diamond, Art Garfunkel, Chubby Checker, David Crosby, Charlie Watts und Eric Burdon. Eric Burdon Am Anfang war es tierisch …, Bob Dylan Wie ein Rollender Stein, der kein Moos ansetzt …, Chubby Checker Vom Rock ‘n’ Roll zum Twist – Let’s twist again, David Crosby If I Could Only Remember My Name … David Crosby und Art Garfunkel Spion im Gabardine-Anzug und Kamera in der Fliege habe ich bereits vorgestellt. Heute soll es um Neil Diamond gehen.

Money talks / But it don’t sing and dance / And it don’t walk / And long as I can have you here with me / I’d much rather be / Forever in blue jeans

"Second Hand Model", Foto © Friedhelm Denkeler 2007
»Second Hand Model«, aus dem gleichnamigen POrtfolio und Künstlerbuch, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Seinen ersten selbst geschriebenen Songtext I’m a Believer von 1967, der zum Welterfolg wurde, ließ Neil Diamond von den Monkees interpretieren. Diese Single wurde auch ihre erfolgreichste und stand sechs Wochen auf Platz 1 in Deutschland. Diamonds erster persönlicher Nummer-1-Hit war 1970 Cracklin‘ Rosie, dann folgte ein Jahr später I Am… I Said und 1972 Song Sung Blue.

1976 erreichte sein Album Beautiful Noise (mit der ausgekoppelten gleichnamigen Single) auch in Deutschland die Spitze der Album-Charts.

Zum Film Die Möwe Jonathan (Jonathan Livingston Seagull) lieferte er 1973 die Filmmusik. Trotz der tollen Naturaufnahmen floppte der Film, aber die Filmmusik wurde weltberühmt. Er erhielt dafür 1974 den höchsten Musikpreis, den Grammy.

In alle Songs, die sich in meinem Rock-Archiv von Neil Diamond befinden, habe ich noch einmal hineingehört, aber Forever In Blue Jeans aus dem Jahr 1978 bleibt mein Lieblingssong, dicht gefolgt von I Am … I Said und Song Sung Blue, die alle eine melancholische Grundlage haben. Neil Diamond: »Forever In Blue Jeans«

In diesem Video aus dem Jahr 2010 ist Neil Diamond in der BBC-Musik-Sendung Later with Jools Holland mit Forever In Blue Jeans zu sehen. In der letzten Szene sieht man übrigens Paul McCartney, der neben Elvis Costello ebenfalls in der Sendung auftrat. Diese Kultsendung ist in Deutschland auf ZDF.Kultur zu sehen (z.B. 2. bis 6. Januar 2012, jeweils 18.50, in Berlin leider nicht über DVB-T und DVB-C, aber im Netz finden wir’s).

Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag wurde Diamond auch in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Für immer Blue Jeans! Mein heutiges Foto stammt aus dem 2007 entstandenen Portfolio Second Hand Model.